Warum Deutschland nicht mehr funktioniert Von Lanz bis zur Bahn: Das Muster, das alles erklärt. Und einen Namen hat.

Keine Sorge – es geht in diesem Artikel nicht um Fußball. Es geht auch nicht um die Weltmeisterschaft. Die ist nur ein Aufhänger. Es geht um eine besondere Mentalität, die in Deutschland vorherrscht. Die gestern bei Markus Lanz im ZDF wieder einmal zum Vorschein kam. Und die ich für verhängnisvoll halte.

Was ist geschehen? In der Sendung am Mittwoch warnte der Podcaster Lucas Vogelsang davor, der Wettbewerb könne in den USA zur Bühne für Machtinszenierung werden. Der Mann mit Vollbart und Armketten klagte über eine „große Ambivalenz“ und sagte: „Der Elfjährige in mir will Fußball schauen (…) und der Realist und der Journalist in mir sagt natürlich: ‚Du kannst dieses Turnier nicht einfach so schauen wie früher‘.“ Denn dem Fußball sei „die Unschuld verloren gegangen“. Diese WM in den USA sei eine andere als vor 32 Jahren.

Vogelsang sieht ein „großes Dilemma“ und warnt: „Je schöner und je größer diese WM wird, desto größer wird auch die Bühne für Trump.“ Das klingt analytisch. Aber es ist es nicht. Es ist eine Warnung ohne Handlungslogik. Was folgt daraus? Die WM ignorieren? Sich wünschen, dass sie schlecht verläuft, damit Trump weniger profitiert? Der Gedanke ist nicht zu Ende gedacht — er soll auch gar nicht zu Ende gedacht werden. Dazu gleich mehr.

Nicht minder absurd ist das Despotengleichnis, das Vogelsang später anbringt: „Da treffen sich wirklich auch zwei Despoten. Einer Präsident eines sehr großen Landes, der eine Präsident eines sehr kleinen Landes.“ Rhetorisch geschickt. Intellektuell Murks. Trump ist ein demokratisch gewählter Präsident. Infantino ein selbsternannter Sportfürst, den niemand gewählt hat. Diese Gleichsetzung funktioniert nur im Applaus-Modus des Lanz-Publikums — und weil der Showmaster solchen Murks durchgehen lässt, wenn er ins Weltbild passt.

Es kommt noch dicker. Vogelsang sieht „zwei parallele Turniere“: eines in Kanada und Mexiko, „sehr weltoffen, sehr bunt“ — das andere in „Trumps Amerika“. Amerika gleich Trump gleich böse, Kanada und Mexiko gleich bunt gleich gut. Dass Mexiko gerade von einer Gewaltwelle erschüttert wird und Drogenkartelle die WM für sich nutzen könnten — zu komplex, stört das Schema. Der Ökonom Rüdiger Bachmann ergänzte, Trumps MAGA-Anhänger müssten „mal ein bisschen die Klappe halten“. Das war das Reflexionsniveau der Runde — wie so oft im Gebührenfernsehen.

Sie werden nun sagen: Na und? Zwei Vertreter des Besser-Bürgertums bei Lanz, was soll’s? Ich schreibe diesen Text, weil der Auftritt so typisch ist — und so entlarvend. Nicht wegen Vogelsang. Sondern wegen des Musters dahinter. Eines, das ich überall sehe. Und das ich Ihnen jetzt erklären will.

Die Beichte ohne Buße

Mein erster Impuls war: Moralinsäure. Aber das trifft es nicht ganz. Was Vogelsang vorführt, hat einen präziseren Namen: Es ist das öffentliche schlechte Gewissen als Handlungsersatz. Man benennt ein Problem — laut, sichtbar, vor Publikum — und ist damit fertig. Der Ausspruch ist die Tat. Der Selbstvorwurf ist die Absolution. Beichte ohne Buße. Ganz in der Tradition des Lutheranischen.

Sehen Sie sich an, was bei Vogelsang sprachlich passiert: Der „Elfjährige“ darf wollen, weil er unschuldig ist. Der Erwachsene sagt etwas — handelt aber nicht danach. Diese Aufspaltung wird öffentlich zelebriert, damit alle sehen: Ich bin eigentlich gut. Der Kommentar adelt den Genuss. Und — das ist der entscheidende Punkt — er ersetzt jede weitere Konsequenz.

Das klingt nach einer harmlosen Marotte des Bildungsbürgertums. Es ist aber ein Mechanismus mit realen politischen Folgen. Denn dieselbe Logik regiert nicht nur die Fußball-WM. Sie regiert Deutschland.

