Neuer Bericht des Paul-Ehrlich-Instituts: 31.149 Fälle von Impfnebenwirkungen Irritierende Informationslücken

Ein Gastbeitrag von Gregor Amelung

Am Freitag, den 9. April ist der nunmehr 9. Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) zu den Corona-Impfungen veröffentlicht worden. Damit hat sich die Distanz zwischen den Daten im Bericht und dem Veröffentlichungsdatum auf 7 Tage verkürzt. Zuvor waren es ganze 11 Tage gewesen, was den 8. Sicherheitsbericht nicht gerade aktuell erscheinen ließ.

Aber während die Medien das RKI immer wieder dazu ermahnen, die Corona-Fallzahlen möglichst aktuell anzugeben, interessiert sich für die Nicht-Aktualität der PEI-Berichte so gut wie niemand. Genauso wenig muss das Institut wohl fürchten, dafür medial kritisiert zu werden, dass es einzelne Nebenwirkungen nicht mehr separat ausweist. So konnte man in den Berichten bis zum 18. Februar noch detailliert lesen, wie viele Fälle von Gesichtslähmungen (Fazialisparese) im Zusammenhang mit den einzelnen Impfstoffen aufgetreten waren. Im nächsten Sicherheitsbericht vom 4. März verschwand diese Aufschlüsselung nach Herstellern und im darauffolgenden Bericht verschwand dann der Punkt Gesichtslähmungen ganz.

Große Informationslücken bei den Kerndaten

Der 9. Sicherheitsbericht umfasst alle Meldungen vom Beginn der Impfkampagne Ende Dezember 2020 bis zum Karfreitag den 2. April 2021. Hier die Kerndaten:

Es ist unverständlich, dass ausgerechnet bei den Todesfällen in fast 15 Prozent der Fälle (14,7 Prozent) die Herstellerangaben zum Impfstoff fehlen. Ähnlich sah es bereits in den beiden Berichten zuvor aus. So fehlte im 8. Sicherheitsbericht bei 16,2 Prozent der Toten diese Information. Im Bericht davor waren es 18,2 Prozent. Das irritiert vor allem deswegen, weil diese Informationslücke bei der Gesamtzahl der gemeldeten Nebenwirkungen (1,4 Prozent) und den »schwerwiegenden« (3,5 Prozent) deutlich kleiner ist.

407 Tote oder 436 Tote oder was-denn-jetzt?

Überraschend ist auch der folgende Satz auf Seite 8. Dort heißt es: »In 1,4 Prozent der Einzelfallmeldungen wurde ein tödlicher Ausgang berichtet …« Das Portal Corona-Blog.net hat sich mit der Prozentangabe näher auseinandergesetzt. Denn die Anzahl aller gemeldeten Nebenwirkungen, also 31.149 mal 1,4 Prozent, ergibt eben nicht 407 wie in der Tabelle oben, sondern satte 436. Und selbst wenn man hier von einer gerundeten Prozentzahl ausgeht und die kleinstmögliche wählt (1,35 Prozent) käme man immer noch auf 421 Tote.

»Entweder die “Experten“ beim PEI verschweigen etwas – oder sie können noch nicht einmal richtig runden«, so der Corona-Blog sarkastisch. Trotzdem ist es wohl am wahrscheinlichsten, dass man sich beim PEI einfach mal vertippt hat und eigentlich Folgendes hatte schreiben wollen: »In 1,3[06623005554] Prozent der Einzelfallmeldungen wurde ein tödlicher Ausgang berichtet.«

Wie »sicher« sind die einzelnen Impfstoffe denn nun wirklich?

Grundsätzlich kann man die COVID-19-Impfstoffe wohl durchaus als ”ziemlich sicher” oder ”angesichts der schnellen Entwicklung sicher” bezeichnen. Nicht aber pauschal als »sicher«, denn das versteht der medizinische Laie so, als wäre ihre Sicherheit vergleichbar mit der jährlichen Grippe-Schutz-Impfung oder einer Spritze gegen Tetanus. Und eben das sind sie nicht.

