Otto Kölbl: Pekings Mann im Expertenrat des BMI Bekennender Mao-Fan verfasste wesentliche Teile des „Panikpapiers“

Von Kai Rebmann

Im März 2020 ließ der damalige Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) von seinem Staatssekretär Markus Kerber einen Expertenrat zusammenstellen, der mit der Aufgabe betraut werden sollte, ein internes Dokument über verschiedene Szenarien für den weiteren Verlauf der Corona-Pandemie zu erarbeiten. Die innerhalb von nur vier Tagen verfasste 17-seitige Arbeit erhielt den Titel „Wie wir COVID-19 unter Kontrolle bekommen“ und wurde als „Verschlusssache – nur für den Dienstgebrauch“ deklariert. Wenige Tage später berichteten mehrere Medien dennoch ausführlich über den Inhalt des Dokuments, das daraufhin unter anderem als „Panikpapier“ bekannt wurde und vom Bundesinnenministerium (BMI) schließlich auch offiziell veröffentlicht wurde. Schon damals rief es Verwunderung hervor, dass das BMI offenbar ein besonderes Augenmerk darauf gelegt hatte, unter der Bevölkerung Angst und Schrecken zu verbreiten und nach Möglichkeiten gesucht hatte, wie die drakonischen Eingriffe in die Grundrechte der Bürger am besten verkauft werden könnten.

Einer der insgesamt acht Autoren des „Panikpapiers“ war Otto Kölbl. Bis zum Frühjahr 2020 fehlte im Lebenslauf des an der Universität Lausanne (Schweiz) in Teilzeit beschäftigten Germanisten jeglicher Hinweis auf irgendeine Expertise in Bereichen wie Virologie, Epidemiologie oder sonstigen Disziplinen der Wissenschaft, die auch nur ansatzweise in Verbindung zum Umgang mit einer Pandemie gebracht werden könnten. Was also qualifizierte den Sprachwissenschaftler für die Aufnahme in die Task-Force des BMI, die inzwischen zwar längst nicht mehr aktiv ist, der Kölbl eigenen Angaben zufolge aber immer noch angehören will? Wenige Wochen vor seiner Berufung durch Kerber veröffentlichte Kölbl zusammen mit dem Bonner Politologen Maximilian Mayer einen Aufsatz mit dem Titel „Von Wuhan lernen – es gibt keine Alternative zur Eindämmung von COVID-19“.

„Sicht der chinesischen Regierung einem westlichen Publikum erklären“

Spätestens an dieser Stelle kommen Kölbls enge Verbindungen nach China und zur Kommunistischen Partei (KP) ins Spiel. Der Österreicher lehrte in der Vergangenheit an der North-Western Polytechnical University in Xi’an in Zentralchina und arbeitet seit 2007 an einer Dissertation zum Thema „sozio-ökonomische Entwicklung in China und (vergleichend) in anderen Entwicklungsländern sowie über deren Darstellung in den westlichen Medien“. Jetzt musste Kölbl gegenüber der Welt einräumen, dass er auf der Gehaltsliste der KP steht. Er helfe der KP aufgrund ihres „Kommunikationsproblems“ ab und zu aus, weshalb er „immer mal wieder kleinere Aufträge angenommen (hat), wo es darum geht, die Sicht der chinesischen Regierung einem westlichen Publikum zu erklären“. Galt das auch für die Zero-Covid-Strategie, die China von Anfang an gefahren ist und die nach und nach auch in Europa und insbesondere Deutschland immer mehr Anhänger fand?

Diese Vermutung liegt sehr nahe, wenn man bedenkt, dass es mit Kölbl ausgerechnet der Mann mit der geringsten Expertise auf diesem Gebiet war, der von allen Autoren des Panikpapiers das dunkelste Szenario entwarf und die härtesten Maßnahmen forderte. Der Germanist ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass man den „worst case verdeutlichen“ müsse, um die „gewünschte Schockwirkung“ zu erzielen. Ob es der Bundesinnenminister selbst war, der sich diese Schockwirkung in der Bevölkerung wünschte, geht aus den Ausführungen Kölbls zwar nicht hervor, den Verdacht einer Auftragsarbeit erhärten sie aber allemal. Man müsse wegkommen „von einer prozentual unerheblich klingenden Fallsterblichkeitsrate“, da sich viele ansonsten sagen könnten: „Naja, so werden wir die Alten los, die unsere Wirtschaft nach unten ziehen, wir sind sowieso schon zu viele auf der Erde, und mit ein bisschen Glück erbe ich so schon ein bisschen früher.“ Schließt Kölbl hier von sich auf andere oder welches Bild hat der bekennende Mao-Fan von den Deutschen? Stattdessen empfahl der „Experte“, mit den Urängsten des Menschen vor dem Erstickungstod zu spielen: „Viele Schwerkranke werden von ihren Angehörigen ins Krankenhaus gebracht, aber abgewiesen, und sterben qualvoll um Luft ringend zu Hause.“

