Potemkin-Konservative: Die neue Tarnkappe des Systems
 Wie angeblich bürgerliche Journalisten systemtreu Kritik simulieren

Ups. Es ist mir schon wieder passiert. Und es ist nicht vergnügungssteuerpflichtig. Beim morgendlichen Durchsehen der Nachrichten stieß ich wieder auf ein Gesicht, das in den deutschen Talkshows offenbar so allgegenwärtig ist wie Annalena Baerbock bei der UNO: Das von Robin Alexander. Lange Zeit war er stellvertretender Chefredakteur der „Welt“. Jetzt hat er sich selbständig gemacht mit einem Podcast – bleibt dem Springer-Verlag jedoch durch eine Kolumnen und Auftritte im hauseigenen Fernsehsender erhalten.

Warum gehört Alexander zum Interieur der öffentlich-rechtlichen Talkshows wie die Leberwurst in die Wursttheke? Weil er eine entscheidende Funktion erfüllt: Die der Potemkinschen Opposition. Er ist das vermeintliche konservative Feigenblatt – das nie weh tut, sondern immer brav seine Rolle spielt.

Um das zu verstehen, muss man etwas tiefer blicken – und nur deshalb lohnt diese Geschichte. Denn es geht nicht um Robin Alexander – sondern das System dahinter. Öffentlich-rechtliche Talkshows funktionieren nicht nach journalistischen Maßstäben, sondern nach dramaturgisch-politischen. Sie brauchen: Verlässliche Rollenverteilung (angeblich konservativ gegen angeblich progressiv, laut gegen besonnen), Quotengaranten (medial bekannte Gesichter), und eingespielte Netzwerke, die die Redaktionen entlasten.

Robin Alexander erfüllt hier mehrere Anforderungen ideal: Er ist formal konservativ, aber systemloyal. Das ist Gold wert, weil man mit ihm einen „bürgerlichen” Teilnehmer hat, der das Spiel mitspielt – also regierungskritisch klingen kann, ohne zu viel Fundamentalkritik zu üben. Er konfrontiert nicht, sondern kommentiert. Er sagt kritische Dinge. Aber nie so, dass sie wehtun. Er nennt Missstände – aber niemand muss aufstehen. Seine Sätze sind wie gut geheizte Debattensalons: warm, aber ohne Durchzug. Er simuliert konservativen Widerspruch – im Rahmen dessen, was erlaubt ist. Kein Bruch mit dem Narrativ, keine echten Gegenentwürfe, keine Tabubrüche. Wer ihn hat, braucht keine echte Opposition mehr. Kein Risiko, kein Eklat.

Er ist kein Julian Reichelt. Kein Tichy. Kein Fleischhauer. Kein Publizist, der Widerspruch riskiert. Er ist Kommentator im besten Sinne: elegant, pointiert, aber harmlos. Alexander ist zuverlässig berechenbar: Man weiß, was man bekommt – keine Überraschungen, keine gefährlichen Gedanken. Alexander gibt dem bürgerlichen Publikum das Gefühl, vertreten zu sein – ohne dass das System sich ändern muss. Ein Konservativer, der nicht aufbegehrt. Ein Kritiker, der keine Revolte will. Und, nicht zu unterschätzen: Er ist fleißig verfügbar – eine zentrale Währung in Redaktionen, die oft kurzfristig planen.

Robin Alexander sagt Sätze wie diesen: „Die CDU und CSU rühren regelmäßig einen großen Eimer mit übelriechendem Zeug an. Und dann kommt die SPD und stülpt ihn sich selbst über den Kopf.“ Klingt bissig. Ist es aber nicht. Denn der Satz kritisiert keine Struktur, keine Macht, keine Verantwortung – sondern beschreibt nur das Spiel. Pointiert, aber harmlos. Ironisch, aber systemstabilisierend. Genau das ist seine Rolle: Der Kritiker, der niemandem wehtut – nicht mal den Kritisieren. Aber er soll bei einfältigen Gemütern das Gefühl auslösen: Wow, da sitzt ja einer, der kritisch ist.

Typus ‘Salon-Konservativer‘

Robin Alexander steht für eine Generation angeblich konservativer Journalisten, die rot-grün weichgewichen sind. Die das Establishment nicht stören, sondern begleiten wollen. Er ist: Kritisch, aber nicht disruptiv. Hintergründig, aber nie gefährlich. Empörungsresistent, aber milde ironisch.