Denn über alle diese Vakzine hat das Paul-Ehrlich-Institut ebenfalls Buch geführt. Über 21 Jahre lang vom 1. Januar 2000 bis zum 31. Dezember 2020. Vergleicht man nun die Anzahl aller beim PEI gemeldeten Verdachtsfälle auf Impfnebenwirkungen (bei Erwachsenen ab 18 Jahren) mit den Meldungen zur Corona-Schutzimpfung, zeichnen sich die Unterschiede in puncto Sicherheit deutlich ab.


Und dabei waren bis zum Erfassungstag des PEI gerade einmal 40 Prozent der Impfdosen gespritzt worden, die man in den Jahren 2000 bis 2020 jährlich verimpft hatte.

Das Missverhältnis zur Vor-Corona-Zeit zeigt sich auch in den Daten der EMA (European Medicines Agency). Dort wurden von April 2020 bis Dezember 2020 im Monatsdurchschnitt rund 10.800 Meldungen zu »unerwünschten Nebenwirkungen« bei Arzneimitteln registriert. Im Januar 2021 schnellte die Zahl dann plötzlich nach oben auf über 27.000 und lag im Februar und März bei über 52.000, was dem Fünffachen von zuvor entspricht.

Vereinfacht könnte man auch sagen: Man kann sich mit Geld keine Zeit kaufen. Zeit, die bisher immer benötigt worden war, um aus einem vielversprechenden Impfstoffkandidaten einen »sicheren« Impfstoff zu machen. Nicht umsonst haben die derzeitigen Corona-Impfstoffe von der EMA lediglich eine »bedingte« Zulassung erhalten. »Über Spät- und Langzeitwirkungen, zum Beispiel in Bezug auf Autoimmunerkrankungen oder Unfruchtbarkeit, fehlen wegen der extrem übereilten Zulassungen … verwertbare Daten«, so Dr. Wolfgang Wodarg. Trotzdem werden die Corona-Impfstoffe landauf, landab als ähnlich »sicher« dargestellt wie die dem betroffenen Laien bisher bekannten Vakzine.

Und genau in diese Richtung arbeitet man auch beim PEI. So gibt man prominent auf Seite 1 an: »Die Melderate betrug für die drei Impfstoffe zusammen 2,2 pro 1.000 Impfdosen, für Meldungen über schwerwiegende Reaktionen 0,2 pro 1.000 Impfdosen …« Das ist insofern irreführend, als eine Corona-Schutzimpfung immer 2 Dosen beinhaltet, und ist deshalb für den einzelnen Impfling auch wenig aussagekräftig. Das PEI begründet seine Ausweisung der Nebenwirkungen pro Impfdosen indirekt so: »Eine Differenzierung der Verdachtsfallmeldungen in Bezug auf die Gabe der ersten oder zweiten Impfung ist nicht durchgängig möglich, da in den Berichten teilweise die Angabe hierzu fehlt.« Eine weitere unerfreuliche Informationslücke. Zumal das PEI die Meldeformulare selbst erstellt hat und in den vergangenen Monaten darauf hätte hinwirken können, dass die »Angaben« nicht mehr »fehlen«.

Fachleute gehen davon aus, dass bei dem Vektor-Impfstoff von AstraZeneca die Nebenwirkungen zumeist bei der ersten Impfdosis eintreten und bei den anderen beiden RNA-Impfstoffen bei der zweiten. Behilft man sich damit, kommt man für 1.000 geimpfte Personen auf folgende Quoten (zum Vergleich in der letzten Zeile die PEI-Quote pro 1.000 Impfdosen):

AstraZeneca als »schwarzes Schaf« verdeckt die Probleme der anderen

Das legt nahe, dass der Impfstoff von AstraZeneca eben nicht das “schwarze Schaf“ ist, das man nach den Fällen von Sinusvenenthrombosen für die unter 60-Jährigen aussortieren musste, sondern dass auch BioNTech und Moderna Probleme haben. Obwohl die mediale Berichterstattung fast den gegenteiligen Eindruck erweckt. Mit dem einen “schwarzen Schaf“ im Scheinwerferlicht erscheinen BioNTech und Moderna geradezu weiß wie Schnee.