Selbstverständlich durfte auch die Warnung vor den Kindern als Pandemietreiber nicht fehlen, eine Vorstellung bei Politik und Medien, die schon seit den ersten Tagen von Corona sehr populär war und bis heute ist. „Kinder werden sich leicht anstecken, selbst bei Ausgangsbeschränkungen, z.B. bei den Nachbarskindern. Wenn sie dann ihre Eltern anstecken, und einer davon qualvoll zu Hause stirbt und sie das Gefühl haben, Schuld daran zu sein, weil sie z.B. vergessen haben, sich nach dem Spielen die Hände zu waschen, ist es das Schrecklichste, was ein Kind je erleben kann.“ Und auch „anscheinend Geheilte [könnten] jederzeit Rückfälle erleben, die dann ganz plötzlich tödlich enden“, zeigte sich der Hobby-Mediziner damals überzeugt.

Universität Lausanne warnte früh vor Kölbls fehlender Qualifikation

Doch wie kamen der Politologe Maximilian Mayer und der Germanist Otto Kölbl überhaupt zu der Ehre, in die Corona-Task-Force des BMI berufen zu werden? Auch Mayer hat einen engen Bezug zu China, da er längere Zeit in Peking und Shanghai lebte und außerdem mehrere Jahre an der Nottingham-Ningbo Universität gelehrt hat. Über Twitter ist Mayer an Christian Drosten herangetreten und hat diesem angeboten, Prof. Zhong Nanshan zu einem öffentlichen Dialog einzuladen, um „zu erörtern, was Deutschland und Europa von Asien lernen könnten“. Nanshan spielte im Zusammenhang mit den drakonischen Maßnahmen in China eine ähnliche Rolle wie Drosten in Deutschland. Otto Kölbl wiederum, der zweite Co-Autor des oben erwähnten Wuhan-Aufsatzes, ging etwa zur selben Zeit mit eben diesem Werk bei verschiedenen Regierungen und Instituten in Deutschland, Österreich und der Schweiz hausieren, um dort für die in dieser Arbeit propagierten Corona-Maßnahmen zu werben. Wohl auch, oder vor allem, um den Eindruck einer besonders hohen Reputation zu erwecken, verwendete er bei diesen Kontaktaufnahmen seine E-Mail-Adresse, die ihn als Doktorand an der Universität Lausanne auswies.

Wenige Tage nachdem Kölbl und Mayer in den Expertenrat des BMI berufen worden waren, untersagte die Universität Lausanne ihrem Angestellten, die entsprechende E-Mail-Adresse in diesem Zusammenhang zu nutzen, da seine Tätigkeit für die Bundesregierung offensichtlich weder in einem sachlichen noch in einem fachlichen Zusammenhang mit seiner Arbeit in der Schweiz stand. Weil Kölbl aber keine anderen Referenzen zu bieten hatte, auf die er oder das BMI hätten verweisen können, wandte sich der Staatssekretär mit einem Schreiben an die Universität Lausanne, in dem er unterstrich, dass Kölbl durch seine Mitarbeit schon „enorm wichtige Impulse“ habe setzen können, und bat: „Ich wäre Ihnen allen sehr verbunden, wenn Herr Kölbl auch weiterhin mit seinen wissenschaftlichen Erfahrungen einen Beitrag leisten dürfte.“ Am Genfersee hielt man die Mail für eine gut gemachte Fälschung, weshalb sich die Universitätsleitung bei Seehofers Staatssekretär Kerber rückversichern wollte. „Als Anlage erhalten Sie eine E-Mail, die wir vermeintlich von Ihnen erhalten haben. Wir halten diese Nachricht nicht für glaubhaft und bitten Sie daher um Bestätigung. Wir erlauben uns, Ihnen mitzuteilen, dass die politischen Aktivitäten des betroffenen Kollegen, Herrn O. Kölbl, in keinerlei Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als zu 30 Prozent beschäftigter, extern finanzierter Prüfer der Goethe-Sprachprüfungen für Deutsch an der Section d’allemand der Universität Lausanne stehen“, schrieb Dekan Dave Lüthi.

Kerber konfrontierte daraufhin Maximilian Mayer mit dem Schreiben aus der Schweiz und fragte Kölbls kongenialen Partner, wie er damit umgehen solle. Mayers Reaktion lässt tief blicken: „Einfach bestätigen, dass die E-Mail von Ihnen kommt. Die spinnen ja völlig. Typische Arroganz der etablierten Professorenschaft. Wie Otto Kölbl beschäftigt ist, hat mit seiner wissenschaftlichen Qualifikation und brillanten Analysefähigkeit rein gar nichts zu tun.“

DAVID
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Kai Rebmann ist Publizist und Verleger. Er leitet einen Verlag und betreibt einen eigenen Blog.

Bild: Shutterstock
Text: kr

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