Kachelmann: Groß im Auftreten, klein im Denken Wenn Selbstüberschätzung auf Sprachversagen trifft

Von Thomas Rießinger.

Ich weiß, er ist nicht wichtig, aber er wäre es doch so gern

Im Oktober 2023 hatte ich mich bereits zu Jörg Kachelmann geäußert, als er über Tino Chrupalla in einem X-Post schrieb, er müsse „festhalten, dass das Land ethisch und gesellschaftlich gewonnen hätte, wäre er nicht geboren worden“ – womit er sowohl seinen eigenen kulturellen als auch seinen moralischen Status recht klar festgelegt hatte. Die Höhe seiner argumentativen Möglichkeiten hat er schon damals unter Beweis gestellt. Einer seiner Leser hielt ihm entgegen, nun zeige er sein wahres Gesicht und es sei eine Fratze, er finde es nun gut, „dass so ein Linksradikaler aus dem ÖRR verschwunden ist“, und Kachelmann wusste feinsinnig zu entgegnen: „Oh, ein rechtes Kartoffelwürstchen.“

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Man konnte also schon vor fast drei Jahren Einblicke in Kachelmanns politisches Denken und auch in sein moralisches Niveau gewinnen. Besser ist es seither nicht geworden, insbesondere in diesem April kann man ihn in kognitiver Höchstform erleben. In der „Märkischen Allgemeinen“ hat er sich beispielsweise für ein Ende der Osterfeuer ausgesprochen. Sein Argument war überaus überzeugend. „Solche Anlässe sind für viele Asthmatiker eine Katastrophe und geben Kindern einen schweren Rucksack auf den Lebensweg, wenn sie nicht auf der richtigen Seite des Feuers stehen – dass Menschen früher eine viel kürzere Lebenserwartung hatten, hat vor allem mit der Präsenz des offenen Feuers in früheren Jahrhunderten zu tun.“ Ja, wer kennt sie nicht, die Asthmatiker, die jedes Jahr voller Bangen dem Osterfest entgegensehen und nicht wissen, wie sie die zahlreichen Osterfeuer, vor denen man sich kaum retten kann, überleben sollen? Und wer hätte kein Mitleid mit all den Kindern, deren Lebensweg nachhaltig gestört wird, weil sie nicht auf der richtigen Seite des Feuers stehen? Dass man es „in früheren Jahrhunderten“ permanent mit offenem Feuer zu tun hatte und nicht nur an Ostern und auch das nur, wenn man sich freiwillig in die Nähe eines Osterfeuers begibt, scheint den Gedankenkünstler nicht zu stören.

Es geht ihm aber nicht nur um körperliche, sondern auch um geistige Gesundheit, und wer wäre zu ihrer Beurteilung besser geeignet als ein Jörg Kachelmann? Denn nur er hat erkannt, worum es hier wirklich geht: „Das Thema wird durch Rechtsextremisten politisch aufgeladen und plötzlich zu einer essenziellen Freiheit, die diese verdammten Grünen uns auch noch nehmen wollen.“ So geht das! Die Rechtsextremen haben das Thema „politisch aufgeladen“ und verwenden es als Waffe gegen die Grünen; darauf hätte man auch vorher kommen können. Wer einen Kurs im schlichten Denken braucht, sollte vielleicht Kontakt mit Kachelmann aufnehmen.

Verlassen wir nun das üble und rechtsextremistisch aufgeladene Thema der Osterfeuer und wenden uns einer anderen Frage zu, an der sich Kachelmann vor wenigen Tagen abgearbeitet hat: der Geschwindigkeit auf deutschen Autobahnen. Am 3. April schrieb er auf X

Während der User Siegmund Otter seine Auffassung recht zivilisiert und daher auch völlig zu Recht vorgetragen hat, geht Kachelmann in bewährter Manier wieder einmal aus sich heraus. Ein dummer deutscher Mann kann nur auf der Autobahn „ein Erfolgserlebnis und Überlegenheitsgefühl erleben“, „das er im RL nie erleben könnte.“ Mit RL meint er vermutlich real life oder reales Leben, vielleicht aber auch reines Liebesglück; wer kann das schon wissen in Anbetracht von Kachelmanns kultureller Kompetenz? Und er begründet seine Äußerung in seiner sehr eigenen Logik: „Weil im direkten Gespräch ohne das Vorzeigen der Autowaffe alle sofort wüssten: Oh, ist nur ein dummer deutscher Mann.“ 

Selbst unter Grünen muss man wohl lange suchen, um ein derartiges Niveau vorzufinden, das macht ihm so schnell kaum einer nach. Selbstverständlich folgten die Antworten auf dem Fuße. Am 4. April konnte man die naheliegende Antwort bewundern:

Und das kaum Mögliche geschah: Kachelmann hat sich selbst unterboten, das ist beeindruckend: „Sie sind zu dumm, deutsch und rechts für diesen Dialog“. Mehr fiel ihm nicht ein, mehr war ihm wohl nicht möglich. Und das auch bei anderen  Einwänden, mindestens sechsmal war die gleiche Antwort zu finden; Kachelmanns rhetorische Phantasie scheint recht überschaubar zu sein. Das ist ihm wohl auch aufgefallen, aber er machte flugs eine Tugend daraus: „Für dummdeutsche und dreckige rechte SchmierlappInnen reicht das ganz kleine rhetorische Besteck.“ Vor allem dann, wenn man kein anderes hat

Dass er sich über die Rechtschreibfehler in manchen Kommentaren echauffiert und sie selbstverständlich auf die Dummheit seiner Gegner zurückführt, war allerdings keine ganz so gute Idee, denn was soll man denn angesichts der folgenden Kachelmann-Äußerung über die Intelligenz ihres Autors denken?

Schon der Satz „Es macht auch mehr dumm“ ist keine stilistische Großtat, er liegt auf dem gleichen sprachlichen Niveau wie „Ich bin mehr groß als du“. Aber „Schnell fahren nicht nur mehr tot“ ist eine Klasse für sich; ich verweise hier nur auf Kachelmanns eigene Reaktion im Hinblick auf sprachliche Unzulänglichkeiten.

2023 hatte ich über Kachelmann noch geschrieben: „Egal was er sagt, ob er über das Wetter spricht, über die Politik oder Fußball, egal wo er es sagt, ob mündlich, ob in der Zeitung oder bei Twitter – ignorieren wir ihn, nehmen wir ihm das Publikum.“ Das hat nicht funktioniert, sein Publikum hat er noch. Seine Freunde darf ich an das erinnern, was Hegel vor langer Zeit und sehr zu Unrecht über den schottischen Philosophen David Hume schrieb: „Tiefer kann man im Denken nicht herunterkommen.“

In Bezug auf Hume war das falsch. 

Bei anderen, die sich für begabte Denker halten, mag es stimmen. 

Der Autor:

Thomas Rießinger ist promovierter Mathematiker und ehemaliger Professor für Mathematik und Informatik. Er publiziert Fachbücher, philosophische Aufsätze und Beiträge zur Unterhaltungsmathematik.

Bild: Symbolbild/KI/Grok