Ricarda Lang und Stalins Sekretär Waldi Hartmann, Elif Eralp und die Kunst des Gedankenlesens

Was haben Ricarda Lang und der Sekretär von Josef Stalin gemeinsam? Beide wissen ganz genau, was jemand gemeint hat, der es gar nicht gesagt hat.

Den Witz habe ich schon einmal erzählt, als die Bundesregierung in genau diese Falle getappt ist. Marschall Schukow schimpft über einen „Arsch mit Schnurrbart“. Der Sekretär rennt zu Stalin und denunziert ihn. Schukow wird vorgeladen und fragt den Sekretär unschuldig: „Ich meinte Hitler. Wen haben Sie denn gemeint, Genosse?“

Jetzt hat Waldemar Hartmann auf X geschrieben, er habe „einfach ein Problem damit“, dass eine Regierende Bürgermeisterin von Berlin Elif Eralp heißt. Davor ging es ihm um die Berliner Linke, um kriminelle Clans und islamistische Terrororganisationen. Doch das interessiert niemanden mehr. Der Name reicht. „Ohne Wenn und Aber blanker Rassismus“, urteilt die CDU-Staatsministerin Serap Güler. Ihr Parteifreund Dennis Radtke stimmt ein, Janine Wissler von der Linken auch, und Ricarda Lang weiß sofort Bescheid: You’re not supposed to say the quiet part out loud. Man solle das Leise nicht laut sagen.

Nur: Was ist denn das Leise? Hartmann hat einen Namen genannt, sonst nichts. Den Rest hat Lang ergänzt, in ihrem eigenen Kopf. Wer in einem Namen sofort die Herkunft hört und in der Kritik an diesem Namen sofort Rassismus, verrät nicht Hartmanns Gesinnung, sondern seine eigene. Wen haben Sie denn gemeint, Genossin Lang?

Der Merz-Test

Machen wir die Probe. „Ich habe ein Problem damit, dass der Bundeskanzler Friedrich Merz heißt.“ Legitime Kritik. Allenfalls ein müdes Schulterzucken. „Ich habe ein Problem damit, dass die Regierende Bürgermeisterin Elif Eralp heißt.“ Blanker Rassismus, bundesweite Empörung, Solidaritätsadressen im Minutentakt.

Derselbe Satz. Ein anderer Name. Ein ganz anderes Urteil. Wenn sich am Satz nichts ändert, wohl aber am Verdikt, dann steckt der Rassismus nicht im Satz. Sondern im Kopf des Richters.

Ja, man kann Hartmann unterstellen, dass er auf die türkische Herkunft von Eralp abzielte. Ja, das mag sogar naheliegen. Aber „naheliegen“ ist kein Beweis. Früher galt in diesem Land einmal, dass derjenige, der einen schweren Vorwurf erhebt, ihn auch belegen muss. Heute muss der Beschuldigte beweisen, dass er nicht gedacht hat, was andere ihm zu denken unterstellen. Das ist keine Debattenkultur. Das ist Gesinnungsjustiz. Und die Richter sitzen auf X.

Hartmann selbst sagt der „Bild“, er habe nur die Berliner Linke kritisieren wollen, deren Politik er für „aberwitzig“ hält. Ich war kein Rassist, ich bin keiner und ich werde auch keiner werden, so der 78-Jährige.

Und selbst wenn?

Gehen wir noch einen Schritt weiter. Nehmen wir an, Hartmann hätte tatsächlich die Herkunft gemeint. Ist es dann Rassismus, wenn ein Wähler sich jemanden an der Spitze wünscht, der „von hier“ ist? Man kann das töricht finden. Man kann es kritisieren. Aber Rassismus, also die Lehre von höher- und minderwertigen Menschen, ist etwas anderes. Das Wort hat sein Gewicht von Rassengesetzen und Lagern. Wer es für jeden Vorbehalt gegen Herkunft verwendet, borgt sich dieses Gewicht, um eine Meinung zu vernichten.

