Die Infantilisierung des Westens schreitet voran Ökodiktatorische Gehabe und Jugendlichkeitswahn

Ein Gastbeitrag von Josef Kraus

Eine weiterführende Rezension des neuen Buches von Alexander Kissler „Die infantile Gesellschaft. Wege aus der selbstverschuldeten Unreife“

Es mag ungewöhnlich sein, die Rezension eines aktuellen Buches von Alexander Kissler über „Die infantilisierte Gesellschaft“ mit einem längeren, gleichwohl etwas gekürzten Platon-Zitat zu beginnen. Platon sagte 375 Jahre vor Christus in seiner „Politeia“: „Wenn sich Väter daran gewöhnen, ihre Kinder einfach gewähren und laufen zu lassen, wie sie wollen, und sich vor ihren erwachsenen Kindern geradezu fürchten; wenn Söhne schon sein wollen wie die Väter…, sich nichts mehr sagen lassen wollen, um ja recht erwachsen und selbständig zu erscheinen…; wenn es überhaupt schon so weit ist, dass sich die Jüngeren den Älteren gleichstellen, ja gegen sie aufgetreten sind mit Wort und Tat, die älteren sich aber unter die Jungen stellen und sich ihnen gefällig zu machen versuchen, indem sie ihre Albernheiten und Ungehörigkeiten übersehen oder gar daran teilnehmen…; wenn sie aufsässig werden und es schließlich nicht mehr ertragen können, wenn man nur ein klein wenig Unterordnung von ihnen verlangt; wenn sie am Ende dann auch die Gesetze verachten, weil sie niemand und nichts mehr als Herrn über sich anerkennen wollen, so ist das der schöne und jugendfrohe Anfang der Tyrannis.“

Ja, so ist es. Denn der beschleunigte Infantilisierungs- und Jugendwahn wird die erkennbare, wenngleich verdrängte Dekadenz des Westens der Welt beschleunigen. Alexander Kissler, vormals tätig bei „Cicero“, seit kurzem bei der Neuen Zürcher Zeitung, schreibt das nicht so. Aber auf 256 Seiten stellt er – reich mit Beispielen belegt – sehr eindringlich dar, wie sich Politik, Medien, Kirchen und Gesellschaft immer weiter von erwachsener Rationalität entfernen.

Kissler greift die – oft zudem in „leichter Sprache“ – verfassten Sprachanleitungen von Kommunen, Ministerien und Senatskanzleien auf, die dem Bürger vorschreiben, was er wie sagen darf. Er nimmt sich eine Kanzlerin vor, die mit dem Souverän spricht, als habe sie Kinder vor sich. Selbst so manche Gesetze, so Kissler, atmen sprachlich den Geist der Infantilisierung: das „Gute-Kita-Gesetz“, das „Starke-Familien-Gesetz“ oder das „Arbeit-von-morgen-Gesetz.“ Und wahrscheinlich ist es nicht einmal ein Zufall, dass ein Kinderbuchautor namens Robert Habeck zum Vorsitzenden der „Grünen“, ja gar zu einem potentiellen Kanzlerkandidaten gekürt wurde.

Kissler zerpflückt das gefühlige ökodiktatorische Gehabe einer die Schule schwänzenden, autistisch auffälligen, heranwachsenden Schwedin, die gleichwohl das Gehör der Mächtigen oder vermeintlich Mächtigen in Davos, New York und Rom findet. Bischöfe vergleichen sie mit einem Propheten, mit Jesus usw. Man hört heraus: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder!“, „Kinder an die Macht!“, „Das Kind hat recht, weil es Kind ist, und wer es anders sieht, der mag keine Kinder.“ Kissler beschreibt die Reaktion der Erwachsenen darauf so: Sie „zucken zusammen, verfallen in innere Habachtstellung, in sofort zerknirschte Duldungsstarre.“ Vor Gretas „I want you to panic“ erzittern die Mächtigen der Welt. Freilich scheint Salomon vergessen, der sagt: „Weh dir Land, des König ein Kind ist.“ Vergessen scheint zudem Norbert Elias mit seinem 1980 erschienenen Aufsatz „Zivilisierung der Eltern“. Elias ist der Überzeugung, dass viele Probleme der heutigen Eltern-Kind-Beziehung Zivilisationsprobleme seien, unter anderem der schwindende Machtunterschied zwischen Eltern und Kindern. Siehe die um sich greifende Unsitte des Duzens! Zugleich werden junge Erwachsene bis hinein ins dritte Lebensjahrzehnt in Watte gepackt, „gepampert“ – mit gesenkten Bildungsansprüchen und immer besseren Noten. In den USA und in GB werden Klassiker „gereinigt“ und Bücher mittels „trigger warnings“ abgemildert, damit die Generation „Schneeflocke“ bloß durch nichts traumatisiert wird.

