Hier mein Video-Kommentar zur Wahl
Geht es Ihnen auch so heute am Wahlabend?
Ich habe in meinem Journalistenleben schon viel erlebt. Moskau in den frühen Neunzigern, als ein System über Nacht in sich zusammenfiel. Leere Regale. Ersparnisse, die über Nacht zu Papier wurden. Politiker, die noch am Vortag von Stabilität redeten, während draußen schon nichts mehr da war. Ich habe Auftritte gesehen, die peinlich waren. Auftritte, die zynisch waren. Auftritte, die einfach nur leer waren.
Der Auftritt von Friedrich Merz kurz nach den ersten Prognosen heute Abend gehört mit zu dem Absurdesten, ja Gespenstischsten, was ich je erlebt habe.
Im Konrad-Adenauer-Haus steht der Parteivorsitzende und Bundeskanzler. Hinter ihm die Parteifahne. Vor ihm Kameras, die jede Miene einfangen. Draußen, in Mecklenburg-Vorpommern, hat seine Partei soeben das schlechteste Landtagswahlergebnis der CDU in der Geschichte der Bundesrepublik eingefahren: 5 Prozent. Ein Absturz von fast acht Punkten. Die Partei, die einmal den Osten mitregierte, muss um den Wiedereinzug in den Schweriner Landtag zittern. In Berlin minus 8,2 Punkte. Die Union, die in den letzten drei Jahren den Regierenden Bürgermeister stellte, liegt hinter der Linken. AfD vorne im Nordosten. Linke vorne in der Hauptstadt.
Für den Parteichef und Kanzler mehr als gute Gründe, zurückzutreten. Oder wenigstens eine Sekunde lang die Größe zu haben, das Ergebnis beim Namen zu nennen, ohne es sofort wieder in Watte zu packen.
Doch was tut Merz stattdessen?
Er hat es eilig. Die Prognosen sind kaum da – da steht er schon am Pult. Damit über ihn nicht erst diskutiert wird. Damit kritische Stimmen aus der eigenen Partei gar nicht erst gehört werden.
Er stellt sich hin, als sei nichts passiert. Als sei er nicht der Mann, unter dessen Führung diese Ergebnisse zustande kamen. Als sei er die Medizin gegen die Katastrophe, die er selbst seiner Partei eingebracht hat. Der Kanzler hat die Dreistigkeit, vom Erfolg seiner Partei in diesem Wahljahr zu sprechen. Das Ergebnis in der Hauptstadt nennt er ein „ordentliches Ergebnis“. Minus 8,2 Prozentpunkte. Ordentlich.
Für Mecklenburg-Vorpommern nutzt er einmal das Wort „Desaster“. Einmal. Dann ist es verbraucht. Danach redet er weiter, als sei damit die Pflicht erledigt.
Was folgt, ist nicht Einordnung. Es ist jene Tonlage, die man kennt: fest, belehrend, ohne einen Hauch von Zweifel an der eigenen Unentbehrlichkeit. Man muss das hören. Satz für Satz. Mit dem Bild der Prognosen noch im Kopf. Es sind Sprechblasen. Sie steigen und sollen sich über die Zahlen legen, bis man sie nicht mehr sieht.
„Das Vertrauen in unsere Institutionen sinkt und wird von radikalen Parteien links und rechts massiv untergraben.“
Das sagt der Mann, der wie kaum ein anderer selbst das Vertrauen in die Institutionen zerstört hat. Aber die Schuldigen müssen woanders sitzen. Immer. Bloß nicht bei ihm.
„Die Antwort darauf kann kein Zurück in die alte Zeit sein. Die Antwort kann aber auch nicht sein, alles Gute immerzu schlecht zu reden. Die Antwort muss sein, unser Land wieder fit zu machen für die Zukunft.“
Man höre genau hin: „Alles Gute immerzu schlecht zu reden.“ Als hätten die Menschen in Schwerin und Berlin heute Abend eine Stimmungslage gewählt und keine Bilanz. Als wäre das Desaster ein Kommunikationsproblem der Bürger.
„Wohlstand auch für die jüngere Generation.“
Eine Phrase so glatt, dass sie an jeder Wand abperlt. Gesprochen in dem Moment, in dem die Jüngeren in Berlin der Linken zulaufen und im Nordosten der AfD. Der Wohlstand, den er meint, existiert einzig und allein in seiner Rede. Draußen auf den Prognosetafeln existiert er nicht.
