Wie die Medien die „Anti-Greta“ diffamieren Nicht-linke Youtuberin Naomi Seibt unter schwerem Beschuss

Ein Gastbeitrag von Prof. Felix Dirsch

Der verengte Meinungskorridor ist der größte Gegner der offenen Gesellschaft. An markanten Beispielen wird diese Tatsache immer wieder neu bewusst.

Kennen Sie Naomi Seibt? Der Verfasser dieser Zeilen kannte die 20 Jahre alte Youtuberin, Bloggerin und nonkonformistischen Aktivistin bis vor Kurzem nicht. Zufällig schlug er unlängst eine Ausgabe des Magazins „Der Spiegel“ auf. Das Relotius-Blatt (38/2020) demonstrierte in einem tendenziösen Artikel mehr oder weniger unfreiwillig, was dem interessierten Beobachter des Zeitgeschehens ohnehin klar ist: Der politisch-korrekte Meinungskorridor ist ungemein eng, scheint sich sogar noch weiter zu verengen. Die notorischen Meinungsmacher grenzen jeden aus, der sich auch nur wenig vom Hauptstrom der medial erlaubten Sichtweisen entfernt. Er (oder sie) gilt dann wahlweise als rechtsradikal und rechtsextremistisch, in einer harmloseren Variante als verschwörungstheoretisch oder neurechts. Diese Einordnung durch den so genannten Mainstream ist nicht neu, aber besonders grotesk, wenn Menschen so schubladisiert werden, die keine wichtige Position innehaben oder größeren Einfluss ausüben als auf bestimmten Netzseiten gegenwärtig zu sein. Man schlägt auf sie ein, was andere abschrecken soll, sich vergleichbare Ansichten zu eigen zu machen.

Solche Signale wirken nicht selten. Die Problematik über die Bildung der öffentlichen Meinung ist mittlerweile gut untersucht. Eine klassische Schrift der letzten Jahrzehnte, verfasst von einer überzeugten Konservativen, ist Elisabeth Noelle-Neumanns „Schweigespirale“. Die weltberühmte Demoskopie-Kennerin belegt hauptsächlich am Beispiel der Bundestagswahlen von 1965 und 1972 – die Thematik ist aber zeitlos – eine Binsenweisheit über das Phänomen von Meinungsbildung und -manipulation: Wer sich als Minderheit fühlt, möchte häufig die Seiten wechseln, um nicht sozial isoliert zu sein. Menschen besitzen eine soziale Haut. Man überlegt eher, das Wort zu ergreifen, wenn man sich zur Mehrheit gehörig weiß (auch wenn es faktisch gar nicht der Fall ist), als wenn man vermutet, leicht als Mitglied einer Minorität ausgegrenzt zu werden.

Man braucht, um in der bösen Ecke zu landen, keineswegs obskuren Reichsbürgergliederungen anzugehören oder einen Vortrag in dem durch den Namen Götz Kubitschek angeblich kontaminierten Ort Schnellroda (Sachsen-Anhalt) gehört zu haben. Es ist auch keineswegs zwingend, Kontakt zur NPD oder ihren Untervereinigungen zu haben. Es reicht, zu einem „Klimaleugner-Verband“ zu gehen, der im November 2019 in München seinen Jahreskongress abhielt, und dort ein Grußwort zu sprechen. Das hat die oben erwähnte Überfliegerin und hyperintelligente Einser-Abiturientin (mit 16 Jahren!), die bereits die erste Klasse übersprungen hat, getan, was manche der rund 200 Teilnehmer verwundert haben dürfte; denn das Europäische Institut für Klima und Energie (EIKE) ist dafür bekannt, dass die meisten Mitglieder die Schwelle des Rentner- und Pensionisten-Daseins bereits überschritten haben.

Twitter-Account von Naomi Seibt

Der Grund für die spezifische Altersstruktur dieser klimaskeptischen Einrichtung geht über Phänomene der „Schweigespirale“ hinaus. Wer in den vielfältigen Bereichen, die mit der Klima-Problematik direkt wie indirekt zusammenhängen, Karriere machen will, dem ist kaum zu raten, sich den EIKE-Fachkundigen anzuschließen. Er riskiert, ausgegrenzt zu werden. Es bedarf einer großen Portion Mutes und Unbefangenheit, ein paar belanglose Sätze zur Tagungseröffnung zu sprechen. 