Der SUV mit Fridays-Aufkleber

Sie kennen das Bild. Dutzendfach. Ein großer schwarzer SUV, und hinten drauf ein „Fridays for Future“-Aufkleber. Das ist kein Einzelfall — das ist ein Muster. Der Fahrer (sorry, es muss wohl bei diesem Milieu heißen „das Fahrende“) weiß, was er/es fährt. Der Aufkleber ist sein schlechtes Gewissen — öffentlich sichtbar, sozial verwertbar. Und, entscheidend: völlig folgenlos. Solange er die richtige „Haltung“ zeigt, im Gegensatz zu Klima-Ketzern wie uns, darf er das protzige Auto fahren. Der Aufkleber ist nicht Überzeugung. Er ist Absolution.

Die Sprache der Reinen

Auch das Gendern  hat die gleichen Wurzeln. Kein einziges Gehalt wird dadurch angeglichen, keine einzige Frau befördert, keine einzige echte Diskriminierung bekämpft. Aber der Doppelpunkt im Text zeigt: Ich gehöre dazu. Ich bin rein. Ich bin in der Kaste. Genauso geht es mit der Neusprech-Kreation: „Geflüchtete“ statt „Asylanten“, „Obdachloser“ statt „Penner“, „Sexarbeiter:in“ statt „Prostituierte“, „Förderschule“ statt „Sonderschule“, „Gehandicapte“ statt „Behinderte“, „funktionale Illiteralität“ statt „Analphabetismus“, „Erschleichen von Leistungen“ statt „Schwarzfahren“. Alles wird gesäubert,  die Realität wird sprachlich weichgespült, damit man sie nicht mehr anfassen muss, ja nicht mal mehr denken. Die Sprache ist nicht Werkzeug und Realitätsbeschreibung — sie ist Erkennungszeichen und Reinigungsritual . Wer das politisch-korrekte Neusprech nutzt, ist drin. Wer sich ihm verweigert, ist draußen. Kein Widerspruch erlaubt, keine Diskussion möglich — denn wer die falsche Sprache spricht, hat schon verloren, bevor er den ersten Satz beendet hat. Die Wirklichkeit bleibt, wie sie ist. Aber die Haltung stimmt.

Fliegen für das Klima

Das gleiche rot-grüne Milieu, das in Berlin in Dauerschleife hysterisch den Klimanotstand ausruft, fliegt Business nach Mallorca — oder zur UN-Klimakonferenz nach Dubai. Vorher buchen sie dann natürlich noch brav einen CO₂-Ausgleich bei irgendwelchen obskuren Aufforstungsprojekten in Burkina Faso. Und ruckzuck – schon ist die Seele wieder sauber. Das schlechte Gewissen ist für sie kein Hemmnis. Es ist das Schmiermittel.

Atomstrom aus der Steckdose

Deutschland hat als einziges großes Industrieland mitten in der Energiekrise seine letzten Kernkraftwerke abgeschaltet — aus ideologischen Gründen natürlich – die angebliche Moral hatte das letzte Wort. Gleichzeitig importiert unser Land Atomstrom aus Frankreich und Tschechien, in Rekordhöhe. Der Strom, den wir aus unseren Steckdosen bekommen, ist zu einem großen Teil weiter Atomstrom — nur eben aus weniger sicheren Atomkraftwerken im Ausland. Man hat die Verantwortung bequem ausgelagert – und das Gewissen. Der ausländische Reaktor spaltet dieselben Atome wie der deutsche. Aber er steht halt woanders. Das Gewissen bleibt sauber. Die Lichter bleiben an. Und die „Haltung“ ist gewahrt.

ARD und ZDF als Klimaretter

Die Öffentlich-Rechtlichen produzieren Sondersendungen über die Klimakrise, mahnen, warnen, appellieren ohne Ende, mehr als Prediger denn als Journalisten. Und gleichzeitig betreiben riesige Fahrzeugparks. Korrespondenten fliegen für Drei-Minuten-Beiträge um die Welt, oft von verschiedenen Sendern parallel. Die heilige Kuh von Rot-Grün, der „ökologische Fußabdruck“ ist bei diesem System, das uns ständig ökologisches Bewusstsein predigt, haarsträubend. Aber der moralinsaure Kommentar, der uns alle zum Verzicht aufruft, adelt die eigene, verzichtsfreie Praxis. Hauptsache, die „Haltung“ stimmt.