Allerdings haben auch sie Probleme bei den »schwerwiegenden« Nebenwirkungen. Speziell zu BioNTech merkt der Corona-Blog an, dass mit diesem Vakzin bisher vor allem ältere Menschen geimpft worden seien. Deren Immunsystem produziert normalerweise eine schwächere Immunantwort als bei Jüngeren. Und eben deshalb kann man annehmen, dass die Rate der Nebenwirkungen bei BioNTech in Zukunft noch steigen wird.

Legt man die Quoten auf die Geimpften selbst um, kommt man zu folgendem Ergebnis:

Jeder 151., der mit Moderna geimpft wurde, klagte über Nebenwirkungen.
Bei jedem 1.606. wurden diese Nebenwirkungen als »schwerwiegend« klassifiziert.

Jeder 171., der mit AstraZeneca geimpft wurde, klagte über Nebenwirkungen.
Bei jedem 2.140. wurden diese Nebenwirkungen als »schwerwiegend« klassifiziert.

Jeder 335., der mit BioNTech geimpfte wurde, klagte über Nebenwirkungen.
Bei jedem 2.271. wurden diese Nebenwirkungen als »schwerwiegend« klassifiziert.

Was ist eine »schwerwiegende« Nebenwirkung?

Und unter »schwerwiegend« ist hier nicht ein bisschen Fieber, Kopfweh oder Unwohlsein zu verstehen, das auf die beabsichtigte »Impfreaktion«, also Immunreaktion des Körpers schließen lässt.

Wann aus einer vom Laien analog zum Medikamentenbeipackzettel genannten “Nebenwirkung“ ein offizieller »Verdachtsfall auf Nebenwirkungen und Impfkomplikationen« wird, beschreibt das PEI im Anhang seines Berichts unter Methodik: »Ärztinnen und Ärzte sind gesetzlich verpflichtet, Impfkomplikationen, d.h. gesundheitliche Beschwerden, die über das übliche Ausmaß einer Impfreaktion hinausgehen und nicht evident auf andere Ursachen zurückzuführen sind, namentlich dem zuständigen Gesundheitsamt zu melden …«

Die Betonung liegt hier auf »nicht evident auf andere Ursachen zurückzuführen.« Deshalb ist es irreführend, wenn in vielen Medien immer wieder betont wird, dass bei den gemeldeten »Verdachtsfällen« nur ein zeitlicher, aber kein kausaler Zusammenhang bestünde, er nicht belegt und / oder nicht nachgewiesen sei. Man stolpert nämlich nicht einfach mal so in die PEI-Statistik hinein, nur weil man sich nach dem Besuch im Impfzentrum und der anschließenden Bratwurst auf dem Parkplatz irgendwie mies gefühlt hat.

Und auch die »schwerwiegenden« Nebenwirkungen sind keine Peanuts. Per Definition versteht man unter ihnen »solche, die tödlich oder lebensbedrohend sind, eine stationäre Behandlung oder Verlängerung einer stationären Behandlung erforderlich machen, zu bleibender oder schwerwiegender Behinderung oder Invalidität führen oder sich in einer angeborenen Fehlbildung … bzw. einem Geburtsfehler äußern.«

Halbseitige Lähmung, Sprachverlust, Rettungshubschrauber, Not-OP

Ein plastisches Beispiel für eine »schwerwiegende Nebenwirkung« ist das Schicksal eines 54-Jährigen aus dem thüringischen Saale-Holzland-Kreis. Er wurde am 10. März mit AstraZeneca geimpft. In den Wochen danach verschlechterte sich sein Zustand: Halbseitige Lähmung, Sprachverlust, epileptische Krampfanfälle. Diagnose Sinusvenenthrombose. Flug mit dem Helikopter ins Uniklinikum. Not-OP. Inzwischen schwebt der Familienvater nicht mehr in Lebensgefahr. »Bestenfalls bleibe es bei einer halbseitigen Lähmung und einem vorläufigen Verlust der Sprache«, so die Thüringer Allgemeine am 9. April.

