Gestern wehte sie wieder — nicht etwa neben Bundesflagge und EU-Fahne, sondern auf einem separaten Mast, geradezu thronend über dem Reichstagsgebäude: die Regenbogenfahne. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner hat das so dosiert: einmal im Jahr, am 17. Mai — nicht auch noch zum Christopher Street Day (CSD), wie ihre Vorgängerin Bärbel Bas. Sondern „nur“ noch zum – bitte anschnallen – „Internationalen Tag gegen Homophobie, Biphobie und Transphobie“ – was – bitte noch fester anschnallen – im perfiden Neudeutsch IDAHOBIT genannt wird. Als ob der Unterschied zwischen zwei Anlässen derselben Bewegung eine Frage der Verfassungstreue wäre. Klöckner agiert damit typisch für die CDU – sie will ins Wasser gehen, ohne nass zu werden. Eine minimale Geste an das konservative Stammpublikum – und gleichzeitig ein weiteres Einknicken vor Rot-Grün.
Es gehört zu dem faszinierenden Selbstbetrug der Unionspolitiker, zu glauben, das Männchen-Machen vor den „Woken“ könne ihnen Fleißbildchen von diesen bringen. Das ZDF zeigte gestern, wie absurd das ist. Der öffentlich-rechtliche Sender feierte nicht etwa Klöckners Einknicken in Sachen Regenbogenfahne – sondern erinnerte genüsslich daran, dass sie diese am CSD-Tag nicht hisste – und nannte diese Entscheidung manipulativ ein „Verbot“. Wer die Sprache kontrolliert, kontrolliert die Debatte.
Aber lassen wir Klöckners Taktiererei beiseite. Der 17. Mai ist vorbei. Die Fahne ist eingeholt. Die alternativen Medien haben sich – zu Recht – empört. Aber die eigentliche Frage, die mich – und sicher auch viele von Ihnen – umtreibt, stellt so gut wie niemand:
Warum ausgerechnet das Sexuelle?
Hand aufs Herz: Der bundesdeutsche Staat, der sich in seinen späten Jahren vor der Wiedervereinigung mit demonstrativer Zurückhaltung aus allem heraushielt, was nach Weltanschauung roch — dieser Staat hat ausgerechnet die sexuelle Identität zu einer Art Staatsdoktrin erhoben. Nicht Glaube. Nicht Nation. Nicht Familie. Nicht das Leben als solches. Das Sexuelle.
Man stelle sich vor, die Bundestagspräsidentin Klöckner würde anlässlich eines Gedenktages eine Flagge der Lebensschutz-Bewegung hissen. Oder eine Israel-Solidaritätsflagge — für jenes Israel, dessen Sicherheit in Deutschland angeblich „Staatsräson“ sein soll. Oder eine Kreuzfahne, Symbol jener Religion, auf der die gesamte abendländische Rechtsordnung aufbaut.
Der Aufschrei wäre ohrenbetäubend. „Vereinnahmung staatlicher Symbolik!“ „Verletzung der Neutralitätspflicht!“ „Instrumentalisierung des Parlaments!“
Für die Regenbogenfahne gelten diese Einwände nicht. Sie ist sakrosankt. Wer sie hinterfragt, bekommt das übliche Etikett.
Das ist kein Zufall. Es ist Struktur.
Der Kult und seine Kennzeichen
Was wir erleben, hat genauso wie der angebliche „Klimaschutz“, die Merkmale einer Ersatzreligion — mit allen Attributen, die dazugehören: Unfehlbarkeit der Glaubenssätze, ritualisierte Bekenntnisse, Sprachregelungen, die nicht hinterfragt werden dürfen, und den Ketzervorwurf für alle, die ausscheren. Die Flagge am Reichstag ist nicht Politik. Sie ist Liturgie.
Der Unterschied zu echten religiösen Symbolen: Die hätte man nie zugelassen. Gerade das Kreuz — das Symbol jener Mehrheitsgesellschaft, die man so gerne als „privilegiert“ bezeichnet — wäre am Reichstag undenkbar. Die Begründung käme sofort: Trennung von Staat und Kirche, Neutralitätsgebot, Rücksicht auf Nicht-Christen.
Dieselbe Logik wird beim Regenbogen abgeschaltet. Mit welchem Argument eigentlich?
