Stellen Sie sich für einen Moment vor: Eine Gewerkschaft, die geringere Löhne für ihre Mitglieder fordert. Ein Anwalt, der fordert, dass sein Mandant weniger Schadenersatz bekommt, als sich das Gericht vorstellt. Oder ein Trainer, der seiner Mannschaft sagt: Verteidigt nicht so hart, lasst doch auch mal ein Tor rein.
Sie werden sich jetzt sagen: so ein Schwachsinn. Genau. Aber dieser Schwachsinn ist im „besten Deutschland aller Zeiten“ leider hoffähig geworden. Im ganz konkreten Fall hat der Verkehrspräsident des größten Automobilclubs im Lande, des ADAC, der eigentlich dazu da ist, die Interessen der Autofahrer zu vertreten und günstigere Bedingungen für sie herauszuhandeln, gefordert, die Benzinpreise zu erhöhen.
Nein, Sie haben sich nicht verlesen. Und vielleicht haben Sie es auch schon irgendwo gehört: Die „Welt“ meldet: Verkehrspräsidenten Gerhard Hillebrand hat „sich in der ‘Neue Osnabrücker Zeitung‘ für höhere Benzin- und Dieselpreise ausgesprochen, um die Klimaschutzziele zu erreichen.“
Das muss man sich nicht nur auf der Zunge zergehen lassen. Das muss man vor allem zum Anlass nehmen, sich wieder einmal ganz nüchtern zu fragen: Was ist mit diesem Land und mit denen, die sich für seine Eliten halten, nur los? Mein erster Gedanke ging an Franz Josef Strauß, den früheren CSU-Chef, der 1986 warnte, Rot-Grün würde Deutschland in ein Narrenschiff namens Utopia verwandeln (siehe hier).
Genau das ist passiert. Und wir sehen es auf allen Ebenen.
Das Erfolgsgeheimnis der alten Bundesrepublik war nüchterne, bodenständige Pragmatik. Die Automobilverbände kämpften für niedrige Spritpreise, die Umweltverbände für hohe, und so wurde ein Konsens ausgehandelt in der Gesellschaft und der Politik. Reif, nüchtern, erwachsen.
Was wir stattdessen heute haben, erinnert eher an fundamentalistische Gottesstaaten wie den der Mullahs im Iran. Mein erster Gedanke ging sogar an den Steinzeitkommunisten Pol Pot. Für die jüngeren – ein in Frankreich sozialisierter Massenmörder, der seine Heimat Kambodscha als Diktator im Namen linksextremer Ideen in die Steinzeit zurück terrorisieren wollte und dabei innerhalb von vier Jahren 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung des kleinen Landes umbringen ließ. Nein, um Gottes Willen, ich will die Zustände bei uns keinesfalls mit denen im Kambodscha der 1970er Jahre gleichsetzen. Das wäre dumm und unverantwortlich. Und auch jeder Vergleich ginge zu weit. Aber Pol Pot war nun mal mein erster, intuitiver Gedanke. Den ich nicht selbst zensieren will. Und den ich nur wiedergebe, um – nach dem Motto „wehret den Anfängen“ – drastisch zu zeigen, wohin Extremismus und Glaubens-Fundamentalismus in letzter Instanz führen können. Und dass sie eben nicht nur von Rechtsaußen kommen, sondern auch von Linksaußen.
Und leider haben wir genau diesen Weg zum Glaubens-Fundamentalismus eingeschlagen in der Bundesrepublik – nur dass es sich nicht um einen religiösen Glauben handelt, und auch nicht um einen sozialistischen im klassischen Sinn – sondern um einen rot-grünen, „woken“, mit sozialistischen Zügen.
Der ADAC-Verkehrspräsident erinnert mich mit seinem Vorgehen an Selbstgeißler im Mittelalter, die sich selbst mit Geißeln – Stäben mit Riemen oder Schnüren – Schmerzen zufügten, in der Hoffnung, damit die Gnade Gottes – und in Wirklichkeit wohl eher die der Religions-Apparatschiks – zu erlangen. Wobei der große Unterschied wohl darin liegt, dass sich die Schmerzen für den ADAC-Verkehrspräsident selbst wohl eher minimal sein werden dank dicken Geldbeutels – er aber diese Schmerzen für diejenigen fordert, die er eigentlich vor Schmerzen bewahren sollte.
