Das Exempel Reichelt: Kampf gegen Andersdenkende "Wer so ketzerisch denkt und veröffentlicht, muss der Feme verfallen"

Von Vera Lengsfeld

Heute Morgen um 8.10 Uhr wurde mir bei MDR-Kultur in aller Deutlichkeit vor Augen geführt, worum es im Fall Julian Reichelt, dem geschassten „Bild“-Chef, eigentlich geht: Das Problem sind nicht die angeblichen Sex-, Drogen- und Kasernenhofton-Geschichten, für die es wenig Beweise, aber um so mehr Geraune gibt. Es geht um die Unterdrückung jeglichen Widerspruchs gegen die Regierung und gegen politische Entscheidungen sowie der Kritik am verordneten Zeitgeist. Julian Reichelt als mächtiger Chefredakteur der „Bild“ war den politisch-korrekten Meinungswächtern schon lange ein Dorn im Auge. Ein erster Angriff auf ihn, übrigens mit ähnlichen Vorwürfen, wie sie jetzt recycelt werden, ist vor etwa einem halben Jahr fehlgeschlagen. Nach überstandenem Compliance-Verfahren kam Reichelt zurück in die Redaktion und machte unerschrocken weiter. Es war nur eine Frage der Zeit, wann der nächste Angriff erfolgen würde. Nachdem sich ein „Rechercheteam“ an ihm abgearbeitet hat, scheinen die Ergebnisse so wenig substantiell zu sein, dass sich Verleger Dirk Ippen weigerte, sie zu veröffentlichen. Den Part übernahm dann die New York Times. Diesmal war die Attacke von Erfolg gekrönt. Reichelt wurde mit sofortiger Wirkung seines Postens enthoben. Ob damit die „Bild“-Redaktion auf politisch-korrekte Linie gebracht wird, bleibt abzuwarten.

Zurück zum besagten Interview. Gesprächspartner war der Redakteur der gänzlich unbedeutenden und weitgehend unbekannten „Blätter für Deutsche und Internationale Politik“, Albrecht von Lucke. Die MDR-Moderatorin sagte gleich zu Beginn, dass man die angeblichen Verfehlungen Reichelts außer Acht lassen könne. Offensichtlich war ihr bewusst, dass man damit kein Interview bestreiten kann. Von Lucke nahm den Hinweis gern auf und startete eine Philippika, die sich nicht nur gegen Reichelt, sondern vor allem gegen Mathias Döpfner richtete: „Der Fisch stinkt vom Kopf“, behauptete von Lucke und meinte damit nicht, dass auf Döpfner ähnliche Vergehen zuträfen, wie auf Reichelt, sondern dass er Reichelts politischen Kurs der Kritik an der Regierung stütze. Die Vorwürfe, die von Lucke am Fließband hervorsprudelte, sind nicht neu. Er hat bereits im März dieses Jahres ein Stück veröffentlicht: „Rechte APO mit medialer Macht – Die neueste Ideologieproduktion aus dem Hause »Springer«“ Da steht bereits alles drin.

Ausgangsthese dieses Pamphlets ist folgende: Mit dem „wohl ambitioniertesten Projekt der vergangenen Jahre“, gemeint ist das Format „Bild live“, ginge Springer „ganz gezielt in die Offensive, und zwar in einem bemerkenswerten medialen Dreiklang von ‚Bild live‘, dem immer populistischeren Leitmedium ‚Bild‘ und der radikalen Ideologieschmiede ‚Die Welt‘. „Dieses Trio infernale dient einem dreifachen Zweck: erstens, die mediale Hegemonie zu erlangen, um damit – zweitens – auf die geschwächte politische Klasse Druck auszuüben und so drittens das entstehende Machtvakuum mit den eigenen, dem Verlag genehmen Zielen und Inhalten zu füllen – und zwar dezidiert gegen jede progressive, auf ökologische Nachhaltigkeit ausgerichtete Politik“.

Dialog oder gar Widerspruch sind in von Luckes Bild von der „progressiven Politik“ nicht vorgesehen.

Warum „Bild live“ so gefährlich ist, analysiert von Lucke folgendermaßen: „Denn dank Corona als einem die Digitalisierung enorm beschleunigenden Ereignis ist der Aufbau von ‚Bild live‘ inzwischen erstaunlich weit vorangeschritten. Kaum ein Politiker oder eine Politikerin, sieht man einmal von der Kanzlerin ab, der oder die sich den Anfragen von ‚Bild‘ entzöge; alle rennen … dem neuen Sender förmlich das Studio ein.“

Aha, Reichelts Erfolg wurde ihm zum Verhängnis. Der Mann hat innerhalb kürzester Zeit „Bild live“ „als die Stimme des Volkes gegen die Politikerkaste“ etabliert. Im politisch korrekten Weltbild ist vox populi nicht mehr vox Dei, sondern eine „aggressive, fast schon inquisitorische Geisteshaltung“.

