Voting-Panne, Ofarim-Sieg, Zuschauer-Wut: RTL zeigt, was heute normal ist Eine Show wird zum Kult um Selbsterniedrigung – und zur Diagnose

Wenn Ihr erster Impuls jetzt ist: „Oh Gott, jetzt schreibt auch noch Reitschuster über das Dschungelcamp“ – dann geht es Ihnen wie mir. Genau deshalb schreibe ich diesen Text.

Denn was sich da gerade abspielt, hat mit Trash-TV nur noch am Rande zu tun. Es ist ein Spiegel. Einer, in dem sich vieles bündelt, was mich am Zustand unserer Medien, unserer Gesellschaft – und, ja, auch am Publikum – zunehmend fassungslos macht.

Ich habe das Dschungelcamp nie geschaut. Ich werde es auch künftig nicht tun. Aber die Schlagzeilen und Reaktionen, die dieses Format inzwischen produziert, lassen sich selbst bei größter Ignoranz kaum mehr übersehen. Und sie sind – leider – journalistisch relevant. Nicht wegen der Show. Sondern wegen dem, was sie über uns erzählt.

Gil Ofarim, der Mann, der 2021 wegen einer erfundenen Antisemitismus-Anschuldigung gegen ein Hotel deutschlandweit für Entsetzen sorgte – genau dieser Gil Ofarim wird nun zum König einer Unterhaltungsshow gekrönt. Als sei nichts gewesen. Als sei das Vergessen nur eine Kameraeinstellung weit entfernt.

Dass ausgerechnet eine Kandidatin wie Samira Yavuz, in Teilen der Netzgemeinde als Favoritin gehandelt, am Ende leer ausgeht – trotz (oder wegen) Voting-Wirrwarr, trotz angeblich blockierter Leitungen, trotz SMS-Problemen bei der Stimmabgabe – rundet das Bild ab: Das Abnormale wird zur Norm. Und RTL reicht’s durch die Werbungsschleife.

Das besonders Widerliche an dem Ganzen: Diese Show ist nicht entgleist – sie ist exakt so gebaut. Ekel ist in ihr allgegenwärtig. Und er ist kein Nebeneffekt, sondern Fundament. Menschen werden gezwungen, widerwärtige Dinge zu essen, sich zu erniedrigen, ihre Grenzen zu überschreiten – nicht aus Not, sondern zur Belustigung eines Publikums, das sich am Kontrollverlust anderer ergötzen soll. Früher hätte man das als sadistisch bezeichnet. Heute heißt es „Unterhaltung“.

Der Zuschauer soll sich ekeln – und gleichzeitig überlegen fühlen. Er sitzt sauber auf dem Sofa, während andere sich im Dschungel entwürdigen. Und genau diese Asymmetrie ist gewollt: Hier die Gaffer, dort die Geopferten. Menschen, die sich – aus Karriereangst, Narzissmus oder purer Verzweiflung – öffentlich prostituieren, um noch einmal gesehen zu werden. Abgehalfterte Ex‑Prominente, profineurotische Emporkömmlinge, Menschen mit erkennbarer seelischer Schieflage – alle auf einer Bühne, die Demütigung zur Währung macht.

Exhibitionismus wird hier nicht gezeigt, er wird produziert. Tränen sind kein Unfall, sie sind Format. Grenzüberschreitungen kein Ausrutscher, sondern Prüfungen. Wer würdevoll bleibt, verliert Sendezeit. Wer sich entblößt – körperlich oder seelisch – gewinnt Reichweite. Das ist kein Fernsehen mehr, das ist ein Menschenversuch unter Quotenbedingungen.

Dass so etwas heute als „normal“ gilt, ist das eigentlich Verstörende. Was früher als geschmacklos angewidert hätte, als moralischer Tiefpunkt, als Entgleisung – ist heute Primetime. Und wer das kritisiert, gilt als humorlos. Dabei ist es genau umgekehrt: Humor setzt Distanz voraus. Hier gibt es keine Distanz mehr. Nur noch Voyeurismus.

