„Russland ist bestohlen worden“ Wie tickt Wladimir Putin? Eine Reise in seine Denkwelt

Ein Gastbeitrag von Christian Osthold

In seiner Rede vom 24. Februar 2022 an das russländische Volk hat Putin Gift versprüht. Es wurde deutlich, dass er von einem pathologischen Hass auf die Ukraine beseelt ist. Der Schlüssel zur Gedankenwelt des russischen Präsidenten findet sich in seinem Essay vom 21. Juli 2021. Hier richtet er die These auf, dass Russen, Ukrainer und Weißrussen als Erben der alten Rus’ bis heute untrennbar miteinander verbunden seien.

Staatsmänner, die das historische Argument instrumentieren, um die emotionale Unterstützung der Massen zu gewinnen, spielen mit dem Feuer. Jene unter ihnen, die entschlossen sind, die damit verbundenen Ideen in politische Realität umzusetzen, öffnen hingegen die Büchse der Pandora. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat es in Europa niemand gewagt, diesen fundamentalen politischen Grundsatz zu verletzen. Außer Wladimir Putin. Die in seinem Essay skizzierte Weltsicht vermittelt einen intimen Einblick in die geistige Pathologie eines Mannes, der keine Skrupel hat, jene zu vernichten, die sich seinem Willen nicht beugen wollen.

Wenn es nach Wladimir Putin geht, gibt es auf die ukrainische Frage nur eine Antwort. Sie besagt, dass die Ukrainer organisch mit der russischen Nation verbunden sind. Die Ukraine ist demnach aus Russland heraus entstanden und kann folglich auch nicht ohne Russland existieren. Daraus zieht der russische Präsident eine radikale Konsequenz: Die Ukrainer dürfen kein selbstbestimmtes Dasein haben. Dieser von Wladimir Putin verkörperte ideologische Imperativ kann in letzter Konsequenz nur die totale Zerstörung der Ukraine bedeuten. Die Vernichtung der Stadt Mariupol legt davon Zeugnis ab.

Putins apodiktische Bestimmtheit

Der russische Präsident ist der Ansicht, dass ukrainische Staatlichkeit grundsätzlich illegitim sei, weil sie seit jeher auf die Bestrebungen von Nationalisten zurückgehe, worunter er Nazis und Faschisten versteht. Das ist nicht nur unzutreffend, sondern auch ein politisch gefährlicher Anachronismus. Die 1918 gegründete „Westukrainische Volksrepublik“, die von einer Koalition bürgerlicher Kräfte getragen wurde und sich in dezidierter Abgrenzung zu den Bolschewiki positionierte, verunglimpft Putin in diesem Sinne als nationalistisch. Ihr Gebilde sei bloß „quasi-staatlich“ gewesen. Es habe nicht bestehen können, weil es sich auf dem Territorium des ehemaligen Russischen Reiches befunden habe. In Putins Denkungsart kann auf slawisch besiedelten Gebieten, die in der Vergangenheit einmal zum Zarenreich gehört hatten, nur ein russischer Staat existieren.

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Die apodiktische Bestimmtheit, mit der Putin seine Urteile über das Schicksal von Millionen Ukrainern fällt, erinnert an die großen Diktatoren des 20. Jahrhunderts. Im Gegensatz zu Adolf Hitler, der mit „Mein Kampf“ ein verworrenes politisches Manifest hinterlassen hat, drückt sich Wladimir Putin in den entscheidenden Momenten überaus klar aus. Immer wieder bringt er seine zentralen Gedanken im Dickicht ideologischer Scholastik prägnant zum Ausdruck. Dazu zählt die Essenz: „Russland ist bestohlen worden“.

Dieser Gedanke ist nicht nur einer von vielen Fäden im komplizierten Netz von Putins Motivation, gegen die Ukraine vorzugehen. Er hat für ihn gleichsam fundamentale Bedeutung. Dieses schrille ideologische Klischee ist eine Variation des klassischen Narrativs, wonach Russland permanent von äußeren Feinden bedroht wird. Seit 2012 gelang es den „Silowiki“ diese Erzählung als offizielle Staatsdoktrin durchzusetzen, nachdem sie zuvor die Fraktion liberaler Reformer marginalisiert hatten, deren prominentester Vertreter Boris Jelzin gewesen war.

