Diether Dehm: „Medien nageln Impfskeptiker an den Pranger“ Nach vier Legislaturen im Bundestag: Interview mit einem linken Urgestein

Von Alexander Wallasch

Mit seiner Sputnik V-Impfung ist der ehemalige Bundestagsabgeordnete Dr. Diether Dehm (Die Linke) bis nach Karlsruhe gegangen. Der Musiker, Musikproduzent und Politiker wollte die Anerkennung des russischen Impfstoffs auch in Deutschland. Das Bundesverfassungsgericht hat die Klage allerdings zurückgewiesen. Dehm will dennoch weiter dafür kämpfen.

Als wir uns bei Diether Dehm zum verabredeten Interview melden, muss er noch die Übertragung der Bundestagsdebatte am Fernsehen ausschalten – gewohnt ist wohl gewohnt nach vier Legislaturen im Deutschen Bundestag. Wir sprechen mit Dehm über die Impfung, über seine politische Karriere und darüber, was wohl aus diesem so angeschlagenen Deutschland werden könnte.

Der Musiker Dehm schrieb Hits wie „1000 mal berührt“, der Politiker Dehm schrieb Reden für Willy Brandt. Zum Ende des Interviews fragen wir ihn, wenn er sich entscheiden müsste, ob er lieber nur Politiker oder Musiker wäre.

ALEXANDER WALLASCH: Sind sie ein Radikaler?

DIETER DEHM: Ich war 33 Jahre in der SPD und dort der Chef der Unternehmer und Unternehmerinnen. Ich war im Bundestag für die SPD und in der Frankfurter Stadtregierung. Ich bin für die demokratische Revolution, aber kein Extremist. Das heißt, ich nutze mit Brecht den Marxismus zur schlauen Findung des Mittleren, Pragmatischen, nicht als ein Extrem, was am Rande herumgeistert und sich da wohlfeil spreizt. Zum Beispiel, um in der Corona-Krise zu sortieren, welcher Impfstoff für welchen Einzelnen vernünftiger ist und welcher unvernünftig ist. Ich bin überzeugt, dass das Allerwichtigste kassenfinanzierte Antikörpertests per Blutlabor sind – egal ob dann erfolgreiche Immunabwehr ohnehin da ist oder von unauffälliger Genesung oder Totimpfstoff herrührt.

ALEXANDER WALLASCH: Deutschland will jetzt Kinder zwischen fünf und elf Jahren mit mRNA-Impfstoffen impfen lassen. Angedacht sind Impfungen an Schulen – was würden Sie Eltern von solchen Kindern heute raten?

DIETER DEHM: Also man kann bei Polio und Pocken für Impfpflicht sein, aber nicht zugunsten eines Impfstoffs, der für Menschen unter zwölf Jahren weder geeignet noch notwendig erscheint.

ALEXANDER WALLASCH: Aber der Kurs Ihrer Partei ist doch der Impfen-ist-Liebe-Kurs der Antifa. Wie erträgt man so etwas als mRNA-Impfskeptiker? Wie streitbar ist die Linke überhaupt? Es gab ja schon Ausschlussverfahrenswünsche bezüglich Sahra Wagenknecht.

DIETER DEHM: Na ja, ich hatte auch schon ein Ausschlussverfahren vor zwei Jahren, weil ich Heiko Maas einen „Nato-Strichjungen“ genannt hatte. Das muss man halt durchstehen. Ich hatte in der SPD immerhin vier Ausschlussverfahren und alle endeten straffrei. Einen auch wegen des Vorwurfs, mal Ost-Spion gewesen zu sein.

ALEXANDER WALLASCH: Kommen wir zu ihrer Sputnik V-Impfung: Wie wird das Ihrer Meinung nach mit alternativen Impfungen weitergehen? Und welche Rolle spielen hier Medien?

DIETER DEHM: Ich kann nicht ruhig einer Welt entgegensehen, wo ich durch panische Politik alle drei Monate oder möglicherweise sogar einmal wöchentlich neuen Impfstoff von Biontech geliefert bekomme und mein Immunsystem damit ruiniere. Denn das Immunsystem zu stärken – das ist des Rätsels Lösung! Außerdem muss jetzt russischer, chinesischer und auch kubanischer Impfstoff zugelassen werden, in einem freien Land als freie Wahl von Impfstoffen, die auch die WHO vorschlägt. Der Kern ist, dass Medien Fragestellungen und das gesunde Misstrauen der Unteren ausradieren wollen, als Kampf gegen Verschwörungstheorien. Viele Qualitätsjournalisten sind eher mentale Edelnutten, die nicht mal ein Herz für eingekerkerte und gefolterte Whistleblower wie Julian Assange zeigen.