Migration: Wissen und Wegschauen

Seit Jahren weiß das politisch-mediale Establishment, dass die Migrationszahlen nicht steuerbar sind, dass Integration in dieser Geschwindigkeit nicht funktioniert, dass die Kosten — sozial, finanziell, kulturell — real sind, und vor allem viel zu hoch für unsere Gesellschaft. Halblaut sagen sie es in ihren besseren Vierteln, wo das Problem nur gefiltert auftritt, in ihren Dienstwagen und Taxis, die ihnen die öffentlichen Verkehrsmittel ersetzen. Oder in der ersten Klasse Bahn oder Business-Class im Flugzeug. Und dann kommt unweigerlich das große „Aber“: „Natürlich müssen wir trotzdem Humanität zeigen.“ Der Halbsatz vor dem „aber“ ist die Beichte. Mit der im Rücken kann man dann bequem so weiter machen wie bisher. Aber sie sehen weg.

Der 7. Oktober und die Grenzen der Erinnerungskultur

Das vielleicht schmerzhafteste Beispiel. Jahrzehntelang hat sich das rot-grüne Bildungsmilieu als Hüter der Erinnerungskultur aufgespielt und selbst inszeniert. Holocaust-Gedenktage, Stolpersteine, Bekenntnisse. Die „Haltung“ war allgegenwärtig — aber eben nur mit Worten. Als nach dem 7. Oktober 2023 auf deutschen Straßen offen zu Pogromstimmung aufgerufen wurde, als Juden in Deutschland sich wieder fürchten mussten — da zögerte ein erheblicher Teil dieses Milieus, laut zu werden. Die Sonntagsredner relativierten auf einmal, oder schwiegen. Oder sagten, man müsse eben den Kontext sehen. Warum? Weil der Judenhass von der falschen Seite kam — von Menschen, die man in ihrer Weltsicht nicht kritisieren darf, ohne die „Haltung“ zu gefährden. Das Bekenntnis zur Erinnerungskultur war jahrzehntelang nichts anderes als eine sinnentlehrte Fassade. Als es ernst wurde, stellte sich heraus: Hinter der Fassade herrscht nur gähnende Leere.

Moralisches Leasing

All das folgt derselben Logik: Man mietet sich eine saubere Identität, ohne sie zu kaufen. Die monatliche Rate ist eine Talkshow-Aussage, ein Social-Media-Post, ein Aufkleber, ein Kommentar vor dem Abflug, eine „Klima-Kompensation“, ein Anti-AfD-Aufkleber, ein Bekenntnis an einem Gedenktag. Das schlechte Gewissen ist nicht der Beginn einer Konsequenz — es ist ihr Ersatz. Das ist der eigentliche Grund, warum Sendungen wie Lanz für dieses Milieu so wichtig sind: nicht als Informationsquelle, sondern als Ratenzahlungsautomat. Als Selbstreinigungsanlage. Evangelischer Kirchentag auf Kosten der Gebührenzahler.

Ein Russe schaut die WM — fertig. Er baut Atomkraftwerke und fliegt, wenn ihm danach ist. Einen Klima-Aufkleber auf seinem SUV braucht er nicht — nicht weil er gedankenlos wäre, sondern weil er den Widerspruch aushält, ohne ihn aufzulösen. Ein Bayer trinkt sein Bier ohne Entschuldigung. Ein Franzose genießt ohne Rahmung. Das ist echte Ambiguitätstoleranz: der Widerspruch darf existieren.

Nichts dazwischen

Der rot-grüne deutsche Bildungsbürger hingegen erträgt Ambiguität – das Existieren von Widersprüchen – nicht. Die AfD muss das absolute Böse sein. Punkt. Nicht eine Partei mit realen Wählern, realen Sorgen und realen Problemen im Programm — sondern das personifizierte Böse, das nicht einmal ein weiteres Nachdenken oder gar Zweifel verdient, und stattdessen exkommuniziert werden muss. Als unrein. Als unberührbar. Denn sobald man anfängt zu differenzieren, aus dem Schwarz-Weiß auszubrechen, wenn man etwa zugeben müsste, dass eben nicht jeder Migrant eine Bereicherung oder Geschenk ist, dann wird man selbst schmutzig. Und das ist unerträglich, wenn man keine Ambiguitätstoleranz hat und in einem binären Weltbild festhängt. Da gibt es eben nur die guten, die „Demokraten“ – inklusive umbenannter Diktatur-Partei SED, neudeutsch Linke – oder die bösen „Rechten“. Und nichts dazwischen.

Dasselbe gilt für Trump, für Putin, für jeden, der nicht ins Schema passt. Die Welt muss in Gut und Böse sortiert sein — nicht weil das der Realität entspricht, sondern weil Grautöne das gesamte Konstrukt gefährden. Wer anfängt zu fragen, warum nach aktuellen Umfragen fast ein Drittel der Wahlberechtigten die AfD wählen würde, muss irgendwann zugeben, dass da Menschen mit legitimen Fragen stehen — und nicht nur Dumpfbacken und Faschisten. Das wäre ein Widerspruch. Und den halten sie nicht aus.