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Kissler wird auch sehr grundsätzlich und er versucht, den Trend hin zu immer noch mehr Infantilisierung ideengeschichtlich und literarisch aufzuspüren. Dabei macht er Halt bei „Peter Pan“ und vor allem bei Rousseau, der es ihm angetan hat. Das ist eine kleine Schwäche des Buches, vor allem wenn Kissler Rousseaus Pädagogik „vom Kinde her“ schier glorifiziert. Nein, Rousseau, das sollte man nicht vergessen, ist einer der Ur-Väter „antiautoritärer“ Erziehung und mit seinen „Discours sur l’inégalité“ einer der Urväter des Kollektivismus, ja eines Totalitarismus, also einer Politreligion, mit der es Rousseau um den „volonté générale“ geht. Rousseau sah übrigens – vormarxistisch – das Privateigentum als Ursache der Ungleichheit der Menschen und damit als Ursache allen Übels. Zudem betrachtete Rousseau die Künste und Wissenschaften als Irrwege, die von der Natur, von der „glücklichen Unwissenheit“ wegführen. Dabei wäre entgegen der rousseauistischen Unschuld des Nicht-Wissens doch gerade Bildung, Bildung und noch einmal Bildung der Weg aus der Unmündigkeit und damit aus der Infantilität.

Der Rezensent fügt an die zutreffenden Analysen Kisslers an: Das größte Problem freilich ist, dass die Ausdehnung der Kindheit auch die Erwachsenen erfasst und deren regressiven kindlichen Narzissmus gekitzelt hat. Was früher als kindisch galt, ist heute „in“ – etwa ein grenzenloser Mitteilungs-, Zeige- und Spieldrang. Das Jugendgefühl („one age“) soll sich ausdehnen. Aber dieser auf Äußerlichkeiten fixierte Jugendwahn, der sogenannte Post-Adoleszente in Beauty Farms, Fitness-Studios und zu Plastischen Chirurgen treibt, allein ist es nicht. Es ist vielmehr Bequemlichkeit im Spiel. Johan Huizinga spricht von einem kollektiven „Puerilismus“. Man will gar nicht erwachsen werden, weil man damit Verantwortung übernehmen müsste.

In der Folge dehnen sich Kindheit und Jugendphase aus. Wozu erwachsen werden, wenn man als Kind bzw. als Jugendlicher schon alles kann und darf? Wozu eigenverantwortlich werden, wenn all das, was allzuständige Eltern für einen geleistet haben, eines Tages von „Vater Staat“ geleistet werden kann? Von einem paternalistischen Staat nämlich, der wie ein omnipotenter Vater eine allmächtige Sozialagentur und als Nanny-Staat Garant für die Erfüllung von Vollkasko-Ansprüchen sein soll. Kaschiert wird diese gefährliche Entwicklung mit Lebenslügen. Etwa mit dem Bedauern ob des angeblichen „Verschwindens der Kindheit“ – ein Schlagwort, das dem gleichnamigen Buchtitel von Neill Postman entspricht, das aber bewusst falsch verstanden wird. Denn Postman kritisierte darin die Entgrenzung von Kindheit durch eine Vermischung der Sphären des Kindlichen und des Erwachsenen.

Aber lassen wird das: Kissler ist ein lesenswertes und nachdenkliches Buch gelungen. Man kann es Erwachsenen und vermeintlich Erwachsenen nur zur Lektüre und zur Selbstreflexion empfehlen.

Alexander Kissler, Die infantile Gesellschaft. Wege aus der selbstverschuldeten Unreife., Harper Collins Hamburg, 256 Seiten, 20,- €.

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Josef Kraus (*1949), Oberstudiendirektor a.D., Dipl.-Psychologe, 1987 bis 2017 ehrenamtlicher Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, 1991 bis 2013 Mitglied im Beirat für Fragen der Inneren Führung beim Bundesminister der Verteidigung; Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande (2009), Träger des Deutschen Sprachpreises 2018; Buchautor, Publizist; Buchtitel u.a. „Helikoptereltern“ (2013, auf der Spiegel-Bestsellerliste), „Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt“ (2017), „Sternstunden deutscher Sprache“ (2018; herausgegeben zusammen mit Walter Krämer), „50 Jahre Umerziehung – Die 68 und ihre Hinterlassenschaften“ (2018), „Nicht einmal bedingt abwehrbereit – Die Bundeswehr zwischen Elitetruppe und Reformruine“ (2019, zusammen mit Richard Drexl)

 


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Bild: Alina Rosanova/Shutterstock
Text: Gast

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