Die „sinnentstellende Überzogenheit“ des Karl L. Brandbrief von über 30 Ärzten

Von Christian Euler

Karl Lauterbach geriert sich allzu gern als unermüdlicher Warner der Nation. 627.000 Ergebnisse bekommt, wer Google nach „Lauterbach warnt“ suchen lässt. Ob eine Dauerwelle, die indische Variante oder die Lockerung der Corona-Maßnahmen: Geht es darum, Ängste und Sorgen zu verbreiten, scheint die Phantasie des SPD-Politikers grenzenlos. Als ihm gar nichts mehr einfiel, musste ein kurzer Autobahn-Tunnel an der A1 in der Nähe von Leverkusen herhalten. Im Juni 2018 warnte der heute 58-Jährige vor einer „bautechnischen Missgeburt“.

„Der Herr Lauterbach hat immer zu allem einen Kommentar abzugeben“, brachte es Bayern München-Trainer Hans-Dieter Flick Mitte Februar treffend auf den Punkt. Damit steht der mögliche Nachfolger von Bundestrainer Joachim Löw nicht allein. Kürzlich zeigten sich mehr als 30 Ärzte Lauterbachs Thesen überdrüssig. Die Allgemeinmediziner und Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin, Notfallmedizin sowie auch für öffentliches Gesundheitswesen wandten sich in einem offenen Brief an den studierten Gesundheitsökonomen. Stein des Anstoßes war ein umstrittener Tweet.

Am 26. März ließ Lauterbach seine Follower wissen, dass „viele 40- bis 80-Jährige einen Moment der Unachtsamkeit mit dem Tod oder Invalidität bezahlen“ werden. „Junge Männer werden von Sportlern zu Lungenkranken mit Potenzproblemen“, schrieb er weiter. Das höre „niemand gerne, ist aber so.“ Die Ärzte fordern ihn nun auf, seine politische Betätigung künftig für die Öffentlichkeit „deutlich erkennbar“ von seiner Berufszulassung als Arzt zu trennen.

„Schüren irrationaler und extremer Angst“

Für die Mediziner ist Lauterbach aufgrund seiner Position als Politiker der Regierungskoalition ein „prominenter Unterstützer von deren Corona-Politik“. Weiter heißt es: „Immer wieder treten Sie mit extremen Meinungsbekundungen im Zusammenhang mit SARS-CoV-2-Infektionen auf. Dabei nehmen Sie zumindest billigend in Kauf, in der Bevölkerung den Irrtum auszulösen, Ihre Äußerungen gründeten auf Ihrer ärztlichen Kompetenz oder auf ärztlicher Verpflichtung gegenüber dem Allgemeinwohl.“

Die Unterzeichner stellen klar, dass seine Äußerung im Tweet „wie eine überwältigende Vielzahl zuvor, dem medizinischen Kenntnisstand sowie der ärztlichen Berufserfahrung widerspricht und sich in derartig sinnentstellender Überzogenheit als Warnung eines Arztes an ratsuchende Menschen kategorisch verbietet.“

Für Ärzte gelte das Prinzip „primum non nocere“. Die grundlegende Berufspflicht bestehe darin, bei jeglichem Handeln gegenüber Patienten zusätzlichen Schaden für diese zu vermeiden. Gegen diese Pflicht verstoße Lauterbach, so die Unterzeichner. „Bei Ihren oben dargelegten Äußerungen überwiegt jedoch vor jedem Informationsgehalt das Schüren irrationaler und extremer Angst. Damit sind diese Äußerungen geeignet, einer Vielzahl von Menschen psychisch wie mittelbar somatisch schweren gesundheitlichen Schaden zuzufügen.“

Der offene Brief der Mediziner dürfte Wasser auf die Mühlen seiner Exfrau Angela Spelsberg sein. Die Epidemiologin und Ärztin stichelte bereits im Sommer vergangenen Jahres, dass Lauterbach über viele Themen nur ungenau Bescheid wisse. Wenn er auch noch ständig in Talkshows sitze, habe er dafür einfach keine Zeit. Ihr Ratschlag: „Man muss sich schon hinsetzen und die Zahlen richtig analysieren.“

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Dipl.-Volkswirt Christian Euler widmet sich seit 1998 intensiv dem Finanz- und Wirtschaftsjournalismus. Nach Stationen bei Börse Online in München und als Korrespondent beim „Focus“ in Frankfurt schreibt er seit 2006 als Investment Writer und freier Autor u.a. für die „Welt“-Gruppe, Cash und den Wiener Börsen-Kurier.
Bild: Boris Reitschuster
Text: ce

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