Der Gratismut und seine bitteren Früchte
Das Absurde daran: Während die Fahne weht, steigen die Angriffe auf Homosexuelle in deutschen Städten. Das Bundeskriminalamt dokumentiert es jährlich. Doch die Frage nach den Tätergruppen, die diese Zahlen treiben — die wird in keiner Bundespressekonferenz gestellt. Die Fahne hissen ist billig. Täter benennen kostet politisch – weil es gegen die rot-grünen Denkverbote verstößt.
Das ist Gratismut in seiner reinsten Form: sichtbar bekennen, ohne etwas zu riskieren. Die Symbolpolitik ersetzt die Sachpolitik. Der Reichstag dekoriert sich, während unten auf der Straße die Realität eine andere ist.
Die eigentliche Frage
Ich schreibe das nicht, weil ich irgendjemanden in seiner Lebensweise angreifen will. Die ist mir herzlich gleichgültig — im wörtlichen Sinne: Was Erwachsene in gegenseitigem Einverständnis miteinander tun, geht mich nichts an.
Aber es geht mich sehr wohl etwas an, wenn der Staat entscheidet, welche Weltanschauungen er mit seiner Symbolik adelt — und welche nicht. Wenn eine Bewegung, die sich ganz auf die sexuelle Orientierung ihrer Mitglieder definiert, vom Staat gehätschelt wird, wenn deren Sichtweise den Menschen regelrecht aufgedrängt wird, finde ich das genauso absurd wie die frühere Diskriminierung dieser Gruppe. Früher Strafverfolgung, heute Heiligkeit – ginge nicht auch ein Mittelweg. Einer meiner besten Freunde, selbst homosexuell, wünscht sich genau das – ihm geht der ganze Rummel furchtbar auf die Nerven. Und vielen seiner homosexuellen Freunde auch, wie er beteuert.
Die Frage ist nicht: Soll man Homosexuelle schützen? Natürlich (nur tut man es leider nicht, wenn es um eine bestimmte Gruppe geht, die sie besonders anfeindet). Die Frage ist: Warum hat ausgerechnet die Sexualisierung des öffentlichen Raums Staatsreligion-Status erhalten? Wer hat das entschieden? Woher kommt diese Obsession mit dem Sexuellen in Politik und Medien eigentlich?
Bei der Suche nach einer Antwort kommt man nicht um einen Blick in die jüngere Parteigeschichte herum. Die Grünen — heute lauteste Hüter der Regenbogenfahne — haben eine dokumentierte Vergangenheit, in der Teile ihrer Führung die sexuelle „Befreiung“ bis hin zur Einbeziehung von Kindern programmatisch forderten. Sie haben das inzwischen halbherzig aufgearbeitet. Aber die Obsession mit dem Sexuellen als politischer Kategorie — die ist geblieben. Nur das Vorzeichen hat gewechselt.
Menschen, die das Thema Sexualität massiv umtreibt, sind an die Macht gekommen. Und nutzen diese Macht nun konsequent, um ihre persönliche Obsession zur Staatsangelegenheit zu erklären — statt sie in sich selbst aufzulösen, wie es Erwachsene normalerweise tun. Und wie es frühere Politiker taten. Willy Brandt und Helmut Schmidt — beide keine Kostverächter und nicht gerade im Einklang mit den sexuellen Normen ihrer Zeit — wären nie im Leben auf die Idee gekommen, ihre Sexualität zur Staatsangelegenheit zu machen. Das nannte man früher Trennung von Privatem und Politik. Genau die haben unsere Kulturkrieger an den Schalthebeln der Macht in Politik und Medien bewusst eingerissen. Und das ist fatal.
Der Reichstag gehört allen Deutschen. Nicht einer Bewegung. Nicht einer Partei. Nicht einer Obsession. Dass die weltanschauliche Neutralität des Staates, dieser entscheidende Grundsatz einer Demokratie, heute als reaktionär gilt — das sagt mehr über den Zustand dieses Landes aus als jede Flagge, die an seinen Masten weht. Und diesen Irrsinn nennt man in Deutschland heute Haltung.
Für diesen Artikel habe ich keinen Cent Zwangsgebühren oder staatlicher Förderung erhalten. Keine Regenbogenfahne weht für ihn. Wenn Sie finden, dass er seinen Platz trotzdem verdient — hier können Sie mich unterstützen. Herzlichen Dank!
Bild: ZDF/Screenshot
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