Am selben Tag erschien der hier besprochene 9. Sicherheitsbericht. Bei aller Kritik an seiner Semantik und den Informationslücken ist eines an den nun veröffentlichten Zahlen neu. Sie haben sich inzwischen stabilisiert. Zuvor waren die Schwankungen viel zu groß, um daraus irgendetwas für die Zukunft ableiten zu können. Hier die Veränderungen der Zahlen der Sicherheitsberichte 3 bis 9 und die der Impfdosen im selben Zeitraum:

Quelle: Paul-Ehrlich-Institut / de.statista.com

Zum zweiten Mal in Folge verläuft die Zunahme der verimpften Dosen mit der Zunahme aller Nebenwirkungen tendenziell parallel. Und auch die Zahl der »schwerwiegenden« Fälle scheint diesem Trend zu folgen. Insofern kann man nach den extremen Schwankungen zuvor von einer gewissen Belastbarkeit der Zahlen ausgehen. Und eben das lässt einen schüchternen Blick in die Glaskugel zu.

Blick in den September 2021 ...

Bis zum September hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn jedem Deutschen (ab 16 bzw. 18 Jahren) ein »Impfangebot« zugesagt, um so die Herdenimmunität zu erreichen.

Legt man dem nun die »Impfbereitschaft« in der Bevölkerung zugrunde, die laut verschiedener Erhebungen und Umfragen seit Januar in etwa stabil bei zwei Dritteln liegt, gebe es unter den 69,49 Millionen ”Impfkandidaten” (Einwohner in Deutschland ab dem 17. Lebensjahr Stand 31.12.2019) 46,32 Millionen »Impfwillige«. Würden sie alle Spahns »Impfangebot« annehmen, könnte man mit folgenden Zahlen bei den Nebenwirkungen im September 2021 rechnen:


Allerdings reichen 66 Prozent Impfbereitschaft wohl nicht aus. Zwar hatte man eine Zeit lang angenommen, dass man den Herdeneffekt beim Coronavirus bereits zwischen 60 und 70 Prozent erreichen würde. Momentan mehren sich allerdings die Stimmen aus der Wissenschaft, die davon sprechen, dass wohl eher 80 bis 90 Prozent notwendig seien.

Ließe sich der Durchschnitt, also 85 Prozent der potentiellen Impfkandidaten impfen, wären im September mit noch mehr Nebenwirkungen zu rechnen:

Angesichts dieser Zahlen, die natürlich keine exakte Hochrechnung sind, sondern lediglich eine Annäherung darstellen, fragt man sich, wo medizinische Größen wie Paul Ehrlich oder Robert Koch heute stehen würden. Auf der Seite der Bundeskanzlerin, des RKI-Präsidenten und von Christian Drosten, oder vielleicht doch eher auf der Seite des »Rentners« Sucharit Bhakdi und des »Verschwörungstheoretikers» Wolfgang Wodarg?

Nach einer solchen in den Raum gestellten Frage formuliert man als Autor üblicherweise dann noch ein kurzes Abschlusssätzchen wie etwa »Es bleibt abzuwarten« oder »Es bleibt spannend«. In diesem Fall wünscht man sich allerdings genau das Gegenteil. Langweilig soll’s werden. Langweilig und normal. Am besten so banal normal wie früher.

Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Und ich bin der Ansicht, dass gerade Beiträge von streitbaren Autoren für die Diskussion und die Demokratie besonders wertvoll sind. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen, und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.
 

Der Autor ist in der Medienbranche tätig und schreibt hier unter Pseudonym.

Bild: 
Text: Gast

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