Feindselige Absichten der westlichen Mächte

In dieser Optik erscheint der Westen als erbitterter Feind Russlands. Gleiches gilt für seine Verbündeten. Anstatt die Beraubung Russlands anzuerkennen – so Putin – neigten die Führer der Ukraine und ihre ausländischen Hintermänner dazu, Moskau die Verbrechen des Sowjetregimes zuzuschreiben. Dazu zählten auch solche, mit denen weder die KPdSU noch die UdSSR etwas zu tun gehabt hätten. Putin empört sich darüber und konstatiert, die von den Bolschewiki vorgenommenen territorialen Verstümmelungen Russlands würden im Westen nicht als Verbrechen, sondern als Erfolg betrachtet. Das ist für ihn der Beweis für die feindseligen Absichten der dortigen Mächte, wonach die Ukraine dem „kollektiven Westen“ dabei hilft, Russland zu vernichten.

Wenn der russische Präsident seine Phantasie Amok laufen lässt, indem er sich in verschwörungstheoretischen Ideen wie der Vernichtung Russlands ergeht, wird deutlich, dass er ein historischer Laie ist. Weder hat er den Forschungsdiskurs der letzten 30 Jahre zur Kenntnis genommen, noch die betreffenden Quellen gesehen. Indem Putin Russland zu einem Opfer Lenins verklärt und die Verantwortung für die im Namen seiner Partei begangenen Verbrechen kategorisch zurückweist, würgt er jenen schwerverdaulichen Brei hervor, mit dem die Vertreter der alten Ordnung Millionen Russen seit 1991 geistig zwangsernährt haben: nämlich, dass die Sowjetunion trotz der präzedenzlosen Gepflogenheiten der Gewalt unter Stalin und der Unmenschlichkeit ihres politischen Systems ein integrer Staat gewesen ist – ein gleichsam heiliges Reich, das nicht an seinen eigenen Antagonismen zugrunde ging, sondern von inneren und äußeren Feinden zerstört wurde.

USA auch nach 1991 als Gegner Russlands

Zwar ist richtig, dass die USA Russland nach 1991 weiterhin als geopolitischen Widersacher betrachtet und alles darangesetzt haben, seinen Einfluss in verschiedenen Weltregionen einzudämmen. Daraus einen Masterplan zur Vernichtung der Russischen Föderation abzuleiten, entbehrt jedoch jedweder Grundlage. Gleiches gilt für den Vorwurf, dass die Ukraine dabei eine Führungsrolle spielt. Real ist hingegen die 2014 gewonnene Erfahrung, dass sich Moskau ukrainisches Staatsgebiet notfalls auch eigenmächtig einverleibt. Aus diesem Grund haben jüngst auch Finnland und Schweden einen Aufnahmeantrag an die NATO gerichtet.

Die von den ukrainischen Eliten verkörperte Bedrohung der russischen Zivilisation glaubt Putin auch auf spiritueller Ebene zu erkennen. In diesem Zusammenhang stellt er fest:

„Sie treffen auch unsere spirituelle Einheit. Wie zu Zeiten des Großherzogtums Litauen begannen sie mit einer neuen Kirchenabgrenzung. Ohne zu verbergen, dass sie eigentlich politische Ziele verfolgten, griffen die weltlichen Behörden grob in das kirchliche Leben ein und provozierten ein Schisma, wobei es zur Beschlagnahme von Kirchen sowie zu Gewalt gegen Priester und Mönche kam. Selbst die weitgehende Autonomie der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche passt ihnen nicht, obwohl sie doch die spirituelle Einheit mit dem Moskauer Patriarchat aufrechterhält. Sie kommen nicht umhin, dieses sichtbare, jahrhundertealte Symbol unserer Verwandtschaft um jeden Preis zerstören.“

Immer wieder wird deutlich, dass Putin eine zutiefst persönliche Verachtung gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen der Ukraine hegt. In geradezu retromanischer Weise trauert er deshalb dem gemeinsamen Kampf gegen Deutschland im Zweiten Weltkrieg nach. Damals seien Russen und Ukrainer Seite an Seite zu den Waffen geeilt, um ihre gemeinsame Heimat gegen den Feind zu verteidigen. Dass sich die Bolschewiki die Ukraine 1920 mit Gewalt einverleibt hatten und ukrainische Partisanen noch bis 1953 gegen die Sowjetmacht kämpften, erwähnt er nicht.

