Von Facebook zu GETTR? Warum nicht? Sieht aus wie Facebook, bildet dasselbe Forum. Ohne Kommunikationsbegleitung

Ein Gastbeitrag von Gunter Weißgerber. Weißgerber war Redner der Leipziger Montagsdemonstrationen 1989/90, Mitbegründer der Ost-SPD, Mitglied der freigewählten Volkskammer 1990, Mitglied des Deutschen Bundestages 1990–2009.

Zu Ostzonenzeiten widerte mich das durch FDJ- und SED-Sekretäre betreute Denken unendlich an. Vielen Friedenslagermitinsassen erging es so.

Mit dem Erringen des Demonstrationsrechts und damit einhergehend der Meinungsfreiheit im Herbst 1989 gewöhnten sich viele Ostblockgelagerte an Meinungsfreiheit und Pluralismus. Auch ich.

Das Gewöhnen an Freiheit, Meinungsfreiheit, Demokratie lasse jedenfalls ich mir nicht mehr nehmen. Nicht von der politisch einseitig gewordenen Bundesrepublik, nicht vom Netzwerkdurchsetzungsgesetz. Nicht von Scholz, Steinmeier, Söder, Roth, Lindner, Bartsch und wie die unglücklichen Ritter von der traurigen Gestalt alle heißen mögen. Sie sind ohnehin nur die schrägen Abziehbilder einer Blase unerklärbarer Überheblichkeit.

Einer Amme faktisch obrigkeitsstaatlicherseits bedarf es sicher nicht

Ob GETTR eine neue Welt freier Kommunikation ermöglicht, das weiß ich nicht. Auch hier gilt Panta Rhei. Wie überall. Just zu diesem Zeitpunkt betreut GETTR meine Kommunikation (noch) nicht. Wenn das kein Grund zum Wechsel ist.

GETTR sieht aus wie Facebook, bildet dasselbe Forum. Ohne Kommunikationsbegleitung. Was aus GETTR wird, weiß der Fuchs, ich weiß es nicht. Sollte die obertänige Begleitung dauerhaft nicht anwesend sein, wäre es nicht ganz schlecht.

Kriminelle Kommunikationen müssen auch auf GETTR verhindert werden. Ideologisch apostrophierte Dispute sollen ideologische Diskussionen bleiben können. Wer sich beleidigt fühlt, mag den Gang zu Rechtsanwalt und Gericht beschreiten. Einer Amme faktisch obrigkeitsstaatlicherseits bedarf es sicher nicht.

Was meinen bevorstehenden Wechsel zu GETTR betrifft, habe ich noch einen Gedankengang parat: Wir besitzen seit einigen Wochen einen neuen jungen Hund aus rumänischen Hundelagerverhältnissen. Er ist scheu, ängstlich, verstört. Nur an der Leine taut er auf, fühlt sich sicher.

Freiheit war selbst für viele freigelassene Sklaven 1865 ein schier unzubewältigendes Problem

Juno brachte mich auf den Gedanken, so wie es ihm geht, so scheint es manchen FB- und Twitter-Nutzern zu gehen. Stockholmsyndrom-mäßig scheinen sie an der Kommunikationsbegleitung des Netz-DG und damit im disziplinierten Bereich verbleiben zu wollen. Freiheit war selbst für viele freigelassene Sklaven 1865 ein schier unzubewältigendes Problem. Sicher ist scheinbar sicher. Beschimpft werden ist nicht schön, Schubladen sind es auch nicht. Ich gelte im neubundesrepublikanischen Mainstream inzwischen als rechts und als Verschwörer. So what? 1989 war das noch Freiheitssucht.

Dabei geht es mir wie damals auch heute nur um die Freiheit und die Möglichkeit des demokratischen Diskurses.

Zwei Bemerkungen zum Schluss.

Erste Bemerkung:

Ich lese Einwände, GETTR sei auch nur Ami-Mist. Was soll das? Mir ist jeder GI an der nächsten Kreuzung lieber als eine Putin-Kompanie in der nächsten Kreisstadt. Nur die Präsenz der US-Amerikaner schützt uns vor den Pranken des Bären. Man frage die Polen, die Balten, die Tschechen, die Slowaken, die Ungarn, die Rumänen, die Bulgaren, die Ukrainer, die Georgier uva. Denn die EU, die Meinungsfreiheit und Souveränität ihrer Mitglieder nicht zulassen möchte, ist nicht ernst zu nehmen. Von ihr ist kein Schutz zu erwarten. Noch nicht?

Zweite Bemerkung:

Ich stehe zur einzigen Demokratie im Nahen Osten. Zu Israel.

Zu finden bin ich unter meinem Klarnamen. Auch 1989 vermummten wir uns nicht.

G Weissgerber: https://www.gettr.com/user/gunterweissgerb

Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Gunter Weißgerber war Montagsdemonstrant in Leipzig, Mit-Gründer der Ost-SPD und saß dann 19 Jahre für die SPD als Abgeordneter im Deutschen Bundestag. 2019 trat er aus der Partei aus. Der gelernte Bergbauingenieur ist heute Publizist und Herausgeber von GlobKult. Im Internet zu finden ist er unter www.weissgerber-freiheit.de. Dieser Beitrag ist zunächst auf www.weissgerber-freiheit.de erschienen.

Bild: Koshiro K/Shutterstock
Text: Gast

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