Haben Sie schon einmal versucht, Zwickgras – auch als Quecke, Kriechgras, Krinne und Zain bekannt – aus dem Garten zu entfernen? Dann wissen Sie, wovon ich rede. Sie ziehen an einem Halm, und unter der Erde hängt ein Geflecht, das kein Ende nimmt. Kein Stamm, keine Hauptwurzel, kein Anfang, keine Mitte. Reißen Sie ein Stück heraus, wächst es an anderer Stelle weiter. Jeder Gärtner verflucht dieses Kraut. Ein französischer Philosoph dagegen hat es zum Vorbild für unsere ganze Gesellschaft erklärt. Und wenn Sie sich fragen, warum heute plötzlich alles „fluid“, also flüssig sein soll – das Geschlecht, die Familie, die Herkunft –, dann sind Sie bei ihm genau richtig.
Er ist der dritte im Bunde der Pariser Philosophen, die der französische Unternehmer Brivael Le Pogam als geistige Väter der Wokeness ausgemacht hat. Nach Michel Foucault und Jacques Derrida heute: Gilles Deleuze (1925–1995). Erinnern Sie sich an die „Spiegel“-Geschichte vom Anfang dieser Serie? Katharina und Moritz, die sich kaum kannten, aber beide ein Kind wollten, und als „platonische“ Eltern zusammenfanden? Wer verstehen will, warum so etwas heute als Fortschritt gefeiert wird, kommt an Deleuze nicht vorbei.
Und keine Sorge, es bleibt nicht bei Unkraut und Theorie. Deleuze hat 1990 eine Prophezeiung aufgeschrieben, die sich heute fast wörtlich erfüllt. Nur ganz anders, als er es sich gedacht hätte. Dazu später mehr.
Das Alltagsbild
Denken Sie an einen Baum. Eine Wurzel, ein Stamm, Äste, die sich verzweigen. Alles hat einen Ursprung und eine Ordnung, man kann genau sagen, was wohin gehört. So stellen wir uns seit Jahrhunderten vieles vor: den Stammbaum der Familie, die Herkunft eines Menschen, den Aufbau eines Staates, sogar das Wissen in einem Lexikon.
Und jetzt denken Sie an das Zwickgras. Ein Geflecht ohne Zentrum, das sich in alle Richtungen ausbreitet, ohne Anfang und Ende. Deleuze nannte das ein „Rhizom“. Und er fand das Rhizom besser. Viel besser. Der Baum stand für ihn für alles, was er verachtete: Hierarchie, Herkunft, feste Ordnung. Das Rhizom für alles, was er ersehnte: Netzwerk, Verbindung, ständige Veränderung.
Die Grundidee
Deleuze, der viele seiner Bücher zusammen mit dem Psychiater Félix Guattari schrieb, misstraute allem Festen. Festen Identitäten, festen Strukturen, festen Ordnungen. Das Werden war ihm wichtiger als das Sein. Ein Mensch ist in diesem Denken nicht etwas, er wird ständig etwas anderes. Sein Ideal war der Nomade, der umherzieht, ungebunden, ohne Wurzeln. Der Sesshafte mit Haus, Heimat und Familie war ihm eher verdächtig.
In ihrem Buch „Anti-Ödipus“ von 1972 nahmen sich Deleuze und Guattari die Familie vor. Ihre These: Vater, Mutter, Kind – das sei kein natürlicher Rahmen, sondern eine Art Käfig, in den die Gesellschaft das Begehren der Menschen einsperre, damit sie brav funktionieren. Das Begehren müsse befreit werden, nicht geordnet.
Ich halte das, mit Verlaub, für eine gefährliche Gedankenspielerei. Natürlich gibt es Familien, die Gefängnisse sind. Aber die Familie ist nicht deshalb seit Jahrtausenden die Keimzelle jeder Gesellschaft, weil irgendjemand sie erfunden hat, um Menschen zu unterdrücken. Sondern weil Kinder Halt brauchen, Verlässlichkeit, Menschen, die bleiben. Ein Rhizom mag im Garten unverwüstlich sein. Ein Kind braucht einen Baum.