Als dysfunktionaler Staat kein Existenzrecht für die Ukraine

Putin behauptet, größten Respekt für die nationalstaatlichen Bildungen in den ehemaligen Sowjetrepubliken zu empfinden. Umso zynischer erscheint daher sein Befund, diese hätten sich nach dem Zerfall der UdSSR auf ihre Grenzen von 1922 beschränken müssen. Dass es anders kam, empfindet er als unerträgliche Ungerechtigkeit. Trotzdem habe die Russische Föderation die neuen Grenzen akzeptiert. Dabei habe sie eine besondere Verbundenheit zur Ukraine empfunden und ihr auf dieser Grundlage zwischen 1991 und 2013 vollumfängliche Wirtschaftshilfe angedeihen lassen. Durch vergünstigte Gaspreise habe die Ukraine in diesem Zeitraum 82 Milliarden Dollar gespart, während sie bis zuletzt 1,5 Milliarden Dollar für den Transit nach Europa erhalten habe.

Trotz des korrekten Verweises auf russische Wirtschaftshilfe besteht eine große Schwäche von Putins Analyse in der Interpretation vergangener Ereignisse. Bis heute ist vielfach angezweifelt worden, dass ein Mann aus St. Petersburg dazu fähig sein könnte, die Lebenswirklichkeit der Menschen in der Ukraine adäquat zu beurteilen. Mittlerweile ist klar: Putin kann es nicht. Gleichwohl betont er, dass sich Russland und die Ukraine jahrzehntelang als einheitliches Wirtschaftssystem entwickelt hätten. Schwärmend stellt er fest, ihre Verflechtung sei so eng gewesen, dass die Staaten der Europäischen Union nur von ihr träumen könnten.

Das ärmste Land Europas

Dass die ukrainische Wirtschaft nach 1991 schrittweise zugrunde gegangen sei, müsse indes ausschließlich den Eliten des Landes angelastet werden. Anstatt das sowjetische Erbe in gebührender Weise zu würdigen, hätten diese voreilig ihre Unabhängigkeit gegenüber Russland proklamiert und der eigenen Bevölkerung dabei leere Versprechungen gemacht. Dazu zähle auch, die ukrainische Wirtschaft zu einer der stärksten in Europa zu entwickeln.

Wladimir Putin ist überzeugt, dass dieser Plan an der Unfähigkeit der ukrainischen Führung gescheitert ist. Ihre Inkompetenz zeichne dafür verantwortlich, dass die Produktivität im Maschinenbausektor zwischen 2011 und 2021 um 42 Prozent gesunken sei. Gleiches gelte für die nationale Stromerzeugung, die sich seit 1991 nahezu halbiert habe. Schließlich habe das Pro-Kopf-BIP zuletzt nur noch weniger als viertausend Dollar betragen und damit unter dem Albaniens, Moldawiens und des (von Russland nicht anerkannten) Kosovo gelegen. Infolgedessen sei die Ukraine 2021 zum ärmsten Land Europas geworden.

Diese Entwicklungen bündelt Putin zu einem schwerwiegenden Vorwurf: nämlich, dass die ukrainische Führung das Erbe der eigenen Väter geschändet hat. Dies gelte umso mehr, als das Volk der Ukraine arbeitsam und talentiert sei. Dabei stellt Putin fest: Millionen Ukrainer sind Russland in aufrichtiger Liebe verbunden; und auch die Russen empfinden so.