Insofern hinkt mein Vergleich – weil der Verbands-Funktionär also weniger ein Selbst-Geißler ist als jemand, der dazu aufruft, andere zu geißeln. Aber – und das passt der Vergleich wieder – dies in der Hoffnung auf Erlösung tut – in diesem Fall durch den polit-medialen Komplex, von dem er sich offenbar Fleißpünktchen erhofft. Und eine Befreiung von dem, was in der rot-grünen Republik wohl eine Ursünde ist – auf der „falschen“ Seite zu sein, auf der Seite der „Klimasünder“. Und das ist in der neuen Staatsreligion der Bundesrepublik – dem Klimakult – eine Ketzerei.
Hillebrand glaubt offenbar wie alle Ideologen bzw. deren opportunistische Bettvorleger daran, dass die Menschen umerzogen werden sollen. „Die Leute brauchen den Anreiz, um auf klimaschonende Alternativen zum Diesel und Benziner umzusteigen.“ Ziel sei es demnach, den Umstieg etwa auf Elektrofahrzeuge zu fördern. So als komme der Strom dafür aus der Luft – wie man es uns ja mit der „Energiewende“ weismachen wollte. Aber solche Glaubens-Dogmen darf man nicht infrage stellen im neuen Deutschland.
Der einzige Trost – der rot-grüne Vorbeter an der ADAC-Spitze stieß auf Unmut. „Ich habe gestern endgültig (nach 40 Jahren!) meine Mitgliedschaft im #ADAC außerordentlich gekündigt“, schreibt der gelernte DDR-Bürger Andreas Patzwahl, der einst 13 Monate im Staatsknast saß, auf X – und regt andere Mitglieder an, es ihm gleichzutun. Er bekam dafür mehr als 6.000 Likes.
Ich habe gestern endgültig (nach 40 Jahren!) meine Mitgliedschaft im #ADAC außerordentlich gekündigt.
Bis morgen ist noch Zeit, falls jemand zögerlich sein sollte. Einfach den Text kopieren und ab an den @ADAC!🙋🏼♂️ pic.twitter.com/kMTOYtUDPq
— Andreas Patzwahl (@APatzwahl) December 30, 2025
Der ADAC-Apparatschik versuchte nun einen abenteuerlichen Spagat: So zu tun, als sei er nicht nass geworden, nachdem er sich zuvor hüfttief ins Taufwasser der Klima-Religion begeben hatte. Er wies den Vorwurf zurück, sich von seinen Mitgliedern zu entfernen und sprach von Missverständnissen. Wie man es halt so tut in solchen Fällen. Hillebrand äußerte sich zudem zur europäischen Klimapolitik. Mit Blick auf Diskussionen über eine mögliche Abschwächung von Klimazielen sagte er: „Davor kann ich nur warnen. Europa muss an ehrgeizigen CO₂-Minderungszielen festhalten, denn wir müssen die Erderwärmung begrenzen.“
Der altdeutsche Größenwahn im neudeutschen Gewand, im Europa-Schafspelz: Am europäischen (gemeint ist das deutsche) Wesen soll das Welt-Klima genesen – also der globale Wetterdurchschnitt. Der hängt bekanntlich davon ab, ob Otto Normalverbraucher in Germany auf ein Elektroauto umsteigt, das dann wiederum zu einem großen Teil mit Strom aus konventionellen Energieträgern betrieben wird, da wir ja aus der bösen, bösen Atomkraft ausgestiegen sind.
Der Hintergrund für die Debatte ist die geplante Einführung eines EU-weiten CO₂-Preises auf Kraftstoffe. Die war zum 1. Januar 2027 geplant; wegen des Widerstands der bösen, klima-ketzerischen osteuropäischen Länder wurde er aber um ein Jahr verschoben. Was für ein Frevel – die Menschen erst später zu belasten mit dem Klima-Zehnten. Einziger Trost für die radikalen unter den Klima-Gläubigen: Zum Jahreswechsel wird Heizen und Tanken auch so teurer.
Alle den ADAC Kündigen. Ganz einfach!
