„Halt die Fresse“ – und Palmer ist am Ende der Böse Wenn Lehrer Schwarzfahrer schützen und nicht das Recht

Der Einstieg klingt nach Satire, ist aber Realität: Ein Oberbürgermeister sieht in einem Regionalzug einen Jugendlichen, der ohne 1.-Klasse-Fahrschein in der 1. Klasse Platz nimmt. Er spricht ihn an – sachlich, ruhig. Der Jugendliche reagiert mit „Halt die Fresse“. Und was passiert? Die umstehenden Fahrgäste solidarisieren sich – mit dem Beleidiger. Nicht mit dem Beleidigten.

Der Mann, der sich als Leiter der Ortspolizeibehörde ausweist, wird gefilmt, konfrontiert, moralisch abgeurteilt. Nicht etwa für Gewalt oder Machtmissbrauch, sondern für den Versuch, ein Minimum an Regeln durchzusetzen. Und als Krönung sagt ihm eine Lehrerin, die sich einmischt, am Ende ins Gesicht: „Sie sind ein armes Opfer.“

Die Szene hat Boris Palmer öffentlich gemacht (siehe hier). Nicht im Stil eines Shitstorms, sondern als Diagnose: Was läuft hier schief? Warum kippen Situationen dieser Art immer öfter? Warum werden Täter zu Opfern – und Menschen, die Regeln vertreten, zu Problemfällen erklärt?

Die Umwertung der Werte – live im Zug

Was sich in dieser Szene abspielt, ist keine Ausnahme. Es ist die Miniatur einer Gesellschaft, in der Normen fragil geworden sind – und deren Durchsetzung als Angriff wahrgenommen wird. Der Regelbrecher wird zum Rebellen, der Ordnungshüter zum Aggressor. Das Muster ist bekannt aus der Schulpolitik, aus Migrationsdebatten, aus der Genderpädagogik: Wer Klarheit schafft, gilt als hart. Wer verwischt, als empathisch.

Die Eskalation folgt dabei einem fast klassischen Muster: Jemand begeht einen klaren Verstoß – in diesem Fall ein Schwarzfahrer mit frecher Ansage. Eine Autorität schreitet ein – ruhig, aber bestimmt. Unbeteiligte umstehende Personen übernehmen die Rolle der „moralischen Instanz“ – nicht zugunsten der Ordnung, sondern gegen sie. Die Situation kippt – und plötzlich steht der Durchsetzende unter Druck. Nachlesen können Sie die Details hier – auf Palmers Facebook-Seite.

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Dass eine Lehrerin hier aktiv Partei für den Jugendlichen ergreift und das Verhalten bagatellisiert, ist dabei mehr als nur eine Randnotiz. Sie symbolisiert den pädagogischen Werteverfall, den viele Eltern, Schüler – und Schüleropfer – seit Jahren beklagen: Die Regel wird zur Empfehlung, die Konsequenz zur Grausamkeit, die Autorität zur Zumutung.

Solidarität mit dem Störer – das neue Bekenntnis

Die Kommentare unter Palmers Posting sprechen Bände. Hunderte von Menschen schildern ähnliche Erlebnisse – in Zügen, Supermärkten, auf Straßen. Der gemeinsame Nenner: Wer sich wehrt, gilt als schwierig. Wer stört, wird gedeckt. Zivilcourage heißt heute oft: Parteinahme für die gefühlte Schwäche – nicht für die faktische Ordnung.

Und dann ist da noch die ideologische Überhöhung mit sozialistischem Moralen: „Welche Gesellschaft soll das abbilden, in der der Oberbürgermeister es sich nicht nehmen lässt, in der völlig kapitalmarktfähig gemachten (sprich kaputtgesparten) Bahn immer obszönere Klassengegensätze allerhöchstselbst gegen unbotmäßige Jugendliche durchzusetzen?“

So klingt es, wenn der Regelbruch zur Revolte verklärt wird – und der Hinweis auf ein gültiges Ticket zum Klassenkampf.

Das Ganze wäre fast amüsant, wenn es nicht so gefährlich wäre. Denn eine Gesellschaft, in der Recht nicht mehr verteidigt, sondern relativiert wird, erodiert schleichend. Nicht durch einen Staatsstreich, nicht durch äußere Feinde – sondern durch eine moralische Umdeutung des Selbstverständlichen.