Damit passt er perfekt in die Filterblase des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: Er liefert keine Angriffsfläche, weder für linke Empörung noch rechte Radikalkritik. Er gibt den Talkshows das Alibi von Pluralismus, ohne echte Reibung.

Eine wichtige Rolle spielen auch persönliche Netzwerke und die Nähe zur Hauptstadtblase Alexander ist eng vernetzt mit den politischen wie publizistischen Eliten Berlins: Springer, ZDF, Regierungssprecher, Hauptstadtjournalisten – man kennt sich. Er wird als “verlässlich” gehandelt – sprich: Er bringt Zitate, aber keinen Ärger. Vertrautheit ist ein Garant für Einladungen: Wer oft eingeladen wurde, wird wieder eingeladen – ein selbstverstärkender Kreislauf.

Talkshows sind keine Meritokratie – sie sind ein Milieukarussell, das sich selbst dreht. Ein entscheidender psychologischer Faktor ist dabei Beruhigung Alexander ist ein Meister der semiverharmlosenden Diagnose: Er erkennt Fehler – aber formuliert sie so, dass sich niemand bedroht fühlen muss. Seine Stimme sagt: „Ich weiß viel, aber keine Panik.” Damit wirkt er auf Zuschauer wie ein sedierter Warner – die perfekte Talkshow-Droge für eine Gesellschaft, die sich gerne aufregt, aber nichts ändern will.

Und er ist bei weitem nicht der Einzige. Ein weiteres Beispiel ist Michael Bröcker, der sich wie Alexander als kritischer Kopf inszeniert – aber ebenfalls immer im Rahmen des Erlaubten bleibt. Auch er darf trotz verschwindend kleiner Reichweite und Relevanz regelmäßig auftreten, etwa bei Lanz oder in anderen Formaten, und kritisiert dann vorsichtig die Regierung oder Teile der Ampel. Aber niemals wird grundlegend in Frage gestellt, was das Grundproblem ist: die ideologische Schieflage, die journalistische Kumpanei, die strukturelle Einseitigkeit.

Wie ich es bereits in einem früheren Text beschrieben habe („Zwerge zu Meinungsriesen – der große Bluff der Talkshow-Republik“), werden solche Figuren systematisch aufgebaut – nicht trotz, sondern wegen ihrer Harmlosigkeit. Sie liefern kontrollierten Dissens. Eine Inszenierung von Vielfalt, bei der die Spielregeln vorher feststehen – und echte Querdenker gar nicht erst eingeladen werden.

Das mag irrational wirken – ist aber systemisch sogar sehr rational: Aus Sicht eines Pluralisten, eines echten Demokraten oder investigativen Journalisten ist die Dauerpräsenz von Alexander & Co. irritierend: Wo sind die wirklich unbequemen Köpfe? Warum keine echten Systemkritiker, keine Außenseiter mit Expertise? Warum jedes zweite Mal Alexander, aber nicht Roland Tichy oder Julian Reichelt?

Weil Alexander genau der kontrollierte Dissens ist, den das System braucht: ein Konservativer ohne Risiko. Er spielt die Rolle des „kritischen Hofnarren“: Er darf alles sagen – solange es niemandem weh tut und niemanden auf die Idee kommt, wirklich etwas zu ändern.

Das bittere Fazit: Robin Alexanders Dauerpräsenz ist kein Zufall, sondern ein Symptom: eines mediokratischen Systems, das Sicherheit über Erkenntnis stellt, Nähe über Unabhängigkeit – und dessen eigentliches Ziel lautet: Zuschauer bespaßen und beruhigen, nicht aufrütteln.

Mit Journalismus und demokratischer Debatte hat all das nichts mehr zu tun. Es ist das Gegenteil: Ein System, das echten Journalismus und demokratische Debatte verhindert. Und das funktioniert nur mit Hofnarren.

Denn Robin Alexander ist nicht die Pointe – er ist das Symptom. Eines Systems, das solche Figuren braucht, um weiter zu manipulieren.

Und ich weiß, wovon ich spreche. Ich habe in Russland erlebt, wie Talkshows dort funktionieren – nach exakt dem gleichen Prinzip. Auch dort gibt es scheinbare Kontrahenten, sogar „Oppositionelle“ auf dem Podium. Aber alle bleiben im Spiel. Die Rollen sind verteilt, die Dramaturgie eingeübt, die Tabus klar definiert. Kritische russische Kollegen sprechen von einer Schule der psychologischen Kriegsführung – eine Mischung aus PR, Einschüchterung und Ablenkung.