Selbst eine harmlose Veranstaltung wie die vom November 2019, die mehr mit Wissenschaft als mit Politik zu tun hat, muss sich von einem angeblich renommierten Umweltinstitution und deren vermeintlichen Experten vorwerfen lassen, „unseren demokratischen Grundsätzen“ entgegenzustehen. Da hat sie zugeschlagen, die gefürchtete Keule: EIKE-Mitglieder sind demnach klare Verfassungsfeinde. Sie betrachten die These vom primär menschengemachten Klimawandel skeptisch. Die Gegenargumente zum Hauptstrom sind komplex. Eines von ihnen lautet, dass der Einfluss des Sonnenzyklus und anderer natürlicher Erscheinungen stärker gewichtet werden müsse. Einer der Überväter von EIKE, der deutsch-amerikanische Gelehrte Siegfried F. Singer, kürzlich im 96. Lebensjahr verstorben, brachte das erkenntnisleitende Interesse der Institution im Titel einer Publikation auf den Punkt: „Die Natur, nicht menschliche Aktivität, bestimmt das Klima“. Viele Publikationen haben sich diesen Standpunkt zu eigen gemacht. So kommt Mitte September eine Darstellung von zwei in der Szene nicht unbekannten Autoren auf den Markt: „Unerwünschte Wahrheiten: Was Sie über den Klimawandel wissen sollten“, verfasst vom ehemaligen RWE-Manager und Honorarprofessor Fritz Vahrenholt und vom Geologen Sebastian Lüning. Beide publizierten vor Jahren eine wichtige Arbeit mit dem Titel „Die kalte Sonne“, die die Erderwärmung keineswegs leugnet, nur deren Ursachen hauptsächlich natürlichen Zyklen zuschreibt.

Seibt hat sich einer solchen kritischen Perspektive angeschlossen; aber nicht von Anfang an, erst nach längerer Beschäftigung mit der Thematik. Sie wechselte nach reiflichen Überlegungen den Standpunkt. Prompt stilisierte das Hamburger Magazin sie zur „Anti-Greta“. Während hinter der schwedischen Schulverweigerin und Panikprophetin aber neben ihrer Familie mächtige Medien und Nichtregierungsorganisation stehen, wird Seibt nur von ihrer Mutter, einer gebildeten, AfD-nahen Juristin, und einigen Followern gefördert. Doch das junge „Postergirl“ (O-Ton „Spiegel“) jenseits politisch-korrekter Ansichten löckt mit diversen Meinungen wider den Stachel des Zeitgeistes. Feminismus, Abtreibung und die herrschende Migrationspolitik lehnt sie ab. Etlicher Hass ist ihr schon entgegengeschlagen. Ein Online-Magazin des „Spiegel“-Verlages trieb es mit den Verleumdungen am weitesten. Seibt mutierte flugs zu „Beates Schwester“. Gemeint ist damit niemand Geringerer als die zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilte NSU-Täterin Beate Zschäpe.

Wie wenig sinnvoll es ist, die bildungshungrige junge Frau in die gefürchtete rechte Ecke zu bugsieren, zeigt ein Blick in ihr Bücherregal. Ihr Lektüreinteresse wurde ebenfalls durch den tendenziösen „Spiegel“-Artikel bekannt. Sie liest gern einen Theoretiker des libertär-marktradikalen Denkens, Friedrich von Hayek. Der Wiener Ökonom (1899-1992) gilt manchen als Verfechter eines Marktradikalismus. Der Ökonom verfasste das 1944 im Original erschienene Werk „Der Weg zur Knechtschaft“, längst ein Klassiker, der in den 1970er Jahren Margaret Thatcher beeinflusst hat. Hayek vertritt die These, dass jede Staatstätigkeit, die über das notwendige Minimum hinausgeht, notwendig zum Totalitarismus linker wie rechter Couleur führt.