Und der Reflex ist bekannt: Man will „deeskalieren“, nicht „eskalieren“. Man will nicht „härter werden“, sondern „verständnisvoll“. Doch wie soll eine Gesellschaft funktionieren, in der das korrekte Verhalten am Ende den größeren Rechtfertigungsdruck auslöst als der offensichtliche Regelbruch?

Was viele nicht aussprechen, aber viele mitfühlen: Der Vertrauensverlust in Autoritäten kommt nicht aus dem Nichts. Er ist das Echo auf Jahre staatlicher Selbstüberhöhung – die bei Corona besonders dramatisch und offensichtlich wurde. Als Palmer im Zug seinen Dienstausweis zeigte, wies er sich als Leiter der Ortspolizeibehörde aus – und genau da liegt der wunde Punkt: Polizei, Behörden, Kontrolle wurden in den letzten Jahren nicht mehr als Garanten für Ordnung erlebt, sondern als Werkzeuge moralisch aufgeladener, autoritärer und allzu oft auch brutaler Macht. Man denke an den Verbots-Wahnsinn zu Corona-Zeiten: Platzverweise auf Parkbänken, Polizeieinsätze gegen Kindergeburtstage, nächtliche Ausgangssperren, Prügel für Demonstranten.

Ich selbst habe früher zur Polizei aufgeschaut. Heute reagiere ich – oft ungewollt – mit Skepsis, wenn sie auftritt. Nicht, weil ich die Idee von Recht und Ordnung ablehne. Sondern weil ich erlebt habe, wie leicht sie im Namen des Guten in autoritäres Verhalten umkippen kann. Weil ich Prügel von der Polizei einstecken musste – ganz real, nicht metaphorisch. Und übrigens verbal auch von Palmer, wegen meiner Skepsis gegenüber dem Impf-Druck. Der Ex-Grüne ist da geradezu ein Sinnbild: Er war einst Teil des Apparats, der jede Maßnahme verteidigte, der übelst hetzte gegen Ungeimpfte, für deren Diskriminierung warb – und nun selbst als Zielscheibe dasteht, weil niemand mehr differenziert, wofür Autorität steht.

Ein Land im Beifall für den Falschen

Der Fall Palmer ist nicht bloß ein Streit im Zug. Er ist ein Gradmesser. Dafür, wie tief der psychologische Vertrauensverlust gegenüber Autoritäten sitzt – und wie sehr sich dieses Misstrauen inzwischen gegen jeden richtet, der Verantwortung übernimmt. Die Reaktionen sind da kein Beifang, sie sind das eigentliche Phänomen.

Ein Land, in dem Lehrkräfte Respektlosigkeit bagatellisieren, in dem Erwachsene Jugendlichen beim Regelbruch Beifall klatschen und in dem der Hinweis auf bestehende Gesetze als übergriffig gilt, ist kein liberaler Rechtsstaat mehr. Sondern ein schlingerndes Konstrukt auf dem Weg ins anything goes – alles ist erlaubt.

Das erklärt auch die Aversion gegen jede Form von Eingreifen. Der Staat hat sich – nicht nur bei Corona – eine Übergriffigkeit erlaubt, die tief ins Persönliche reichte: Erziehungsrechte, Meinungsgrenzen, Körperentscheidungen, Prügel. Wenn ein OB im Zug auftritt, lesen manche darin nicht den Bürger mit Verantwortung, sondern den verlängerten Arm eines Staates, der sie erzogen, gescholten oder ausgesperrt hat. Wer so geprägt ist, schlägt nicht nach dem Regelbrecher – sondern nach der Ordnung. Und besonders erschreckend: Menschlich kann ich das nach Corona sogar gut verstehen.

Das ist das eigentlich Tragische an dieser Szene: Sie zeigt nicht nur den moralischen Relativismus einer Lehrerin, sondern den staatlich verursachten Verlust an Autoritätsakzeptanz – ein Bumerang der Politik.

P.S.: Ich habe mich oft gefragt, warum heute so viele, vor allem auch junge Menschen allergisch auf Regeln reagieren. Und dann fiel mir auf: Ich selbst habe in den letzten Jahren gelernt, Autoritäten noch viel mehr zu misstrauen als früher – als ich dem Staat und der Macht mit gesunder Vorsicht begegnete, aber nicht mit grundsätzlicher Ablehnung. Es sind hier also nicht nur die Jugendlichen, die hier versagt haben – sondern ein Staat, der ihnen beigebracht hat, dass Macht nie neutral ist.

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