Kiew ignoriert den Willen des ukrainischen Volkes

Daher habe sich Moskau auch nach 2014 um gute Beziehungen zu Kiew bemüht, obwohl die Russische Föderation bereits als Aggressor diffamiert worden sei. Mit seiner Nachsicht habe der Kreml dem Wunsch der ukrainischen Bevölkerungsmehrheit Rechnung getragen, im Verbund mit Russland zu leben. Das politische Kiew wiederum habe dieses Ansinnen vorsätzlich ignoriert und damit seine eigenen Ambitionen über den Willen des Volkes gestellt. Putin hält das für inakzeptabel. Die politischen Führer der Ukraine klagt er an, die gemeinsame Vergangenheit zugunsten ihrer Unabhängigkeit von Moskau geopfert und die Geschichte umgeschrieben zu haben. Dies gelte auch und gerade für den „Holodomor“. Stalin hatte im Herbst 1932 entschieden, die Tötung durch Hunger als Waffe gegen die ukrainische Landbevölkerung einzusetzen. Dieser Politik fielen schließlich bis zu 7,5 Millionen Menschen zum Opfer. Putin ist der Ansicht, die Hungersnot sei eine „Tragödie“ gewesen, die Ukrainer wie Russen gleichermaßen betroffen habe.

Zynische Relativierungen wie diese sind freilich nicht die einzigen Schwachstellen von Putins Argumentation. Weite Teile von ihr sind einfach nur paradox. So wirft er den ukrainischen Oligarchen vor, staatliche Ressourcen gestohlen und die damit verdienten Gelder in den Westen abgeführt zu haben. Hierzu schreibt er:

„Immer kühner und unverhohlener erklärten Radikale und Neonazis ihre Ambitionen. Diese wurden sowohl von offiziellen Behörden als auch von lokalen Oligarchen verwöhnt, die – nachdem sie das Volk der Ukraine beraubt hatten – ihr Diebesgut in westlichen Banken verwahrten. Dies Leute sind bereit, ihre eigene Mutter zu verkaufen, um sich Kapital anzueignen.“

Solche Aussagen Putins ersticken an ihrer eigenen Heuchelei. Kaum ein Satz, der in der jüngeren Vergangenheit geschrieben worden ist, dürfte jene politischen Verhältnisse treffender beschreiben, die Putin seit seiner Wahl zum russischen Präsidenten selbst etabliert hat: Kleptokratie als Staatsform. Aber auch an anderer Stelle versteigt sich Putin zu der absurden Praxis, anderen seine eigene Politik als Verbrechen vorzuwerfen. So bezichtigt er westliche Staaten, die ukrainische Kultur seit jeher geringzuschätzen und behauptet, nur Russland könne die Ukraine verstehen.

Die Ukraine wird von Faschisten und Neonazis regiert

Deswegen ist Putin überzeugt, dass 2014 Nazis und Faschisten die Macht in Kiew an sich gerissen hätten. Dass rechtsextreme Parteien 2019 politisch kaum noch eine Rolle spielten, bleibt unerwähnt. Die imaginierten Nazis, zu denen er auch „den gegenwärtig amtierenden Präsidenten“ zählt, beschuldigt er, eine systematisch gegen Russland gerichtete Politik zu verfolgen. Darin glaubt er das Ergebnis westlicher Agitation zu erkennen. Demnach habe der Westen seit 1991 eine Barriere zwischen Russland und der Ukraine errichtet und das Land damit in ein „gefährliches geopolitisches Spiel“ hineingezogen. Im Ergebnis sei auf ihrem Staatsgebiet ein feindlicher Block entstanden, den Putin als „Anti-Russland“ bezeichnet. Dieser Begriff wird in den russischen Staatsmedien regelmäßig verwendet, u. a. von Pressesprecher Dmitrij Peskov gegenüber CNN. Eine solche Bedrohung werde Russland niemals akzeptieren, da Kiew der Bevölkerung eine Veränderung seiner Identität aufzwinge. Diese Praxis schränke die Menschen nicht nur in ihrer natürlichen Entfaltungsfreiheit ein, sondern unterwerfe die in der Ukraine lebenden Russen einer kulturellen Assimilation.

