Ärmel hoch! – Aber wie hoch ist die Impfbereitschaft tatsächlich? Die Medien-Legende von der Impf-Euphorie

Ein Gastbeitrag von Gregor Amelung*

Am 30. März hatte die Ständige Impfkommission (STIKO) den Impfstoff von Astrazeneca nur noch für Personen ab 60 freigegeben. Damit waren ganz automatisch unzählige Dosen frei geworden. In Nordrhein-Westfalen konnten „sich Menschen ab 60 Jahren über die Ostertage mit dem Vakzin von Astrazeneca gegen das Coronavirus impfen lassen“, so n-tv am Ostersonntag. Unter dem Untertitel „Ansturm auf Impftermine in Essen“ berichtete Reporter Uli Klose live aus einem Impfzentrum:

„Man muss sagen, es waren gestern über 20 Millionen Aufrufe – das ist kein Sprechfehler – 20 Millionen Aufrufe auf den Seiten, wo man die Buchung [für einen Impftermin] vornehmen kann. Und dann sind die Server teilweise zusammengebrochen.“

60 plus räumt Astrazeneca-Angebot ab

Am Ostermontag berichtete das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND): „Astrazeneca-Impfung ohne Termin in Wismar: Hunderte Menschen lassen sich impfen“. „Nach Angaben der ‚Ostsee-Zeitung‘ (OZ) war die Warteschlange gleich morgens um 8 Uhr hunderte Meter lang, einige Menschen standen schon zwei Stunden vor der Öffnung vor der Tür.“

Von „langen Schlangen“, diesmal in einem Impfzentrum in Dortmund, hörte man auch im Morgenradio von WDR 5. Es sei ein „Riesenansturm“, so zitierte die Kölner Rundschau einen Schlangesteher vor Ort. Zusammenfassend titelte die überregionale „Zeit“: „’60 plus‘ räumt Astrazeneca-Angebot ab: Impftermine vergeben“.

„Am Samstag hatte mit der Freischaltung der Termine ein riesiger Ansturm auf die Buchungssysteme eingesetzt“, so die „Zeit“ weiter. Am Karsamstag und am Ostersonntag seien landesweit fast 370.000 Termine vergeben worden. „Viele Menschen hatten kein Glück, kamen im Internet oder am Telefon nicht durch und bekamen keinen Termin.“

Gut 400 Meter lange Schlange im Augsburger Land

Allein die Suchbegriffe „Impfzentrum“ und „Ansturm“ förderten deutschlandweit gleichlautende Berichte zu Tage. Von „Merkur“ im Süden über die „Ostsee-Zeitung“ im Norden bis hin zu „RP-online“ im Westen. Genauso große Trefferlisten erzielte man mit den Suchbegriffen „Impfzentrum“ und „Schlange“.

„Die Schlange der Wartenden … etwa 150 Meter lang“ (Aachener Nachrichten), „250 Meter lange Schlange“ (bild.de), „mehrere hundert Meter lange“ Schlange (ndr.de), „viele hundert Meter lange“ Schlange (ruhrnachrichten.de), eine „gut 400 Meter“ lange Schlange (staz.de).

Da musste man als Leser schon mitdenken, damit einem auffiel, dass bei den geltenden Abstandsregeln nicht gerade viele Personen notwendig sind, um eine 100 Meter lange Schlange zu bilden. Jenseits dessen erinnerte der alles überlagernde, positiv-lockere Tonfall der Berichterstattung irgendwie an Reportagen zum Sommerschlussverkauf. Auch wenn die Menschen nicht durch Kauflust und Schnäppchenjagd in die Impfzentren getrieben wurden, sondern durch Sorgen, Unsicherheit und Angst. Und die reale Stimmungslage sieht in der Bundesrepublik ohnehin anders aus, als die österliche Zeitungslektüre vermuten ließ. Vor allem, wenn man zu den repräsentativen Umfragen, die immer öfter durch die Fragestellung vorher und die Präsentation nachher eingefärbt sind, Meldungen aus der lokalen Presse hinzunimmt, ergibt sich ein anderes Bild.

07.01. Beim Pflegepersonal ist die Impfbereitschaft laut dem Präsidenten des Bundesverbandes der privaten Anbieter sozialer Dienste (bpa) Bernd Meurer sehr unterschiedlich: „Wir haben Einrichtungen, wo sich fast 100 Prozent der Mitarbeiter impfen lassen.“ In anderen Einrichtungen wollen „sich zwei Drittel nicht impfen lassen“.

