Von Marx über Lenin bis Klingbeil Am Ende steht eine Songliste

Als Jugendlicher hat mich der Film „Z“ über die griechische Militärdiktatur zutiefst erschüttert. Eine Szene – genauer: der Abspann – hat sich eingebrannt: die Liste dessen, was die Obristen verboten hatten. Darunter die Musik von Mikis Theodorakis, der auch die Filmmusik zu „Z“ komponiert hatte. Wer eine seiner Schallplatten besaß, riskierte vier Jahre Gefängnis. Musik als Staatsfeind.

Die Junta, die 1967 mit Panzern die Macht übernahm, war rechtsextrem und antikommunistisch. Ich dachte damals: Was für gruselige Zeiten das waren. Was für eine andere Welt. Was für ein Segen, dass so etwas undenkbar ist bei uns.

Jetzt lebe ich in einem Land, in dem eine Gleichstellungsstelle den Wirten eines Volksfests eine Liste mit Songs schickt, die dort „keinen Platz“ mehr haben. Einem Land, in dem das keine Ausnahme mehr ist. Einem Land, in dem der „Kampf gegen Rechts“ Staatsreligion ist – und in dem man, während man gegen Rechts kämpft, wieder Lieder verbietet. Ohne formelles Verbot. Ohne Androhung von Gefängnis. Ohne Schallplatten, die man verbrennt. Aber kaum weniger wirksam – mit Androhung der sozialen Ächtung.

Unfreiwillig freiwillig

Sie haben es sicher schon gelesen: Auf der Erlanger Bergkirchweih – dem ältesten Bierfest der Welt, gegründet 1755 – hat die städtische Gleichstellungsstelle den Wirten eine Liste mit zwölf Songs geschickt, die „aufgrund sexistischer oder frauenfeindlicher Inhalte keinen Platz“ mehr haben sollen. Darunter „Layla“, „Skandal im Sperrbezirk“ von der Spider Murphy Gang, diverse Mickie-Krause-Klassiker. Kein formelles Verbot – nur eine „Bitte“. Nur dass die Wirte ihre Flächen direkt von der Stadt mieten. Was das aus der „Bitte“ macht, kann sich jeder selbst ausrechnen.

Jürgen Thurnau, Manager der Spider Murphy Gang, hat gegenüber der Bild den Satz gesagt, der alles auf den Punkt bringt: „Selbst in der DDR mussten wir keine Setliste vorlegen.“ Der DDR-Vergleich ist nicht hysterisch. Er ist ein historischer Befund. Die DDR regulierte Westmusik auf Betriebsfeiern und Volksfesten ebenfalls nicht per offizielles Verbot, sondern per „Empfehlung“ und sozialem Druck. Die Mechanismen ähneln sich strukturell auf verstörende Weise: Behördliches Schreiben, kein formelles Verbot, aber faktische Konsequenzen für alle, die sich nicht fügen. Man nennt das in der Rechtswissenschaft mittelbaren Grundrechtseingriff. In der DDR nannte man es schlicht: die Linie halten. Die DDR hatte Zensoren. Die Bundesrepublik 2026 hat Gleichstellungsstellen. Der Unterschied liegt im Klang der Bezeichnung, weniger im Ergebnis.

Und es war – das darf man nicht vergessen – ein Stadtratsbeschluss von CSU, SPD und Linken aus dem Jahr 2021, der diese Maschine in Gang gesetzt hat. Man merke: die CSU. Die Volkspartei, die das Volksfest seit Jahrzehnten als ihre Heimstatt reklamiert, hat mitgestimmt, als es darum ging, dem Volk auf dem Volksfest das Volkslied zu verbieten.

Was wirklich Frauen hilft – und was nicht

Ich schreibe diesen Text, obwohl schon viel darüber geschrieben wurde – vor allem in den alternativen Medien, die ich schätze und zu denen ich mich zähle. Aber was dabei herauskam, war meist: Empörung. Ein Empörungs-Text nach dem anderen, hastig und in Dauerschleife – das bringt Klicks. Aber keine Erkenntnis. Das Schwerere, und eben auch Wichtigere, ist, hinter die Empörung zu schauen.

Die Zahl der polizeilich erfassten Sexualstraftaten in Deutschland hat in den vergangenen zehn Jahren einen neuen Höchststand nach dem anderen erreicht – zuletzt 128.000 Fälle im Jahr 2024. Frauen stellen rund 91 Prozent der Opfer. Quelle: Bundeskriminalamt, Polizeiliche Kriminalstatistik 2024.

Gleichzeitig wurde – am selben Tag, an dem die Bergkirchweih eröffnet wurde – aus dem benachbarten Nürnberg bekannt, dass die Polizei seit Monaten gegen mindestens zehn Tatverdächtige aus Syrien, Pakistan und Nordafrika ermittelt. Sie sollen minderjährige Mädchen aus prekären Verhältnissen mit Geschenken und Drogen angelockt, abhängig gemacht und dann sexuell ausgebeutet haben. Das jüngste bekannte Opfer war 13 Jahre alt.

Das Muster ist nicht neu. Es heißt Grooming Gang, es kommt aus Rotherham, aus Rochdale, aus Telford – und es ist jetzt in Nürnberg. Wenige Kilometer von Erlangen entfernt. Und wehe, jemand stellt einen Zusammenhang zwischen dem Zuwachs an Gewalt gegen Frauen und Masseneinwanderung aus Regionen ohne Gewalttabu und mit Unterdrückung der Frauen her – der ist sofort ein böser, böser „Rechter“.

