Diesen Artikel muss ich mit einem Geständnis beginnen, auch wenn es peinlich ist und schwer fällt. Meine erste Reaktion, als ich die Nachricht, um die es hier geht, gelesen habe, war Schadenfreude. Weil Boris Palmer einer der lautesten Hetzer gegen Ungeimpfte war und ich seine Rolle in der Corona-Zeit für gruselig fand – auch weil er mich damals persönlich attackierte. Aber ich finde, man sollte sich nicht von Schadenfreude treiben lassen, und deshalb versuche ich, mit gutem Beispiel voranzugehen.
Und was Boris Palmer aktuell widerfährt, würde mich sprachlos machen, wenn es nicht leider, leider so üblich wäre in unserer Zeit. „Wegen Vorwürfen sexualisierter Belästigung lässt Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer sein Amt als Bürokratie-Berater der baden-württembergischen Landesregierung ruhen“, schreibt der „Focus“. Ganz freiwillig, wie es zunächst klang. Dazu gleich mehr. Auch ein Auftritt wurde prompt gestrichen: Am Donnerstag sollte Palmer im Sudhaus Tübingen als Stand-up-Comedian auf der Bühne stehen. „Angesichts der aktuellen Ereignisse können wir die Veranstaltung nicht stattfinden lassen“, teilte eine Sprecherin mit. Ereignisse? Was es bisher gibt, sind Vorwürfe.
Unschuldsvermutung? Die gilt in Deutschland, und in der angelsächsischen Welt sowieso, schon lange nicht mehr, wenn es um weiße Männer geht. Erst recht nicht, wenn sie nicht mehr ganz jung sind. Da wird nicht erst geprüft und dann geurteilt. Da wird sofort gebrandmarkt. Das Urteil steht, bevor irgendjemand irgendetwas weiß.
Was man weiß – und was nicht
Ich stand nicht am Schlüsselloch. Ich weiß nicht, was zwischen den beiden passiert ist. Und, das ist der springende Punkt: Die Kollegen, die jetzt so eifrig berichten, wissen es auch nicht. Was ich allerdings weiß: Manches macht stutzig. Die Vorwürfe tauchten zuerst auf Instagram auf, auf einem Account, der einer ehemaligen Tübinger Gemeinderätin zugeschrieben wird. Parallel kursierten Nachrichten der Frau in Chatgruppen der Berliner Politikszene, dann hatte es die „Bild“ exklusiv. Die Frau gibt an, mit Palmer einen erotischen Chat geführt zu haben, und wirft ihm vor, sie bedrängt zu haben. Begonnen haben soll alles im Juni 2024, bei einem Gemeinderatsausflug nach Ulm.
Ein Chat also. Wer in der Öffentlichkeit steht, kennt solche Situationen. Auch ich bekomme gelegentlich Nachrichten, die über normale Leserpost hinausgehen. Nicht anzüglich, aber unmissverständlich einladend. Das ist menschlich und nichts Schlimmes. Entscheidend ist, wie man damit umgeht.
Bei Palmer und der Gemeinderätin blieb es, folgt man ihrer Darstellung, nicht bei einer Nachricht. Klug ist das für einen Oberbürgermeister nicht unbedingt, wer sich auf so etwas einlässt, macht sich schnell angreifbar. Und genau da beginnt die Grauzone. Was zwischen zwei Erwachsenen im Moment gewollt war, kann im Rückblick plötzlich wie Druck aussehen, erst recht, wenn eine Beziehung zerbrochen ist. Ich behaupte nicht, dass es hier so ist. Ich sage nur: Bei intimen Beziehungen ist diese Grauzone riesig. Jörg Kachelmann kann ein Lied davon singen. Er saß monatelang in Untersuchungshaft, wurde in den Medien öffentlich hingerichtet und am Ende freigesprochen. Den Freispruch hat kaum jemand so groß gedruckt wie zuvor die Vorwürfe.