11.01. „Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat sich dafür ausgesprochen, eine Impfpflicht für Pflegekräfte zu prüfen. Leider gebe es ‚unter Pflegekräften in Alten- und Pflegeheimen eine zu hohe Impfverweigerung‘, sagte Söder der Süddeutschen Zeitung.“

Impfbereitschaft zwischen 54 und 67 Prozent

20.01. Eine Studie der Universität Erfurt gemeinsam mit dem RKI kommt zu dem Ergebnis, dass sich 71 bis 89 Prozent der Ärzte, Pharmazeuten und Physiotherapeuten impfen lassen wollen. Demgegenüber ist die Impfbereitschaft im Bereich des Pflegepersonals und bei Hebammen deutlich niedriger ausgeprägt. Sie liegt nur zwischen 23 und 36 Prozent.

21.01. Das ZDF zitiert eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov. Demnach wollen sich 67 Prozent der Deutschen impfen lassen. Nur 20 Prozent lehnen eine Impfung ab.

26.01. Der Deutschlandtrend der ARD meldet nach Daten von Infratest dimap: 54 Prozent der Deutschen wollen sich auf jeden Fall impfen lassen. 12 Prozent auf keinen Fall.

05.02. Das Statistikportal statista.com gibt an, dass sich 59 Prozent auf jeden Fall impfen lassen wollen, 17 Prozent wahrscheinlich, 9 Prozent wahrscheinlich nicht und 12 Prozent lehnen eine Impfung kategorisch ab.

14.02. Laut der deutschen Ärzte Zeitung stehen „fast vier von zehn Bundesbürgern“ den Corona-Impfungen „skeptisch“ gegenüber. Also knapp 40 Prozent.

Olpe: Andrang ist 'überschaubar'

17.02. Im nordrhein-westfälischen Olpe vermeldet man eine „deutliche Zurückhaltung“ bei Impfungen mit dem Vakzin von Astrazeneca. Insgesamt standen dem Kreis 961 Dosen zur Verfügung. Die Anmeldezahlen der „Priorisierungsstufe 1“ (Personal in Pflege- und medizinischen Einrichtungen usw.) sind mit rund 450 bisher allerdings „überschaubar“, so der Leiter des Corona-Krisenstabes im Kreis.

23.02. Die Polizisten in der Hauptstadt „haben Angst vor Astrazeneca-Impfung“, so die „Berliner Zeitung“. Die Ankündigung des Senats, die Ordnungshüter bei den Impfungen vorzuziehen, wird nicht überall in der Behörde positiv aufgenommen. „Nach Informationen der Berliner Zeitung haben sich Polizisten in internen Chats über ihre Bedenken zu dem Vorhaben der Politik ausgetauscht. Dabei geht es auch um Nebenwirkungen wie Schüttelfrost oder Ermüdung …“

'Mehr Astrazeneca-Verweigerer als angenommen'

»Aachen: Doch mehr Astrazeneca-Verweigerer als angenommen«, titelte der WDR. Nur 1.500 von 4.000 Impfterminen wären genutzt worden. »Nicht nur Einzelpersonen, sondern gleich einige Pflegedienste hätten komplett die Impfung mit AstraZeneca abgelehnt …«

24.02. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung will »jeder dritte Bundesbürger« keine Corona-Impfung. »Besonders kritisch äußern sich erfolgsorientierte Menschen.« »So wollen sich in der Gruppe der eher Leistungsorientierten, denen Selbstverwirklichung und beruflicher Erfolg wichtig sind, laut Studie 44 Prozent auf keinen Fall impfen lassen.«

25.02. Im Landkreis München waren vergangene Woche »Reihen-Impfungen mit medizinischem Personal [mit Astrazeneca] geplant», so der Merkur. »Rund 600 Menschen sollten gepiekst werden, sagt Arzt Friedrich Kiener, Leiter des Impfzentrums [Unterschleißheim]. ›20 bis 25 Prozent haben wieder abgesagt.‹«

Sigmaringen: Lehrer und Erzieher reagieren skeptisch

28.02. Die Schwäbische Zeitung beobachtet im Landkreis Sigmaringen: »Lehrer und Erzieher reagieren skeptisch« auf die Corona-Impfungen.

