Sat.1 und Imago TV machen Sensationsfernsehen mit schwerst missbrauchten Kindern Schockierende Szenen bei „Plötzlich arm, plötzlich reich"

Ein Gastbeitrag von Alexander Wallasch

Von Vox über RTL bis Sat.1 – es gibt eine Reihe von Fernsehformaten, deren Sendezeit und -ort man hier nicht noch näher bewerben muss – bis hin zu RTL2, wo beispielsweise die Welt über „Naked Attraction“ schreibt: „Das Konzept ist so bizarr, dass man kaum glauben kann, dass es von irgendwem genehmigt wurde.“ In Kurzversion erzählt: Nackte Menschen werden von unten hoch aufgeblättert und von der Moderatorin beispielsweise so kommentiert: „Oh, schau mal, ganz symmetrisch hängt er da“ oder „Ob das ein Blutpenis ist?“

Jetzt sind das erwachsene mündige Bürger, die sich dort auf den Zustand ihrer intimsten Körperregionen reduzieren lassen. Zwar mag bei dem einen oder anderen die geistige Verfassung infrage zu stellen sein, aber was soll’s, der Zuschauer kann angesichts solcher Erniedrigungen wegschalten. Anstand und Moral in der neuen Welt von Tinder – die Konsequenzen seines Tuns hätte jeder Teilnehmer im Vorfeld überdenken können: Selbst schuld.

Aber angesichts dessen, was dem deutschen Partysänger Ikke Hüftgold, bürgerlich Matthias Distel, bei Sat.1 passiert ist, sind solche pubertären Penisvergleiche moralisch geradezu integer: Es geht um die Vorführung von schwer missbrauchten Kindern in der Sat.1-Sendung „Plötzlich arm, plötzlich reich.“ Es geht um eine mutmaßlich vollkommene Enthemmung der Produktionsfirma Imago TV, jedes einzelnen beteiligten Mitarbeiters vom Beleuchter bis zur Regie, und einen diese Produktion in Auftrag gebenden Sender Sat.1, der das Unaussprechliche gewagt und das Leid missbrauchter Kinder zusätzlich ausgeschlachtet und eine Familie, der allergrößtes Leid widerfahren ist, noch über einen materialistischen Vergleich des Lebenskomforts gedemütigt hat.

Weinend vor der Kamera

Besagter Partysänger Matthias Distel und seine Familie sollten bei „Plötzlich arm, plötzlich reich.“ die besser Situierten darstellen, einer Tauschfamilie kam die Rolle jener Bürger zu, die das Leben beschissen hat. Das ist so ungefähr der reduzierte Inhalt dieses Trash-TV bei Sat.1 samt Wohnungs- bzw. Häusertausch. Ganz entfernt mag das eine Art Aschenputtel-Märchen sein, aber was der im Vorfeld leider maximal naive Sänger nicht ahnen konnte: Märchenhaft war hier gar nichts mehr, die Familie des Sängers stand schon nach zehn Minuten Dreh weinend vor der Kamera in der Wohnung der armen Leute.

Und was hier maximal schockiert hatte, war nicht die Armut selbst, nicht die Umgebung, in der die Kinder der Tauschfamilie aufwachsen. Die Tränen flossen laut Distel, als er „in der Wohnung einen Kalender sah, der die letzten sechs Monate der Familie dokumentiert. Jedes Familienmitglied hatte seine eigene tägliche Spalte. Die zwei jüngsten Kinder sowie die Mutter befinden sich laut Eintragungen in diesem Kalender in psychologischer Behandlung.“

Aber es sollte noch schlimmer kommen. Denn Distel erfuhr nach eigenen Angaben noch vor laufender Kamera „dass die Kinder in der Vergangenheit durch ihren ‚eigentlichen‘ Vater schwerste Kindesmisshandlungen erlitten haben sollen.“ Der prominente Künstler brach daraufhin nach etwas mehr als zwei Tagen die Dreharbeiten ab. Später erfuhr er zudem, dass die Produktionsfirma „über die Behandlung der Kinder Bescheid wusste.“ Und dennoch wurden die Dreharbeiten angesetzt.

An dieser Stelle muss man die Frage stellen, warum es Menschen wie Distel für ein bisschen mehr Ruhm überhaupt so weit kommen lassen. Der Sänger lebt ja von der Aufmerksamkeit der Fernsehzuschauer. Ihm zu Gute halten muss man den Abbruch der Dreharbeiten zum Schutz der Kinder. Distel zog die Reißleine auch seines eigenen Irrwegs.

