Ärztin kritisiert Spahn und Wieler vor laufender Kamera Überraschendes auf der Bundespressekonferenz

Es war ein bemerkenswerter, erfrischender Auftritt in der Bundespressekonferenz. Anke Richter-Scheer vom Hausärzteverband Westfalen-Lippe saß dort heute neben Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und dem Chef des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler. Höflich, freundlich und kompetent nahm die Frau aus der Praxis dabei kein Blatt vor den Mund. Und erlaubte sich auch Kritik an überbordender Bürokratie: „Was noch schön wäre, auch wenn das die Herren neben mir nicht so gerne hören, die Dokumentation hätten wir gerne etwas geschmälert“. Patienten müssten sechsmal ihre Daten abgeben, der Arzt müsse dann sechsmal seine Unterschrift darunter setzen: „Wenn Sie das für fünfzig Personen gemacht haben, dann wissen Sie, was Sie getan haben. Ist das wirklich noch nötig?“, fragte die Medizinerin und Wieler und Spahn neben ihr sahen bedrückt drein. Später legte sie noch einmal nach: Sie wünsche sich einfachere Formulare.

Tests seien zwar ein Schritt, die Pandemie mit einzugrenzen, es kämen aber „dazu noch wenig Patienten in die Praxen“ sagte Richter-Scheer weiter. So mahnte sie ausdrücklich, man müsse „auch mal kritisch hinterfragen“. Vor genau diesem Hinterfragen hatte Wieler, der neben ihr saß, früher schon einmal gewarnt. Die Impfzentren seien aktuell so überlaufen, dass sie derzeit nicht wüsste, wie man die Impfungen in der Hausarztpraxis stemmen könne, so die Ärztin. Dennoch müssten die Praxen schnellstmöglich hinzukommen. Viele Menschen würden aktuell durch Klagen vor Gericht Gleichstellungsanträge bekommen und dann mit diesen eine Impfung einfordern. Doch das reiche aber nicht, um eine Impfung zu erhalten, sagte Richter-Scheer. Dazu sei auch ein ärztliches Attest notwendig.

Ich bin sehr gespannt, ob die großen Medien die Kritik der Ärztin an Minister und Bundesbehörde aufnehmen werden. Und wenn ja, ob als kleinen Nebenaspekt oder als wichtige Nachricht.

‘Lieber einen zu viel zu erkennen als einen zu wenig'

Doch nicht nur die Medizinerin aus dem Westen sorgte heute für Belebung auf der Bundespressekonferenz. In meinen Augen hat sich der Ton etwas gewandelt, es fiel auf, dass viele kritische Fragen und auch Nachfragen gestellt wurden, genau so, wie man es sich im Umgang der vierten Gewalt mit der Regierung wünscht. Etwa beim Thema „mehr Tests“. Der aktuelle Anstieg der Zahlen hänge nicht damit zusammen, dass mehr getestet werde, sagte Wieler auf eine entsprechende Frage: „Es gibt keinen Hinweis, dass eine gesteigerte Test-Aktivität damit zusammen hängt“. Eine bemerkenswerte Aussage. Es gebe eine Reihe von klinischen Daten, die belegten, dass der Anstieg nichts mit der steigenden Zahl von Testen zu tun haben, wiederholte Wieler. Ein Kollege bohrte dann noch einmal nach, wie es sein könne, dass bei einer steigenden Anzahl von Tests diese keinen Einfluss auf die Zahlen hätten. Wieler wiederholte seine Aussagen: Wenn der Eindruck entstehe, dass hier eine Verzerrung von Fallzahlen durch die Tests auftrete, „bitte ich alle, die klinischen Daten anzusehen!“. Weiter sagte er: „Durch die Schnelltestes wird die Dunkelziffer sinken, wir werden mehr Fälle ermitteln, und das wollen wir ja auch.“ Sodann machte Wieler noch eine überaus bemerkenswerte Aussage: „Das Ziel, lieber einen zu viel zu erkennen als einen zu wenig, ist ein hohes Ziel, um die Pandemie zu bekämpfen.“

Zwielichtige Masken-Deals

Tilo Jung fragte, wie korrupt die CDU-Fraktion sei angesichts der Geschäfte mit Masken und ob ein Rücktritt für ihn in Frage komme. Spahn wich aus. Die Frage nach dem Rücktritt ignorierte er. Zu den Masken-Deals verwies er darauf, dass es zu dem betreffenden Zeitraum 2020 einen großen Mangel an Schutzmitteln gegeben habe. Man habe damals sogar Ratschläge geben müssen, wie man FFP-2-Masken etwa durch Aufwärmen wiederverwertbar machen könne. Spahn ließ dabei außer Acht, dass genau diesen Ratschlag auch noch vor wenigen Wochen ein Sprecher seines Ministeriums in der Bundespressekonferenz auf meine Frage hin erteilte – also 2021 und nicht 2020. Die allermeisten Abgeordneten-Kollegen hätten lediglich Hinweise, die sie erreicht haben, was helfen könnte in der Not, weitergeleitet. Das müsse man unterscheiden, mahnte Spahn: Man dürfe es nicht in einen Topf werfen, wenn jemand nur eine E-Mail weitergeleitet habe. Das hatte ja aber auch niemand in einen Topf geworfen und es war auch nicht Gegenstand der Frage.