Dieser Befund ist zutiefst widersprüchlich. Denn wenn die Ukrainer doch eigentlich Teil der russischen Nation sind, wie kann von ihrer Kultur dann eine Bedrohung für die russische Identität ausgehen? Wladimir Putin bleibt die Antwort auf diese Frage schuldig. Klar ist für ihn indes, dass das russische Volk durch die künstliche Trennung von den Ukrainern dezimiert werde; zunächst um Hunderttausende, dann um Millionen. Dies müsse verhindert werden. Mit diesem Imperativ offenbart Putin seine völkische Denkungsart, die stark an die Weltsicht der Nationalsozialisten erinnert. Auch Hitler wähnte das deutsche Volk in existenzieller Gefahr. Sollte es ihm nicht gelingen, sich neuen Lebensraum zu sichern, würde es untergehen. Für Wladimir Putin geht es nicht darum, neuen Lebensraum zu erobern, sondern den alten wiederherzustellen. Wie man seit drei Monaten in der Ukraine sehen kann, läuft diese Politik zumindest in Orten wie Butscha auf ähnliche Ergebnisse hinaus wie ihr nationalsozialistisches Pendant.

Die Ukraine hat einen Genozid im Donbass verübt

Zum Ende seines Textes greift Putin auch das Narrativ eines Völkermords an den Bewohnern des Donbass auf. Zwischen 2014 und 2021 seien dort mehr als 13.000 Menschen von der ukrainischen Armee ermordet worden, darunter Frauen, Kinder und Alte. Trotz dieses Verbrechens habe sich Russland dauerhaft um eine Verständigung bemüht, sei dabei jedoch ausschließlich auf Ablehnung gestoßen. Diese Zurückweisung sei umso verwerflicher, als Kiew das Donbass doch eigentliche gar nicht brauche und sich die dortige Bevölkerung niemals unter ein ukrainisches Primat stellen werde. Im Gegensatz zum Rest des Landes habe man dort längst verstanden, dass die Ukraine in ein „Protektorat unter der Kontrolle westlicher Mächte“ verwandelt werden solle.

Putin weist darauf hin, dass der Westen die Ukraine verführt habe. Dabei verfolge er den Plan, in ihrer Gesellschaft ein Klima der Angst zu schaffen, um anschließend NATO-Streitkräfte im Land zu stationieren. Anstatt seine leeren Versprechen zu halten, habe der Westen die Ukrainer aber im Stich gelassen und betrogen. Dass Russland in letzter Instanz von der NATO angegriffen werde, erwähnt Putin zwar nicht explizit, doch ist klar, dass er dieses Szenario für real zu halten scheint.

Tötungen im Ausland

Noch bezeichnender ist das Folgende: Wladimir Putin ist der Ansicht, dass in der Ukraine Millionen Menschen staatlicher Repression einschließlich gezielter Tötungen zum Opfer fielen. Als Grund nennt er, dass sie von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machten. Dass der russische Präsident Dissidenten und Kritiker seit Jahren nicht nur zu Hause, sondern auch in Europa ermorden lässt, erwähnt er nicht. Aus den vermeintlich von Kiew orchestrierten Menschenrechtsverletzungen an Russen in der Ukraine leitet Putin schließlich eine unmissverständliche Drohung ab:

„Zu einem richtigen Patrioten der Ukraine wird jetzt nur noch erklärt, wer Russland hasst. Die gesamte ukrainische Staatlichkeit, wie wir sie verstehen, soll in Zukunft ausschließlich auf dieser Idee aufbauen. Hass und Bitterkeit – die Weltgeschichte hat dies mehr als einmal bewiesen – sind jedoch ein sehr wackeliges Fundament für Souveränität, das mit vielen ernsthaften Risiken und schwerwiegenden Folgen behaftet ist. Wir verstehen alle Tricks, die mit dem Projekt ‚Anti-Russland‘ verbunden sind. Und wir werden niemals zulassen, dass unsere historischen Gebiete und Menschen, die uns nahestehen, gegen Russland eingesetzt werden. All jenen, die einen solchen Versuch unternehmen, möchte ich sagen, dass sie auf diese Weise ihr Land zerstören werden.“