Weiter findet sich mit Oliver Janich ein prominenter lebender Autor im Bücherregal, der libertäres Gedankengut vertritt. Wegen einiger verschrobener Vorstellung wird er gern als „Verschwörungstheoretiker“ stigmatisiert, obwohl seine Studie über die „Vereinigten Staaten von Europa“ lediglich ein unstrittiges Fernziel mächtiger Eliten präsentiert.

Ein oberflächlicher Blick ins Bücherregal einer intellektuell Frühreifen belegt keineswegs Ausflüge ins rechtsradikale Milieu, das üblicherweise ganz anderen Lesestoff bevorzugt, etwa Landser-Hefte, „Mein Kampf“ und Periodika wie die „Deutsche Stimme“ und die Nationalzeitung. Einen Autor wie Hayek sucht man dort vergeblich.

Dass Seibt die AfD unterstützt, bringt sie erst recht ins Fadenkreuz der global vernetzten Linksmedien. Ihre Verbindungen werden medial hinterfragt. Selbst die Washington Post thematisierte die Kontakte der unlängst gerade 20 Jahre alt gewordenen Aktivistin zum Heartland-Institut, einer US-Denkfabrik mit konservativ-libertärer Ausrichtung. Auch mit der Schweizer Weltwoche führte sie bereits Interviews. Die Bekanntheitskurve verläuft steil nach oben. Weiter ist von einem Youtube-Video die Rede, das sie gemeinsam mit Martin Sellner zeigt, dem Haupt der österreichischen Identitären. Der überall propagierten Toleranz dürfte es geschuldet sein, dass dieses Video gelöscht wurde – und es bleibt wohl nicht das einzige mit diesem Schicksal.

Überblickt man Seibts Ansichten einigermaßen sachlich, so ist man über ihre ausgewogene Sicht und die für ihr Alter reifen Urteile erstaunt. Während der illegalen Einwanderungswelle 2015/16 suchte sie immer wieder das Gespräch mit den Lehrern jenes katholischen Gymnasiums, das sie damals besuchte. Es gab kein Interesse an Diskussionen über die so folgenreichen Entscheidungen. Nur wenigen in ihrem Alter dürfte damals aufgefallen sein, dass die Regierenden Recht und Gesetz in einer Weise missachtet haben, die für bundesrepublikanische Verhältnisse beispiellos gewesen sein dürfte. Die gesinnungsethische Willkommensbesoffenheit der meisten aus ihrer Alterskohorte lehnt sie ab.

Seibt ist nicht die einzige junge Frau, deren nonkonformistische Haltung einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde. Auch die einige Jahre ältere Bloggerin Lisa Licentia, so das Pseudonym, erregte als angebliche Sympathisantin der Identitären Bewegung Aufsehen, von der sie sich anscheinend mittlerweile distanziert hat. In diversen Medien fanden heftige Kontroversen über sie statt. Zuletzt inkriminierte man die Kabarettistin Lisa Eckhart als Rassistin. Ihre Ausladung vom Hamburger Literaturfestival Harbour Front im August führte immerhin zu einer großen Resonanz, die der zur Unperson Stigmatisierten zuteil wurde.

Welche Auswirkungen die Kampagnen auf Seibt haben werden, darüber lässt sich nur spekulieren. Dass sie in die USA auswandern will, dürfte jeder nachvollziehen können. Ob die Situation, vielleicht sogar nach einem Wahlsieg Bidens, dort grundlegend anders sein wird, darf indessen bezweifelt werden. Auf jeden Fall verdient ihre Courage großes Lob.


Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen, und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.


Professor Dr. Felix Dirsch lehrt Politische Theorie und Philosophie. Er ist Autor diverser Publikationen, u.a. von “Nation, Europa, Christenheit” und “Rechtes Christentum“. Dirsch kritisiert unter anderem den Einfluss der 68er-Generation und der „politischen Korrektheit“.

2012 erschien sein Buch “Authentischer Konservatismus. Studien zu einer klassischen Strömung des politischen Denkens”.

 

Bild: Screenshot YouTube/privat
Text: gast

Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, besagt ein chinesisches Sprichwort. In Deutschland 2021 braucht man dafür eher einen guten Anwalt.

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