Besonders dramatisch ist, dass sie auch allen anderen ihre eigene Ambiguitätsintoleranz unterstellen, ihre Unfähigkeit, zu differenzieren: Wer von ihrem Weltbild der heiligen Migration abweicht und auf Probleme hinweist, ist sofort jemand, der angeblich alle Migranten als Kriminelle darstellt. Wer auch nur leiseste Zweifel daran hat, dass der unbestreitbare Klimawandel vor allem ein Werk des Menschen ist, ist Klimaleugner. Wer bei Corona auch nur kritische Fragen stellte, wurde sofort zum Ketzer und Corona-Leugner.

Der Meute zum Fraß vorwerfen

Zwischentöne sind in diesem Weltbild keine Differenzierung — sie sind Verrat. Ketzerei. Und weil sie in sich selbst alle Zweifel abgespalten haben, müssen sie denjenigen, der diese Zweifel ausspricht, vernichten. Nur dass die Scheiterhaufen heute virtuell sind, und anstelle der physischen die soziale Vernichtung getreten ist. Wer eine „falsche Meinung“ hat, ja wer auch nur einmal damit kontaminiert wurde, der ist „unrein“. Der darf nicht mal mehr zitiert werden, geschweige denn noch in Talkshow wie bei Lanz – da sitzen nur die „Reinen“. Und manchmal wird ein einzelner Vorzeige-Bösewicht der moralisch sauberen Meute im TV zum Fraß vorgeworfen. Zur Abschreckung.

Für all das hat der rot-grüne deutsche Bildungsbürger mit der Grautöne-Allergie den ganzen Apparat erfunden: Talkshow-Beichte, Klimakompensation, Gedenktag-Post, Anti-AfD-Aufkleber. Nicht um zu handeln — sondern um den Widerspruch verschwinden zu lassen. Was er als Aufgeklärtheit verkauft, ist das genaue Gegenteil: die Weigerung, die Welt so zu sehen, wie sie ist. Der selbsternannte Realist, der Realität nicht erträgt.

Vogelsang aus der Lanz-Sendung ist kein Heuchler. Er ist ein perfekt sozialisiertes Produkt einer Kultur, die sich mit Bekenntnissen immun machen möchte — gegen die Wirklichkeit, gegen Zweifel, gegen jeden, der beides ausspricht. Eine rot-grüne Kultur, die nicht nur das Handeln verlernt hat — sondern auch das Denken. Was nicht ins Weltbild passt, wird nicht nur nicht diskutiert – es darf nicht mal mehr ausgesprochen werden. Und deshalb wird es vernichtet. Genauer: diejenigen, die es aussprechen würden. Es ist eine Kultur, die Wirklichkeit nicht verändert — sondern ausblendet. Und jeden, der sie benennt, gleich mit.

Geschichts-Resistenz

Und das ist der Grund, warum in diesem Land nichts mehr funktioniert. Bei der Bahn angefangen. Wer Wirklichkeit nicht erträgt, verwaltet sie — und verändert sie nicht, weil er sich ja ihre Probleme nicht einmal eingesteht, geschweige denn sie bekämpft. Wer „Haltung“ mit Handeln verwechselt, produziert Aufkleber, keine Lösungen. Wer das Tabuisieren eines Problems für seine Lösung hält, wird von der Realität eingeholt. Das ist keine Drohung. Das ist Erfahrung. Deutschland sollte sie eigentlich kennen. Aus seiner Geschichte.

Und genau hier schließt sich der Kreis zum Sozialismus – obwohl ich mir fest vorgenommen habe, auf den zu verzichten. Aber die Wurzeln sind nun mal sehr ähnlich. Auch der Sozialismus ist gescheitert, weil er die Wirklichkeit systematisch verdrängte. Bis sie ihn gnadenlos überrollte. Weil Parolen keine Züge pünktlich machen. Und weil er denselben Apparat hatte: das rituelle Bekenntnis als Eintrittskarte zur Gemeinschaft, die soziale Vernichtung von allen, die nicht mitmachten. Die Ideologie hat gewechselt. Die Mechanik nicht. Aus dem Klassenfeind wurde der Rassist und Klimaleugner. Das Stigma bleibt gleich.

Das ist die Diagnose. Die eigentliche Frage aber — wie konnte es so weit kommen, wie wurde eine ganze Gesellschaft so sozialisiert — die ist damit noch nicht beantwortet. Das ist ein eigener Artikel. Der folgt.

Solche Analysen werden Sie in den großen Medien nicht finden. Wenn Sie sie für wichtig halten, weil sie auch über den Tag hinaus wirken – hier können Sie mitwirken.

Mehr über die Ambiguitäts-Intoleranten:

Bild: Screenshot Markus Lanz/ZDF

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