Brennende Flüchtlingslager: Lässt sich Europa erpressen? Im "journalistischen Exil" im österreichischen TV

Was für ein Kontrast. Bei Anne Will in der ARD waren am 13. September von sechs Teilnehmern in der Runde – die Moderatorin eingeschlossen – gefühlt alle im Großen einer Meinung, was die Migrationspolitik angeht. Meinungsunterschiede gab es im Wesentlichen in Details. Einen Teilnehmer, der eine grundlegend andere Meinung hat, ließ die ARD-Chef-Talkerin einfach nicht in die Sendung. Man könnte hier böse von journalistischer Inzucht sprechen, oder Informations-Wrestling: Der Show-Kampfsportart, bei der vorher schon das Resultat feststeht.

Ganz anders beim österreichischen Fernsehsender Servus TV. In der Nacht auf Freitag war ich dort in Salzburg beim „Talk im Hangar 7“ zu Gast. Und der Unterschied könnte größer kaum sein zu den deutschen Kollegen. Das ging schon in der Vorbesprechung los. Ich war auch in den großen deutschen Talkshows zu Gast  – von „Anne Will“ über „Hart aber fair“ bis hin zu Lanz und der „Phoenix-Runde“. Schon im Vorgespräch wird die „Haltung“ des „Kandidaten“ geprüft. Erst danach fällt die Entscheidung, ob man eingeladen wird oder nicht. Je nachdem, ob das Gesagte passt. Bei den Österreichern war das umgekehrt: Zuerst kam die Einladung – und dann wurde gefragt, was man sagen möchte. Nicht zum Aussieben – sondern zur Vorbereitung auf die Sendung. So soll es sein.

Auch die Titel bei Will und Servus TV zeigen die unterschiedliche Herangehensweise. „Europas gescheiterte Migrationspolitik – welche Rolle soll Deutschland übernehmen?“, so die wachsweiche Frage in der ARD. Bei Servus TV dagegen knallhart: „Brennende Flüchtlingslager: Lässt sich Europa erpressen?“

Statt trauter Eintracht dann wirklich verschiedene Stimmen mit ganz unterschiedlicher Meinung vor dem Bildschirm. Ein konträrer, knallharter Austausch. In meinem Fall mit Florian Klenk, einem linken österreichischen Juristen und Publizisten, ein ganz klarer Antipode. Entsprechend fetzten wir uns dann auch vor laufender Kamera. Ohne dass Moderator Michael Fleischhacker auch nur ansatzweise versuchte, diesen Streit manipulativ oder einseitig zu beeinflussen. Er blieb sachlich und fair, wurde nie Partei. Diskussionskultur, wie sie aussehen sollte, und wie sie in den deutschen Talkshows leider ausgedient hat. Als ich beklagte, dass in Deutschland so viele Themen Tabu sind, konterte Klenk, das stimme nicht. Darauf ich: „Das, was ich hier sage, könnte ich in keiner deutschen Talkshow sagen, ich wurde früher beim Thema Russland eingeladen, heute nicht mehr, weil man solche kritischen Töne nicht hören will, das geht nur im österreichischen Fernsehen, ich bin hier quasi im journalistischen Exil bei Servus TV.“

Ein bewegender Aspekt am Rande: Andrea Wegener, Flüchtlingskoordinatorin auf Lesbos, die ebenfalls in der Sendung war, dachte vorher ebenso wie ich, dass wir aneinander geraten werden. Das gestanden wir beim anschließenden Umtrunk. Dabei war dann genau das Gegenteil der Fall. Wir waren beide offenbar überrascht, dass das jeweilige Gegenüber kein Ideologe ist, sondern nachdenkenswert argumentiert. Wegener erzähle hoch interessante Dinge aus dem abgebrannten Lager Moria, in dem sie lange arbeitete: Zuerst sagte sie, dass dort gut 4000 Kinder seien. Auf Nachfrage stellte sich heraus, dass dies nur nach Zählweise der UN zutrifft – bei der jeder unter 18 Kind ist. Wie viele Kinder im Sinne des deutschen Sprachgebrauchs es seien, wollte ich wissen. Und war überrascht: Immerhin rund 3000. Deutlich mehr, als ich dachte. Wegener berichtete auch von Gewaltbereitschaft in den Lagern. Allein seit November 2019 sind demnach neun Menschen durch Messerstechereien ums Leben gekommen. Darüber wird kaum berichtet. Alles in allem ein sehr interessanter Abend. Ansehen können Sie sich die Sendung hier:


Bild: Screenshot Servus TV
Text: br

 

Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, besagt ein chinesisches Sprichwort. In Deutschland 2021 braucht man dafür eher einen guten Anwalt.

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