Von Kai Rebmann
Es ist ziemlich genau ein Jahr her, da mahnte Jens Baas von der TK dringende Strukturreformen im hiesigen Gesundheitswesen an, insbesondere bei den Krankenhäusern sowie im Notfall- und Rettungswesen. Andernfalls, so der Chef von Deutschlands größter Krankenkasse, sei schon in wenigen Jahren mit Beiträgen von 20 Prozent zu rechnen.
Getan hat sich seither wenig bis nichts, ganz im Gegenteil. Der Staat befindet sich weiter auf einem „Raubzug gegen die Versicherten und knöpft ihnen Geld ab, das er selbst bereitstellen müsste.“ (O-Ton Baas) Der gesetzliche Grundbetrag liegt aktuell bei 14,6 Prozent, der durchschnittliche Zusatzbeitrag bei 2,9 Prozent.
Zwar hat die Bundesregierung ein Sparpaket mit einem Volumen von 2 Milliarden Euro geschnürt. Was sich nach viel anhört, ist angesichts einer Finanzierungslücke von 15 Milliarden Euro bei den gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) aber allenfalls der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Der bundesweite Spitzenverband stellt seine Beitragszahler deshalb auch auf eine weitere Erhöhung der Zusatzbeiträge ein, wenngleich diese etwas moderater ausfallen wird als noch zum vergangenen Jahreswechsel. Damals riefen nicht wenige Krankenkassen nahezu eine Verdoppelung der Zusatzbeiträge aus. Die 3-Prozent-Hürde dürfte aber bereits im Jahr 2026 überschritten werden.
Dabei sind es längst nicht nur die fehlenden Einnahmen, die den Krankenkassen zu schaffen machen und die deren Vorstände immer wieder einfordern – sei es nun aus den Taschen der Beitragszahler oder eben aus jenen des Staates, sprich der Steuerzahler. Auch auf der Ausgabenseite kennen die Zahlen seit Jahren nur noch eine Richtung und explodieren geradezu. Und das längst nicht mehr nur im operativen Geschäft, sondern auch und vor allem im nicht unmittelbar zweckgebundenen Bereich.
Verwaltung und Bürokratie fressen Beitragserhöhungen auf
Die „Berliner Zeitung“ berichtet, leider gut hinter der Bezahlschranke versteckt, über einen regelrechten Auswuchs auf den Verwaltungsebenen der knapp 100 Krankenkassen in Deutschland. Unter Berufung auf einen Insider, der sich selbst als langjährigen „Teil des Systems“ bezeichnet, gehen die Kollegen davon aus, dass bei den großen Kassen nicht selten mehr als 300 Mitarbeiter nur im Vertrieb beschäftigt sind – pro Krankenkasse wohlgemerkt, und nur für Aufgaben wie Neukundengewinnung oder Dingen, die dem dienen sollen, was in internen Sprachregelungen gerne unter „Qualitätssicherung“ zusammengefasst wird.
„Mit den Führungskräften und dem Personal in den Zentralen kommt man da auf 500 Personen, die mit dem eigentlichen Geschäft der Krankenkassen nichts zu tun haben“, beklagt der Informant, um dann noch hinterherzuschieben: „Ich brauche nicht zu sagen, dass dieses Geld anderweitig viel besser verwendet wäre, auch im Hinblick auf die wohl auch 2026 deutlich steigenden Beiträge.“
„Dieses Geld“, das sind in Zahlen ausgedrückt mindestens 300 Millionen Euro, die laut Berechnungen des Insiders bei den GKV allein für die Anwerbung neuer Mitglieder oder ähnliche Aufgaben des „Außendienstes“ draufgehen, und das Jahr für Jahr. Hinzu kommen Kosten für den Bürokratie- und Verwaltungsapparat, die sich bei allen gesetzlichen Krankenkassen für Verwaltung auf 12 Milliarden Euro pro Jahr summieren und damit rund 4 Prozent der Gesamtkosten ausmachen.
Krankenhäuser - Sanierungsfall und Kostentreiber
Doch das System krankt auch an sich selbst. Rund ein Drittel der gesamten GKV-Kosten, und damit unfassbare 104 Milliarden Euro, flossen nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums im vergangenen Jahr in Behandlungen in Krankenhäusern. Im laufenden Jahr sind die diesbezüglichen absoluten Kosten zum Stichtag 30. Juni 2025 nochmal um 9,6 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen. Ex-Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hatte sich zwar noch an so etwas wie einer Krankenhaus-Reform versucht, ist damit aber nicht nur wegen des vorzeitigen Ampel-Aus kläglich gescheitert.
Genau hier aber sehen Experten den Hasen nicht erst seit gestern im Pfeffer liegen. So kritisiert etwa der Gesundheitsökonom Joachim Kugler gegenüber dem MDR: „Die Wissenschaft sagt seit 20 Jahren, dass unser Gesundheitssystem ineffizient ist. Wir haben europaweit unglaublich viele Krankenhäuser und Krankenhausbetten. Die Ambulantisierung, die in unseren Nachbarländern stattfindet, die findet bei uns in ganz geringem Ausmaß statt. Wir könnten auch Gelder sparen, indem wir unser Gesundheitssystem effizienter machen würden. Aber das ist derzeit nicht auf der Agenda.“
Und es war auch in den letzten Jahrzehnten nie wirklich auf irgendeiner Agenda. Statt massiv an der Kostenschraube zu drehen und diese spürbar nach unten zu drehen, werden die immer größeren Löcher mit immer neuen Beitrags- und/oder Steuergeldern zugestopft.
Es spricht wohl für sich, vor allem aber gegen das aktuelle System, wenn die GKV-Kosten in Deutschland gerade im Bereich der stationären Behandlungen in Krankenhäusern durch die Decke gehen, eben diese Krankenhäuser – von ganz, ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – trotz offensichtlich nicht fehlender Kundschaft fortlaufend aber trotzdem tiefrote Zahlen schreiben und Jahr für Jahr tiefer in die Misere rutschen.
Kai Rebmann ist Publizist und Verleger. Er leitet einen Verlag und betreibt einen eigenen Blog.
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