Signifikant mehr psychische Krankheiten wegen Corona-Maßnahmen Schon vor der Krise waren rund eine Milliarde Menschen betroffen

Von Daniel Weinmann.

Isolation, Existenzängste, Perspektivlosigkeit: Je länger die Coronakrise dauert, desto stärker leidet die Seele. Schon im ersten Pandemiejahr sind die Fälle von Depressionen und Angststörungen weltweit um 25 Prozent gestiegen. Dies meldet ausgerechnet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ihrem neuen Bericht über mentale Gesundheit. Schon 2019 lebten nach WHO-Angaben weltweit eine Milliarde Menschen mit einer psychischen Krankheit.

Die Organisation definiert dies als bedeutsame Störung der Wahrnehmung, der Emotionsregulation oder des Verhaltens einer Person, die in der Regel mit Stress oder Beeinträchtigungen in wichtigen Funktionsbereichen verbunden ist. Generell, so die WHO, sterben Menschen mit schweren psychischen Störungen zehn bis 20 Jahre früher als die allgemeine Bevölkerung – häufig an körperlichen Zuständen, die eigentlich verhindert werden könnten.

WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus betonte, psychische Gesundheit gehe mit körperlichem Wohlergehen Hand in Hand. „Investitionen in die psychische Gesundheit sind Investitionen in ein besseres Leben und eine bessere Zukunft für alle.“ Die mentale Gesundheit sei Jahrzehnte vernachlässigt worden, heißt es in dem Bericht. Ergo müssten alle Länder mehr tun, um den Betroffenen zu helfen.

Sexueller Missbrauch und Mobbing als wichtigste Ursache für Depressionen

An diesem Montag spielte Tedros wieder seine übliche Rolle und schürte die Angst vor genau jener Infektion, die zum Anstieg der psychischen Krankheiten führte. „Die Wahrnehmung, dass die Pandemie vorbei ist, ist fehl am Platz“, warnte er im Rahmen eines Treffens der G20-Gesundheitsminister in der indonesischen Stadt Yogyakarta. Der WHO-Boss befürchtet, dass sich der Kreislauf aus „Panik und Nachlässigkeit“ wiederholt.

Zu den wichtigsten Ursachen für Depressionen zählt seine Organisation sexuellen Missbrauch, Mobbing oder Schikane im Kindesalter. Dem müsse aktiv durch soziale Dienste, Unterstützung für Familien mit Problemen sowie Programme für soziales und emotionales Lernen in Schulen entgegengewirkt werden.

Dass Kinder und Jugendliche ganz besonders unter der Pandemie leiden, zeigt eine Vielzahl von Studien: Laut der Copsy (Corona und Psyche)-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf etwa empfindet rund ein Drittel der befragten Kinder weniger Lebensqualität. Vor der Coronakrise war es nur jedes fünfte.

Ein ähnliches Bild zeichnet die Trendstudie “Jugend in Deutschland“ für junge Erwachsene im Alter von 14 bis 29 Jahren. 40 Prozent der Befragten klagten über Beeinträchtigungen ihrer psychischen Befindlichkeit. Die am häufigsten berichteten Belastungen waren Stress (45 Prozent), Antriebslosigkeit (35 Prozent) und Erschöpfung (32 Prozent). Mehr als jeder vierte Befragte litt unter Depressionen. 13 Prozent hatten das Gefühl von Hilflosigkeit und sieben Prozent berichteten von Selbstmordgedanken.

»Maßnahmen wie Kita- und Schulschließungen müssen hinterfragt werden«

„Kinder und Jugendliche haben während der Coronapandemie eine besondere Last zu tragen, obwohl bei ihnen eine Covid-19-Infektion meist sehr mild verläuft“, sagte der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, am Ende in seiner Begrüßungsrede zum 126. Deutschen Ärztetag. „Die Maßnahmen wie Kita- und Schulschließungen zum Gesundheitsschutz älterer Menschen und vulnerabler Gruppen müssen im Nachhinein in ihren Auswirkungen auf die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen hinterfragt werden.“

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach lassen derlei Sorgen kalt. Dass der Vater von fünf Kindern wenig Mitgefühl für junge Menschen hat, zeigte seine nüchterne Reaktion auf eine im Januar veröffentlichte Studie der Uniklinik Essen. Danach sind die Suizidversuche von Kindern und Jugendlichen im vergangenen Frühjahrs-Lockdown im Vergleich zur Vor-Pandemie-Zeit um das Vierfache gestiegen (Reitschuster.de berichtete). Lauterbach bezweifelte einen direkten Zusammenhang zwischen dem Lockdown und psychischen Folgen. Diesen Rückschluss gäbe die Studie so nicht her, befand der SPD-Politiker.

Anmerkung: Wir haben über das Thema Suizid berichtet. Es ist nicht ausgeschlossen, dass depressiv veranlagte Menschen sich nach Berichten dieser Art in der Ansicht bestärkt sehen, dass das Leben wenig Sinn habe. Sollte es Ihnen so ergehen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Hilfe finden Sie bei kostenlosen Hotlines wie 0800-1110111 oder 0800-3344533.

David
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Daniel Weinmann arbeitete viele Jahre als Redakteur bei einem der bekanntesten deutschen Medien. Er schreibt hier unter Pseudonym.

Bild: Shutterstock
Text: dw

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