Hat bei Milka auch geklappt pic.twitter.com/LpI39Pcyzb— Daniel Vollmer (@DanielVoll12251) December 31, 2025
Damit wir uns richtig verstehen: Ich war schon für Umweltschutz, als das in Deutschland noch als Spinnerei galt –insbesondere bei vielen von denjenigen, die jetzt besonders brav Männchen machen vor dem Klima-Zeitgeist. Jahrelang habe ich in Berlin auf ein Auto verzichtet. Aber so toll ich echten Umweltschutz finde, so sehr kotzen mich diejenigen an, die groß auf Klima machen, und dann mit dem SUV zum Flughafen für die nächste Fernreise fahren.
Ich weiß: Man kann es aber auch positiv sehen: Der ADAC hat sich eben weiterentwickelt. Vom Automobilclub zum Ablassdienst für Klimasünder. Statt gelbem Engel gibt’s jetzt grünes Weihwasser. Und wer weiß – vielleicht bekommen wir demnächst einen ADAC-Segen aufs E-Auto, einen veganen Blinker oder einen Warnwesten-Katechismus. Inklusive Bußgebet bei überhöhter Geschwindigkeit. Denn das Wichtigste ist ja: Haltung. Pardon – Rückgrat war gestern.
Verzeihen Sie mir all den Galgenhumor – aber ohne den wäre es nicht mehr auszuhalten. Aber zum Schluss doch wieder ein paar ernste Gedanken: Was wir da erleben, ist kein Sturm im Wasserglas. Sondern ein Menetekel. Wenn selbst der ADAC-Vorsitzende fordert, dass Autofahren teurer werden soll, ist das nicht nur eine Entgleisung. Es ist ein Symptom. Für ein Land, in dem die Eliten ihre eigenen Leute vergessen haben. Medien ihre Leser. Politiker ihr Volk, das man nicht mal mehr so nennen darf. Ein Land, in dem Funktionäre lieber Hof machen beim Zeitgeist als bei denen, die sie vertreten sollen. In dem man Ideologie „Verantwortung“ nennt, und Verrat „Transformation“. Ein Bild von einem Land, in dem sich Funktionäre von ihren Mitgliedern entfernen, Medien von ihren Lesern, Politiker von ihrem Volk – und Ideologen von der Realität.
Wenn selbst die Interessenvertreter zu Gesinnungsvertretern mutieren, wird es Zeit, selbst die Interessen zu vertreten. Mit Austritt. Mit Protest. Mit Widerstand. Denn wer schweigt, wird überrollt. Wenn die Mehrheit all das weiter mit sich machen lässt, werden sie uns das Autofahren irgendwann nicht nur über den Geldbeutel vergällen – sondern ganz verbieten.
P.S. : Ich habe es schon länger angekündigt – jetzt setze ich es Schritt für Schritt um: Mich noch klarer absetzen von der Mode, in der auch viele alternative Medien gefangen sind – jede Nachricht sofort hinausblasen, maximal Empörung erzeugen, möglichst viele Klicks sammeln. Stattdessen: Weniger Artikel, dafür das Wesentliche. Fels in der Brandung des Nachrichten-Tsunamis statt Teil der Welle. Mit Fokus auf Einordnung, originelle Impulse, Tiefgang. Boutique statt Aldi. Mich würde sehr interessieren, wie Sie diesen neuen Kurs sehen – denn ich schreibe ja für Sie.
P. P. S.: Ganz, ganz herzlichen Dank für die bewegende Unterstützung zu Weihnachten – sie hat mich tief gerührt:
Jede Überweisung ist Ansporn, Motivation – und ein bisschen auch Schmerzensgeld.
Und weil Freude wächst, wenn man sie teilt, gibt es für meine halbadoptierten Straßenkatzen zu den üblichen Portionen diesmal über die Feiertage besonders festliche Extras: Hochwertiger, leckerer – echte Weihnachtsfreude auch für sie.
Wer nachträglich noch Weihnachtsmann spielen will – auch für die Katzen: 👉 http://reitschuster.de/unterstuetzung/
Den Dank der Samtpfoten – in Form von Pfotenlecken und Schnurren – richte ich gern aus!
Ich gehe oft mit schwerer Tasche los – Futter, Dosen, Leckerli für die Streuner.
Und komme mit leerer Tasche zurück. Und spüre dann: Ich fühle mich viel leichter.
Und zwar nicht nur auf den Schultern. Auch im Herzen. Und im Leben.
Selbst das Einschlafen fällt leichter – was sehr viel bedeutet in diesen Zeiten.
Schenken hilft nicht nur denen, die wenig haben – sondern auch denen, die viel tragen.
Buchstäblich.
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