Es gibt Wörter, die zu Unrecht verstauben. „Sticheln“ ist so eines. Kaum jemand benutzt es noch, dabei beschreibt kein anderes Wort so genau, was in den sozialen Netzwerken Tag für Tag geschieht. Ich komme aus aktuellem Anlass darauf: Mein Morgen begann mit einer Stichelei. Ein Kommentar unter einem meiner Beiträge, frei Haus geliefert ins LinkedIn-Postfach.
Den Inhalt erspare ich Ihnen. Ich will dem Verfasser nicht auch noch die Bühne bauen, auf der er sich so gern moralisch aufplustert. Völlig risikofrei natürlich. Setzen Sie einfach den Kommentar ein, über den Sie sich zuletzt selbst geärgert haben. Er wird ziemlich genau so geklungen haben. Im Netz, im Büro, am Familientisch: Jeder hat seinen Stichler. Die meisten mehrere.
Warum ausgerechnet dieses altmodische Wort? Weil die modernen nicht passen. „Trolling“ meint den Krawall um des Krawalls willen. „Hate Speech“ ist ein Kampfbegriff, mit dem man andere mundtot macht, und bezeichnenderweise einer, den gerade Stichler besonders gern im Munde führen. Der Stichler will keinen Krawall. Er will treffen, ohne getroffen zu werden. In der Sache darf er mit dem Holzhammer kommen, mit Pauschalurteilen und Keulen. Aber er serviert das Ganze als Randbemerkung, im Vorbeigehen, mit hochgezogener Augenbraue. Wer sich wehrt, gilt als dünnhäutig. Und er selbst zieht sich auf die älteste Ausrede der Welt zurück: „War doch nicht so gemeint.“

Der Stichler alter Schule saß am Stammtisch, im Büroflur, bei der Familienfeier. Er stach Auge in Auge, und deshalb musste er dosieren. Wer zu oft stichelte, bekam irgendwann eine Antwort, die sich gewaschen hatte, oder wurde nicht mehr eingeladen. Das Gegenüber war die Bremse.
Im Netz ist die Bremse ausgebaut. Der digitale Stichler sticht, schließt die App und ist weg. Er muss keine Antwort abwarten und keinem Blick standhalten. Aus dem Gelegenheitsstichler von einst wird ein Akkordarbeiter.
Man könnte meinen, er brauche dafür die Maske der Anonymität. Weit gefehlt. Mein Stichler von heute Morgen trat mit Klarnamen auf, mit Foto, Arbeitgeber und Jobtitel. Genau das ist das Entlarvende. Er braucht keine Maske, weil er nichts riskiert. Er sticht mit Visitenkarte, denn in seinem Milieu ist die Stichelei kein Risiko, sondern eine Referenz.
Die Zoologie kennt übrigens einen nahen Verwandten: den Stichling. Ein kleiner Fisch mit Stacheln auf dem Rücken, dessen Männchen ihr Revier mit grotesker Wut verteidigen. Der Verhaltensforscher Niko Tinbergen fand heraus, dass sie dabei gar nicht auf den Rivalen reagieren, sondern auf ein bloßes Signal: den roten Bauch. Ein rot bemalter Wachsklumpen genügte, und der Stichling griff an. Seine Fische, so die berühmte Anekdote, gingen sogar auf die roten Postautos los, die am Laborfenster vorbeifuhren. Der Gesinnungs-Stichler funktioniert genauso. Er prüft kein Argument. Er reagiert auf ein Farbsignal. Ein Name, ein Medium, ein Reizwort, und der Stachel geht hoch.

Man trifft ihn überall, im Netz wie beim Sonntagskaffee. Es ist der Statist, der dem Hauptdarsteller ein Bein stellt, um einmal mit ins Bild zu kommen. Wer selbst nichts vorzuweisen hat, was andere interessiert, nimmt die Abkürzung über den Stich gegen den, der im Licht steht. Für ein paar Sekunden fällt ein Abglanz auf ihn. Es ist die Rache des Dauerstatisten am Hauptdarsteller.