Rotieren des moralische Kompasses

Ja doch, ein kurzes Nachdenken darüber, was man da bereit ist zu tun, hätte ausreichen können, nicht an so etwas teilzunehmen. Möglicherweise führten Einnahmeausfälle durch die Corona-Auftrittsbeschränkungen zum Rotieren des moralische Kompasses – der sofortige Abbruch der Dreharbeiten war aber dann die Notbremse für Distel, seine Anklage auf Video per Instagram erscheint zutiefst glaubwürdig, so wie er Zeugenaussagen und Dokumente für seine Aussagen gesammelt hat, die möglicherweise am Anfang von rechtlichen Schritten gegen die verantwortlichen TV-Macher stehen könnten.

Was macht Sat.1? Der Sender geht in die Offensive und bedankt sich bei Distel für die „Hinweise“, wie man es bei Sat.1 nennt. „Unmittelbar nachdem wir seine Mail erhalten haben, haben wir begonnen, mit der Produktionsfirma und der Familienhilfe zu reden, um der Familie zu helfen und um die Zusammenhänge aufzuarbeiten.“

Fast achtzehn schmerzliche Minuten lang dauert das Instagram-Statement aus der weißgetünchten Edelküche von Distel alias Ike Hüftgold. Im Hintergrund moderne Kunst, wie sie wohl ohne einen Abbruch der Sendung nach Idee der Produktionsfirma Imago TV die traumatisierte Mutter mit den vom Vater misshandelten Kindern in Erstaunen hätte versetzen sollen.

Distel nennt im Video, woran er ursprünglich teilnehmen wollte, ein „soziales Tauschexperiment“. Den Tausch der Wohnorte, das Eintauchen ins Leben der anderen. Was sowas wie die Distanz vom Millionär zum Flaschensammler meint, wurde jetzt vom Partysänger zur psychisch schwer verletzten Familie neu vermessen. Auf einer Skala von 1–100 müsste der Schamfaktor der Produzenten und des Senders eigentlich durch die Decke gehen: ein krasses Beispiel auf jeden Fall dafür, wie Reichtum tatsächlich bisweilen zustande kommt und was für ein moralisch verdrecktes Milieu sich in einer Produktionsfirma ausbreiten kann.

Distel weist darauf hin, dass alle am Dreh beteiligten Personen zuvor überprüft wurden, samt ihrer Lebensumstände. Distel spricht von neun Drehtagen, die eingeplant gewesen seien. Und er erzählt von einer stattlichen Gage. Ob er die Summe aus Scham oder vertraglichen Gründen nicht nennen mag, erzählt er nicht. Distel nutzt die Minuten aus, die Vorkommnisse sehr akribisch nachzuerzählen, er liest aus rechtlichen Gründen ab, will wohl Klagen der Produktionsfirma bzw. von Sat.1 vermeiden. Abgebrochen hätte er den Dreh letztlich aus „ethisch-moralischen“ Gründen.

In Tränen ausgebrochen

Schon zehn Minuten nach Betreten der fremden Wohnung stand Familie Distel also weinend vor der Kamera. Auch die Redakteurin sei irgendwann in Tränen ausgebrochen, so Distel, alle konnten es kaum fassen, dass in diesem Haushalt vier Kinder leben sollten.

Der Partysänger erzählt weiter, man hätte dann nach und nach die Räumlichkeiten erkundet. Spätestens hier allerdings muss man stutzen. Denn warum wurde die Wohnung nicht sofort verlassen? Welche Neugierde hielt davon ab? Eine geschlagene Stunde (und dann noch zwei Tage) hielten sich Familie Distel und das Drehteam gemeinsam in der fremden Wohnung auf, die schon nach zehn Minuten alle zu Tränen gerührt haben soll. Erst dann wurde die Kamera ausgeschaltet.

Aber Familie Distel blieb weiter in der Wohnung, wie Distel via Instagram berichtete. Bei der Inspektion der Wohnung fand man dann auch besagten Kalender, dessen Einträge das Leben der Familie in den letzten sechs Monaten dokumentierte. Danach befanden sich, so Distel, die Mutter und die beiden jüngsten Kinder (acht und zehn Jahre alt) in psychologischer Behandlung. Auch darüber hätte die Produktion schon zuvor Bescheid gewusst.

Matthias Distel begann in der Nachbarschaft zu recherchieren, berichtet er via Instagram. Am Folgetag stand das Drehteam um 6:30 Uhr vor der Tür, Distel hatte also samt Familie die Nacht dort verbracht. Nach zwei Tagen wurde Distel laut eigener Aussage vom Drehteam darum gebeten, seine Stimmung „doch bitte ins Positive“ zu wenden, „damit die Geschichte in ein Happy End gedreht werden konnte.“ Ihm wurde zeitgleich erzählt, die Tauschfamilie würde sich bei ihm in Limburg sehr wohl fühlen und hätte „eine tolle Zeit“.

Schwerste Misshandlungen

Über ein im Redaktionsplan stehendes Gespräch vor laufender Kamera mit eine Freundin der Familie erfuhr Distel dann von schwersten Misshandlungen an den Kindern durch den „eigentlichen Vater“. Diese Auskunft führte nach zwei Tagen endlich zum sofortigen Abbruch der Dreharbeiten von Seiten Distels.