Dieser Satz ist nicht nur der Kulminationspunkt von Putins Hass auf die Ukraine als souveräner Staat und ihre westlichen Partner. Er ist vor allem auch eine Kriegserklärung an ein Volk, das die Dämonen seiner Vergangenheit hinter sich lassen will. Dieser von Frustration und Verzweiflung genährte Grimm speist sich aus dem pseudoreligiösen Glauben, dass Russen und Ukrainer eine untrennbare, organisch verwachsene Einheit darstellen, die durch nichts zu lösen sei. „Wir sehen sie als die Unsrigen an“ schreibt Putin dazu.

Warum hat Putin den Donbass nicht längst annektiert?

Wenn der russische Präsident heute behauptet, die russische „Spezialoperation“ in der Ukraine diene dem Zweck, den Belagerungszustand des Donbass zu beenden, zündet er eine Nebelkerze. Hätten der Politik des Kremls jemals humanitäre Absichten zugrunde gelegen, hätte er das Donbass längst als Subjekt in die Russische Föderation aufnehmen können. Wie auf der Krim wären die Mehrheiten für einen solchen Anschluss mühelos zustande gekommen. Dies gilt umso mehr, als die Region seit jeher stark russisch geprägt ist. Das war jedoch nicht nötig. Denn wie von Putin intendiert, ließen die seit 2014 durch ukrainischen Artilleriebeschuss getöteten Zivilisten den von ihm gesäten Hass weiter aufkeimen. Dass die Bevölkerung des Donbass den Angriff auf die Ukraine als Befreiung empfand, wie es die russischen Staatsmedien unermüdlich verkünden, ist daher nicht verwunderlich.

Nichtsdestoweniger geht sie fehl in der Annahme, Putin wäre ihr Erlöser. In Wahrheit ist er ihr tödlichster Feind. Indem er den Bruch mit Kiew provoziert und sich zum angegriffenen Anhänger der Einheit stilisiert hat, hat Putin das Leid der Menschen im Donbass selbst herbeigeführt, um es später als ideologische Rechtfertigung für einen lang geplanten Krieg heranziehen zu können. Diese Legitimation basierte auf dem zynischen Kalkül: Je mehr Zivilisten sterben und je länger dieser Zustand anhält, desto überzeugender wirkt die Lüge einer humanitären Intervention.

Bei seinem Plan, das Donbass aus dem ukrainischen Staatsgebiet herauszulösen, kam Putin zugute, dass die Regierung in Kiew einen strategischen Fehler beging, indem sie das Ukrainische nach der Absetzung Janukowitschs zur verpflichtenden Verkehrssprache erhob. Hierzu hatte sie am 23. Februar 2014 das Gesetz „Über die Grundlagen der staatlichen Sprachpolitik“ außer Kraft gesetzt. Dieses war seit dem 10. August 2012 in Kraft gewesen und hatte dem Russischen überall dort den Status einer offiziellen Amtssprache verschafft, wo der Bevölkerungsanteil der Russen wenigstens 10 Prozent betrug. Die Herabsetzung ihrer Sprache war für die Russen im Donbass der Zündfunke, den Putin benötigte, um einen Flächenbrand zu entfachen. Kiew wiederum schnitt die daraufhin ausgerufenen Volksrepubliken von Donezk und Lugansk durch Sanktionen wirtschaftlich von der Ukraine ab und wollte sie militärisch ausschalten. Damit war jene Situation entstanden, die Putin zur Planung seines Krieges gegen Kiew angestrebt hatte.