ALEXANDER WALLASCH: Sie haben sich medienwirksam in Moskau mit Sputnik V impfen lassen. Sind sie eigentlich zwanghaft rebellisch? Waren Sie als Kind schon so? Die Mutter von Andreas Baader soll mal auf die Frage, was sie glaubt, warum ihr Sohn so geworden sei, geantwortet haben, der Junge hätte schon als Kind so ein übertriebenes Gerechtigkeitsgefühl gehabt …

DIETER DEHM: Also an ein Gerechtigkeitsgefühl von mir als Siebenjährigen kann ich mich nicht erinnern. Aber ich war ein sehr braves Kind aus sozialdemokratischer Familie mit einer Tradition vom Faschismus Verfolgter. Ich hatte Riesenrespekt vor meinen drei jüdisch-kommunistischen Lehrern Peter Gingold, Emil Carlebach, und Rudi Maurer – Frankfurter Spitzenfunktionäre der illegalen KPD. Als meine Mutter dann einen Antikommunisten geheiratet hatte, der mich wegen SDS-Demos mit Rudi Dutschke gegen Notstandsgesetze und Vietnamkrieg verdroschen hatte, bin ich mit 17 weg von zuhause, habe mich als Liedermacher durchgeschlagen. Näheres dazu steht in: „Meine schönsten Skandale“ beim Eulenspiegel-Verlag.

ALEXANDER WALLASCH: Hat sich das Verhältnis zu Ihrer Mutter wieder entspannt nach Ihrem Auszug?

DIETER DEHM: Meine Mutter ist von ihm auch verdroschen worden. Und dann hat sie sich scheiden lassen, ist in die SPD eingetreten und 1998 mit mir zusammen in die PDS gegangen. Als sie vor einem Jahr starb, durfte ich sie nicht mal im Heim besuchen.

ALEXANDER WALLASCH: Kann es sein, dass in Deutschland ein familiär geprägtes generatives Denken absichtsvoll zerstört wurde oder kaputtgegangen ist? Wäre so ein Bewusstsein für die Familie nicht besonders wertvoll? Oder ist das zu national oder gar völkisch gedacht?

DIETER DEHM: Nein, das ist gar nicht völkisch oder nationalistisch gedacht. Ich bin ja Psychosomatiker und von daher muss ich mich auch mit Erkenntnistheorie befassen. Es gibt zwei generelle Arten Erkenntnis zu vermitteln: Das eine geschieht biographisch, von Generation zu Generation. Und das andere historisch, über Bücher und Kunst vermittelt. In Songs und Romanen habe ich dann dazu beigetragen, dass sich Geschichten von unten weiter verbreiten.

So, wie sich bäuerliche Folklore auch gerade dann verbreitete, als es den feudalen Bauernstand kaum mehr gab, blühten Fachwerkhäuser und Dorfidyllen immer wieder kulturell auf. Ich will, dass so auch die Arbeitskraft und Arbeiter neuen Respekt und Anklang finden. Aber auch das Wort „Kleinbürger“ sollte längst kein Schimpfwort mehr sein. Was wir nämlich brauchen, ist ein Volksfrontbündnis gegen das Monopolkapital, den Biontech-Clan, die NATO und auch gegen Bluthunde, die sich gelegentlich unter einer sanft-grünlichen Regenbogenfahne verstecken, wenn es gegen Russland, China, Kuba und die Friedensbewegung geht.

ALEXANDER WALLASCH: Sorgt das Bürgergeld der Ampelregierung nicht am Ende dafür, dass der Arbeiter gar nicht mehr arbeiten muss und trotzdem versorgt ist?

DIETER DEHM: Das ist auf Dauer nicht möglich. Wertschöpfung geschieht nur dort, wo sich die Arbeitskraft mit Grund und Boden und Produktionsmitteln verbindet. Die Produktionsmittel werfen alleine volkswirtschaftlich keinen Gewinn ab. Ohne Kampf gegen Konzernmacht müssen dann leider Sozialstaat, Reallöhne und Renten tendenziell sinken.

ALEXANDER WALLASCH: Gibt es ein deutsches Volk und hat es ein Recht darauf, ein solches zu bleiben? Was ist das überhaupt noch, das deutsche Volk?

DIETER DEHM: Sahra Wagenknecht hat einen iranischen Vater und schreibt große deutsche Kultur. Es sind Sprache, Verfassungen und Gesetze, die den Zusammenhalt jedes Volkes ausmachen, nicht „Blut und Rasse“. Die Nation ist in allererster Linie menschengemacht. Bundespräsident Gustav Heinemann und Willy Brandt nannten sich deshalb Verfassungspatrioten. Und wer hierher migriert kam und sich aktiv für die demokratischen sozialen Werte des Grundgesetzes einsetzt, darf nicht vorgerechnet bekommen, mit welchen Vorahnen und Generationen er aus welchem Land kommt. Auch der deutsche Sprach-Flickenteppich begann beispielsweise im Mittelalter zusammenzuwachsen. Es hieß: „Sprich deutsch. Sprich deutlich.“ Mit Hilfe von Luther, Hegel, Heine, Kant, Marx, Brecht und anderen. Und dieses Deutsche wurde später auch vom Antifaschismus geprägt.