12.03. Die Halterner Zeitung schreibt: »Viele Dortmunder Erzieherinnen und Erzieher verweigern die Corona-Impfung. Immerhin: Am Impfwochenende war die Zahl der Impfverweigerer dann relativ niedrig. ›Insgesamt wurden 3422 Personen geimpft‹, sagte Stadtsprecherin Katrin Pinetzki auf Anfrage.«

20.03. Das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) berichtet: »72 Prozent der Deutschen wollen sich gegen Corona impfen lassen.« In der Gruppe über 60 sei die Impfbereitschaft mit 78 Prozent am höchsten und bei den 30- bis 39-Jährigen mit 62 Prozent am niedrigsten.

21.03. Von insgesamt 600 Ärzten und Praxispersonal aus der Stadt und Region Hannover, die zu einer Impfung eingeladen worden waren, erschienen nur rund 200. Zwei Drittel blieben der Aktion fern.

Berlin: 64 Prozent krempeln die Ärmel nicht hoch

23.03. Seit Dezember 2020 hat das Land Berlin eine Million Impfcodes an seine Bürger verschickt. Mit den Codes war eine Berechtigung zur Impfung verbunden. Bis zum 23. März hatten allerdings nur 362.711 Berechtigte, also 36 Prozent, davon Gebrauch gemacht. 64 Prozent hatten es vorgezogen, die Ärmel nicht hochzukrempeln.

06.04. Schon vor der flächendeckenden Impfkampagne bei den Hausärzten lief im Land Berlin ein Pilotprojekt, an dem 200 Arztpraxen beteiligt waren. Effektiv gespritzt haben sie von 42.000 Dosen, die ihnen zugeteilt worden waren, bisher nur 3.600 oder 8,5 Prozent.

Nimmt man die letzte Erhebung des COSMO-Snapshot der Uni Erfurt vom 23. März zum Maßstab, dann stehen 73,6 Prozent der Befragten einer Impfung offen oder positiv gegenüber. 26,4 Prozent sehen sie skeptisch oder negativ. 16,2 Prozent lehnen sie eindeutig ab und 46,3 Prozent wollen sie auf jeden Fall. Zusätzlich muss man zu diesen Zahlen allerdings anmerken, dass in der Erhebung bereits geimpfte Personen nicht berücksichtigt worden sind, weshalb die reale Impfbereitschaft laut COSMO etwas höher liegen dürfte als oben angegeben.

34 Prozent lehnen eine Impfpflicht ab

Überraschend ist die hohe Zahl derer, die eine Impfpflicht ablehnen. Ihr Anteil liegt mit 34 Prozent deutlich höher als die Zahl derer, die einer Impfung skeptisch bis negativ gegenüberstehen. So befürworten nur 21,8 Prozent der Befragten eine Impfpflicht. Ein Wert, der nur wenig zu dem passen will, wie offen in den Leitmedien das Thema einer verpflichtenden Impfung direkt diskutiert wird. Oder indirekt, indem man von sogenannten „Impfverweigerern“ oder „Impfmuffeln“ schreibt und spricht.

Am Rand des COSMO-Snapshot fällt dann noch auf, dass die Impfbereitschaft bei Männern höher ist als bei Frauen. Genaue Zahlen gibt die Erhebung der Uni Erfurt leider nicht an.

Behilft man sich mit den Zahlen, die das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) am 20. März veröffentlicht hatte, umfasst der Unterschied zwischen den Geschlechtern fast 10 Prozentpunkte. Ein Detail, das der Politik nicht schmecken dürfte, da Frauen ein stärker ausgeprägtes Gesundheitsbewusstsein als Männer haben und sich ihre ablehnende Haltung in der Rolle als Mutter auch auf die minderjährigen Kinder auswirken wird, für die ja bereits ein „Impfangebot“ im Hause von Jens Spahn in Planung ist.

Von einer Impf-Euphorie mit Schlangestehen kann also nicht die Rede sein. Dass sich daran etwas in naher Zukunft ändert, weil die Bundesregierung nun Uschi Glas, Günther Jauch und Sepp Maier die Ärmel hochkrempeln lässt, ist fraglich, denn die Impfzurückhaltung der Deutschen ist seit Anfang des Jahres recht stabil.

Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Und ich bin der Ansicht, dass gerade Beiträge von streitbaren Autoren für die Diskussion und die Demokratie besonders wertvoll sind. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen, und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.
 

*) Der Autor ist in der Medienbranche tätig und schreibt hier unter Pseudonym.

Bild: anitage
Text: Gast

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