Das ist keine Unterhaltung. Das ist das Gegenteil von gutem Geschmack. Und es zeigt mehr über den geistigen Verfall unserer Medienkultur als hundert „Maischbergers“ im Kreisverkehr. Dort palavern sie noch über angebliche Werte – während im Dschungel längst die Regeln geschrieben werden. Nicht von Intellektuellen, nicht von Moralisten, sondern vom Quotendruck, vom Voyeurismus – und vom Kult um die Selbsterniedrigung.

Denn genau das ist das Prinzip hinter diesem Format – und längst darüber hinaus: Was früher entwürdigend war, gilt heute als authentisch. Und was früher schambesetzt war, wird heute monetarisiert.

Das Dschungel-Camp zeigt dieses Prinzip in Reinform: Die Kamera wartet nicht auf Würde, sondern auf ihren Zusammenbruch. Nicht wer Haltung bewahrt – im alten Wortsinne von Würde, nicht von ARD-Rhetorik – , wird gezeigt – sondern wer von laufender Kamera in sich zusammenfällt und sich dabei entblösst. Die Tränen, das Zittern, der Ekelausbruch – alles ist Teil des Skripts. Nicht im Drehbuch, aber im Erwartungshorizont. Und das Publikum hat gelernt, genau diesen Moment zu verlangen.

Woher kommt dieser Kult um die Selbsterniedrigung? Daher, dass es in einer entgrenzten Medienwelt kaum noch Tabus gibt – und das, was früher privat war, heute zur Währung geworden ist. Daher, dass viele Zuschauer spüren: In einer Welt, in der alles inszeniert ist, wirkt nur noch das Unkontrollierte echt. Und daher, dass dieser Kontrollverlust – Tränen, Würgereiz, Nervenzusammenbruch – eben am stärksten wirkt, wenn er öffentlich passiert. Vor laufender Kamera. In HD. Zur Primetime.

Der Dschungel ist die Liturgie des postmodernen Fernsehens: Nicht der Beste gewinnt, sondern der Sichtbarste. Nicht der Würdigste, sondern der Gedemütigste. Nicht der Klügste, sondern der Verletzbarste.

Und in dieser Umkehrung liegt der tiefere Skandal. Denn sie prägt längst nicht nur Reality-TV, sondern auch Teile des politischen, medialen und kulturellen Betriebs: Wer sich öffentlich geißelt, wird erlöst. Wer sich schont, gilt als arrogant. Wer Grenzen wahrt, als unecht.

So wird Scham zur Show – und Demut zur Dienstleistung. Was bleibt, ist ein Zerrbild von Authentizität. Eines, das so tut, als sei es ehrlich – aber in Wahrheit nur kalkulierte Selbstaufgabe ist. Vor Publikum. Für Quote. Unter Applaus.

Ein befreundeter orthodoxer Priester aus Osteuropa würde all das ohne Zögern Satanismus nennen. Ich neige nicht zu religiöser Sprache. Ich sehe es säkularer – als Dekadenz mit Sendesignal. Aber angesichts dieser Phänomene frage ich mich manchmal, ob seine Sicht nicht treffender ist als alle soziologischen Erklärungsversuche. Vielleicht braucht es heute wieder einen Priester – und wohlgemerkt einen orthodoxen aus Osteuropa –, um das Unaussprechliche zu benennen. Die Theologen sehen den Teufel. Wir nennen es Medienlogik. Wir leben in einer Welt, die sich für aufgeklärt hält – und merkt nicht, dass sie Rituale erzeugt, die an Menschenopfer erinnern.

Vom Caroline-Urteil zur Castingkrone

Früher waren Klatsch und Tratsch vor allem die Begleitmusik von Menschen, die bereits prominent waren – Sportler, Künstler, Skandalpolitiker, und natürlich der Adel, der schon immer allein durch Herkunft öffentliches Interesse auf sich zog. Kurz: Personen, die außerhalb der Kamera aus unterschiedlichen Gründen bereits eine Rolle spielten.

