„Alles, weil ich Muslim bin“ – und alle schauen weg Wer Migranten auf Fehlverhalten hinweist, riskiert den Pranger

Reisen bildet, sagt man seit Generationen. Heute schockiert es auch regelmäßig. Wie bei mir gestern bei meinem Rückflug vom Sommerfest der „Weltwoche“ in Zürich. Am Flughafen stand ich dank Vielfliegerkarte (die „letzte Generation“ möge es mir verzeihen) in der Priority-Warteschlange zur Sicherheitskontrolle, die so lang war wie früher die normalen Warteschlangen. Auf einmal gab es ein Geschrei, dass ich dachte, jemand würde handfest attackiert oder es müsse zumindest gleich zu einem Handgemenge kommen.

Das Ereignis fand zwei Meter hinter meinem Rücken statt: Ein Mann, der anhand seines Äußeren inklusive Kleidung und auch seines verschleierten, zahlreichen Anhangs sofort als „nicht länger hier Lebender“ zu erkennen war, befand sich in einem heftigen Wortgefecht mit einem Flughafenmitarbeiter. Er bestand darauf, mitsamt Kind und Kegel auch noch an der Priority-Warteschlange vorbeigeschleust zu werden nach ganz vorne – was ihm der wackere Schweizer in Uniform verweigerte.

(Fast) alle schauen weg

Der Mann reagierte ebenso lautstark wie hysterisch, schrie etwas von „handicapped“, also behindert, was äußerlich nicht zu erkennen war, und ich hatte Angst, dass er dem Flughafenmitarbeiter gleich an die Gurgel geht. In der Schlange schauten alle weg und taten sie so, als sähen und hörten sie nichts, auch wenn das schwerfiel, wenn man nicht seh- und hörgeschädigt war. Ich drehte mich zu dem Mann in Uniform um, der bereits Schweißperlen auf der Stirn hatte, und dessen Standhaftigkeit mir imponierte – in Deutschland wäre die so wohl kaum noch zu erwarten. „Ich bin gerne an Ihrer Seite und kann auch jederzeit bezeugen, dass Sie freundlich und korrekt waren“, sagte ich dem Mann, der erleichtert dankte.

Auf einmal wechselte der Aufrührer die Sprache und herrschte mich in einem Schwyzerdeutsch mit deutlichem Akzent auf eine Art und Weise an, dass ich Angst bekam, er würde gleich zuschlagen. Ich war so schockiert, dass ich mich an die genauen Worte nicht mehr erinnere, nur noch daran, dass ich glaubte, das Ganze eskaliert. „Das ist alles nur, weil ich Muslim bin“, schrie er schließlich. „Nein, es ist, weil Sie sich nicht benehmen“, antwortete ich, und ich dachte, gleich geht er mir an die Gurgel. Ich drehte mich weg.

Das System belohnt den Lautesten

Ein älteres Schweizer Ehepaar, das vor mir stand, drehte sich um und verdrehte die Augen – während alle anderen nach dem Motto agierten „gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen“. Das erschreckte mich fast mehr als die Frechheit des Mannes. Ganz leise sagte mir die Schweizerin, wie entsetzt sie sind darüber, so etwas in ihrem Land erleben zu müssen – und dass es keine Ausnahme mehr ist. Das Ehepaar brauchte etwas länger an der Sicherheitskontrolle als ich. Später traf ich sie noch mal im Dutyfree. Da erzählten sie mir, dass der Testosteron-Bolzen auch die Sicherheitsmitarbeiter und sie aggressiv angegangen sei, und als sie ihm dann sagten, er solle sich benehmen, sei er noch aggressiver geworden und das Sicherheitspersonal habe dann sie – nicht etwa ihn – getadelt, sie sollten sich nicht einmischen.

Eine wohl ganz normale Szene in der deutschen Öffentlichkeit. Ich bin leider, leider sicher, dass die meisten von Ihnen Ähnliches schon erlebt haben.

Und genau deshalb dreht sich fast niemand mehr um. Weil nach dem Mao-Motto „Bestrafe einen, erziehe Hunderte“ wir seit Jahren öffentlichkeitswirksam zusehen dürfen, wie Leute, die sich in solchen Situationen wehren, als Rassisten, Nazis oder „Hetzer“ vorgeführt werden. Die Botschaft ist angekommen: Wer eingreift, riskiert den gesellschaftlichen Pranger. Wer wegschaut, bleibt ungeschoren. Die Mehrheit ist wie kastriert. Darüber habe ich erst vorgestern hier ausführlich geschrieben – wenn auch unter etwas anderem Vorzeichen (Corona als Brandbeschleuniger? Warum wir uns als Kunden kastrieren ließen – Wie mir eine Flugpanne die wiedererwachte Untertanenkultur vor Augen führte).