„Wir brauchen dazu Veränderungen.“
Ja. Aber wo blieben die in den anderthalb Jahren, die er Kanzler ist? Und wie will er sie jetzt hinbringen – mit einer SPD, deren Vorsitzender Lars Klingbeil genau den gegenteiligen Schluss aus dem Ergebnis zieht – und noch am Wahlabend ankündigt, selbst die bisherigen Reförmchen neu zu überdenken?
Kraft und Geduld. Nach dem schlechtesten CDU-Ergebnis seit Gründung der Republik. Nach minus 8,2 in der Hauptstadt. Kraft und Geduld erfordert es vor allem, ihn weiter zu ertragen.
„Ich übernehme diese Verantwortung.“
Das ist die größte Dreistigkeit – die noch dadurch verschärft wird, dass er das Wort „Ich“ besonders betont. Was für eine Platzpatrone! Würde er Verantwortung übernehmen, würde er zurücktreten. Stattdessen sagt er dummdreist, er tue das, was er eben genau nicht tut.
In Klartext, und das ist die Kernaussage von Merz: Es ist egal, was die Wähler wählen. Ich mache einfach weiter.
„Der Erfolg unserer Reformen verbessert nicht nur unser Zusammenleben, sondern auch unser Selbstbild und unser Bild in der Welt.“
Deutschland ist zur Lachnummer geworden. Auch wegen solcher Auftritte wie seinem heute. Fünf Prozent ohne Folgen und minus 8,2 Prozentpunkte als „ordentlich“. Wir sind eine Lachnummer – mit dem Bild eines Kanzlers, der vor laufenden Kameras eine Parallelwelt errichtet und erwartet, dass das Land mit ihm einzieht.
„Diese Reformen sind das Mittel gegen das autoritäre Gift, das mit der Faszination des Autoritären immer tiefer in unsere Gesellschaft eindringt. Was jetzt zu tun ist, erfordert Rückgrat, Standhaftigkeit und Geduld. Ich werde das aufbringen.“
Rückgrat. Standhaftigkeit. Geduld. Drei Worte, die aus dem Mund eines anderen Mannes Größe haben könnten. Hier klingen sie nach einem Mann, der die eigene Unabkömmlichkeit zur Staatsräson erklärt hat. Das autoritäre Gift, von dem er spricht, sucht er links und rechts. Den Spiegel an diesem Abend hält ihm niemand vor. Und er hält ihn sich selbst nicht vor.
Das ist der Abend. Nicht die Zahlen. Die Zahlen kennt jeder. Das Gespenstische ist der Mann, der sie ausspricht, als sei das Desaster, die knallende Ohrfeige, ein Auftrag an ihn persönlich, weiterzumachen. Als sei der Absturz die Bestätigung seines Kurses. Als sei das Desaster der Beweis, dass man ihn jetzt erst recht braucht.
Man steht davor und denkt: Das hier ist kein Politiker, der eine Niederlage einordnet. Das ist jemand, der bereits in einer anderen Wirklichkeit spricht. Und der uns alle einlädt, mit ihm dort einzuziehen. In ein Sprechblasen-Wolkenkuckucksheim.
Während er spricht, schreibt der Mainstream bereits die Legende. Bei Merkur.de, 31 Minuten nach den ersten Prognosen: „Merz versucht Befreiungsschlag.“
Ein Befreiungsschlag – nach 5 Prozent. Nach minus 8,2 in Berlin. Nach Sätzen, die klingen, als gehöre das Desaster den anderen.
So wird aus einem Mann, der nicht geht, ein Mann, der ausholt.
Seine Medien nähen dem nackten Kanzler ein Kleid.
Und das alles an einem Abend, an dem die umbenannte SED, die Enteignungen fordert, stärkste Partei in Berlin wird und ihre Spitzenkandidatin verkündet: „Ab heute verändern wir gemeinsam unser Berlin.“
Haben sie schon einmal. Das Resultat ist bekannt.
Dieses Land ist gespenstisch geworden.
Solche Texte kosten viele Nerven. Wenn Sie ihnen etwas wert sind, freue ich mich sehr über Ihre Unterstützung. Hier steht, wie es geht.
Hier mein Video-Kommentar zur Wahl
PS: Anzusehen ist das Statement von Merz hier.
Bild: Screenshot ARD
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