Gregor Gysi: „Dreißig Prozent haben jedes Vertrauen zur etablierten Politik verloren“ Fordert Linkspolitiker bei Lanz den Systemwechsel?

Von Alexander Wallasch

Zunächst werden die Gäste seiner Sendung vom 6. Januar 2022 von Markus Lanz dem Zuschauer vorgestellt:

Die Journalistin Eva Quadbeck ist dabei. Sie arbeitet für das Redaktionsnetzwerk Deutschland, schreibt dort über die Pandemie und über den Stand der Impfpflicht-Debatte.

Der Virologe Prof. Hendrik Streeck ist neues Mitglied des Corona-Expertenrats der Bundesregierung und will bei Lanz über aktuelle Erkenntnisse zur Omikron-Variante berichten. Er fordert unter anderem, die Corona-Daten besser zu erfassen.

Und ebenfalls bei Lanz mit dabei ist die schleswig-holsteinische Bildungsministerin Karin Prien (CDU). Sie war zuletzt damit aufgefallen, einen Parteiausschluss von Hans-Georg Maaßen (CDU) zu fordern.

Alles in allem also eine interessante Runde. Die allerdings im öffentlich-rechtlichen Fernsehen stattfindet, wirkliche Überraschungen sind hier also eher eine Seltenheit, aber sie passieren doch bisweilen, wie folgendes Beispiel zeigt.

So bekam Moderator Markus Lanz zu einem bestimmten Zeitpunkt seiner 75-minütigen Talkshow tatsächlich quotenhyperventilierende Schnappatmung, ahnte der 52-jährige gebürtige Südtiroler doch instinktiv sofort, dass, was da gerade passierte, ein Moment der Wahrhaftigkeit, in den kommenden Tagen einen medialen Nachhall erfahren würde.

PürnerDie Rede ist vom Auftritt von Gregor Gysi (Die Linke), der von Lanz mit einem Satz seines Parteikollegen Dietmar Bartsch vorgestellt wird, der über Gysi einmal gesagt hat: „Wenn der zwanzig Meter durch eine Fußgängerzone geht und keiner spricht ihn an, dann spricht er einen an.“

Lanz nennt Gysi in dem Zusammenhang „legendär kommunikativ“, ahnt aber zu dem Zeitpunkt noch nicht, wie Recht er damit hat und wie passgenau der Linkspolitiker gleich in die Sendung trägt, was er für die Stimme des Volkes hält.

Noch etwas vorab gesagt: Es ist schon erstaunlich, dass es in den letzten Monaten immer prominente Politiker der Linkspartei sind, die sich in der Corona-Debatte so deutlich oppositionell positionieren. Nach Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine nun auch Gregor Gysi bei Lanz mit einer Art öffentlichem Coming Out – jedenfalls gemessen am Stellenwert einer so vielbeachteten Sendung im Zweiten Deutschen Fernsehen.

Gleich zu Beginn fragt der ehemalige Vorsitzende der Linkspartei, was eigentlich mit der Hospitalisierungsrate passiert sei, die sollte doch jetzt mit einfließen in die Lagebeurteilung, aber immer, wenn er gleich morgens die Nachrichten lesen würde, wäre wieder nur von der Inzidenz die Rede.

Kommentar Markus Lanz: „Das heißt, der Flickenteppich, das Sprachenwirrwarr geht weiter.“ Es gelten also nach wie vor nicht die gleichen Leitplanken, was wiederum zu weiteren Verwirrungen führt.

Auch möchte Gysi den Begriff „boostern“ ins Deutsche übersetzt haben – die Runde einigt sich auf „Auffrischungsimpfung“. Kommentar Markus Lanz: „Dass Sie als Linker ein Problem mit Anglizismen haben, verstehe ich.“

Nach dieser neckischen Aufwärmphase wird es doch ernster. Gysi möchte endlich weg davon, dort zu dramatisieren, wo es nicht nötig ist: „Deshalb braucht man permanent die Informationen.“

Der Politiker wird von Lanz gefragt, ob er gegen eine Impfpflicht sei, was der erwartbar bestätigt. Vorher hatte Gregor Gysi in Richtung Streeck geäußert, dass er dessen Aussagen entnehme, dass auch Streeck gegen die Impfpflicht sei.

Hier der besondere Gysi-Moment im Originalton:

„Du müsstest dann ja eine Pflicht machen alle vier Monate oder so. Das Zweite ist: Ich weiß nicht, wie viele Nichtgeimpfte wir haben.“

Gysi fragt Richtung Ministerin Prien: „Wissen Sie das, die Zahl?“

Aber er antwortet sich selbst mit Fingerzeig auf den Virologen Streeck: „Wir haben vorhin errechnet, vierzehn bis fünfzehn Millionen oder so. Manche sagen zwanzig Millionen.“

Kommentar Katrin Priem: „Genau.“

Wieder der Linkspolitiker: „Ja, wie viele Ordnungsämter wollen Sie denn beschäftigen? Also sagen wir mal, du führst die Pflicht ein. Dann sagen fünf Millionen: Na schön, dann gehe ich mich jetzt impfen. Und die anderen nicht. Wenn es eine Pflicht ist, brauchst du eine Sanktion. Sonst ist es ja freiwillig. Also musst du Bußgelder machen. Jetzt sagt unser Bundesgesundheitsminister: Ja, er will die Pflicht, er will auch Bußgelder, aber er will kein Gefängnis.“

Und der Jurist Gregor Gysi weiter Richtung Lauterbach: „Da irrt er sich juristisch. Denn wenn ein Bußgeld nicht eingetrieben, also nicht bezahlt wird, muss es in Ordnungshaft umgewandelt werden. Du bleibst zahlungspflichtig.“