Und wer glaubt, das sei alles nur Theorie, dem empfehle ich einen Blick in die Geschichte. Nach der Russischen Revolution von 1917 wollten die Bolschewiki die „bürgerliche Familie“ abschaffen. Scheidung per Postkarte, freie Liebe, Kindererziehung durch den Staat. Das Ergebnis waren zerrüttete Ehen und Millionen verwahrloster Kinder. Ausgerechnet Stalin ruderte in den Dreißigerjahren zurück und erklärte die Familie wieder zum Fundament des Staates. Wenn selbst Stalin einen Versuch zu radikal findet, sollte man vielleicht stutzig werden.
Was daraus wurde
Wenn Identität nichts Festes ist, sondern ein ständiger Fluss, dann kann jeder alles werden. Auch ein anderes Geschlecht. Und morgen vielleicht wieder das alte. Daher das Lieblingswort unserer Zeit: „fluid“. Geschlechterfluid, beziehungsfluid, identitätsfluid. Was früher als Orientierungslosigkeit galt, ist heute ein Lob.
In Deutschland ist diese Idee inzwischen Gesetz. Nach dem Selbstbestimmungsgesetz kann jeder per bloßer Erklärung beim Standesamt sein Geschlecht ändern lassen. Ohne Gutachten, ohne Arzt, ohne Prüfung. Und nach einem Jahr darf er es wieder ändern. Deleuze hätte vermutlich gesagt: Das Werden hat endlich einen Stempel bekommen.
Und die Familie? Wenn sie ein Käfig ist, dann ist jede andere Lebensform mindestens gleichwertig, eher sogar fortschrittlicher. Die platonischen Eltern aus dem „Spiegel“ sind in dieser Logik keine Notlösung, sondern ein Befreiungsakt. Die klassische Familie dagegen heißt im Jargon inzwischen „Kernfamilie“ oder gleich „heteronormativ“, und das ist kein Kompliment. Wer sie verteidigt, gilt schnell als rückständig.
Auch das Ideal des Nomaden ist angekommen. Wer Wurzeln hat, Heimat, eine Herkunft, auf die er stolz ist, macht sich verdächtig. Wer sich als „Weltbürger“ ohne Bindung versteht, gilt als modern. Dass die meisten Menschen auf dieser Welt genau das Gegenteil wollen, nämlich ein Zuhause, spielt in diesem Denken keine Rolle.
Die Ironie der Geschichte
Und jetzt zu der versprochenen Prophezeiung. 1990 schrieb Deleuze einen kurzen Text mit dem Titel „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“. Seine These: Die alte Überwachung in Gefängnis, Schule und Fabrik werde abgelöst von einer neuen, viel subtileren. Einer Kontrolle, die keine Mauern mehr braucht, sondern über Daten, Codes und Zugangsberechtigungen funktioniert, ständig, überall, ohne Pause. Man wird nicht mehr eingesperrt. Man wird einfach ausgesperrt.
Das war 1990, lange vor Smartphone und sozialen Netzwerken. Heute erleben wir genau das: Konten, die gekündigt werden, weil die Gesinnung nicht passt. Accounts, die gesperrt werden. Meldestellen für Äußerungen „unterhalb der Strafbarkeitsgrenze“. Meist kommt dabei niemand mit Handschellen, auch wenn es inzwischen auch solche Fälle gibt. Die Regel ist subtiler: Man verliert den Zugang – zur Bank, zur Plattform, zum Publikum. Deleuze hat das vorausgesehen wie kaum ein anderer. Und wo stehen seine Erben heute? Nicht bei denen, die ausgesperrt werden. Sondern bei denen, die aussperren.
Die zweite Ironie ist fast noch bitterer. Deleuze schrieb 1962 ein vielbeachtetes Buch über Nietzsche. Und darin geht er hart ins Gericht mit dem, was Nietzsche „Ressentiment“ nannte: einer Moral des Grolls, die aus der eigenen Kränkung eine Tugend macht und aus dem Opferstatus einen Anspruch auf Macht über andere. Für Deleuze war das ein abschreckendes Beispiel, eine Krankheit des Denkens, die alles Lebendige vergiftet. Wenn man das heute liest, glaubt man, eine Beschreibung der Wokeness vor sich zu haben. Ausgerechnet der Mann, der den Opferkult als Gift durchschaut und verworfen hatte, wird heute als einer seiner Schutzheiligen verehrt.