Zumal die Empörung erstaunlich wählerisch ist. In Israel wählen arabische Bürger meist arabische Parteien, jüdische meist jüdische, und niemand nennt das Rassismus. In Schleswig-Holstein ist die Partei der dänischen Minderheit sogar von der Fünf-Prozent-Hürde befreit. In den USA gilt es als Fortschritt, wenn schwarze Wähler schwarze Kandidaten wählen. Und Eralps Sieg wurde gefeiert, gerade weil sie die Tochter türkischer Einwanderer ist. Der Wunsch nach „einem von uns“ ist Repräsentation, wenn eine Minderheit ihn äußert. Und Rassismus, wenn die Mehrheit es tut.

Dahinter steckt kein Versehen, sondern ein Dogma: Rassismus sei Vorurteil plus Macht, und Macht habe nur die Mehrheit. Also kann nur sie rassistisch sein. Dasselbe Verhalten ist dann bei den einen Repräsentation und bei den anderen Rassismus. Beurteilt wird nicht mehr, was jemand tut, sondern wer es tut. Genau das wäre eigentlich die Definition von Rassismus.

Vier Tweets sind ,die Politik‘

Ein Blick in die Nachrichten am Montagmittag: Deutschlandfunk, Welt, T-Online, Freie Presse, alle haben Waldi. „Politik attackiert Ex-Sportreporter“, titelt der gebührenfinanzierte Deutschlandfunk. Das klingt nach Bundestagsdebatte und geschlossener Front. Tatsächlich besteht „die Politik“ aus gerade einmal vier Personen – einer Staatsministerin, einem CDU-Arbeitnehmerfunktionär, einer früheren Linken-Chefin und einer grünen Ex-Vorsitzenden. Jede hat auf X ein paar Zeilen geschrieben. Vier Wortmeldungen in einem sozialen Netzwerk, und der Deutschlandfunk macht daraus „die Politik“. Die Freie Presse wiederum weiß zu berichten, dass Hartmann inzwischen in Dresden lebt. Warum der Leser das wissen muss, verrät sie nicht. Vielleicht für den Fall, dass jemand vorbeischauen will.

Wer die Texte nebeneinanderlegt, merkt schnell, dass sie sich bis in die Reihenfolge der Zitate gleichen. Gleiche Zitate, gleiche Dramaturgie, gleiche Empörung. Journalismus im Copy-and-paste-Verfahren. Ob eine Nachrichtenagentur die Sau durchs digitale Dorf getrieben hat oder alle voneinander abschreiben, ist am Ende egal. Das Ergebnis ist dasselbe.

Geschickte Themenverschiebung

Halten wir kurz inne. Ein 78-jähriger Ex-Sportmoderator setzt einen Tweet ab, bei dem einige den Verdacht haben, er sei rassistisch gemeint. Ist das ein Thema von nationaler Bedeutung? In einem Land, aus dem die Industrie abwandert und dessen Hauptstadt gerade eine Linken-Politikerin an die Spitze wählt, deren Wahlparty ein Clan-Chef besucht?

So entsteht eine Scheinrealität. Berichtet wird nicht über ein Ereignis, sondern über die Empörung darüber. Ein Politiker twittert, eine Redaktion macht daraus „heftige Kritik“, die nächste schreibt von der ersten ab, der nächste Politiker reagiert auf den Artikel. Ein Perpetuum mobile der Aufregung, das ohne jede neue Tatsache auskommt. Am Ende hat der Leser den Eindruck, Deutschlands größtes Problem heiße Waldemar Hartmann.

Dabei ist das Muster schnell erklärt. Ein paar Tweets einzusammeln ist billiger als Recherche. Die Empörung liefert der Redaktion die moralische Selbstvergewisserung gleich mit. Und Hartmann ist der ideale Gegner: alt, weiß, Mann, laut, mit Vergangenheit bei der ARD und Gegenwart bei „Nius“. Wer gegen ihn schreibt, steht automatisch auf der „richtigen“ Seite. Wer dagegen über Remmo auf der Wahlparty schreibt, muss sich fragen lassen, auf wessen Seite er steht.

