Wie ich bei minus 12 Grad im Freien badete – fürs Seelenheil Selbstversuch im russischen Winter

Die Freiheitsbeschränkungen im Zuge der Corona-Maßnahmen sind eine schwere Herausforderung für uns alle. Da tut etwas Ablenkung Not. Vor allem, wenn sie mit einem Schmunzeln verbunden ist. Ich bin mir sicher – Sie können über mein frostiges Erlebnis heute vor elf Jahren in Moskau genauso lachen wie ich selbst. Es zeigt auch, wie relativ alles im Leben ist: Damals war ich nicht wirklich verzückt, als die Redaktion meine (idiotische!) Idee abnickte, für die neue Rubrik „Focus-Reporter selbst dabei“ (oder so ähnlich) bei heftigen Minusgraden ins Wasser zu steigen. Heute würde ich viel dafür geben, in Russland zu sein, das im Vergleich zu Deutschland heute ein (bis auf die Politik) freies Land mit normalem Alltagsleben ist, und dafür auch gerne ins kälteste Eiswasser steigen, wenn das der Preis dafür wäre. Aber nun lassen Sie sich von mir in eine andere Welt entführen und frösteln Sie mit mir (auch in den beiden Kurz-Videos unter dem Text):

„Was für einen Russen gut ist, bedeutet für einen Deutschen den Tod“, besagt ein altes russisches Sprichwort. Und ich hätte nie gedacht, dass es der Wahrheit so nahe kommt. Jeden 19. Januar steigen Millionen gläubiger Russen ins eiskalte Wasser – um sich am „Tag der Taufe“ von ihren Sünden reinzuwaschen. Was die Orthodoxen können, kannst du auch, sagte ich mir – und zudem sparst du dir so die Beichte! Doch wer hätte ahnen können, dass der Versuch derart in die Hose gehen würde – und zwar buchstäblich.

Aber immer der Reihe nach. Für Orthodoxe ist das eisige Ritual ebenso Pflicht wie für den Katholiken die Sonntagsmesse. Im ganzen Land schlagen Freiwillige Löcher in das Eis von Flüssen und Seen und fahren riesige Bottiche auf den Plätzen auf, damit alle Rechtgläubigen auf den Spuren Christi wandeln – oder genauer gesagt: baden – können. Dabei hat es der Kalender nicht gut gemeint mit den russischen Frommen, fällt die Taufe doch in den tiefsten Winter.

Blauäugiger Plan

Ausgerechnet an einem so warmen Platz wie der Banja – der russischen Mischung aus Fegefeuer und Sauna – hatte mir der frühere Fischfangminister, also jemand vom Fach, nach Neujahr warm zugeredet: Wenn meine Liebe zu Russland echt sei, dürfe sie sich nicht auf Kaviar, Wodka und die Reize der weiblichen Bevölkerungshälfte beschränken: „Die Taufe ist Pflicht.“ Außerdem sei sie gut für den Organismus, da das Wasser am 19. Januar heilig sei; jede Erkältung sei ausgeschlossen, und nach dem eisigen Bad gerate der Körper in Euphorie.

Meine Saunabekanntschaft, der Ex-Minister, meinte es sicher gut. Ich war so naiv, ihm zu glauben. Die ersten Zweifel kamen mir bei der Wettervorhersage. Minus 16 Grad. Ich besorgte mir eine lange Thermo-Unterhose und ein frostbeständiges Unterhemd aus Armeebeständen. Ich fand einen „Tauf-Platz“ mit beheizter Umkleide – einem Container –, mitten im Zentrum von Moskau. Ankommen, raus aus dem Auto, schnell hineinspringen, und sofort zurück. Das war mein Plan. Ein blauäugiger.

Russischer Kirchengesang ist bewegend. Normalerweise. Wenn man dabei nicht bei minus 12 Grad im Freien steht und auf den Sprung ins eisige Wasser wartet. Statt mich rechtzeitig zu bekreuzigen, sehe ich immer wieder auf die Uhr. Die Füße werden immer eisiger, ich immer nervöser. Nach einer halben Stunde bin ich auch ohne kaltes Wasser schon fast erfroren. „Jetzt nichts wie ausziehen, schnell reinhüpfen, und weg“, sage ich mir. Pustekuchen. Wie bei allen wichtigen Dingen in Russland hat der liebe Gott auch vor die Taufe eine Warteschlange gesetzt. Meine Füße scheinen abzufallen. Neidisch schaue ich auf die, die schneller waren, und schon eintauchen. Nach einer Viertelstunde – auch die Thermo-Unterhose hat vor dem Frost kapituliert – nutze ich eine Unachtsamkeit des Wachmanns und schlüpfe in die winzige Umkleide. Weil die Tür ständig offen ist, ist sie kaum wärmer als die Luft draußen. Acht Mann auf einer Fläche so groß wie zwei Badewannen, daneben hinter einem Vorhang die Frauenabteilung. Der Mann neben mir schüttelt verächtlich den Kopf, als er sieht, dass ich Badeschuhe anziehe. „Darf man das?“, fragt er. „Für den Draht nach oben brauche ich Erdung“, sage ich.

Nächstes Mal lieber beichten!

Nichts wie raus. Mist! Wieder eine Warteschlange! In der Badehose. Zwei Männer vor mir. Ich will es nur noch hinter mir haben. Endlich: Der Einstieg ist frei. Rein in den Bottich. Dreimal untertauchen muss man. Das dritte Mal bekomme ich den Kopf kaum noch unter Wasser. Mein Herz scheint stehenzubleiben. Raus!!! Schnell!!! Doch ich komme nicht in die Badeschuhe. Ich sehe alles in Zeitlupe. Da, endlich, wieder in dem Container. Jetzt ganz schnell anziehen. Wie ein Akrobat muss ich um jeden Zentimeter kämpfen. Mein Puls rast, meine Haut ist taub. Wie in Trance ziehe ich mich an. Endlich. Alles wieder am Leib. Doch halt! Irgendetwas stimmt nicht. Ich fühle eine merkwürdige Feuchte in der rückwärtigen Körperregion. Ich sehe in meine Tasche. Mist! Ich traue meinen Augen nicht. Am liebsten würde ich in den Erdboden versinken. Die Unterhose ist noch in der Tasche, die Badehose fehlt – in der Frost-Starre habe ich vergessen, sie auszuziehen. Alles von vorne. Die Thermo-Unterhose ist jetzt platschnass. Doch ohne sie frieren die Beine ab! Also wieder angezogen. Mit feuchtem Hintern zurück in den Wagen. Von wegen Euphorie! „Wenigstens bist du von den Sünden rein“, tröste ich mich. „Aber das nächste Mal“, schwöre ich mir, „gehe ich statt ins Eis lieber beichten!“

PS: Ironie der Geschichte – der Artikel ist nie im Focus-Magazin erschienen, weil stattdessen ein warmgeduschter Theater-Selbstversuch in Druck ging.

PPS: Umso erstaunlicher sind nach solchen Erfahrungen „Wetterwarnungen vor extremer Kälte“ bei rund null Grad in Deutschland:

 

Hier finden Sie mehr Alltagsgeschichten aus Moskau – etwas zum Schmunzeln in dunklen Corona-Zeiten:

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Bild: Boris Reitschuster / Igor Gavrilov
Text: br

Mehr von meinen Alltagsgeschichten aus Moskau:

Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, besagt ein chinesisches Sprichwort. In Deutschland 2021 braucht man dafür eher einen guten Anwalt.

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