Kinderimpfung: Vorsitzender der Impfkommission kritisiert Politik Professor sieht sich genötigt, an Kindeswohl zu erinnern

Ein Gastbeitrag von Ulrike Stockmann

Ein bemerkenswertes Interview wurde kürzlich im Deutschlandfunk gesendet. Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (STIKO) Thomas Mertens erhebt darin deutliche Kritik gegenüber der geplanten Impfung von Kindern und Jugendlichen, wie sie derzeit von der Politik gefordert wird.

„Ein Weg zu regulärem Unterricht nach den Sommerferien ist das Impfen der Jugendlichen“, hatte etwa Jens Spahn kürzlich verkündet. Und möchte Impfdosen der Hersteller BioNTech und Pfizer für Kinder ab 12 Jahren reservieren. Er sprach in diesem Zusammenhang von einem „Impfangebot“, das man Schülern bis Ende August machen wolle. Die Unverbindlichkeit des Wortes „Angebot“ dürfte mit Vorsicht zu genießen sein, wenn man bedenkt, dass Spahn „regulären Unterricht“ offenbar vom Impfen abhängig macht. Ins selbe Horn stößt Bildungsministerin Anja Karliczek, die einen „Impffahrplan für die Kinder und Jugendlichen ab zwölf Jahren“ fordert. Auch sie knüpft daran den regulären Schulbeginn nach den Sommerferien. Immerhin ist sie in ihrer Sprache so eindeutig, nicht von „Angebot“, sondern gleich von „Fahrplan“ zu reden.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, ist schon einen Schritt weiter. Er erklärte bereits vor anderthalb Wochen, dass er „Impfaktionen an Schulen“ befürworte und sich wohl demnächst Fragen ergäben, wie: „Was passiert, wenn Eltern nicht wünschen, dass ihr Kind von einem ungeimpften Lehrer unterrichtet wird? Dürfen ungeimpfte Schüler mit auf Klassenfahrt und in die Theatergruppe? Kann ich Geimpften das Tragen einer Maske abverlangen?“

'Ziel muss ja das Wohlergehen der Kinder sein'

Mitten in diesem Diskurs äußert sich nun also Thomas Mertens freundlich, aber bestimmt. Der emeritierte Professor für Virologie wird vom eifrigen Deutschlandfunk-Moderator Peter Sawicki gefragt, inwiefern denn die Forderungen der Politiker realistisch seien. Daraufhin gibt Mertens dem Gespräch erstmal eine ganz andere Wendung: „Wir müssen daran denken, dass das Wichtigste, wenn wir jetzt eine generelle Kinderimpfung starten wollen, das Wohl der Kinder (ist). Daran muss erinnert werden.“ Traurig, aber wahr. Wenigstens erinnert uns Mertens daran, wenn alle anderen es vergessen. Er führt weiter aus:

„Das bedeutet, dass zunächst geklärt werden muss, inwieweit es eine medizinische Begründung für diese Impfung gibt. Oder anders gesagt: Es muss zunächst genau geklärt werden, wie dringend die Kinder die Impfung tatsächlich brauchen zu ihrem eigenen Gesundheitsschutz. Denn das Ziel muss ja der Schutz und das Wohlergehen der Kinder sein.“

Ein fast schon unerhörter Standpunkt in Zeiten, in denen dem Einzelnen abverlangt wird, für die Gesundheit des anderen zuständig zu sein.

Die pragmatische Verknüpfung der Impfung mit der Möglichkeit der Schulöffnung, einer normalen Teilhabe am Leben oder einem Urlaub mit den Eltern nennt Thomas Mertens „sekundäre Argumente, die für sich alleine genommen keine ausreichende Begründung liefern, um jetzt alle Kinder zu impfen.“

Argumente in der zweiten Reihe

Der Moderator hält ihm prompt die Frage entgegen, ob die Kinder denn kein Recht auf Bildung hätten. Darauf Mertens:

„Da haben Sie mich missverstanden (…) Wir dürfen ja nicht vergessen: Bei der Impfung werden ja keine Bonbons verteilt, sondern da wird ja immerhin ein medizinischer Eingriff vorgenommen. Wenn sich zum Beispiel herausstellen sollte (…) dass die Kinder aus medizinischen Gründen eine Impfung nicht dringend als Einzelperson brauchen, dann kann man ja zum Beispiel andere Maßnahmen ergreifen.“

Wie zum Beispiel andere gängige Schutzmaßnahmen bei Öffnung der Schulen. Weiter führt er aus:

„Wie groß ist die Gefährdung der Kinder durch eine Infektion mit SARS-Cov2? (Die Beantwortung dieser Frage) ist die Voraussetzung, um eine Impfung aus kindlicher Indikation (…) zu begründen. Alles andere (…) sind erst Argumente in der zweiten Reihe. Meine Bitte ist, dass man die Dinge in der richtigen Reihenfolge abarbeitet (…) Die Öffnung der Schulen alleine ist sozusagen keine wirklich gute Begründung, um jetzt alle Kinder zu impfen.“

Auf Nachfrage des Moderators präzisiert er noch:

„Da geht es zunächst einmal um die Frage, wie häufig Kinder schwer an Covid-19 erkranken und es geht auch um die Frage, welche Spätfolgen es bei Kindern nach der Infektion tatsächlich gibt. Stichwort ‚Long Covid‘ (…) Diese Aufgabe wird im Moment gerade erfüllt. Ich kann ihnen das Ergebnis im Moment nicht sagen, aber wir glauben, dass wir dieses Ergebnis in den nächsten 10 bis 14 Tagen auf jeden Fall haben werden.“

Nicht alles so einfach wie in den Medien dargestellt

Auf weitere Nachfrage des Moderators, in welche Richtung die Erkenntnisse denn bislang gingen, scheint Mertens etwas ins Schwimmen zu kommen:

„(…) Diese Analyse ist einfach derzeit nicht abgeschlossen, deswegen muss ich an dem Punkt noch um etwas Geduld bitten.“

Der versierte Moderator scheint dies nicht gelten lassen zu wollen und fragt als Nächstes, wann man denn mit einer Freigabe des Impfstoffes Biontech für Kinder und Jugendliche rechnen könne. Die Frage nach dem „Ob“ scheint für den Interviewer vernachlässigbar zu sein.

Mertens nimmt nun auf die Zulassungsstudie zum Biontech-Impfstoff Bezug. Das Positive sei, dass der Impfstoff offenbar auch bei Kindern wirksam sei. Aber:

„Ein gewisses Problem ergibt sich aus der Tatsache, dass in dieser Zulassungsstudie ja insgesamt nur etwa 1.100 Kinder geimpft worden sind. Da ist nichts Auffälliges an Sicherheitsbedenklichem aufgetreten, aber mit einer Zulassungs-Studie von 1.100 Kindern sind die Aussagen bezüglich der Sicherheit des Impfstoffes in dieser Altersgruppe natürlich limitiert. Das wissen ja im Grunde alle Menschen mittlerweile aus der Zulassungsstudie für Erwachsene, wo ja mehr als 20.000 Erwachsene geimpft worden sind. Ich will damit sagen: Es ist nicht alles so einfach, wie es manchmal auch in den Medien oder in der Presse dargestellt wird.“

Verknüpfung der Schulöffnung mit Impfung nicht tragbar

Mertens wird nun gefragt, was das für die Empfehlung der STIKO bedeute:

„(…) Es ist ja zunächst mal nicht Aufgabe der STIKO, Dinge, die in der Politik geäußert werden, unbedingt sofort nachzuvollziehen oder zu bestätigen, sondern wir als Expertengremium (müssen) zu einer Empfehlung kommen, die wirklich das beste Wohl der Kinder berücksichtigt.“

Der ungläubige Moderator fragt, ob die STIKO denn etwa gegebenenfalls die Empfehlung des Impfstoffes verweigern würde?

Mertens seufzt und fühlt sich hörbar unwohl, als er antwortet:

„Das ist jedenfalls zum derzeitigen Zeitpunkt nicht auszuschließen.“

Er erinnert daran, dass die STIKO schließlich keine Expertengruppe sei, die Meinungen äußere, sondern es darum ginge, wissenschaftliche Erkenntnisse zu sammeln und auszuwerten. Und etwas kleinlaut fügt er hinzu: „Es kann sein, dass die STIKO den Vorstellungen der Politik nicht in allen Punkten nachkommen kann, weil eben die Ergebnisse das unter Umständen nicht hergeben.“

Eigentlich auch eine Selbstverständlichkeit. Und doch scheinen diese Worte dem Vorsitzenden der Ständigen Impfkommission nicht leicht über die Lippen zu kommen. Für den Moderator scheint eine Verweigerung seitens Mertens jedenfalls unvorstellbar. Denn er fragt ungerührt, ob dieser denn, wenn Biontech für Kinder zugelassen ist, eine Reservierung dieses Impfstoffes für Kinder befürworten würde.

Mertens klingt dementsprechend zermürbt, als er antwortet, dass dies unter Voraussetzung einer Freigabe möglicherweise eine Zeit lang Sinn mache, um den Kindern ein normales Leben zu ermöglichen. Er insistiert jedoch wiederholt:

„Ich glaube, dass die Verknüpfung der Schulöffnung mit der Impfung ein augenscheinliches, aber nicht tragfähiges Argument (ist) (…) Ich bitte um solide Argumentation an diesem Punkt.“

Das komplette Deutschlandfunk-Interview können Sie hier hören und hier lesen.

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Ulrike Stockmann, geb. 1991, studierte Kulturwissenschaften sowie Vergleichende Literatur- und Kunstwissenschaft. Sie arbeitet als freie Autorin und Redakteurin in ihrer Heimatstadt Berlin, hauptsächlich für die Achse des Guten sowie die Jüdische Rundschau. Dieser Beitrag erschien zuerst auf der Achse des Guten. Die zeigte bisher immer, wenn ich angegriffen wurde, vorbildliche Solidarität. Dafür danke ich den Kollegen herzlich.

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Dieser Beitrag erschien zuerst auf Achgut.com
Bild: Shutterstock
Text: Gast
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