Olympia-Attentat 1972: Wird die Gedenkfeier zur Farce? Opferfamilien und Israels Staatspräsident sagen Teilnahme ab

Von Kai Rebmann

Der 5. September 1972 ging als eine der schwärzesten Stunden in die Geschichte der Olympischen Spiele ein. Es war der Tag, an dem acht Kämpfer der palästinensischen Terroreinheit „Schwarzer September“ in das Olympische Dorf in München eingedrungen sind und mehrere Mitglieder der israelischen Delegation in ihre Gewalt gebracht haben. Die genauen Ursachen dafür, dass nach dem dramatisch gescheiterten Befreiungsversuch in der Nacht zum 6. September 1972 auf dem Flugplatz im nahegelegenen Fürstenfeldbruck zwölf Todesopfer, elf israelische Olympioniken und ein deutscher Polizist, zu beklagen waren, sind bis heute nicht vollständig aufgeklärt. Fest steht nur, dass in diesen verhängnisvollen Stunden so ziemlich alles falsch gemacht wurde, was man hatte falsch machen können.

Anlässlich des 50. Jahrestages des Olympia-Attentats von München hat das Bundesinnenministerium (BMI) für den 5. September 2022 eine Gedenkfeier geplant. Ziel dieses Staatsaktes sollte es sein, „den besonderen Beziehungen Deutschlands zum Staat Israel Ausdruck zu verleihen und den Ausgangspunkt einer neuen, lebendigen Erinnerungskultur zu schaffen“, wie ein Sprecher vor wenigen Wochen gegenüber der SZ erklärte. Man sei inzwischen zu einer „Neubewertung“ der damaligen Ereignisse gekommen, wie es weiter hieß. Neben Israels Präsident Isaac Herzog sollten auch die Hinterbliebenen der Opfer an der Gedenkveranstaltung teilnehmen.

Streit um Entschädigungszahlen – Sportler-Witwen und Staatspräsident sagen ab

Doch daraus wird wohl nichts! Neben einer „vollständigen und umfassenden Aufarbeitung“ ist eine Entschädigungszahlung an die Hinterbliebenen ein zentraler Aspekt der vom BMI vorgenommenen „Neubewertung“. Nach SZ-Informationen soll den Opferfamilien ein Paket in Höhe von insgesamt 10 Millionen Euro angeboten worden sein, was von diesen mit dem Hinweis abgelehnt wurde, dass man sich „nicht mit Trinkgeld wegschicken“ lasse. Die Opferfamilien beharren demnach darauf, dass sich die Entschädigung an internationalen Standards orientieren müsse. Ankie Spitzer, die Witwe des Fecht-Trainers Andrei Spitzer, ließ gegenüber dem israelischen TV-Sender i24 News allerdings durchblicken, dass es nicht nur ums Geld geht. „Wir wollen endlich wissen, was mit unseren Ehemännern passiert ist. Sie lügen uns seit 20 Jahren nur an.“

Hintergrund: Bereits in den Jahren 1972 und 2002 hat die Bundesregierung Zahlungen geleistet, diese offiziell jedoch als „humanitäre Hilfe“ ausgewiesen. Die Bezeichnung „Entschädigungszahlung“ wurde bisher stets vermieden, da dies einem politischen Schuldeingeständnis gleichgekommen wäre. Und tatsächlich hat das Olympia-Attentat von München damals zu keinem einzigen Rücktritt geführt, weder in der Politik noch in den Reihen der Polizei. Und so fordert der Historiker Moshe Zimmermann im DLF: „Hier muss irgendeine Gruppe von Historikern, die neutral und professionell sind, an diese Sache herangehen, um etwas gründlicher diese Sache zu erörtern. Meines Erachtens als Historiker ist es ein Fehler, wenn man nicht alle Dokumente offenlegt. Das ist ja das A und O. Erstmal muss man klären, was genau passierte, wer wofür verantwortlich war.“ Auch seitens der Opferfamilien waren in der Vergangenheit immer wieder Vorwürfe laut geworden, dass auch knapp 50 Jahre nach dem Olympia-Attentat noch nicht alle Fakten auf dem Tisch lägen und wichtige Dokumente, die zur Aufklärung beitragen könnten, unter Verschluss gehalten würden.