Eine besonders drollige Unterart gedeiht auf LinkedIn: der Sachbearbeiter als Volkstribun. Da wird der mittlere Einkaufsleiter zwischen zwei Powerpoint-Folien und der Controlling-Schalte zum Widerstandskämpfer. Im Profil steht dann „Chief Bullshit Detection Officer“ (auf gut Deutsch: Oberster Unfug-Detektor) oder „Keinen Zentimeter nach rechts“. Wie mutig! Widerstand gegen ein Regime, das seit 81 Jahren Geschichte ist. Geleistet aus dem klimatisierten Großraumbüro, mit Rückendeckung von Vorstand, Personalabteilung, Bundesregierung und sämtlichen öffentlich-rechtlichen Sendern.
Widerstand richtet sich gegen die Mächtigen. Wer im Gleichschritt mit Regierung, Konzernspitze und Leitmedien marschiert, leistet keinen Widerstand. Er macht Dienst nach Vorschrift. Und hält das für Zivilcourage.
Dieser Gratismut kostet nichts und gefährdet keine Karriere. Im Gegenteil, er düngt sie. Früher half das Parteibuch beim Aufstieg im Volkseigenen Betrieb, heute hilft das richtige Bekenntnis im Profil beim Aufstieg im Konzern. Das Prinzip ist dasselbe: Wer Linientreue zeigt, wird befördert. Gern prangt darüber noch ein Epiktet-Zitat im Banner: „Nicht die Dinge beunruhigen die Menschen, sondern ihre Meinungen über die Dinge.“ Darunter folgt dann der Beweis, wie sehr ihn die Meinung eines anderen beunruhigt
Sein Zwillingsbruder ist der Feierabend-Inquisitor. Er sticht nicht aus Karrierekalkül, sondern für das warme Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Was die Kirche ihm nicht mehr bietet, liefert die Gesinnung: eine Welt in Schwarz und Weiß, einen schlanken Katechismus, Ketzer zum Anprangern. Sein Kommentar ist sein Ablassbrief. Ein Stich gegen den Abweichler, und die Seele ist wieder rein. Bei Tetzel kostete das wenigstens noch Geld.
Ist „Stichler“ zu harmlos für all das? Im Gegenteil: Das Wort ist genau richtig, weil es die Größenverhältnisse wahrt. Der Stichler hätte gern, dass man ihn als Bedrohung ernst nimmt, als Gegner auf Augenhöhe, als Widerstandskämpfer eben. Diesen Gefallen sollte man ihm nicht tun. Er sieht überall Nazis und merkt nicht, wessen Handwerk er dabei betreibt: Gesinnung prüfen, Abweichler markieren, Andersdenkende aussortieren. Er jagt die Gespenster von 1933 mit den Werkzeugen von 1933. Den Nazi sucht er überall, nur nicht im Spiegel. Vielleicht, weil er ahnt, was ihn dort erwarten würde. Dann sticht er lieber umso eifriger nach draußen. Er selbst hält sich für einen Riesen. Für alle anderen ist er ein Gartenzwerg unter Tausenden, Massenware aus dem „Haltung“-Baumarkt, mit erhobenem Plastikfinger Wache stehend im eigenen Gesinnungsvorgarten.
Was also tun mit einem Stichler? Nicht zurückstechen, das ist sein Spiel. Man macht es wie der Insektensammler: Man nimmt die Nadel, spießt das Exemplar sauber auf, beschriftet es und stellt den Kasten ins Regal.
Dieser Text ist so ein Kasten.
Mein Stichler von heute Morgen hat einiges im Rücken: einen Arbeitgeber, eine Personalabteilung, die ihm applaudiert, und einen Zeitgeist, der ihm nie widerspricht. Ich habe etwas anderes im Rücken. Sie. Keinen Verlag, keine Partei, keine Stiftung, keinen Milliardär, kein Staatsgeld. Nur Leser, die wollen, dass es diese Seite gibt. Das ist unbequemer, aber es macht frei. Gratis ist es trotzdem nicht: Technik, Recherche, die Abwehr von Abmahnungen und Löschattacken. All das tragen Sie, niemand sonst.
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