Und die dritte: Deleuze hasste den „Baum“, die starre Hierarchie, die Bürokratie mit ihren Ämtern und Zuständigkeiten. Was haben seine Erben gebaut? Diversitätsbeauftragte, Gleichstellungsbüros, Antidiskriminierungsstellen, Schulungsprogramme, Leitfäden. Einen gewaltigen bürokratischen Baum, mit Stamm, Ästen und Dienstweg. Das Rhizom ist verbeamtet worden.
Die dunkle Seite der Befreiung
Bleibt ein Kapitel, das bei Deleuze besonders schwer wiegt. Wer das „Begehren“ von jeder Ordnung befreien will, muss sich irgendwann die Frage stellen, wo diese Befreiung endet. Deleuze hat sie auf seine Weise beantwortet. Im Januar 1977 unterschrieb er einen offenen Brief in der Zeitung „Le Monde“, verfasst von dem Schriftsteller Gabriel Matzneff. Der Brief verteidigte drei Männer, die wegen sexueller Handlungen mit Kindern unter 15 Jahren in Untersuchungshaft saßen, und argumentierte, die Kinder hätten ja zugestimmt. Mit unterschrieben haben unter anderem Sartre und Simone de Beauvoir. Foucault und Derrida setzten ihre Namen nicht darunter, wohl aber, wie im zweiten Teil beschrieben, im Mai unter eine weitere Petition zum Schutzalter. Deleuze unterschrieb beide.
Matzneff selbst machte aus seinen Beziehungen zu Minderjährigen jahrzehntelang Literatur und wurde dafür in Paris gefeiert. Erst 2020 brach eines seiner Opfer, die Verlegerin Vanessa Springora, mit ihrem Buch „Die Einwilligung“ das Schweigen. Da war Deleuze längst tot. Aber sein Name steht unter diesem Brief. Und er steht dort nicht zufällig, sondern als letzte Konsequenz eines Denkens, das jede Grenze für einen Käfig hielt. Auch die, die Kinder schützt.
Was bleibt
Wenn Sie also das nächste Mal den Eindruck haben, dass heute nichts mehr feststehen darf – nicht das Geschlecht, nicht die Familie, nicht die Heimat –, und dass man Sie schief ansieht, wenn Sie an all dem festhalten: Dann wissen Sie jetzt, woher dieser Wind weht. Von einem Pariser Philosophen, der die Quecke liebte und den Baum verachtete.
Und wie schon bei Foucault und Derrida muss man sagen: Den Wahnsinn, der heute in seinem Namen veranstaltet wird, hat Deleuze so nicht gewollt. Er wäre vermutlich der Erste gewesen, der sich über die Diversitätsbürokratie lustig gemacht hätte. Aber er hat das Saatgut geliefert. Und Quecke, das weiß jeder Gärtner, wird man nur schwer wieder los.
Deleuze in drei Sätzen
1. Deleuze liebte das Fließende und verachtete das Feste: Identität, Familie und Heimat waren für ihn Käfige, aus denen man sich befreien muss.
2. Daraus wurde das Lieblingswort unserer Zeit, „fluid“ – bis hin zum Gesetz, nach dem jeder sein Geschlecht per Erklärung beim Standesamt ändern kann.
3. Die Ironie: Deleuze sah die digitale Kontrollgesellschaft voraus und verachtete den Opferkult. Seine Erben betreiben heute beides.
Im letzten Teil folgt in Kürze: Die Frankfurter – und warum wir Deutschen beim Gift nicht nur mitgerührt, sondern es veredelt haben.
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Die Serie „Väter der Wokeness“ – bitte teilen Sie sie auch mit Gleichgesinnten, die sich ebenso die Augen reiben, wenn sie morgens die Nachrichten lesen und hier vielleicht ein paar Antworten finden:
- Der Auftakt: Ein Franzose entschuldigt sich – für die Väter der Wokeness
- Teil 1 – Michel Foucault: Woher der „alte weiße Mann“ wirklich kommt
- Teil 2 – Jacques Derrida: Sie haben es nicht so gemeint? Pech gehabt
- Politische Korrektheit: Auch Jim Knopf wird jetzt kastriert
- Gender-Gaga bei WISO und Tagesschau
- Geschlechtsneutrale Erziehung: Mann oder Frau – nur ein soziales Konstrukt?
Bild: IMAGO / opale.photo
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