AstraZeneca

Auf ebenfalls kritische Nachfragen zu der Einstellung der Impfung mit dem Vakzin von AstraZeneca in anderen europäischen Ländern sagte Spahn, Deutschland plane dies nicht und werde sich an die Vorgaben der Behörden halten. Er warnte vor einer Überreaktion auf Berichte über Probleme mit dem Impfstoff. Es dürfe nicht passieren, dass „fälschlich Akzeptanz“ verringert werde. Der Nutzen sei größer als das Risiko. Viele der Geimpften seien sehr alt, ergänzte Wieler. Deshalb könne es zeitliche Zusammenhänge von Todesfällen mit einer Impfung geben. Das bedeute aber nicht, dass es einen Zusammenhang gebe: „Es gibt keinen Hinweis, dass diese Geschehnisse statistisch auffällig wären.“ Mit den „Geschehnissen“ meinte er offenbar Todesfälle nach Impfungen.

Volkserziehung vom Behördenchef

„Wenn wir Symptome für eine akute Atemwegserkrankung erkennen, dann bleiben wir bitte Zuhause und rufen einen Arzt an“, hatte Wieler in seinem Eingangs-Statement im Duktus eines Erziehers gemahnt. So spricht man 2021 in Deutschland mit mündigen Bürgern. Wie mit Kleinkindern. Der subjektive Eindruck bei seinen einführenden Reden in der Bundespressekonferenz Woche für Woche ist, dass sie sich sehr ähnlich sind. Einerseits kann man sagen, dass dies bei Appellen auch nötig sei. Andererseits ist es auch eine Frage des Rollenverständnisses: Sieht sich der Leiter der obersten Gesundheitsbehörde im Land als Volkserzieher, der die Öffentlichkeit belehrt, oder eher als Staatsdiener, der der Öffentlichkeit Rechenschaft schuldig ist.

„Ein negativer Selbsttest bedeutet nicht, dass man freigetestet ist“, mahnte Wieler, und wiederholte dann noch einmal: Wer Anzeichen einer Atemwegserkrankung erkenne, solle Zuhause bleiben, wiederholte er. „Wir laufen einen Marathon, wir befinden uns im letzten Drittel. Mit Hilfe der Impfung werden wir bald auf der Zielgeraden sein: Von der Bekämpfung hin zu ‘control Covid‘“, sagte der Leiter der Bundesbehörde. Das Virus werde nicht verschwinden, aber man könne lernen, als Gesellschaft damit umzugehen. „Wenn Sie mit anderen Menschen in Innenräumen zusammenkommen, tragen Sie wo immer möglich Masken und lüften Sie….helfen Sie, Infektionsketten zu unterbrechen….rufen Sie bei einem positiven Test Ihren Arzt an und bleiben Sie zu Hause.“ Abschließend mahnte Wieler: „Der beste Schutz für uns alle ist eine niedrige Inzidenz.“

Spahn lobt sich selbst

„Die Lage bleibt angespannt, die Fallzahlen steigen, wir müssen uns auf einige weitere anstrengende Wochen einstellen“, hatte Spahn in seinem Eingangs-Statement dargelegt; „Wir ringen um die richtige Balance“. Der stark unter Beschuss geratene Minister lobte die eigene Arbeit: Die „Todeszahlen bei Älteren und Höchstbetagten gehen zurück. Im europäischen Vergleich habe Deutschland viele Bürger vor einem schweren Verlauf schützen können. Wie genau hier der „europäische Vergleich“ aussehe, sagte der Minister nicht. Viele Länder, Landkreise und Städte hätten in dieser Woche bereits mit den Schnelltests begonnen, so Spahn. Das sei, auch gemessen an der öffentlichen Kritik, ein Erfolg. Vor einer Woche hatte Spahn am gleichen Ort gesagt: „Von diesen Schnelltests sind mehr als genug da.“

Auch Wieler sprach von beunruhigenden Indikatoren beim Infektionsgeschehen: Es seien vermehrt Ausbrüche in Kitas zu beobachten, sagte er, und es seien davon mehr Personen betroffen. Es gebe Hinweise, dass die hochansteckende Variante B.1.1.7 dabei eine Rolle spiele, aussagekräftige Zahlen lägen jedoch noch nicht vor. Zudem steige auch der Anteil schwerer Atemwegserkrankungen in den Kliniken wieder. Das zeige, dass die hohen Infektionszahlen nicht allein auf eine höhere Testdichte durch mehr Schnelltests zurückzuführen seien.

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!


Bild: Boris Reitschuster
Text: br


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