Von Kai Rebmann
Dem Einzelhandel in Deutschland entstand durch Ladendiebstahl im Jahr 2024 ein Schaden in Höhe von mindestens drei Milliarden Euro. Rund die Hälfte dieser Summe entfällt auf Supermärkte und ähnliche Verkaufsstellen des LEH (Lebensmitteleinzelhandels). Im Vergleich zu 2022 ist der Schaden damit um etwas mehr als 20 Prozent innerhalb von nur zwei Jahren gestiegen, einzelne Marktchefs sprechen in ihren Filialen von einer Zunahme um 30 bis 50 Prozent.
Doch nicht nur die Zahlen bei den angezeigten Delikten sowie dem dadurch verursachten Schaden kennen seit Jahren nur noch eine Richtung, die Ladendiebe verlieren dabei zunehmend alle Hemmungen – und werden dafür offenbar auch noch belohnt. So räumte jetzt zum Beispiel der Chef eines Edeka-Markts in Völklingen (Saarland) gegenüber dem „Focus“ ein: „Wir lassen Brutalo-Diebe laufen.“ Leib und Leben seien es nicht wert, sich den Kriminellen in den Weg zu stellen und Heldentaten zu vollbringen, so der Kaufmann.
So sehr man dieser Aussage nur zustimmen kann, verwundert die Wahrnehmung des Opfers an anderer Stelle. Der Unternehmer beklagt, dass die Ladendiebe inzwischen kaum mehr zu erkennen seien und es sich dabei um „Menschen wie du und ich“ handele. Nur um im nächsten Satz dann hinzuzufügen und damit seine zuvor getätigte Aussage – wenn wohl auch unbemerkt und eventuell auch ungewollt – in einem anderen Licht erscheinen zu lassen: Immer öfter „ziehen die gleich das Messer“, beschreibt der Mann diese Tätergruppe.
Sind es also tatsächlich „Menschen wie du und ich“, die mit einem Messer im Hosensack „zum Einkaufen“ in den Supermarkt um die Ecke gehen? Oder verbirgt sich hinter diesen Aussagen eine andere Wahrheit, die zu unbequem erscheint, um sie offen auszusprechen?
Täter aus Osteuropa und Nordafrika deutlich überrepräsentiert
Die offiziellen Statistiken sprechen hier eine klare Sprache. Demnach sind Ausländer auch bei den Ladendiebstählen – wie in fast allen Phänomenbereichen der Kriminalität – deutlich überrepräsentiert, sprich treten deutlich häufiger als Tatverdächtige in Erscheinung, als er Anteil an der Bevölkerung rein mathematisch vermuten ließe. Ein diesbezüglich besonders großes Missverhältnis ist demnach bei Tatverdächtigen aus den Maghreb-Staaten Tunesien, Marokko und Algerien sowie Osteuropa, hier insbesondere aus Rumänien, zu beobachten.
Aber nicht nur mit Messern bewaffnete Kundschaft scheint den Angaben zufolge im ansonsten eher beschaulichen Saarland zum gewöhnlichen Erscheinungsbild in Supermärkten zu gehören, sondern auch die mehr oder weniger ständige Präsenz eines Sicherheitsdienstes. So jedenfalls lässt sich die grundsätzlich zustimmende Aussage eines Rewe-Marktleiters interpretieren, der resignierend einräumt: „Gewaltbereite Diebe lassen wir oft gehen, klar“, was insbesondere dann gelte, „wenn doch mal keine Sicherheitskräfte im Markt“ seien.
Täuscht die Erinnerung, oder gab es in Deutschland nicht auch mal Zeiten, in denen Security in Supermärkten – oder wahlweise Freibädern und Weihnachtsmärkten – eher die absolute Ausnahme als die alltägliche Regel war? Im Jahr 2026 haben sich diese Zeiten so grundlegend geändert, dass derartige Zustände von großen Teilen der Gesellschaft offenbar schon als Bestandteil der neuen Normalität wahrgenommen und, was fast noch schlimmer ist, auch als solcher akzeptiert werden.
Diese alarmierende Entwicklung hat inzwischen auch zu Reaktionen auf Ebene der Fachverbände geführt. Exemplarisch warnt etwa Nils Busch-Petersen vom Handelsverband Berlin-Brandenburg explizit vor „Heldentaten“ im Supermarkt und verweist auf entsprechende Richtlinien seines Hauses: „Niemand erwartet von einer Kassiererin, dass sie einen Bewaffneten aufhält.“
Das wiederum ist naturgemäß dann die Aufgabe der Polizei oder eben der vor Ort stationierten Sicherheitskräfte. Aber was passiert danach? Nichts! Das zumindest ist die Erfahrung der beiden oben zitierten Marktleiter: „Wenn die Diebe wissen, dass ihnen erstmal wenig passiert, ändern sie ihr Verhalten nicht.“ Schuld sind juristische Verfahren, die nach der Anzeige eines Ladendiebstahls viel zu lange dauern, nicht selten im Sande verlaufen und daher kaum eine auch nur ansatzweise abschreckende Wirkung entfalten können.
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Kai Rebmann ist Publizist und Verleger. Er leitet einen Verlag und betreibt einen eigenen Blog.
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