Man muss die Frage stellen dürfen: Welche städtische Behörde hat in dieser Situation entschieden, ihre Kapazitäten dafür aufzuwenden, den Wirten der Bergkirchweih Songlisten zu schicken?

Das ist keine rhetorische Frage. Das ist eine Frage nach Prioritäten. Und die Antwort ist so beschämend, dass ich sie lieber nicht aussprechen möchte – aber es muss sein: Diese Behörde hat entschieden, dass der Kampf gegen „Skandal im Sperrbezirk“ wichtiger ist als der Kampf gegen reale Gewalt gegen reale Frauen und Mädchen.

Symbolpolitik kostet nichts. Und sie ändert nichts. Aber sie erlaubt es den Tätern, ungestört weiterzumachen, während die Beamten fleißig Songlisten versenden.

Der Künstler als Warner

 

Der Musiker Peter Wackel hat das, was in unserem Land passiert, in einem einzigen Satz zusammengefasst: „Wir sind dann eben Urlaubssänger für Deutsche im Ausland, wo wir spielen dürfen, was wir möchten.“

Das ist kein Gejammer. Das ist ein Befund über Deutschland 2026. Und er deckt sich mit dem, was ich aus eigener Erfahrung kenne: Wer in Deutschland offen reden will, sucht sich zunehmend andere Bühnen. Die einen gehen ins Internet. Die anderen auf Mallorca. Oder gar nach Montenegro.

Die Frage, die sich stellt: Wie lange lässt sich ein Volksfest noch als Volksvergnügen verkaufen, wenn eine Behörde entscheidet, was das Volk dabei hören darf?

Das eigentliche Muster

Erlangen ist kein Einzelfall. Es ist ein Muster. Das Oktoberfest hat schon Diskussionen über Dirndl und Blasmusiktexte erlebt. Der Karneval kämpft seit Jahren gegen den Vorwurf, seine Büttenreden seien zu derb. Schützenfeste, Kirchweihfeste, Dorffeiern – überall dieselbe Bewegung: Die Gleichstellungs-, Diversitäts- und Inklusionsbehörden der Republik entdecken das Volk beim Feiern und finden es unzumutbar.

Man könnte auch sagen: Sie finden das Volk unzumutbar.

Das ist kein Versehen. Das ist Programm.

Der Umerziehungsimpuls ist keine deutsche Erfindung – er ist eine linke Konstante durch die Jahrzehnte. Lenin nannte das Ziel den „Neuen Menschen“: Der alte, rohe, ungehobelte Mensch muss neu geformt werden. Die Gleichstellungsstelle Erlangen nennt es heute „Sensibilisierung“. Die Vokabeln haben gewechselt, die Logik ist dieselbe geblieben: Der Mensch ist falsch. Er muss korrigiert werden. Und wer ihn korrigiert, hat Macht.

Das erklärt, warum der Apparat lieber Songlisten verschickt als Täter verfolgt. Wer Lieder verbietet, muss keine unbequemen Fragen nach Herkunft und Milieu stellen. Wer erzieht, muss nicht handeln. Symbolpolitik ist nicht Unfähigkeit – sie ist Strategie. Sie hält den Apparat beschäftigt, die Ideologie am Laufen und die wirklich schwierigen Probleme diskret außerhalb des Scheinwerfers.

Von Marx über Lenin bis Klingbeil: Der Glaube, dass die Menschen unterentwickelt sind und die richtige politische Klasse sie zu besseren Menschen machen muss, war nie totzukriegen. Er hat nur die Fahne gewechselt. Die letzte Konsequenz dieses Glaubens hieß Kambodscha. Der erste Schritt hieß immer: Wir sagen euch, was ihr hören dürft.

Warum das wichtig ist

Nein, die Songliste der Erlanger Gleichstellungsstelle ist kein Gulag. Aber sie kommt aus derselben Denkschule, die auch zum Gulag führte. Und wer das nicht sehen will, sollte sich fragen, wie weit der Weg jeweils war – vom ersten Schritt bis zur letzten Konsequenz. Warum ich das so ausführlich betone? Weil ich sie schon sehe, die Kommentare zu meinem Text hier: Schlagerverbote auf einem Bierzelt – ist das wirklich das größte Problem Deutschlands?

Nein. Aber es ist ein Symptom des größten Problems Deutschlands: die systematische Entmündigung der Bürger durch einen Apparat, der genau weiß, was die Menschen zu denken, zu sagen und zu hören haben. Und das zweitgrößte Problem: Zu viele Leute, die bei jeder Kritik an diesen Zuständen sagen: „Ist das wirklich unser größtes Problem?“

Jürgen Thurnau hat recht. Selbst in der DDR mussten sie keine Setliste vorlegen.

Empörungs-Texte schreiben sich schnell – wie am Fließband. Texte wie dieser hier nicht. Wenn Sie finden, dass der Unterschied es wert ist – wenn Sie lieber Analyse statt Empörungs-Fließband mögen, wenn weniger Empörung für Sie mehr ist – dann freue ich mich über Ihre Unterstützung. Hier steht, wie es geht. Tausend Dank – auch für einen Kaffee.

Bild: Symbolbild/KI/Grok</span

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