Wer noch Zweifel daran hatte, dass unsere Altmedien etwas Sektenartiges an sich haben, der wird nun endgültig des Gegenteils belehrt: Einer ihrer Hohepriester, Stephan-Andreas Casdorff, wurde jetzt öffentlich an den Pranger gestellt und exkommuniziert. Ein Mann, der dem System über Jahre brav und treu gedient hat, bei der Kölnischen Rundschau, beim Kölner Stadt-Anzeiger, bei der Süddeutschen Zeitung und zuletzt 20 Jahre lang als Chefredakteur und dann Herausgeber des rot-grünen Zentralorgans „Tagesspiegel“, das die Moral mit Löffeln gefressen hat.
Natürlich hat Casdorff den branchenobligatorischen „Ritterschlag“ der Auszeichnung als Journalisten des Jahres bekommen, und er ist oder war auch überall dort Mitglied, wo man als moralisch Überlegener eben so Mitglied ist: Im Domkapitel Brandenburg, im Kuratorium der Johanna-Quandt-Stiftung und im Beirat der Evangelischen Akademie zu Berlin.
Doch seine edlen Mit-Ritter der Übermoral ließen ihn gnadenlos fallen – obwohl er den absoluten Kniefall übte und selbst vor der Vergabe der eigenen Würde nicht zurückschreckte, um sein publizistisches Fell zu retten.
Alles vergeblich.
Der ehemalige Chefredakteur und Herausgeber des Tagesspiegels muss „alle publizistischen Aktivitäten bis auf Weiteres ruhen lassen“, weil er KI-Kommentare geschrieben hat.
Habe mal ein paar Texte überflogen und wundere mich eigentlich nur, warum das erst jetzt rauskam. Es folgen…
— Argo Nerd (@argonerd) June 13, 2026
Im Land der institutionalisierten Übermoral gibt es keine Gnade. Auch bei Reue nicht. Die mag man im Vatikan oder in katholisch geprägten Ländern gelten lassen – nicht aber da, wo der Protestantismus zu einer säkularen Überreligion mit Reinheitswahn mutierte (ich sage das mit hohem Respekt vor allen verbliebenen echten Protestanten, die über die Entwicklung sicher genauso traurig sind wie ich).
Das Vergehen von Casdorff: Er hat Meinungsartikel von der KI erstellen lassen und das nicht gekennzeichnet.
Und damit auch den Tagesspiegel massiv blamiert. Denn bei deren moralischer Fallhöhe fällt man bei so etwas natürlich doppelt tief. Wenn nicht dreifach.
Casdorff erklärte im eigenen Blatt reuig über seine Texte: „Das hätte ich kenntlich machen müssen und sie (die Texte) deswegen nicht publizieren dürfen. Er habe „einen Riesenfehler gemacht, habe dem Haus geschadet und mir. Dafür bitte ich von ganzem Herzen um Entschuldigung“.
Wenn Casdorff wirklich komplett auf die KI setzte statt auf sein Hirn, ist das in der Tat krude. Wenn er dagegen die KI nur nutzte zum Redigieren, Lektorieren oder für Formulierungsvorschläge, dann wäre das, was wir erleben, eine absurde Hexenjagd. Genauere Umstände nennen uns aber weder der reuige Sünder noch die Redaktion – so weit geht die Moral dann doch nicht.
Casdorff muss nun alle publizistischen Aktivitäten für die Zeitung bis auf Weiteres ruhen lassen. Ich als jemand, der im katholischen Bayern aufgewachsen ist, kann das nicht richtig verstehen – denn wer einen Fehler zugibt, verdient in meinen Augen auch eine zweite Chance (wir reden hier nicht von einer dritten). Zumal die Branche in anderen Fällen ganz anders agiert: Handsblatt-Korrespondent Mathias Brügemann, der mit angeklebtem Bart und leicht geändertem Namen quasi ein Doppelleben als SPD-Funktionär führte (siehe hier), hat schnell wieder eine neue journalistische Heimat gefunden (dazu in Kürze mehr).
Vielleicht ist es ja auch bei Casdorff alles nur Theater – und er wird bald wieder auftauchen. Wobei – in Zeiten der Cancel-Culture kann er Opfer der Geister werden, die er einst selbst mit herbeischrieb.