Laut Distel wussten „ausnahmslos alle beteiligten Redakteure sowie der Aufnahmeleiter“ spätestens am ersten Drehtag, „dass mit schwer traumatisierten Kindern gedreht wurde.“ Distel nennt hier explizit auch die Geschäftsführung von Imago TV namentlich und befindet, diese Person „musste diese Information gehabt haben.“

Es ist sichtbar schwer für Distel, zu erzählen. Eine Redakteurin sei weinend zusammengebrochen und hätte ihm eine Nachricht vom vorherigen Tag gezeigt, wo sie die Zustände angemahnt und ihren Unmut geäußert habe, dass hier mit traumatisierten Kindern gedreht wurde.

Aber es kommt noch viel, viel schlimmer. Denn die Redakteurin erzählte Distel daraufhin auch, was wirklich und real parallel in der Wohnung von Distel passiert war. Distel und die Redakteurin telefonierten mit dem Aufnahmeleiter bei der Familie in Distels Wohnung. Und der begann zu erzählen, was Distel in seinem Instagram-Video aus der Erinnerung nur emotional sehr angefasst und unter Tränen wiedergeben kann:

Ein Junge hätte mehrfach seinen Kopf an Distels Zimmerwand geschlagen, um sich selbst zu verletzen. Auf dem Weg zum Außendreh hätte sich dieser Junge eingekotet. Der andere der jüngeren Geschwister hätte auf dem Balkon im vierten Stock gestanden und dem Drehteam mitgeteilt, dass er sich jetzt umbringen würde. Auch hätte es mehrere Schlägereien der beiden jüngeren Kinder gegeben.

Der Aufnahmeleiter in Distels Wohnung erzählte, dass jeder dieser Vorfälle der Chefetage der Produktionsfirma direkt übermittelt wurden. Das Format wurde nicht abgebrochen. Der Dreh wurde fortgeführt.

Schlimmste Misshandlungen

Distel fasst zusammen: „Ethik, Moral, Anstand und das Kindeswohl wurden dabei vollkommen und in meinen Augen vorsätzlich ignoriert.“
Und weil mit dem weiterführenden Bericht des Künstlers längst auch der emotionale Anschlag für den Autor hier weit überschritten ist, nur soviel: Distel spricht mit dem ältesten Sohn der Familie, der berichtet, dass die Stuhlinkontinenz des Jüngsten ursächlich auf Verletzungen zurückzuführen sei aus dem Missbrauch des Kindes. Zudem lägen schwere Rückenverletzungen durch Tritte des leiblichen Vaters vor.

Weitere Einzelheiten seien noch unvorstellbarer, so Distel. Die Familie durfte dann noch einen weiteren Tag in der Wohnung von Distel bleiben, um die Kinder nicht weiter zu traumatisieren.

Aber was ist in diesem Land los? Was sind das für Menschen in so einer Produktionsfirma, was sind das für Menschen bei Sat.1, die glauben, die Sensationsgier der Massen mit so unerträglichem Elend befriedigen zu müssen oder zu dürfen? Hier hat offensichtlich nicht nur einer, hier haben viele Menschen aus Geldgier oder Angst um ihren Job brutal weggeschaut. Partysänger Ikke Hüftgold, bürgerlich Matthias Distel, hat diesen unfassbaren Mist zunächst ebenfalls mutmaßlich aus Geldgier mitgemacht. Aber dann hat er, in sprichwörtlich letzter Minute, Menschlichkeit, Mitgefühl und Mut bewiesen.

Entlang der Aussagen von Distel sind die Produktionsfirma und dieser Sender drei Etagen tief unter dem Gulli angekommen: Widerlich ist noch eine zu geringe Bezeichnung für diese ungeheuerliche Entmenschlichung der schon von Distel aufgezählten Verantwortlichen. Die erste Entschuldigung von Sat.1 ist ungenügend. Da muss wesentlich mehr folgen. Ein Umdenken.

Dieser Beitrag erschien auch auf dem Blog von Alexander Wallasch

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Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Alexander Wallasch ist gebürtiger Braunschweiger. Er schrieb schon früh und regelmäßig für Szene-Magazine Kolumnen. Wallasch war 14 Jahre als Texter für eine Agentur für Volkswagen tätig – zuletzt u.a. als Cheftexter für ein Volkswagen-Magazin. Über „Deutscher Sohn“, den Afghanistan-Heimkehrerroman von Alexander Wallasch (mit Ingo Niermann) schrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „Das Ergebnis ist eine streng gefügte Prosa, die das kosmopolitische Erbe der Klassik neu durchdenkt. Ein glasklarer Antihysterisierungsroman, unterwegs im deutschen Verdrängten.“

Bild: Shutterstock
Text: Gast
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