Merz verheddert sich beim politischen Aschermittwoch Peinliche Patzer in Serie

Ein Gastbeitrag Von Thomas Rießinger

Der Mann ist keine längere Beschäftigung wert, deshalb versuche ich, mich kurz zu fassen.

Friedrich Merz hat am 18. Februar eine Rede zum politischen Aschemittwoch gehalten. Das kann man ihm nicht vorwerfen, denn Derartiges gehört zum Geschäft und wurde auch schon von anderen, ungleich begabteren Mitgliedern der politischen Klasse in Angriff genommen. Der politische Inhalt seiner Rede ist ohne Belang, wie immer hat er sich im Areal von Anmaßung, leerem Gerede und gelegentlicher Erkenntnis getummelt. Allen Ernstes hat er beispielsweise, ab Minute 9, die Frage gestellt: „Und was machen wir? Mit unserem Modell des Wohlstands, der Demokratie, der offenen, der freiheitlichen Gesellschaft?“ Nun ja, „wir“, also er und seinesgleichen machen nichts Anderes als all das nach Kräften zu ruinieren, aber diese Antwort hat er nicht gegeben. Und er hat sich auch nicht davor gescheut sich als Verteidiger der Freiheit aufzuführen, wie man kurz vor der Minute 16 hören kann, und „der Verteidigung unserer Freiheit nach innen“ das Wort zu reden. Merz – der treue Paladin von Ursula von der Leyen und der gehorsame Knecht seines Vizekanzlers Klingbeil, der Freund von Kontrolle und Zensur, wagt es, von Freiheit zu sprechen. Das ist Anmaßung in Reinkultur.

Immerhin, der eine oder andere vernünftige Satz war ebenfalls zu vernehmen. Die Energiewende, wenn wir sie jetzt nicht korrigieren, bringt uns um“, teilte er dem geneigten Publikum mit, und ich werde ihm da nicht widersprechen. Doch wir haben es schon zu oft erlebt, dass Merz Anflüge von Vernunft verspürt und dann, kaum dass man einmal nicht hinsieht, alles, aber auch alles wieder zurücknimmt und ins Gegenteil verkehrt, sobald Brüssel, die SPD oder die notorischen Talkshow-Plauderer ihren Unwillen bekunden. Ernst nehmen kann man das nicht.

Aber jenseits des seichten politischen Inhalts hat er in seiner Rede Bemerkenswertes geleistet. Er wisse, so sagt er ab Minute 1:45, die Lebensart und die Lebensfreude im Südwesten zu schätzen, „und in diesen dunklen Tagen geht bei Ihnen die Sonne auch wieder etwas später unter als im Osten. Und das zeigt, es wird langsam wieder heller“. Dass die Sonne im Westen später untergeht als im Osten, liegt allerdings nicht an den „dunklen Tagen“: das ist immer so. Dafür geht sie jedoch auch etwas später auf, das gleicht sich aus. Warum daraus aber folgen soll, dass es langsam wieder heller wird, erschließt sich nicht unmittelbar, denn das liegt nicht an Osten oder Westen, sondern gilt für die gesamte nördliche Hemisphäre. Man nennt es den herannahenden Frühling.

Verlassen wir den Bereich der Geographie und wenden uns einem anderen Wissensgebiet zu. Um wieder einmal den Außenpolitiker geben zu können, verkündet Merz ab Minute 6:30: „Der Krieg in der Ukraine dauert jetzt in wenigen Tagen vier Jahre. Der dauert jetzt schon länger als der zweite Weltkrieg.“ Das hat mich beeindruckt. Es stimmt, der Krieg in der Ukraine wird in wenigen Tagen schon seit vier Jahren geführt. Dagegen begann der zweite Weltkrieg am 1. September 1939 und endete in Europa am 8. Mai 1945 mit der deutschen Kapitulation. In Asien, im Pazifik zog er sich noch einige Monate hin, bis dann am 2. September 1945 die Kapitulation Japans unterzeichnet wurde. Das waren sechs Jahre. Zählt man nur den europäischen Kriegsschauplatz, so verbleiben immer noch fünf Jahre, acht Monate und ein paar Tage. Und der Ukrainekrieg dauert nun schon länger als der zweite Weltkrieg. Entweder Merz weiß nicht, wann der zweite Weltkrieg stattfand, oder er weiß nicht, dass vier Jahre weniger sind als sechs Jahre. Beides spricht Bände.

Von ähnlicher Qualität ist eine weitere rhetorische Meisterleistung des Kanzlers. „Wir haben eine Geschichte“, erklärt er dem staunenden Publikum ab Minute 20:30. „Und diese Geschichte ist, bleibt immer auch – nicht nur, aber auch – geprägt und belastet durch eine dunkle Zeit von 13 Jahren nationalsozialistischer Gewaltherrschaft.“ Dass die Zeit dunkel war, will ich keineswegs in Frage stellen. Aber 13 Jahre lang hat sie nicht gedauert. Sie begann mit der Machtergreifung Hitlers am 30. Januar 1933 und endete mit der schon erwähnten Kapitulation am 8. Mai 1945. Das sind 12 Jahre, drei Monate und ein paar Tage. Aber keine 13 Jahre, nicht einmal, wenn man rundet. Entweder Merz weiß nicht, wie lange das Nazireich überdauert hat, oder er weiß nicht, dass 12 Jahre und drei Monate keine 13 Jahre sind.

Friedrich Merz ist deutscher Bundeskanzler. Das politische Handwerk beherrscht er nicht. Von Wirtschaft versteht der Blackrockianer auch nichts oder darf nichts davon verstehen, weil Lars Klingbeil und Ursula von der Leyen ihm die Hand führen.
Und zählen kann er auch nicht.

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Thomas Rießinger ist promovierter Mathematiker und war Professor für Mathematik und Informatik an der Fachhochschule Frankfurt am Main. Neben einigen Fachbüchern über Mathematik hat er auch Aufsätze zur Philosophie und Geschichte sowie ein Buch zur Unterhaltungsmathematik publiziert.

Bild: Screenshot Youtube

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