Und er hat gegen ein Sakrileg verstoßen: Er hat sich erdreistet, das heilige Handwerk der Meinungs- und „Haltung“-Produktion einem Werkzeug zu überlassen. Dass ausgerechnet die Meinungsjournalisten — also haargenau jene Zunft, die am lautesten „Haltung“ ruft — am empfindlichsten auf so einen Tabu-Bruch reagieren, ist kein Zufall. Es geht nicht um Qualität. Es geht um Deutungshoheit. Um den Anspruch der Überlegenheit.
Denn, ganz ketzerisch gedacht: Wenn KI Meinungsartikel schreiben kann, die vom Leser nicht als solche erkannt werden — was sagt das dann über die journalistische Qualität dieser Autoren? Oder gar über ihre Meinungen? Gott oder besser Marx bewahre allein vor dem Denken solcher Gedanken! Und schlimmer noch: Was sagt das über die Unersetzlichkeit dieser Journalisten? Und damit auch ihrer Planstellen, Dienstwagen und Gehälter? Die Ächtung der KI ist keine Qualitätsdebatte. Sie ist Selbstschutz einer Zunft, die ihren Bedeutungsverlust spürt. So wie die Kutscher einst gegen die Autos rebellierten – statt sich die neue Technik anzueignen. 
Das erklärt auch die Reaktionen in den Kommentarspalten unter dem Casdorff-Fall: Empörung, Schadenfreude, Reinheitsforderungen. Der deutsche Technikpessimismus feiert fröhliche Urständ. Das Land, das das Auto erfunden hat, diskutiert ernsthaft, ob man Texte mit KI-Unterstützung schreiben darf. Als hätte man 1886 gefordert, Daimler solle gefälligst beim Pferd bleiben.
Ein Kommentator brachte es auf den Punkt: Bei klugem Einsatz ist KI wie der Bleistift — ein Werkzeug, nicht ein Autor. Er hat recht. KI kann einen Satz glätten, einen Vergleich liefern, Ideen oder Formulierungsvorschläge zuwerfen — wie ein guter Redakteur, Kollege oder Ghostwriter. Die Ecken und Kanten, die persönlichen Erinnerungen, der Sarkasmus, die Assoziationen — all das ist nicht delegierbar – wenn man es besitzt. Womit sich die Frage aufdrängt, warum es bei Casdorff so lange unbemerkt blieb — aber lassen wir das.
Ich selbst nutze KI — wie laut Medien-Trendmonitor 2025 https://www.newsaktuell.de/blog/medien-trendmonitor-2025-kuenstliche-intelligenz-im-journalismus/ bereits 70 Prozent meiner Kollegen. Die meisten schweigen darüber. Ich nicht. KI ist ein wichtiges Recherche- und Redaktionswerkzeug — als Ein-Mann-Redaktion wäre ein Verzicht auf sie so, als würde ich den PC ablehnen und auf Schreibmaschine bestehen. Wie man in großen Redaktionen Artikel früher mit klugen, erfahrenen Kollegen durchsprach, kann man das heute mit der KI machen – und das bringt viel. Vom Korrekturlesen gar nicht zu reden. Bis hin zum intellektuellen Brainstorming, für das man sonst ein ganzes Team bräuchte: Bebilderung, Überschriften, Teaser, Gegenargumente — die KI liefert Ideen, die man annehmen oder verwerfen kann.

Selbst eine Ein-Mann-Redaktion gewinnt damit eine Schlagkraft, die früher großen Apparaten vorbehalten war. Vielleicht ist genau das der eigentliche Grund für den Hygienewahn: Die großen Häuser mit ihren teuren Redaktionen fürchten nichts mehr, als dass ihr organisatorischer Vorsprung, für den sie Unsummen bezahlen, schmilzt – und sakralisieren deshalb nach außen hin ein KI-Zölibat, das intern längst so oft gebrochen wird wie der kirchliche.
Entscheidend ist in meinen Augen eines: Dass die KI keinerlei Einfluss auf die eigene Meinung hat. Und da lauern massive Fallstricke, da muss man enorm auf der Hut sein. Wenn man die kritische Distanz zur Maschine verliert, wird es problematisch. Aber das gilt leider auch für manche Menschen, insbesondere Kollegen.
Eigene Befangenheit
Sollte Casdorff das gemacht haben, war die Maschine für ihn nicht Werkzeug. Sondern Denk-Ersatz. Ob er selbst dann eine zweite Chance verdient hat? Da würde ich mich nicht zum Richter aufschwingen. Ich sehe sein rot-grünes Wirken und seinen Kniefall so kritisch, dass ich befangen bin.
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