Shitstorm gegen WDR: Vier Weiße reden über Zigeunersoße Sind Janine Kunze und Micky Beisenherz Rassisten?

Ein Gastbeitrag von Alexander Wallasch

Moderator Micky Beisenherz schoss in seiner Entschuldigung den Vogel ab als er sagte: „Eine Sendung, in der vier Kartoffeln sitzen und mittels Karten über Rassismus abstimmen, hat ein Problem.“ Ja, möglicherweise ein Problem damit, dass eine dieser Kartoffeln sich selbst rassistisch als Kartoffel definiert und darüber vergisst, dass wir uns immer noch in Kartoffeldeutschland befinden, nicht in Reis-Japan oder Maniok-Afrika.

Zunächst einmal muss ich zugeben, dass ich die WDR Talkshow „Die letzte Instanz“ nicht einmal kannte, bevor das Format, wie gleich zu erzählen sein wird, irgendwie implodiert ist. Schauspielerin Janine Kunze und Moderator Micky Beisenherz kenne ich allerdings. Erstere übernimmt gerne Charakterrollen, die eine burschikose Kumpeligkeit auszeichnen, versprüht ein rheinländisches Temperament, gibt sich gerne bodenständig sexy und macht den Eindruck, als würde sie dir distanzlos ihren Ellenbogen in die Seite rammen, wenn du ihr dumm kommst – sympathisch!

Beisenherz mag sich selbst gerne, pflegt diesen selbstbewussten Frank-Schätzing-Charme, ist recht pfiffig, hat aber mitunter Schwierigkeiten, sich klar zu positionieren. So ist das halt, wenn man immer auf der Suche nach der kompatibelsten Position ist, immerhin reicht das für Auftritte bei Maischberger und für eine kleine Show auf Magenta-TV, dem Telekom eigenen Kundenfernsehen.

Kunze und Beisenherz also bei „Die letzte Instanz“ – übrigens auch Deutschland-Remigrant Thomas Gottschalk war anwesend und trat ebenfalls ins Fettnäpfchen, dazu später. Worum geht es in dieser Show? Es soll darum gehen, „kontroverse Themen auf unterhaltsame Weise“ zu diskutieren. Jeder Gast dürfe seine Meinung äußern. Das klingt grundsätzlich vielversprechend. Und amüsant auch deshalb, weil es mit dieser Ansage den Eindruck macht, als wäre das in den bisherigen Talkshows nicht gegeben. Was auch stimmt.

Dieses Mal allerdings ging etwas schief, denn in der Mediathek des WDR wurde die Aufzeichnung der Sendung mit einem Warnhinweis versehen: „Die nachfolgende Sendung steht aktuell unter starker Kritik – und das zu Recht“. Der Sender hat also Fehler gemacht und gesteht sie ein. Aber warum?

„Rückblickend ist uns klar:“, heißt es weiter, „Bei so einem Thema hätten unbedingt auch Menschen mitdiskutieren sollen, die andere Perspektiven mitbringen und/oder direkt davon betroffen sind. Wir lernen daraus und werden das besser machen.“ Weil man sich aber nun der Kritik stellen will, hätte der WDR, so heißt es, die Sendung in der Mediathek belassen. Aber was wäre die Alternative, etwa still und heimlich oder mit Trommelwirbel löschen? 60 Minuten Talk, die erhalten geblieben sind.

‘Das Ende der Zigeunersauce'

Die Themen waren: „Das Ende der Zigeunersauce: Ist das ein notwendiger Schritt?“, „10 Jahre Instagram: Sind soziale Medien ein Fortschritt?“, „Good Cop, Bad Cop: Können wir der Polizei noch vertrauen?“ und „Extrem gepiercte und tätowierte Erzieher und Lehrer: Können wir das unseren Kindern zumuten?“

Die Gäste sollen mit einer roten oder einer grünen Karte die These ablehnen oder zustimmen. Die Zigeunersoße-Frage wurde von allen vier Gästen (inklusive Moderator Gottschalk und Big-Brother Jürgen Milski) mit der roten Karte beantwortet. Es gäbe also keine Notwendigkeit, die Soße antirassistisch umzubenennen.