Bundesregierung um Schadensbegrenzung bemüht

Unabhängig davon, wie man zu der Ablehnung der offenbar angebotenen Entschädigungszahlung in der kolportierten Höhe steht, scheint sich auch die Bundesregierung darüber im Klaren zu sein, dass eine Gedenkfeier ohne die Opferfamilien und hochrangige politische Vertreter aus Israel eine Farce wäre. In Berlin ist man daher inzwischen erstmals zu einem politischen Schuldanerkenntnis bereit. Darüber hinaus will das BMI eine aus israelischen und deutschen Historikern zusammengestellte Expertenkommission einrichten. Zimmermann versucht sich derweil als Vermittler zwischen den bezüglich der Entschädigungsfrage völlig verhärteten Fronten: „Die Erinnerung an dieses Ereignis ist so wichtig, dass die Gedenkstunde weniger Rücksicht nehmen muss auf eine relativ marginale Frage, wie die Entschädigung der Familie. Meines Erachtens kann Deutschland etwas großzügiger sein mit der Entschädigung, aber diese Sache ist im Endeffekt eine Marginalie, wenn es um diesen Tag, diesen 5. September geht.“

Ob die Gedenkfeier noch zu retten ist und damit ein politischer Eklat in letzter Minute doch noch abgewendet werden kann, erscheint dennoch fraglich. Während die Bundesregierung in Person ihres Sprechers Steffen Hebestreit und ihres Antisemitismusbeauftragten Felix Klein am vergangenen Freitag lediglich ihr „Bedauern“ über die Reaktionen aus Israel zum Ausdruck bringen ließ, denkt man in Bayern schon laut über eine komplette Absage nach. Ludwig Spaenle (CSU), der Antisemitismusbeauftragte der Landesregierung, sagte dem RND: „Man muss ernsthaft prüfen, ob die Gedenkfeier nach der Absage der Hinterbliebenen noch stattfinden kann. Sie darf nicht zur Groteske verkommen.“

Hätte die Katastrophe verhindert werden können?

Diese Frage wird sich mit letzter Gewissheit wohl nie beantworten lassen. Als unmittelbare Folge der Ereignisse wurde in Deutschland die Grenzschutzgruppe 9 (GSG 9) gegründet, nachdem das Olympia-Attentat von München die eklatanten Schwachstellen bei der Terrorbekämpfung schonungslos offengelegt hatte. So wurde auf internationale Hilfe, insbesondere aus Israel, verzichtet. Stattdessen wurden unter anderem gewöhnliche Streifenpolizisten, die weder über entsprechende Ausbildung noch Ausrüstung verfügten, als Scharfschützen eingesetzt.

Hartnäckig halten sich Berichte, wonach in Israel seit dem frühen Morgen des 5. September 1972 eine Spezialeinheit unter dem Kommando des späteren Ministerpräsidenten Ehud Barak auf den Einsatzbefehl wartete. Sowohl die damalige Ministerpräsidentin Golda Meir als auch der Chef des israelischen Militärnachrichtendienstes Aharon Jariv sollen mehrfach telefonisch in Bonn interveniert haben, wo man das Angebot der in der Terrorbekämpfung erprobten Israelis aber jeweils ausgeschlagen haben soll. Die Welt zitiert die Antwort, die Jariv eigenen Angaben zufolge am Telefon bekommen haben soll: „Das ist vollkommen undenkbar, fremde Einheiten einzusetzen, deren Streitkraft einer anderen Staatshoheit unterliegen, und das auf deutschem Boden, um einen Einsatz durchzuführen, der auch noch gegen das Grundgesetz geht.“

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Kai Rebmann ist Publizist und Verleger. Er leitet einen Verlag und betreibt einen eigenen Blog.

Bild: Yavuz ILDIZ / Shutterstock
Text: kr

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