Wie schlimm wird die Energiekrise? Erste Städte bereiten sich auf Katastrophen-Szenarien vor

Von Kai Rebmann

Es scheint längst keine Frage mehr zu sein, ob die Menschen in Deutschland spätestens im Winter mit drastischen Einschränkungen der bisher gewohnten Lebensqualität rechnen müssen, sondern nur noch, wie stark diese ausfallen werden. In zahlreichen Städten und Gemeinden bereitet man sich auf den Ernstfall vor und beginnt schon jetzt mit dem Energiesparen, so zum Beispiel in Nürnberg und Ludwigsburg. Nachdem in der Franken-Metropole zuvor schon auf die Beheizung der Becken in den Freibädern verzichtet worden war, bleiben ab dem 16. Juli drei von insgesamt vier Hallenbädern geschlossen. Bis Anfang September ist das Langwasserbad geöffnet, danach bis Ende September das Südstadtbad.

Gegenüber dem Online-Portal inFranken.de hatte die Stadt Nürnberg erst vor wenigen Tagen angekündigt, dass das Rathaus derzeit eine „Liste von umsetzbaren Einsparmaßnahmen“ prüfe und es dabei „keine Tabus“ geben dürfe. In einer aktuellen Pressemitteilung wird die Schließung der Hallenbäder nun als „erste Maßnahme zur Energieeinsparung“ bezeichnet. Gut möglich also, dass die Nürnberger schon bald mit weiteren Einschränkungen werden rechnen müssen. Schulen und Vereine seien über die Schließung informiert worden. Um den Ausfall der entsprechenden Angebote in Grenzen zu halten, wolle man diesen jedoch „alternative Wasserflächen“ anbieten, wie es hieß. Immerhin: Das Seepferdchen kann in Nürnberg auch in diesem Sommer noch absolviert werden, wie Sportreferentin Cornelia Trinkl (CSU) versichert.

Nürnbergs OB Marcus König (CSU) warb bei seinen Mitbürgern um Verständnis für die unpopuläre Maßnahme. Durch die Schließung der Hallenbäder will die Stadt bis Ende September so viel Wärmeenergie einsparen, wie in dieser Zeit von 383 Haushalten oder rund 1.500 Menschen verbraucht wird, beim Strom soll der Bedarf von 789 Haushalten oder 3.100 Menschen eingespart werden. Zusammen mit dem Verzicht auf die Beckenbeheizung in den Freibädern soll unter dem Strich eine Energieeinsparung von 1,3 Gigawattstunden stehen, so die Rechnung der Stadt. Der für den Bereich der öffentlichen Bäder zuständige Bürgermeister Christian Vogel (SPD) bezeichnete die Lage als „ernst“, und er wisse, dass den Bürgern in Nürnberg „einige Zumutungen“ abverlangt würden.

Ludwigsburg bereitet Wärmehallen für die Bevölkerung vor

Dass auf die Menschen in Deutschland in den kommenden Monaten aber noch ganz andere Szenarien zukommen könnten, zeigt der Blick nach Ludwigsburg. Andy Dorroch, der Kreisbrandmeister des vor den Toren Stuttgarts gelegenen Landkreises, stimmt seine Mitbürger auf womöglich sehr frostige Zeiten in den eigenen vier Wänden ein. Daher bereiten die unter anderem auch für den Katastrophenschutz zuständigen Feuerwehren öffentliche „Wärmehallen“ vor, in denen sich bis zu 5.000 Menschen aufwärmen und gegebenenfalls sogar übernachten können. Dem SWR sagte Dorroch, dass man in der Katastrophenplanung von einem bis fünf Prozent der Bevölkerung ausgehe, die sich nicht selbst versorgen könnten. „In der Regel planen wir Dinge, die hoffentlich nicht passieren. Am liebsten hätte ich auch diese Planungen in der Schublade und müsste sie nicht rausholen“, hofft der Kreisbrandmeister, der dabei im Konjunktiv spricht.

Der Experte hat dabei aber nicht nur den drohenden Gasmangel im Blick, sondern spricht auch offen von einem „flächendeckenden Stromausfall“, der die Situation im kommenden Winter verschärfen könnte. Auch wenn Dorroch das Unwort „Blackout“ vermied, so spricht er doch das aus, wovor böse „Verschwörungstheoretiker“ in Deutschland schon seit Jahren warnen, nicht erst seit dem Ukraine-Krieg, der jetzt an so ziemlich allem schuld sein soll. Die Planungen für die Wärmehallen in Ludwigsburg und Umgebung laufen dem Vernehmen nach auf Hochtouren. Feldbetten, Schlafsäcke und Hygieneartikel aller Art werden in Lagern gesammelt, ebenso wird geprüft, in welchen Städten und Gemeinden Wärmehallen eingerichtet werden könnten. Worauf es dabei ankommt, beschreibt Dorroch so: „Es gilt alles so vorzubereiten, dass man diese dann schnell mit Liege- und Sitzmöglichkeiten bestücken kann. Außerdem werden Tee, Kaffee und warme Gerichte vorgehalten.“

Eigenverantwortung der Bürger plötzlich wieder notwendig

Wie schlecht die Politik auf ein solches Katastrophen-Szenario mit Gasknappheit und möglichen Blackouts allen frühzeitigen Warnungen zum Trotz vorbereitet zu sein scheint, zeigt eine weitere Aussage des Kreisbrandmeisters. „Der ein oder andere Bürger glaubt, er lebt in einer Vollkasko-Gesellschaft und der Staat kümmert sich um alles. Diese Hoffnung möchte ich jedem nehmen. Jeder hat auch eine Eigenverantwortung.“ Eine solche Aussage wäre Ludwigsburgs oberstem Feuerwehrmann in einem anderen Zusammenhang womöglich böse um die Ohren geflogen.

Plötzlich wird also wieder an die Eigenverantwortung eines jeden Einzelnen appelliert. Waren die vergangenen zweieinhalb Jahre von massivsten staatlichen Eingriffen und Vorschriften bis in die tiefste Privatsphäre hinein geprägt, versucht sich eben dieser Staat jetzt aus der Verantwortung für die selbst geschaffene Energiekrise zu stehlen. Eigenverantwortung des Bürgers darf es in Deutschland also offensichtlich nur dann geben, wenn die Politik mit ihrem Latein am Ende ist und keine eigenen Lösungen mehr anzubieten hat. Für die Bürger geht es nach Einschätzung des Kreisbrandmeisters aus Ludwigsburg nicht zuletzt um die Frage: „Wie kann ich mich auch eine Zeit lang selbst versorgen?“ Womöglich wäre es jetzt ein guter Zeitpunkt, sich ohne Denkverbote mit der Erschließung der riesigen Gasvorkommen in Deutschland zu befassen.

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Kai Rebmann ist Publizist und Verleger. Er leitet einen Verlag und betreibt einen eigenen Blog.

Bild: Shutterstock
Text: kr

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