Gysi spinnt den Faden weiter:

„Wenn du wieder raus bist aus deiner Beugehaft, musst du zahlen. Wenn du nicht zahlst, kommst du wieder in Beugehaft. Also ich kann nur sagen, das funktioniert nicht. Und wie viele Ordnungsämter brauchen wir denn (lacht) für fünfzehn Millionen oder so?“

Gysis Fazit:

„Etwas, was man nicht leisten kann, soll man auch nicht machen. Außerdem bin ich sowieso dagegen. Und da will ich Ihnen auch eine Begründung sagen: Was mich so nachdenklich macht, ist etwas ganz anders. Dreißig Prozent unserer Bevölkerung haben jedes Vertrauen zur etablierten Politik von der CSU bis zur Linken – einschließlich der Linken! – verloren. Verloren, dreißig Prozent! Die AfD-Wählerinnen und Wähler zähle ich mit dazu und die anderen auch. Das macht mich so nachdenklich. Wir müssen einen Weg finden, Vertrauen wieder herzustellen. Es ist zum Teil die falsche Sprache. Es ist zum Teil die Angabe falscher Beweggründe. Es ist zum Teil eine gewisse Unehrlichkeit. Dann reichen auch diese Maskenaffären und so etwas aus, um das Ganze noch zu verschlimmern. Die Leute sind so misstrauisch geworden. Und ein Mangel besteht darin, dass uns Politikern und Politikerinnen die Nichtwählerinnen und Nichtwähler nicht interessieren. (Lächelt spitzbübisch) Weil ja nur die Wählerinnen und Wähler darüber entscheiden, wie die Sitze verteilt werden.“

Und da beginnt dann besagter Augenblick, wo Lanz als Quotenjäger seiner eigenen Sendung instinktiv den großen Moment erahnt, gerade eine Gysi-Kommentarperle gehört zu haben.

Lanz: „Was ist das mal für ein großartiger ehrlicher Satz! Das ist doch mal ein sehr ehrlicher Moment.“

Gysi trocken: „Ja.“ Und er fühlt sich aufgefordert, laut zu Ende zu denken:

„Da rede ich mit CDU-Leuten, da rede ich mit FDP-Leuten, SPD-Leuten, mit Grünen, und sage: Es muss uns mehr einfallen! Und wir müssen mal an uns selbst appellieren. Verständliche Sprache? War ich immer dafür. Aber das mit den Beweggründen, ich kann’s Ihnen sagen, wie es läuft: Es wird eine Entscheidung getroffen. Und der nächste Tagesordnungspunkt lautet: Wie verkaufen wir es an die Bevölkerung? Das heißt, du nennst nicht mehr deine wirklichen Beweggründe, sondern solche, von denen du meinst, (dass) die Mehrheit der Bevölkerung sie am ehesten trägt. Dafür hat die aber einen Instinkt, die Bevölkerung. Nicht in jedem Einzelfall, aber sie hat einen Instinkt.“

Einwurf von Moderator Lanz: „Total.“

Weiter Gysi: „Das müssen wir ändern. Wir müssen gründlich über uns nachdenken.“

Wieder Lanz, aufgeregt: „Jetzt machen Sie ein richtiges Fass auf …“

Gysi noch immer unbeirrt: „Herr Lanz, ich sag Ihnen nur: Fünf Prozent in der Bevölkerung, die gar nicht mitgehen, das ist immer. Aber dreißig ist zu viel.“

Lanz: „Finde ich auch.“

Und an die Journalistin des Netzwerkes gewandt: „Frau Quadbeck, da stellt jetzt gerade einer die Systemfrage.“

Und Eva Quadbeck sagt dann einen Satz, der hier am Ende der Wiedergabe eines denkwürdigen Talkshow-Moments stehen soll. Auch deshalb, weil die Journalistin eine Forderung an die Politik stellt, als wäre die Lanz-Sendung in dem Augenblick zu einer Art Bekenntnis-Stuhlkreis mutiert, nur weil Gregor Gysi so offenherzig über die Verwerfungen etablierter Politik gesprochen hat.

Eva Quadbeck:

„Politiker könnten zum Beispiel damit anfangen, dass, wenn sie Sachlagen darstellen, beide Seiten schildern und nicht nur die Argumente, die auf ihre politische Linie einzahlt.“

Nun ja, sie könnten auch nach einem viertelstündigen Hornsignal im Plenum ihren politischen Gegenüber in den Arm nehmen und kuscheln, werden sie aber nicht tun. Die Journalistin der Altmedien auf der Suche nach der eigenen Aufgabe – hier agierend als Politiktherapeutin.

Die Kritik an der Rolle der Medien in der Pandemie steckt noch im Köcher. Man darf also gespannt sein, wer hier in einer der kommenden Sendungen bei Markus Lanz nach Gregor Gysis so erfrischendem Ausbruch den Bogen in Richtung Altmedien spannt und den Pfeil einfach mal fliegen lässt.

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine.

Alexander Wallasch ist gebürtiger Braunschweiger. Er schrieb schon früh und regelmäßig Kolumnen für Szene-Magazine. Wallasch war 14 Jahre als Texter für eine Agentur für Automotive tätig – zuletzt u. a. als Cheftexter für ein Volkswagen-Magazin. Über „Deutscher Sohn“, den Afghanistan-Heimkehrerroman von Alexander Wallasch (mit Ingo Niermann), schrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „Das Ergebnis ist eine streng gefügte Prosa, die das kosmopolitische Erbe der Klassik neu durchdenkt. Ein glasklarer Antihysterisierungsroman, unterwegs im deutschen Verdrängten.“ Seit August ist Wallasch Mitglied im „Team Reitschuster“.

Bild: Screenshot Video
Text: wal

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