Hunger auf mehr

Wladimir Putin ist nicht das erste Staatsoberhaupt, das die prekäre Lage seiner Landsleute im Ausland instrumentiert, um seine expansionistischen Ambitionen umzusetzen. Auch Adolf Hitler hatte die Besetzung des Sudetenlandes einst in dieser Weise gerechtfertigt. Das anhaltende deutsche Säbelrasseln sowie die kategorische Weigerung der Westmächte, dieser Bedrohung militärisch zu begegnen, führten dazu, dass England und Frankreich die Abtretung des Sudetenlandes am 30. September 1938 in München goutierten. In dem naiven Glauben, den Frieden gerettet zu haben, wurden Chamberlain und Daladier bereits fünf Monate später von der Realität eingeholt. Im März 1939 marschierte die Wehrmacht ohne Vorwarnung in der Tschechoslowakei ein und errichtete auf ihrem Staatsgebiet die Protektorate Böhmen und Mähren. Trotz dieses Wortbruchs wurde Deutschland auch jetzt nicht in die Schranken gewiesen. Zu groß war die Furcht Frankreichs und Englands vor den Konsequenzen eines Krieges. Hitler interpretierte dies als Schwäche, was ihn letztlich in der Ansicht bestärkte, unbehelligt gegen Polen vorgehen zu können.

Diese Zusammenhänge zeigen, dass der Auftakt zum Zweiten Weltkrieg durchaus als Blaupause für den Ukraine-Krieg herhalten kann. Seit 2008 hat Putin dieselben Erfahrungen gemacht wie Hitler zwischen 1933 und 1939: nämlich, dass er eigenmächtig sowie notfalls auch gegen geltende Absprachen Fakten schaffen kann; und dass seine Gegner Schwächlinge sind, zu ängstlich, um entschieden zu reagieren. Dies gilt für das russische Engagement in Georgien und Syrien ebenso wie für die Annexion der Krim und die Abspaltung des Donbass. Putin zeigt die grenzenlose Egomanie Hitlers, wenn er meint, immer weiter gehen zu können. Trotz seiner Lügen über den Zweck des Truppenaufmarsches an der Grenze zur Ukraine hätte er nicht nur die Anerkennung der Volksrepubliken des Donbass, sondern auch deren Aufnahme in die Russische Föderation durchsetzen können.

Das war ihm jedoch nie genug. Aus diesem Grund hat Wladimir Putin am 24. Februar 2022 denselben Fehler begangen wie Adolf Hitler am 1. September 1939. Mit ihren Überfällen auf souveräne Staaten haben beide Machthaber ihr eigenes Ende eingeleitet. Auch wenn es zur Stunde noch nicht absehbar sein mag: das Ende der Ära Putins ist unausweichlich. Die entscheidende Frage lautet lediglich, wie erstickend die Auswirkungen sein werden.

Viele haben nie unter Putin gelebt

Trotz des Flurschadens, den Putin nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Russland hinterlassen hat, wird er in Teilen der deutschen Gesellschaft noch immer als ehrbarer Staatsmann verehrt, der sein Volk liebe und die russische Zivilisation vor westlicher Dekadenz schütze. Putin – so seine Fürsprecher – habe Europa viele Jahre die Hand ausgestreckt und sei schließlich schroff zurückgewiesen worden; daher habe er letztlich keine andere Wahl gehabt, als sich der aggressiven Expansion der NATO militärisch entgegenzustellen. Diese Sichtweise mag aus der Perspektive von Menschen sinnvoll erscheinen, die nie längere Zeit in Russland gelebt haben. Das ändert aber nichts daran, dass sie ganz und gar falsch ist.

Das Verhalten Wladimir Putins kann nicht verstanden werden, ohne jene Implikationen zu berücksichtigen, die sich aus einer Sozialisierung im sowjetischen Geheimdienst ergeben. Das „Kommissariat Gosudarstvennoj Bezopasnosti“ – kurz KGB – war der Ort, an dem Putins Persönlichkeit geformt wurde. Der KGB war eine verschworene Gesellschaft mit eigenen Gesetzen. Wer ihr angehörte, war Teil eines privilegierten Kreises von Auserwählten. Das Auserwähltsein indes ist ein Element von Putins Bewusstsein, das bei der Erklärung seiner Entscheidung, die Ukraine anzugreifen, nicht außer Acht gelassen werden sollte. Gleiches gilt für folgende Erkenntnis:

Wladimir Putin ist ein Geheimdienstagent, der russischer Präsident wurde. Agenten wiederum sind Personen, die im Verborgenen agieren. Der Erfolg ihrer Arbeit hängt maßgeblich davon ab, wie sehr es ihnen gelingt, den Menschen in ihrem Umfeld ein Gaukelbild vorzusetzen – eine Fassade, welche über ihre tatsächlichen Absichten hinwegtäuscht. Von ebenso großer Bedeutung ist die Fähigkeit, andere zu beobachten. Wer weiß, was das Gegenüber bewegt, was für Erwartungen und Hoffnungen es hegt, was für Sorgen und Ängste es umtreiben, verfügt über einen entscheidenden Vorteil. Das darin liegende Potenzial kann leicht zu einer Gefahr werden. Nicht zufällig besagt eine in Russland weitverbreitete Lebensweisheit: „Nicht der am bedrohlichsten Auftretende ist der gefährlichste Mann im Raum, sondern der still Dasitzende.“

Rente von 150 Euro

In den 22 Jahren seiner Amtszeit hatte Wladimir Putin mehr als genug Zeit, die europäischen Staatschefs genau zu beobachten. Dabei hat er sich in lehrbuchhafter Weise so verhalten, wie es ein Spion tun würde, dessen Mission darin besteht, ein fremdes Milieu zu unterminieren. Wir sollten nie vergessen: Putin ist ein Meister der Täuschung, die Desinformation ist sein Handwerk. Als Präsident Russlands hat er die Psyche westlicher Staatschefs studiert. Er hat ihre Glaubwürdigkeit anhand ihrer Konfliktbereitschaft erprobt und ihre Schwächen auf der Folie ihrer Bedürfnisse erforscht. Dadurch ist es Putin immer wieder mit großem Geschick gelungen, die Interessen der europäischen Regierungschefs gegeneinander auszuspielen.

Letztlich wird sich auch Putin an seiner Bilanz messen lassen müssen. Und diese besteht darin, Russland in eine Diktatur verwandelt zu haben. Das von ihm etablierte System basiert auf der rücksichtlosen Ausbeutung staatlicher Ressourcen durch eine kleine oligarchische Oberschicht und dem von ihr kontrollierten Beamtenapparat. Die dabei geraubten Gelder werden im Ausland anlegt bzw. verprasst. Diese parasitäre Ordnung stützt sich auf die systematische Entrechtung der Bürger.

Wer Putin heute aus Deutschland zujubelt, sollte sich fairerweise fragen, ob er in einem Land leben möchte, in dem man 15 Jahre Haft für freie Meinungsäußerung erhält; wo politische Gegner ermordet werden und wo die Bürgerrechte nur auf dem Papier existieren; in einem Land, wo Renten in Höhe von 150 Euro zur Normalität gehören und selbst gut ausgebildete Fachkräfte nicht von ihrem Gehalt leben können; in einem Land, dessen Führung die europäische Friedensordnung mit brutaler Gewalt revidieren will und sich nicht im Geringsten um die Bedürfnisse der eigenen Bevölkerung schert.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf achgut.com. Ich danke den Kollegen um Henryk M. Broder und Dirk Maxeiner dort für die Freigabe – und ihren klaren Kompass in diesen wirren Zeiten.

David
Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Christian Osthold ist Historiker und hat in russischer Geschichte promoviert. Seit 2001 hat er Russland mehr als 30 mal bereist sowie Archivaufenthalte in Moskau und Grosny absolviert. Im Rahmen seiner Forschungsarbeiten hat Osthold 2015 als einziger deutscher Historiker für mehrere Monate in einem tschetschenischen Dorf gelebt. Aus dieser Tätigkeit ist 2019 die erste vollumfängliche Gesamtdarstellung zum Tschetschenien-Konflikt hervorgegangen. Als intimer Russlandkenner schreibt Osthold für verschiedene Zeitungen und Journale, darunter Focus Online, NZZ, Cicero etc. Darüber hinaus ist er regelmäßig in Fernsehsendungen zu sehen, zuletzt bei der Deutschen Welle. Christian Osthold spricht fließend Russisch und ist mit einer Russin verheiratet.

Bild: Shutterstock
Text: Gast

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