Mit dem sogenannten Caroline-Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2004 verschob sich diese Logik. Das Gericht stellte klar, dass auch prominente Personen einen Anspruch auf Schutz ihrer Privatsphäre haben – insbesondere dann, wenn es um Alltags- und Urlaubssituationen ohne Informationswert für die Öffentlichkeit geht. Entscheidend ist seither nicht mehr allein der Prominentenstatus, sondern der konkrete Kontext und das öffentliche Interesse am jeweiligen Vorgang.

Die unbeabsichtigte Folge: Die Medien begannen, sich ihre „Prominenten“ zunehmend selbst zu erzeugen. Nicht mehr Leistung oder Stellung machten jemanden interessant, sondern permanente Sichtbarkeit, Eskalation und Verwertbarkeit. Wer genug Drama produziert, wird relevant. Wer genug heult, wird „echt“. Und wer genug polarisiert, wird krönungswürdig. Das ist keine Nebenwirkung – das ist das Prinzip.

Was früher der Bundespräsident für das Gemeinwesen war, ist heute Gil Ofarim für den Werbeblock: Projektionsfläche. Fallhöhe. Quote.

Voting als Simulation – Empörung als Strategie

Was besonders bitter aufstößt: Die Inszenierung einer Wahl, die nach demokratischem Anschein aussieht – Zuschauer dürfen abstimmen, mitfiebern, voten. Und wenn dann die Leitungen für eine der beliebtesten Kandidatinnen belegt sind? Wenn SMS-Votes als „Nummer nicht verfügbar“ quittiert werden? Dann sagt RTL sinngemäß: Alles im grünen Bereich.

Die Technik sei überwacht, keine Auffälligkeiten festgestellt, alles korrekt – so die offizielle Stellungnahme. Doch das Missverhältnis zwischen offizieller Behauptung und massenhafter Erfahrung bleibt bestehen. Und genau diese Spannung ist das Kapital der Show: Die Empörung nach dem Finale gehört längst zum Finale.

Wenige Minuten Voting-Chaos reichen, um Tage später noch die Schlagzeilen zu dominieren. Kein schlechtes Geschäft für ein Format, dessen Sendung sonst nach der letzten Madenkost langsam aus der Erinnerung verdampft wäre.

Der Zuschauer – Opfer oder Komplize?

Die heikelste Frage lautet: Ist das Publikum wirklich so dekadent? Oder einfach nur so medial dressiert, dass es den Unterschied zwischen Realität und Drehbuch gar nicht mehr spürt?

Vielleicht ist es beides. Wer 15 Mal anruft, um für Samira zu stimmen, und dann wütend in die Kommentarspalte tobt, ist nicht nur Opfer eines Systems – sondern längst Teil davon. Der Zuschauer will nicht nur sehen, wer gewinnt. Sondern sich selbst als Teilhaber des Dramas fühlen.

Mitleid, Wut, Jubel, Verrat – alles als Dienstleistung. Und ganz am Ende: Der fade Geschmack, instrumentalisiert worden zu sein. Das allerdings stört kaum jemanden. Denn: Nächste Staffel, nächstes Mal, neue Maden.

Vielleicht bin ich wirklich zu kritisch. Vielleicht verstehe ich einfach nicht, was die Menschen brauchen, um sich zu entspannen. Vielleicht bin ich der letzte, der noch denkt, dass Prominenz mit Leistung zu tun haben sollte – und dass Voting-Ergebnisse nachvollziehbar sein müssen.

Aber genau das das Problem: Dass man solche Gedanken heute überhaupt erklären muss. In einer Zeit, in der Skandalfiguren zu Königen gemacht werden. In der nicht mehr zählt, ob etwas stimmt – sondern ob es sich gut erzählt.

PS: Ich wollte diesen Text ursprünglich gar nicht schreiben. Trash-TV ist mir keine Zeile wert. Doch dann wurde mir klar: Genau das wäre falsch gewesen. Denn diese Sendung ist längst keine Show mehr – sie ist Diagnose.

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