Reichelt wolle „ins Kerngeschäft der öffentlich-rechtlichen Sender“ eindringen, trotz der eindringlichen Warnung von Noch-Kanzlerin Angela Merkel oder der EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen, sich bitte ausschließlich bei den Öffentlich-Rechtlichen zu informieren und immer brav auf die Politik zu hören.

„Bild live“ hatte für von Lucke bereits Anfang des Jahres „erhebliche Auswirkungen auf die gesamte Medienlandschaft“. Der Sender werde „regelmäßig vom ‚Deutschlandfunk‘ – dem für die politischen Entscheider maßgeblichen Nachrichtenkanal – zitiert bzw. als O-Ton versendet, was eine immense Aufwertung bedeutet“. Keine Zeitung habe „in den zurückliegenden Jahren derart Front gegen die Regierung gemacht“, empört sich von Lucke und enthüllt damit sein mangelndes Demokratieverständnis. In einer funktionierenden Demokratie haben die freien Medien die Aufgabe, die Regierung zu kontrollieren, nicht inoffizielle Regierungssprecher zu spielen.

Dass „Bild“ diesem grundgesetzlichen Auftrag nachkommt, findet von Lucke besonders bekämpfenswert. Er imaginiert eine Konzernstrategie, die darauf abziele, die Schwäche der Regierung als „eine Steilvorlage für alle Neoliberalen“ zu verwenden, die „nur … auf die Schwächung der Politik und letztlich des Staates abzielen“. Die Corona-Politik bietet den Springer-Leuten die Gelegenheit, das „schier unfassbare Ausmaß an Staatsinterventionismus“ (Johannes Boie, Welt am Sonntag) anzuprangern.

„In immer schnellerer Abfolge seiner Leitartikel“ imaginiere z. B. der „Welt“-Chef Ulf Poschardt „eine fast schon totalitäre Republik“ ein „’Vorspiel zum Systemwechsel‘ – und das Übungsfeld für all das, was im Hintergrund zwecks Bekämpfung der Klimakrise längst geplant werde“.

Wer so ketzerisch denkt und veröffentlicht, muss der Feme verfallen. Deshalb greift von Lucke vor allem Mathias Döpfner an. Solange Döpfner, der meint, dass ein Land mit ausschließlich öffentlich-rechtlichen Medien eher Nordkorea als einer lebendigen Demokratie gleicht, den Konzern leitet, ist die Gefahr des Andersdenkens nicht gebannt. Von Lucke ist keinesfalls allein mit dieser Ansicht. Auch Spiegel, t-online und Süddeutsche schießen sich auf Döpfner ein.

Das Herangehen ähnelt fatal dem Vorgehen gegen den ungeliebten Leiter der Gedenkstätte im ehemaligen Stasigefängnis Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, der geschasst wurde, weil sein Stellvertreter auch mit Sexismus-Vorwürfen attackiert wurde. Das könnte sich bei Döpfner wiederholen, wenn nicht den von Luckes und dem Verdachtsjournalismus, der sich nicht um den Grundsatz „in dubio pro reo“ schert, sondern in Hexenjagd-Manier zweifelhafte Vorwürfe ungeprüft zur medialen Hinrichtung nutzt, die rote Karte gezeigt wird. Es ist höchste Zeit. Der Kampf gegen Andersdenkende hat schon totalitären Charakter angenommen.

PS von Boris Reitschuster
Heute schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung:
In seiner knapp sieben Minuten lange Rede wiederholt Döpfner, was Springer in den vergangenen Tagen kundtat: Im Fall Reichelt sei es niemals um Vorwürfe des Sexismus, sexueller Übergriffe oder sexuellen Missbrauchs gegangen, sondern um einvernehmliche Beziehungen, die Reichelt zu Mitarbeiterinnen unterhalten habe, deren Vorgesetzter er war, die deshalb Vorteile bekommen hätten. Im Hintergrund hätten Männer agiert, „allesamt ehemalige Mitarbeiter von Bild“, denen es darum gegangen sei, Reichelt wegzubekommen, „dabei wurde ein drohender, teilweise fast erpresserischer Ton angeschlagen“, so Döpfner.

 

 

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Dieser Artikel ist zuerst auf Vera Lengsfelds Blog erschienen.

Vera Lengsfeld, geboren 1952 in Thüringen, ist eine Politikerin und Publizistin. Sie war Bürgerrechtlerin und Mitglied der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR. Von 1990 bis 2005 war sie Mitglied des Deutschen Bundestages, zunächst bis 1996 für Bündnis 90/Die Grünen, ab 1996 für die CDU. Seitdem betätigt sie sich als freischaffende Autorin. 2008 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt. Sie betreibt einen Blog, den ich sehr empfehle. Sie finden ihn hier.

Bild: Shutterstock
Text: Gast

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