Als eine der ersten beschwerte sich die SPD-Vorsitzende Saskia Esken per Twitter über die vier roten Karten: „Mir fehlen die Worte. Das ist wirklich nur noch zum Schämen.“ Ein Shitstorm wurde vom Zaun gebrochen, der WDR entschuldigte sich und dann (mussten?) auch noch Beisenherz und Kunze Abbitte leisten zur Freude der Medien und des Senders: Denn ein wenig geschautes TV-Format bekam so etwas mehr Aufmerksamkeit, wenn auch der negativeren Art.

Zwei Kritikpunkte müssen hier auseinandergehalten werden: Einmal geht es um die Zusammensetzung der Runde, wo ohne Sinti und Roma über Zigeunersoße diskutiert wurde. Und weiter um die Meinungen der Gäste, die ebenfalls empörten. Die Zusammensetzung zu kritisieren ist aber schon deshalb Quatsch, weil die vier großen politischen öffentlich-rechtlichen Talkshows von Will bis Illner vor allem eines sind: einseitige Veranstaltungen ohne Oppositionsführer, ohne kritische Stimmen und unter dem dringenden Verdacht, Regierungsfernsehen zu sein, wo fast ausschließlich Protagonisten der Regierung und die von ihr ausgewählten Experten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu Wort kommen. Diese Art Fernsehen müsste sich also mindestens viermal die Woche entschuldigen, das bleibt aber aus.

Es macht allerdings einen Unterschied, ob ich politisch diskutiere und kritische Stimmen ausblende oder gesellschaftliche Debatten führe und hier vier weißhäutigen Personen unterstelle, dass sie bei einem von vier Themen nicht in der Lage wäre, empathisch auch das Problem der Minderheit mitzudenken, wenn diese nicht vertreten ist. Geht man die vier Fragen der Sendung „Die letzte Instanz“ durch, hätten also nicht nur Sinti und Roma, sondern auch Polizisten (Polizeifrage), Instagram-Influencer (10 Jahre Instagram) und ein tätowierter und gepiercter Lehrer auftreten müssen. Aber das Konzept der Sendung besteht eben darin, deutschsprachige Sympathieträger unabhängig ihrer Herkunft und Komptabilität zum Thema einzuladen und deren Meinung abzufragen. Also viermal Zigeunersoße aufs Schnitzel, Zigeunerbaron im Theater und „Zigeunerjunge“ im Radio.

Blonde dicke Oberweite

Zigeuner? „Entschuldigung“, so Janine Kunze auf ihre unverwechselbare Art und Weise in der Runde, „Entschuldigung, hier sitzt eine blonde Frau mit relativ großer Brust.“ Klar, die Blonde mit der Oberweite muss sich auch vieles anhören, möchte man spontan einwenden: Aber blonde dicke Oberweiten kamen auch nicht ins KZ, so es nicht die äußeren Merkmale jüdischer oder andere verfolgter Frauen waren. Nein, so eine Frage muss in einer Talkshow auch nicht in zeitlich nächster Nähe zum Holocaust-Gedenktag gestellt werden.

Könnte man einwerfen, darf man auch nie vergessen, muss man aber hier nicht an erste Stelle einer Empörung setzen, wo zunächst mal die Lebenswirklichkeit der Menschen von heute debattiert werden soll.

Gottschalk erinnert an den Mohr im Struwwelpeter und daran, dass er ein Erweckungserlebnis hatte, als er sich in Beverly Hills beim Fasching als Jimi Hendrix (farbiger Musiker) verkleidete. Da hätte er gespürt, wie sich Schwarze fühlen würden – ja, möglicherweise in seinem Faschingsumfeld.

Klar, Empathie für die Lebenswirklichkeit vieler Menschen geht anders als bei Villa Gottschalk. Aber was soll hier die Perspektive sein? Hier greift das Korrektiv der öffentlichen Meinungsbildung doch dank sozialer Medien binnen Minuten ein. All das gehört zum Kontext dazu, wo sollte da Platz für nachgereichte Entschuldigungen freigeräumt werden müssen, wenn nicht aus Sorge um Jobs in Sendungen der öffentlich-rechtlichen Sender?

