Wenn der Blackout zum Campingurlaub wird Augenwischerei als Vorbereitung für den Ernstfall

Von Kai Rebmann

Lange Zeit waren die Warnungen vor einem möglichen Blackout nach offizieller Lesart nur etwas für rechte Spinner und Verschwörungstheoretiker. Doch die Zeiten haben sich geändert. Während Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) und seine Kabinettskollegen ihre Augen und Ohren vor der drohenden Gefahr weiter ganz fest verschließen, laufen die Vorbereitungen an der Basis auf Hochtouren. Kein Wunder, denn sollte der Ernstfall tatsächlich eintreten – und davon gehen über kurz oder lang immer mehr Experten aus – werden die Bürgermeister den Zorn des Volkes zuerst abbekommen. Berlin, wo die eigentlichen Verantwortlichen sitzen, ist dann erstmal ganz weit weg. Und mit schneller unbürokratischer Hilfe von der Bundesregierung wird in den Rathäusern auch niemand zu rechnen brauchen.

Deshalb bereitet sich jetzt auch das in Oberbayern vor den Toren Münchens gelegene Rosenheim auf einen Blackout vor. In dieser Woche wurde an alle Haushalte der Stadt ein sogenannter „Ratgeber für die Eigenvorsorge“ mit dem Titel „Blackout – und dann?“ verteilt. Die Einwohner werden aufgefordert, im Ernstfall Ruhe zu bewahren und überlegt zu handeln. Gleichzeitig wird an prominenter Stelle der Blackout- und Krisenvorsorgeexperte Herbert Saurugg zitiert: „Ich gehe davon aus, dass es in den nächsten Jahren zu einem derartigen Ereignis kommen wird.“

Was sollte man für mindestens zwei Wochen zu Hause haben?

Kernstück des Flyers ist eine Vorratsliste mit Dingen, die jeder für einen Zeitraum von zwei Wochen bei sich zu Hause haben sollte. Dem Ernst der Situation, die im Falle eines Falles eintreten wird, nicht ganz gerecht werdend, fordert die Stadt Rosenheim ihre Einwohner auf: „Planen Sie wie für einen 14-tägigen Campingurlaub in den eigenen vier Wänden.“ Mit Zeltplatz-Romantik dürfte es dann schnell vorbei sein. Aber auch der Bundeswirtschaftsminister hat in seinem ersten Leben als Kinderbuch-Autor seinen Lesern ja schon beschrieben, „wie aufregend ein nächtlicher Stromausfall sein kann.“

In dem Flyer versichert das Rathaus: „Ziel der Stadtwerke Rosenheim ist es, die Trinkwasserversorgung so lange wie möglich aufrecht zu erhalten.“ Dennoch wird empfohlen, sich mit einem Vorrat von 2,5 Litern Wasser pro Kopf und Tag sowie eventuell einem autark (ohne Strom) betriebenen Wasserfiltersystem einzudecken. Die Speisekammer sollte mit Konserven und Lebensmitteln wie Getreide, Hülsenfrüchte, Nudeln, Reis, Knäckebrot, Zucker und haltbarer Milch befüllt werden. Darüber hinaus führt die Stadt Rosenheim unter anderem auf: Bargeld (Summe eines doppelten Wocheneinkaufs in kleinen Scheinen und Münzen – gut gesichert), Medizin (insbesondere individuell lebensnotwendige Medikamente wie zum Beispiel Insulin), Erste-Hilfe-Kasten, Hygieneartikel, Kerzen, Kurbelradio, Batterien, Campingkocher und einen stets getankten Pkw.

Zur Definition eines Blackouts heißt es in dem Flyer: „Ein Blackout ist ein länger andauernder, meist überregionaler Strom-, Infrastruktur- und Versorgungsausfall. Regionale Ausfälle können häufig nach Stunden behoben werden, überregionale Ausfälle erst nach einigen Tagen.
Davon zu unterscheiden sind kurzzeitige technische Störungen (10 – 15 Minuten) in der Stromversorgung.“ Wohl wissend, dass sich ein Großteil der Menschen kaum eine Vorstellung davon macht, welche Folgen ein Blackout für den Alltag hat, weist das Rathaus darauf hin, welche Einschränkungen im Ernstfall auf die Bürger zukommen werden: Kein Licht, keine Kommunikation (Internet, Telefon, TV), kein Geldverkehr, kein Einkauf, kein Trinkwasser, keine Kühlung, keine Heizung und keine Medikamente. Abschließend werden den Einwohnern sechs Feuerwehrstationen genannt, die bei einem Blackout als „Anlaufstellen in der Stadt Rosenheim“ dienen sollen. Hier wird es dann wohl darauf ankommen, wer die „112“ auf seinem Mobiltelefon am schnellsten wählen kann.

Wehret den Anfängen

Aber auch in anderen Teilen Deutschlands bereitet man sich auf den Blackout vor bzw. versucht, die Bürger zum Energiesparen zu erziehen. In diesem Zusammenhang hat unsere Redaktion die Zuschrift einer Leserin aus Nordrhein-Westfalen erreicht. Darin heißt es: „Wir wohnen in Mettmann, einer Stadt in der Nähe von Düsseldorf. Hier patrouilliert jetzt das Ordnungsamt durch die Straßen und ermahnt alle Geschäftsinhaber, doch bitte die Türen geschlossen zu halten.“ Dass man drinnen heizt und gleichzeitig die Tür offenlasse, gehe ja gar nicht, so die indiskreten Hinweise der Beamten, denen die negative Symbolik einer geschlossenen Ladentür in einer belebten Einkaufsstraße offenbar nicht geläufig ist.

Weiter schreibt die Leserin: „So hat es immer angefangen. Zuerst mit Hinweisen, dann mit Ermahnungen, dann kamen Verwarnungen und dann wird es ernst. Dann stehen die irgendwann bei uns im Wohnzimmer. Sehr bedenklich, wie ich finde.“ Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen.

DAVID
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Kai Rebmann ist Publizist und Verleger. Er leitet einen Verlag und betreibt einen eigenen Blog.

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