Palmer selbst hat die Anschuldigungen umgehend und unmissverständlich zurückgewiesen. Er nennt sie haltlos, kündigt an, sich zu wehren, und lässt rechtliche Schritte prüfen. Mit der Staatsanwaltschaft will er, so sagt er, vollumfänglich zusammenarbeiten.
Das Hütchenspiel mit der Anzeige
Unsere Medien schlachten das Ganze aus, und man hat nicht den Eindruck, dass es ihnen schwerfällt. Erst liefen die Vorwürfe rauf und runter. Jetzt rollt die nächste Welle: Es gibt eine Anzeige, die Staatsanwaltschaft prüft. Klingt dramatisch. Nur lohnt sich ein Blick darauf, wer da angezeigt hat. Die Frau selbst war es nämlich nicht. Sie hat laut Staatsanwaltschaft bislang keine Anzeige erstattet. Das tat eine „unbeteiligte Person“. Ein Dritter also, der mit der Sache nichts zu tun hat.
Wie das funktioniert, habe ich schon einmal als journalistisches Hütchenspiel beschrieben. Es gehört zum kleinen Einmaleins jeder Journalistenausbildung, mir wurde es damals regelrecht eingebläut: Jeder kann gegen jeden Anzeige erstatten. Ein Anruf genügt, oder ein Formular bei der Online-Wache. Dann steckt man es einem Journalisten. Oder man ist selbst einer. Der ruft fünf Minuten später bei der Pressestelle an und fragt, ob gegen X eine Anzeige vorliegt. Die Behörde muss das bestätigen, prüfen muss sie von Amts wegen ohnehin. Schon steht die Schlagzeile: „Staatsanwaltschaft prüft Vorwürfe gegen …“ Eine Nachricht, die man sich selbst bestellt hat. Wer so etwas groß aufmacht, manipuliert. So habe ich es gelernt.
Wer im Fall Palmer angezeigt hat, weiß ich nicht. Aber das Muster ist bekannt, und es ist der absolute Hammer: Aus einer Anzeige, die jeder Wildfremde stellen kann, wird eine Meldung, die klingt wie ein halber Schuldspruch. Dabei ist so eine Prüfung Routine. Keine Erkenntnis, kein Beweis und erst recht kein Urteil. Die Staatsanwaltschaft betont selbst ausdrücklich, dass die Unschuldsvermutung gilt. Ein Satz, den man in den Schlagzeilen eher klein gedruckt findet. Wer aus so einer Anzeige eine neue Runde Empörung macht, dreht den Mann ein zweites Mal durch den Fleischwolf, ohne dass sich an der Faktenlage auch nur ein Komma geändert hätte.
Erst so, dann so – und keiner merkt es
Und dann ist da noch Cem Özdemir. In Palmers eigener Erklärung klang es nach freiem Entschluss: Er habe gegenüber dem Ministerpräsidenten erklärt, dass er sein Ehrenamt ruhen lasse, bis die Vorwürfe aufgeklärt seien. Souverän, selbstbestimmt, staatstragend. Inzwischen heißt es aus dem Staatsministerium: Özdemir habe Palmer gebeten, das Amt ruhen zu lassen. Also genau umgekehrt. Wer auch nur kurz nachgedacht hat, konnte sich das von Anfang an denken. Ein grüner Ministerpräsident geht auf Abstand, bevor es brenzlig wird, und sein Freund wahrt die Form. Für wie blöd halten die uns eigentlich?
Noch bemerkenswerter ist, was die Kollegen daraus machen: nichts. Erst wurde die eine Version abgeschrieben, dann die andere. Das „Handelsblatt“ etwa bringt beide im selben Text, ohne ein Wort über den Widerspruch zu verlieren. Nachfrage? Fehlanzeige. Dieselben Redaktionen, die die Anzeige eines Wildfremden zur Schlagzeile machen, finden es nicht der Rede wert, wenn die Regierungszentrale und der Betroffene zwei verschiedene Geschichten erzählen.
