Explodierende Preise: „Neue Ära der Inflation“ Oberster Zentralbanker redet Klartext

Von Daniel Weinmann

Die Inflation steigt immer weiter. Mit 7,3 Prozent hat die Teuerung in Deutschland im März den höchsten Stand seit vierzig Jahren erreicht. In einigen Euroländern gibt es sogar zweistellige Inflationsraten, etwa in den baltischen Staaten mit 11,2 Prozent (Lettland) bis 15,6 Prozent (Litauen), aber auch in den Niederlanden mit 11,9 Prozent.

Geht es nach Agustín Carstens, könnte dies der Beginn eines neuen Zeitalters sein. „Nachdem die Notenbanken mehr als ein Jahrzehnt lang darum gekämpft haben, die Inflation auf das Zielniveau zu bringen, stehen sie jetzt vor dem entgegengesetzten Problem“, warnt der Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich.

Die BIZ mit Sitz in Basel gilt als eine der mächtigsten Finanzinstitutionen. Bei der „Superzentralbank“ oder „Bank der Banken“ geben sich die Chefs der großen Notenbanken der Industrieländer die Klinke in die Hand, um die Regeln für das internationale Finanzsystem festzulegen. 1930 gegründet, ist sie die älteste internationale Finanzorganisation.

Die steigenden Erwartungen dürften die Inflation weiter anheizen, da die Unternehmen die höheren Kosten an ihre Kunden weitergeben und die Arbeitnehmer höhere Löhne fordern, glaubt Carstens – und verweist auf das erhöhte Risiko einer „gefährlichen Lohn-Preis-Spirale“.

»Anpassung an höhere Zinssätze wird nicht einfach sein«

Eine ganze Generation von Menschen, Arbeitnehmern und Geschäftsführern, die – zumindest in den entwickelten Volkswirtschaften – noch nie eine nennenswerte Inflation erlebt habe, lerne jetzt, dass rasche Preissteigerungen nicht nur in den Geschichtsbüchern stünden, betonte der Top-Banker am vergangenen Dienstag in einer Rede in Genf.

Für Carstens ist absehbar, dass inflationäre Kräfte den Zentralbanken langfristig zu schaffen machen werden. Verantwortlich macht der BIZ-Chef ausgerechnet die Währungshüter, die mit ihren Billionen schweren Gelddruck-Programmen Öl ins Feuer gegossen haben. Allein die US-Notenbank hat ihre Bilanz im Zuge der Coronakrise auf fast neun Billionen Dollar aufgebläht. „Die lockere Geldpolitik und die großzügigen Steuerprogramme haben dazu beigetragen, das jüngste ‚Aufflackern‘ der Verbraucherpreise zu begünstigen.“

Erschwerend komme hinzu, dass die strukturellen Faktoren, die die Inflation in den letzten Jahrzehnten niedrig gehalten hätten, mit der zurückgehenden Globalisierung schwinden könnten. Carstens geht davon aus, dass die Anpassung an höhere Zinssätze „nicht einfach sein wird“. Haushalte, Unternehmen, Anleger und Regierungen hätten sich zu sehr an die niedrigen Zinssätze gewöhnt – was sich auch in der historisch hohen privaten und öffentlichen Verschuldung widerspiegele.

Vor diesem Hintergrund verwundert kaum, dass der Inflation in Europa kaum Schranken entgegengesetzt werden: Die Europäische Zentralbank sträubt sich mit Händen und Füßen gegen die Forderung, die Zinsen anzuheben. Bislang tastete sie den Leitzins – im Gegensatz zu den USA – nicht an, weil die extreme Verschuldung der Mittelmeerstaaten der EZB noch deutlich weniger Spielraum gibt als ihrem US-Pendant.

Steigende Zinsen bringen überschuldete Staaten in die Bredouille

„Es wird eine Herausforderung sein, einen Übergang zu normaleren Niveaus zu schaffen und dabei realistische Erwartungen an die Möglichkeiten der Geldpolitik zu setzen“, prognostiziert der mexikanische Ökonom Carstens. Hält man sich die astronomische Verschuldung der privaten und öffentlichen Haushalte vor Augen, lässt sich erahnen, was der oberste Zentralbanker der Welt meint.

Beispiel Italien: Der Durchschnittszins, den der Stiefel-Staat auf seine Schulden zahlen muss, lag im vergangenen Jahr 2021 bei nur noch 2,3 Prozent. Ein Anstieg auf das Niveau vor der Fi­nanzkrise von 4,5 Prozent würde die Zinslast von derzeit 60 Mil­liarden auf über 120 Milliarden Euro pro Jahr ansteigen las­sen. Anders ausgedrückt: Mussten bislang sieben Prozent der italieni­schen Staatseinnahmen für Zinszahlungen aufgewendet werden, wären es dann 15 Pro­zent. Für Italien allein dürfte dies kaum zu stem­men sein.

Eng könnte es auch für Häuslebauer werden. Steigen die Zinsen, kann der Fall eintreten, dass zu hoch verschuldete Haushalte früher oder später ihre Kreditraten nicht mehr begleichen können. Dies trifft über die Banken, die mit Ausfällen rechnen müssen, wiederum die Wirtschaft. So wichtig die Warnung von BIZ-Chef Carstens auch ist: Beweisen die Notenbanken bei der Bekämpfung der überbordenden Inflation kein Fingerspitzengefühl, würgen sie die Wirtschaft ab und treiben überschuldete Staaten in den Bankrott. Es ist ein Spagat, der nicht gelingen kann.

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Daniel Weinmann arbeitete viele Jahre als Redakteur bei einem der bekanntesten deutschen Medien. Er schreibt hier unter Pseudonym.

Bild: Shutterstock
Text: dw

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