Man fragt sich unwillkürlich, wie viel unbewusste Prägung aus DDR-Propaganda und sowjetischen Manipulationsmodellen in die westdeutsche Konsens-Kultur eingeflößt wurde – wie ein Virus, der sich im Gewebe der Demokratie einnistet, ohne dass es bemerkt wird. Ein genetischer Code der Kontrolle, getarnt als Debatte.

Faktisch wurde die westdeutsche Medientradition – ja, die gesamte Demokratie westdeutscher Prägung – unterwandert, ja feindlich übernommen: schleichend, effizient, nachhaltig. Und so, dass es die meisten bis heute nicht bemerken. Leute wie Alexander, Bröcker & Co. spielen brav mit – möglicherweise, ohne ihre wahre Rolle zu verstehen. Spannend, dass diese Methode ausgerechnet unter Angela Merkel Einzug fand – einer Kanzlerin, die in der DDR sehr systemnah sozialisiert wurde.

PS: Und bevor jetzt jemand meint, ich sei nur neidisch: Ich war in den Talkshows – und ich habe schnell begriffen, warum ich dort nicht hingehöre. Ich war unbequem, unberechenbar, nicht in die Rollenverteilung eingepasst. Heute weiß ich: Das war kein Karrierefehler. Es war eine Art Selbstschutz – vor einem Medienbetrieb, der mehr nach höfischem Zeremoniell funktioniert als nach Meinungsvielfalt: Nur wer richtig salutiert und brav seine Rolle spielt, wird eingeladen.

Ich bin froh, nicht dazugehören zu müssen.

HELFEN SIE MIT –
DAMIT DIESE STIMME HÖRBAR BLEIBT!

Im Dezember 2019 ging meine Seite an den Start – damals mit einem alten Laptop am Küchentisch. Heute erreicht sie regelmäßig mehr Leser als manch großer Medienkonzern. Und trotzdem: Der Küchentisch ist geblieben. Denn eines hat sich nicht geändert – meine Unabhängigkeit. Kein Verlag, keine Zwangsgebühren, keine Steuermittel. Nur Herzblut – und Sie.

Mein Ziel: 

Sie kritisch durch den Wahnsinn unserer Zeit zu lotsen.
Ideologiefrei, unabhängig, furchtlos.

Ohne staatliche Subventionen, ohne Abo-Zwang, ohne Paywall. Niemand muss zahlen, um meine Seite zu lesen – aber ich bin unendlich dankbar für jede Unterstützung, die freiwillig kommt. Sie trägt mich. Denn sie zeigt: Ich habe Rückhalt. Und mein Einsatz – mit allen Risiken, Angriffen und schlaflosen Nächten – ist nicht vergeblich.

Der direkteste Weg (ohne Abzüge) ist die Banküberweisung:
IBAN: DE30 6805 1207 0000 3701 71.

Alternativ sind Zuwendungen via Kreditkarte, Apple Pay etc. möglich – allerdings werden dabei Gebühren fällig. Über diesen Link

Auch PayPal ist wieder möglich.
Nicht direkt – aber über Bande, dank Ko-fi: Über diesen Link

(BITCOIN-Empfängerschlüssel: bc1qmdlseela8w4d7uykg0lsgm3pjpqk78fc4w0vlx)

Wenn Ihr Geld aktuell knapp ist – behalten Sie es bitte.
Mir ist wichtig, dass niemand zahlen muss, um kritisch informiert zu bleiben. Gleichzeitig bin ich umso dankbarer für jede freiwillige Geste, die keinen Verzicht abverlangt. Ob groß oder klein – Ihre Unterstützung ist für mich ein wertvolles Geschenk und trägt mich weiter.

Dafür: Ein großes Dankeschön– von ganzem Herzen!

Meine neuesten Videos und Livestreams

Zigtausende frieren – und unsere Medien spülen alles weich. Weil’s linker Terror war, nicht rechter.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Sicherheits-Placebo: Wie Augsburg sich mit Pollern vor Terror „schützt“ – aber nichts verhindert

Unheimlich daheim. Weihnachten in Augsburg

Bild: Shutterstock

Bitte beachten Sie die aktualisierten Kommentar-Regeln – nachzulesen hier. Insbesondere bitte ich darum, sachlich und zum jeweiligen Thema zu schreiben, und die Kommentarfunktion nicht für Pöbeleien gegen die Kommentar-Regeln zu missbrauchen. Solche Kommentare müssen wir leider löschen – um die Kommentarfunktion für die 99,9 Prozent konstruktiven Kommentatoren offen zu halten.

Mehr zum Thema auf reitschuster.de