Janine Kunze soll nun deshalb eine Rassistin sein? Sicher, es geht passender, aber warum eigentlich sollten in einer weißen Mehrheitsgesellschaft vier prominente Weiße nicht über beispielsweise Diskriminierung von Farbigen diskutieren dürfen? Und noch dazu unter Beobachtung der sozialen Medien? Auch Weiße sollten sich nicht die Empathie für Probleme von Minderheiten absprechen lassen. Zumal in diesem herausragenden freiheitlich-demokratischen westlichen Wertesystem, das sie sozialisiert und das sie mal mehr mal weniger mitgeprägt haben.

mvg

Und bitte nicht vergessen: Die Zigeunersoße war in dieser Sendung eines von vier Themen ohne weitere thematische Anklänge an Minderheiten. Und es entspräche möglicherweise nicht einmal der Idee des Formats, denn hier geht es ja nicht zwingend darum, was Betroffene sagen, sondern was bestimmte Sympathieträger zu bestimmten Themen für eine individuelle Meinung haben.

Schade: Der WDR stellt sich nicht hinter seine Gäste. Er entschuldigt sich sogar schon, bevor die Betroffene etwas dazu gesagt haben. Die WDR-Entschuldigung gibt also die Richtung vor, also entschuldigen sich auch die zum Teil von der öffentlich-rechtlichen Gunst monetär abhängigen Künstler. Von Alltagsrassimus ist die Rede. Von einem Anwurf Richtung Mehrheitsgesellschaft, der immer öfter – das muss man leider sagen – auch dafür missbraucht wird, sich einer Integration in diese Mehrheitsgesellschaft zu entziehen.
Janine Kunze wird nun nach Selbstbekunden „künftig ihre Wortwahl überdenken.“ Das aber wäre bei dieser herrlichen Schnotterschnauze sehr bedauerlich. Denn Kunze ist alles andere als das dumme Blondchen mit der großen Oberweite, was sie selbst mit starkem Augenzwinkern in einer eigentlich harmlosen kleinen Talkshow nach vorne geschoben hatte.

Beisenherz allerdings schoss in seiner Entschuldigung das Wasser zum Kochen und man darf sogar kurz darüber nachdenken, ob der pfiffige Moderator in seine Abbitte nicht einen versteckten Seitenhieb gegen die Kritiker und Shitstürmer gepackt hat, als er sagte: „Eine Sendung, in der vier Kartoffeln sitzen und mittels Karten über Rassismus abstimmen, hat ein Problem.“ Ja, möglicherweise ein Problem damit, dass eine dieser Kartoffeln sich selbst despektierlich und – der Definition folgend – rassistisch als Kartoffel definiert und darüber vergisst, dass wir uns immer noch in Kartoffeldeutschand befinden, nicht in Reisjapan oder in Maniok-Afrika.




Alexander Wallasch ist gebürtiger Braunschweiger. Er schrieb schon früh und regelmäßig für Szene-Magazine Kolumnen. Wallasch war 14 Jahre als Texter für eine Agentur für Volkswagen tätig – zuletzt u.a. als Cheftext für ein Volkswagen Magazin. Als Journalist schreibt er für die Süddeutsche Zeitung, Zeit, Welt, Focus, Cicero und weitere Publikationen. Für die tageszeitung (taz) schrieb Wallasch ganzseitige Reportagen und entdeckte unter anderem Andreas Baaders Plattenkiste und besuchte einen Bauern der gar keine Frau sucht.  Wallasch war einige Jahre Kolumnist für Subway/Braunschweig und für das Online Portal TheEuropean. Dort war er mehrfach meistgelesener Autor Mit seinen Texten bei Tichys Einblick wurde er zu einem der meistgelesenen Autoren im deutschsprachigem Raum (u.a. Ranking „10000 flies“). Er betreibt einen eigenen Blog (alexander-wallasch.de).


Bild: underworld/Shutterstock
Text: gast


Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, besagt ein chinesisches Sprichwort. In Deutschland 2021 braucht man dafür eher einen guten Anwalt.

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