40 Seiten über Abgründe
Zurück zu den Vorwürfen selbst. Die Frau hat ihre Sicht auf mehr als 40 Seiten niedergeschrieben, unter dem Titel „Meine Erfahrungen mit Boris Palmer“. Sie wirft ihm sexuellen Druck vor, dazu emotionalen Missbrauch. Im selben Papier schildert sie mit einer Offenheit, die einen beim Lesen erschrecken lässt, ihre eigenen schweren psychischen Probleme: Traumata aus der Kindheit, Selbstverletzungen, Suizidversuche.
Darüber erhebe ich mich nicht. Das ist menschliches Leid, und es verdient Respekt. Aber genau deshalb müsste jeder, der das liest, eigentlich innehalten. Hier geht es um zwei Menschen und um eine private, offensichtlich hochkomplizierte Verstrickung, in die von außen niemand wirklich hineinschauen kann. Das wäre ein Fall für Zurückhaltung. Stattdessen ist es ein Fall für die Schlagzeile. Privates Leid, offene politische Rechnungen und die Lust des Publikums am Skandal: Aus genau dieser Mischung entstehen Vorverurteilungen. „Im Zweifel für den Angeklagten“ ist dann nur noch ein Satz für die Sonntagsrede.
Die Ironie der Geschichte
Und hier kommt der Teil, bei dem mir meine Schadenfreude vom Anfang doch wieder dazwischenfunkt. Palmer hat jahrzehntelang Karriere in der Partei gemacht, die den Zeitgeist geprägt hat wie keine andere und die den öffentlichen Pranger salonfähig gemacht hat. Wer nicht ins Weltbild passte, wurde nicht widerlegt, sondern erledigt. Palmer war oft genug selbst Zielscheibe dieser Methoden, seine eigenen Parteifreunde wollten ihn sogar loswerden. Aber er hat eben auch kräftig mitgemacht. In der Corona-Zeit gehörte er zu denen, die am lautesten nach Ausgrenzung riefen.
Zur Wahrheit gehört allerdings auch das andere Gesicht: Palmer ist kein Mitläufer. Bei der Migration spricht er Klartext, wo andere in seiner früheren Partei lieber betreten zu Boden schauen. Und er hat sich sogar getraut, das Wort „Neger“ noch in den Mund zu nehmen – in einem Land, in dem schon ein einziges Wort zur gesellschaftlichen Hinrichtung reicht. Bezahlt hat er dafür mit dem Austritt aus den Grünen. Ein Mann mit vielen Fehlern, aber eben auch mit Mut.
Und da drängt sich eine Frage auf: Würde die Empörung so laut ausfallen, wenn er stramm woke wäre und kein Ketzer? Wenn er brav die Parolen seiner früheren Partei nachbeten würde, statt unbequeme Wahrheiten auszusprechen? Die Antwort überlasse ich Ihnen. Ich ahne sie. Gewiss, auch Linientreue trifft es mal, siehe Stefan Gelbhaar. Aber den erledigte seine Partei still und leise, die ganz große Medienwalze blieb ihm erspart. Umso bitterer, dass Palmer jetzt genau die Maschinerie trifft, an der er selbst mitgebaut hat. Das hat etwas von griechischer Tragödie. Oder von Tragikomödie, je nachdem, wie gnädig man gestimmt ist.
Für diesen Text bekomme ich von keiner Seite Applaus. Palmers Anhänger lesen mich nicht, und wer Palmer nicht mag, hätte vielleicht lieber eine Abrechnung gelesen. Solche Texte gibt es nur, weil mir niemand hineinredet: kein Verlag, kein Staatsgeld, keine Partei, keine Stiftung, kein steinreicher Sponsor. Ich habe nur Sie, meine Leser. Kein Bäcker backt umsonst, und auch unabhängiger Journalismus hat seinen Preis: Technik, Recherche, die Abwehr juristischer Angriffe. Wenn Sie das möglich machen wollen, freue ich mich über Ihre Unterstützung per Überweisung: Empfänger Boris Reitschuster, IBAN DE30 6805 1207 0000 3701 71, Verwendungszweck „Unterstützung“. Herzlichen Dank!
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Bild: Symbolbild/KI/Gemini
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