ALEXANDER WALLASCH: Die Grüne Katrin Göring-Eckardt möchte Deutschland auch gerne prägen. Sie hatte 2015 angesichts der Massenzuwanderung gesagt, das Land würde viel religiöser werden, und sie freue sich darauf. Den christlichen Glauben kann sie aber kaum gemeint haben. Die Sorge vor der Islamisierung hat aber schon 2013/14 die Leute verstört und machte den Zulauf von Pegida aus. Wie passt das zusammen? Wie soll der Deutsche heute mit so einer Ansage von Göring-Eckardt umgehen?

DIETER DEHM: Ich fürchte, dass führende Grüne, aber auch Politiker anderer Partien, repressiv zu viel Toleranz verordnen gegenüber politisch exponierten Teilen des Islam und Vorformen des Islamismus. Viele tun das blauäugig. Aber die Scharia ist wie die katholische Hexenverbrennung. Dort, wo Menschen aus ihrem katholischen, islamischen oder grünen Glauben heraus eine moralische Überlegenheit über andere folgern, entstehen Monster. Gegen die helfen: Fragen stellen und Zweifel. Der kleine Bub, der dem Kaiser hinterherruft, der habe gar keine neuen Kleider an, ist doch deswegen kein Schwurbler. Wer gegen Impfpflicht demonstriert, ist doch kein Virus-Leugner, den Medien öffentlich an den Pranger nageln dürfen.

Wer aber behauptet, er hätte schon die ganze Welt in seinem Kopf, ignoriert die Fehlerquote, den Abweichungswinkel, den wir Menschen beim Erkennen der Welt nur allmählich verringern können. Wer zu Recht beklagt, wenn mit Fackeln vor dem Haus einer Ministerin randaliert wird, sollte nicht zugleich zur Treibjagd auf Ungeimpfte blasen, was auch mal in Pogromen münden könnte. Seit 1789 mussten Meinungs- und Kunstfreiheit immer verteidigt werden. Heute auch gegen Diktate dieser Corona-Politik und Grundrechte-Leugner. Oder gegen Elektroauto-Verkäufer und andere, die vorgeben, die Klimakrise zu lösen, aber auf Kosten von Armen und des Mittelstands. Göring-Eckardt und Baerbock sind dabei eher Tiefpunkte der parlamentarischen Demokratiegeschichte. Demnächst dürfte eine Außenministerin schon deshalb nominiert werden, weil sie ihre Schuhe selbst zubinden kann.

ALEXANDER WALLASCH: Eine letzte Frage mit der Bitte um Ein-Wort-Antwort: Wenn Sie sich hätten entscheiden müssen: Künstler oder Politiker?

DIETER DEHM: Künstler.

ALEXANDER WALLASCH: Danke für das Gespräch.

Leider musste platzbedingt das Interview mit Dr. Diether Dehm gekürzt werden, welches vor der Merz-Nominierung zum CDU-Vorsitzenden geführt wurde. Darum haben wir dann doch einen Passus aus der Schublade noch mal hervorgekramt.

DIETHER DEHM:
Ich gehe davon aus, dass in drei Tagen Friedrich Merz bereits im ersten Wahlgang mit klarer Mehrheit zum CDU-Vorsitzenden gewählt wird. Der will Kanzler werden und dürfte darum zügig die Brandmauer zur AfD abschleifen helfen – zuerst in irgendeinem Pilot-Landtag. So ein Greenwashing dürfte dann wiederum die hündischen Medien zu orgiastischen Überraschungsausbrüchen treiben: „Mensch, so eine staatsfrauliche Verantwortung und Kompromissbereitschaft hätten wir der AfD ja niemals zugetraut!“ Parallel dazu dürften sich in den nächsten zwei Jahren der Gewerkschaftsflügel der SPD, der unter der großen Koalition ja erheblich gelitten hatte, und der knallharte Kapitalflügel der FDP – und damit die Ampel – zerlegen. Während womöglich meine Linkspartei die AfD per Anpassung bei Corona-, Klima- und Gendersprech weiter bereichert. Und daraus wird die Horror-Vision, dass es vor Ende der Legislatur zu einer CDU/AfD-Bundesregierung kommt, welche dann Kapital-Steuerverkürzung noch mehr erleichtert, den Sozialstaat noch mehr ruiniert und das Renteneintrittsalter auf 70 anhebt.

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine.

Alexander Wallasch ist gebürtiger Braunschweiger und betreibt den Blog alexander-wallasch.de. Er schrieb schon früh und regelmäßig Kolumnen für Szene-Magazine. Wallasch war 14 Jahre als Texter für eine Agentur für Automotive tätig – zuletzt u. a. als Cheftexter für ein Volkswagen-Magazin. Über „Deutscher Sohn“, den Afghanistan-Heimkehrerroman von Alexander Wallasch (mit Ingo Niermann), schrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „Das Ergebnis ist eine streng gefügte Prosa, die das kosmopolitische Erbe der Klassik neu durchdenkt. Ein glasklarer Antihysterisierungsroman, unterwegs im deutschen Verdrängten.“ Seit August ist Wallasch Mitglied im „Team Reitschuster“.

 
Bild: Screenshot Youtube/Die Linke
Text: wal

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