Wer das Etikett vergibt, beherrscht die Debatte

Denn die Scheinrealität hat eine Funktion. Die Aufregung ist kein Ausrutscher, sie ist das Instrument. Wer festlegt, was als Rassismus gilt, braucht keine Argumente mehr. Er braucht nur das Etikett. Ist es einmal aufgeklebt, ist der Gegner erledigt und das Thema gleich mit.

Denn worüber reden wir seit Tagen? Über einen Namenssatz eines 78-jährigen Ex-ARD-Sportmoderators. Worüber reden wir kaum noch? Darüber, dass Eralp bis 2025 Mitglied der vom Verfassungsschutz als linksextremistisch eingestuften Roten Hilfe war. Darüber, dass Clan-Chef Issa Remmo auf ihrer Wahlparty war, ebenso wie Ibrahim Ibrahim, den Medien als Terror-Unterstützer bezeichnen. Darüber, dass sie laut einem versehentlich verschickten internen Vermerk aus Sorge um ihre Familie eine Frage zu Ibrahim aus ihrem „Spiegel“-Interview streichen lassen wollte. Die Frau, die Regierende Bürgermeisterin der Hauptstadt werden will, hat Angst vor Teilen ihrer eigenen Anhängerschaft. Sie soll künftig für die Sicherheit von 3,9 Millionen Berlinern zuständig sein. Das ist der Skandal. Aber man redet und schreibt lieber über Waldi.

Verkehrte Welt

Bemerkenswert ist, wer bei der Empörung in der ersten Reihe steht. Nicht nur Linke und Grüne. Selbst die einst bürgerliche „Welt“ stellt den Rassismus-Vorwurf in die Schlagzeile, Remmo und Ibrahim dagegen ganz nach unten in den Text. Und, fast hätte ich „natürlich“ davor geschrieben, CDU-Politiker. Ausgerechnet die Partei, die in Berlin gerade abgewählt wurde, liefert der künftigen linken Regierungschefin den Schutzschild. Man könne Eralp ja „heftig kritisieren“, versichert Güler. Nur eben nicht so. Und morgen nicht so. Und übermorgen auch nicht so. Die Union kämpft nicht gegen die Linke. Sie kämpft um deren Applaus.

Das ist die bittere Lehre aus der Affäre Hartmann. Diskurshoheit gewinnt man nicht durch bessere Argumente, sondern dadurch, dass man festlegt, worüber geredet wird. Und worüber nicht. Die Empörung über einen Namen ist der Lärm, der die Fragen nach Remmo, Ibrahim und der Roten Hilfe übertönen soll. Und die Lautsprecher stehen in den Redaktionen.

Schukow hat übrigens überlebt. Gerettet hat ihn eine einzige Frage: „Wen haben Sie gemeint, Genosse?“ Sie dreht den Spieß um. Plötzlich muss sich nicht mehr der Beschuldigte erklären, sondern der Ankläger. Heute gilt diese Frage wieder als Ketzerei. Gerade deshalb muss man sie stellen, immer wieder und laut. Wen haben Sie gemeint, Genossin Lang? Wen haben Sie gemeint, Genossin Güler?

Hier steht der Clan-Chef nicht im vorletzten Absatz. Das geht nur, weil niemand mitredet: kein Verlag, kein Staatsgeld, keine Partei. Nur Sie. Wenn Sie wollen, dass solche Fragen weiter gestellt werden: Empfänger Boris Reitschuster, IBAN DE30 6805 1207 0000 3701 71, Verwendungszweck „Unterstützung“. Ein herzliches Dankeschön! Jeder Beitrag ist eine wichtige Motivation. Besonders helfen Daueraufträge.

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Bild: Symbolbild/KI/Grok/Gemini

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