Zivilcourage wird bestraft – Aggression belohnt

Das Tragische daran: Wir animieren damit Migranten geradezu, sich so zu benehmen – statt sich anzupassen. Wer laut schreit, den Opferstatus beansprucht und Regeln ignoriert, hat beste Chancen, dafür belohnt zu werden. Die anständigen Migranten sind quasi die Dummen: Wer sich anpasst, bleibt unsichtbar. Ich habe selbst viele Jahre als Ausländer in anderen Ländern gelebt und mich immer angepasst. Das war und ist selbstverständlich. Und ich bin überzeugt: Viel mehr Migranten, als es ohnehin schon tun, würden sich auch bei uns anpassen – wenn wir nicht so feige und selbstverleugnend wären, wie wir es sind. Wenn Regeln wirklich gelten würden, für alle. Wenn wir nicht ständig Extrawürste braten würden aus Angst, als „Rassisten“ beschimpft zu werden. Wenn wir uns nicht vorauseilend wegducken würden. Wenn Zivilcourage nicht bestraft würde. Wenn der Staat und die Gesellschaft nicht dauernd signalisieren würden, dass Aggression belohnt wird und Anpassung was für Dumme ist.

In Zürich gab es noch einen Schweizer Sicherheitsmitarbeiter, der standhielt. In Deutschland hätte man den Mann mit Kind und Kegel vermutlich längst durchgewinkt – aus Angst vor dem nächsten Shitstorm, dem nächsten Bericht über „Diskriminierung“ und dem nächsten Disziplinarverfahren. Die Priorität gilt nicht mehr dem, der sich an die Regeln hält, sondern dem, der am lautesten schreit und den richtigen Opferstatus beansprucht.

Berlin, 2017: Dieselbe Geschichte, andere Stadt

Das ältere Schweizer Ehepaar im Dutyfree war resigniert. Sie fühlten sich nicht nur zunehmend wie Fremde im eigenen Land, sondern auch wie stummgeschaltet, mundtot gemacht, sagten sie. Und genau das ist das Schlimmste. Nicht der einzelne, dreiste Drängler. Sondern das System, das den Drängler schützt und die diszipliniert, die Zivilcourage haben.

Ich habe so etwas schon öfter erlebt. Am Schlimmsten war es 2017, mitten in Berlin, am helllichten Tag. Eine ältere Frau wird von einem Mann angeschrien, der gerade ein Fahrradschloss aufgeschnitten hat und mit dem Rad wegläuft. Alle gehen vorbei. Als ich nachfrage, zeigt sie auf den Bolzenschneider im Korb. Der Mann schreit „Nazi!“ – und plötzlich mischen sich Passanten ein. Nicht gegen ihn. Gegen sie. „Lassen Sie ihn in Ruhe.“ „Vielleicht ist es ja sein Fahrrad.“ Dabei war es ein Damenfahrrad mit Nummernschloss, das viel zu klein für ihn war. Die Frau steht da und fragt nur noch: „Sind hier alle verrückt geworden?“

Die Geschichte ist hier nachzulesen: Wie schnell man in Deutschland zum „Nazi“ wird

Lehrreicher Schock

Damals hat mich das geprägt und wesentlich dazu beigetragen, dass ich aufgewacht bin. Heute, neun Jahre später, ist es keine Ausnahme mehr. Es ist der Normalzustand. Und solange wir uns das gefallen lassen – aus Angst, selbst an den Pranger gestellt zu werden –, wird sich nichts ändern.

PS: Haben Sie ähnliche Szenen erlebt? Ich habe ausnahmsweise die Kommentarspalte geöffnet, die sonst geschlossen ist, und nur versehentlich bei den letzten Artikel wieder aktiviert war (hier steht warum). Ich bin gespannt auf Ihre Geschichten.

Wenn Sie solche Klartext-Artikel schätzen, in denen es um das geht, was die großen Medien Ihnen vorenthalten wollen, ist Ihre Unterstützung für mich besonders wertvoll. Hier steht, wie es geht. 1000 Dank!

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Bild: Symbolbild/KI/Grok

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