Man muss ja ständig über Negatives schreiben heutzutage, über Dinge, die einen aufregen. Sie und mich. Aber heute kann ich Gott sei Dank einmal etwas anderes berichten.
Ich bin bewegt und dankbar: Ich hatte heute Mittag auf Telegram die Frage gestellt, ob ein Arzt oder eine Ärztin online ist — meine „Leibärztin“ ist im Urlaub. Binnen zehn Minuten haben sich sechs Ärzte gemeldet — sie alle schrieben sofort, wollten helfen, eine wollte sogar sofort anrufen. Ich habe den Post gleich gelöscht, weil ich nicht mehr Aufmerksamkeit beanspruchen wollte als nötig. Das finde ich überwältigend. Es ist eine tolle Gemeinschaft, die in der Corona-Zeit zusammengewachsen ist — und was mich mehr berührt, als ich in Worte fassen kann.
Weil sich einige Sorgen machten – ich bin kerngesund. Es ging um ein Rezept für ein vergessenes Medikament meiner Frau. Die „Leibärztin“ – die ich auch zur Corona-Zeit kennengelernt habe und die inzwischen fast ein Familienmitglied ist, hatte im Urlaub keinen Rezeptblock dabei und bot an, sich per Videochat in die Apotheke zuzuschalten und dort ihren Ärzteausweis und Personalausweis zu zeigen. Auch ich hätte das vergessene Medikament als Beleg per Videochat vorzeigen können.
Andere Länder, andere Sitten
In Russland, in Montenegro, auf Zypern wäre das kein Problem gewesen – nicht in jeder, aber spätestens in der zweiten oder dritten Apotheke hätte man da geholfen – zumal es sich um ein sehr gängiges Antibiotikum handelte und nicht um etwas, bei dem ein Missbrauch denkbar wäre.
Nicht so in Deutschland. Die Absagen waren schroff. Ein Apotheker habe sie mit entsetzten Augen angesehen, so als wolle er gar nicht glauben, dass sie ihn um so etwas bittet.
Dann ging meine Frau in eine Apotheke, von der sie wusste, dass dort eine Russin arbeitet. Die russische Apothekerin gab ihr das Medikament unbürokratisch, ohne Rezept. Ohne Videoanruf bei mir oder bei der Ärztin.
Die russische Apothekerin fragte nicht nach Vorschriften. Sie sah eine Frau, die ein Medikament brauchte, und half. So einfach geht Menschlichkeit.
Vielleicht ist das die eigentliche Geschichte dieses Nachmittags: Sechs Ärzte, die sofort da waren. Eine Ärztin, die aus dem Urlaub alles gegeben hätte. Und eine Apothekerin, die einfach Mensch war.
Unser Land könnte von allen dreien lernen. Aber vermutlich wird es das nicht.
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