Von Kai Rebmann
Das Stadtbild hat sich auch in Berlin-Friedrichshain massiv verändert und ist für viele der Schon-länger-hier-Lebenden kaum wieder zu erkennen. Auch wenn der Bezirk bis weit über die Grenzen der Hauptstadt hinaus seit jeher als Problemviertel bekannt ist, sprengen die Zustände, die seit einigen Monaten an und um die Jane-Goodall-Grundschule (!) handeln sollen, die Ketten jeder Vorstellungskraft. Die Schulleitung wusste sich zuletzt nicht mehr anders zu helfen und wandte sich mit gleich mehreren Hilferufen an die Öffentlichkeit, in verschiedenen Brandbriefen ist unter anderem von einem „Klima der Angst“ und einer „Gewaltspirale“ die Rede.
Dabei hatte alles ganz harmlos angefangen und zwar mit einer vermeintlich guten Idee – ausgebrütet von den Grünen. Doch das Gegenteil von „gut gedacht“ ist allgemein bekannt und so war und ist es jetzt auch bei der sogenannten „Schulzone“ in Friedrichshain. Autos sind dort seit Beginn des laufenden Schuljahres tabu, stattdessen zieren jetzt Grünzeug, Tischtennisplatten und Poller das Straßenbild. Kurz gesagt, die Straße vor der Grundschule wurde, wohl unbeabsichtigt, zur inoffiziellen Erweiterung des Pausenhofs – und fernab des regulären Schulbetriebs zum Treffpunkt höchst zwielichtiger Gestalten.
Martita Fabeck klagt in der B.Z.: „Die Grünen haben die Straße gesperrt und ein paar Pflanzenkübel hingestellt. Für die Pflege des Grüns gibt es aber keine Mittel. Alles sieht verwahrlost aus.“ Doch damit spricht die CDU-Bezirksabgeordnete nur eines der kleinsten Probleme im Zusammenhang mit der von Anfang an hochumstrittenen Maßnahme zur Verkehrsberuhigung an.
Behörden sprechen von „Einzelfällen“
Deutlicher wird die Schulleitung in einem Brandbrief, der seit einigen Tagen in der Nachbarschaft kursiert. „In jüngster Zeit hören wir verstärkt von Auseinandersetzungen unserer Schüler miteinander und mit Passanten in der Schulzone“, heißt es da unter anderem. Weiter ist von Mobbing, Schlägereien, Einschüchterungen, Vandalismus sowie Drogen- und Gewaltexzessen die Rede – und von einem Kontrollverlust, der schon sehr viel von einer Kapitulationserklärung hat: „Die Schulzone ist ein öffentlicher Raum und nicht Teil des Schulgeländes.“
Heißt: Diejenigen, die den Anwohnern die Suppe eingebrockt haben, sollen sie jetzt gefälligst auch auslöffeln. Bei der Bildungsverwaltung sind zwar sowohl der Brandbrief als auch die darin geschilderten Zustände bekannt, von einem echten Problem will man aber dennoch nichts wissen. Zu Spannungen zwischen Schülern und Anwohnern der Grundschule komme es nur „vereinzelt“, wie es in einem Schreiben heißt.
Da waren sie also wieder – die „Einzelfälle“, hinter der sich die Politik schon seit Jahren immer wieder versteckt, wenn sie keine Antworten auf von ihr selbst beschworene Fragen mehr liefern kann. Alles halb so wild, so jedenfalls der beschwichtigende Tenor, der sich für der Betroffenen wie blanker Hohn anhören muss. Und wer etwas Anderes behauptet, der muss mit weitreichenden Konsequenzen rechnen.
Politik aus dem Elfenbeinturm versagt im Alltag der Bürger
Im Übrigen sei die Schulverwaltung in die Einrichtung der Schulzone „jederzeit eingebunden“ gewesen, wie es weiter heißt. Wieder so ein Kunstgriff in die rhetorische Trickkiste. Denn nur weil jemand „eingebunden“ war, heißt das nicht notwendigerweise, dass derjenige auch ein Mitspracherecht gehabt hätte. In den meisten Fällen bedeutet eine solche Formulierung übersetzt, dass – in diesem Fall die Schule – über das Projekt informiert und über den jeweils aktuellen Stand auf dem Laufenden gehalten wurde.
CDU-Politikerin Fabeck findet es „traurig“, dass niemand die Verantwortung für die Zustände rund um die Jane-Goodall-Grundschule in Berlin-Friedrichshain übernehmen will. Richtig wütend macht sie aber, dass deshalb wieder einmal alles an den Nachbarn hängen zu bleiben droht: „Es ist nicht die Aufgabe der Bürger, sich um die Kinder zu kümmern. Anwohner sind keine Erziehungsberechtigten.“
Ob diese Worte irgendwo an relevanter Stelle Gehör finden werden? Wohl eher nicht! Denn es scheint wie so oft: die Verantwortlichen schicken ihre Kinder auf wohlbehütete Schulen und wohnen nicht selten in noch behüteteren Vierteln – und überlassen das Ausbaden der Folgen der eigenen Politik lieber anderen.
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Kai Rebmann ist Publizist und Verleger. Er leitet einen Verlag und betreibt einen eigenen Blog.
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