Angela Merkel erhält Lektion in Klimawandel vom Ortsbürgermeister „Das erste Hochwasser war so um 1790. Da gab's noch kein Klimawandel“

Ein Gastbeitrag von Alexander Wallasch

Der tapfere Helmut Lussi weinte um seine vom Hochwasser so schwer in Mitleidenschaft gezogene kleine Gemeinde mit ihren kaum mehr als 650 Einwohnern. Hier kennt sonst jeder jeden und jeder weiß darum, wieviel Aufwand und Liebe der Nachbar, wie auch man selbst, hier oft in Haus und Hof investiert hat.

Die Medien reißen sich verständlicherweise um diese Szene, als der Bürgermeister in Tränen ausbricht und sich unnötigerweise entschuldigt, weil doch jeder tiefes Verständnis hat. Die Zeit titelt über Angela Merkels Besuch in Schuld, wo es nach der Katastrophe ausschaut, als hätte ein Tsunami das Land verwüstet: „Hoher Besuch am Abgrund“, Malu Dreyer (SPD), die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, ist an Merkels Seite – ein Treffen der Landesmutter mit der scheidenden Bundeskanzlerin.

Für Politik und Medien ist es die Zeit der Superlative des Schreckens – da will die Bildzeitung nicht zurückstehen und titelt über die Ministerpräsidentin: „Malu Dreyer mit Gehhilfe im Katastrophengebiet – Deutschlands tapferste Politikerin“ – Dreyer ist an Multipler Sklerose (MS) erkrankt, sie kann nicht für lange Zeit frei stehen oder gehen, ist häufiger gezwungen sich abzustützen.

Spontan wird der eine oder andere hier an Angela Merkels Zitteranfälle gedacht haben, jeder trägt eben sein Köfferchen und manchmal ist dieses so schwer, dass gestandene Männer wie der Bürgermeister der kleinen, über tausendjährigen Gemeinde vor laufenden Kameras in Tränen ausbrechen – dutzende Menschen haben hier im Kreis ihr Leben verloren, es gibt noch Vermisste.

Schuld heißt der kleine Ort. Und die Bundeskanzlerin spricht hier im Angesicht der Katastrophe auch von einer gigantischen Schuld der Menschen am Klimawandel. Und während sie dabei zum großen Schlag gegen die Umweltsünder ausholt, wird sie vom Bürgermeister unterbrochen.

Was Helmut Lussi dazwischen zu erzählen hat, ist bemerkenswert, schon deshalb, weil die Medien sich lieber mit seinen so menschlichen Gefühlen und Tränen beschäftigt haben, als mit seinem überaus couragierten Aufbegehren gegen die Allmacht eines staatstragenden Auftritts von Angela Merkel. Die sich selbst im kleinen Schuld nicht scheute, vor den Fernsehkameras Agendapolitik zu machen.

Hier die kurze hörenswerte Passage. Zuerst redet die Bundeskanzlerin, dann unterbricht sie der Bürgermeister aus Schuld:

„Wir werden natürlich nachdenken: Was können wir im Hochwasserschutz noch besser machen? Wir werden bei der Landwirtschaftspolitik, bei der Forstpolitik uns überlegen müssen, wie reagieren wir darauf. Also das, was wir sonst so oft im Zusammenhang mit Afrika zum Beispiel sagen – Mitigation, also Anpassung an den Klimawandel – das wird Schritt für Schritt auch in Deutschland parallel zu dem gesamten Umsteuern auf eine klimaneutrale Wirtschaft auch der Fall sein müssen.“
Angela Merkel

Unangenehm devote Zwischenfrage eines Journalisten:
„Muss das alles schneller gehen?“

„So schnell wie irgend möglich.“
Angela Merkel

Dann kommt – von der Seite intervenierend –, mitten in die Rede der Bundeskanzlerin hinein, Helmut Lussi: „Darf ich dazu mal ein kurzes Statement abgeben?“ Der Kopf der Kanzlerin fliegt in seine Richtung, ungläubiger Blick, so etwas hat es jedenfalls auf der Berliner Bühne schon lange nicht mehr gegeben.

Aber Lussi wartet gar nicht etwa auf eine Wortfreigabe der hohen Dame, das hier ist seine Gemeinde und sein Wohnzimmer, das jetzt vollkommen zerstört daliegt. Merkel zieht missbilligend die Augenbrauen hoch – die Kamera fängt es noch ein und wechselt hinüber zum Bürgermeister von Schuld.

Helmut Lussi also weiter:
„Wir haben in der Chronik der Gemeinde Schuld mal nachgesehen: Das erste Hochwasser war so um 1790. Ich glaub da gab’s noch kein Klimawandel oder nicht in den Dimensionen. Das zweite Hochwasser war jetzt 1910. Das dritte, das unendliche Dimensionen überschritten hat, war jetzt 2021. Also ich glaube, uns hätte kein Hochwasserschutz geholfen, weil man kann so was gar nicht berechnen, wie bei solchen Wassermassen sich die Ahr verhält, das ist schier unmöglich.“

Helmut Lussi, Ortsbürgermeister von Schuld

Eine Szene (anzusehen hier), die den meisten Medien nicht ins Bild gepasst hat. Medien, die sich viel mehr auf die Tränen des Bürgermeisters konzentriert haben. Aber so verpassten sie auch die lehrreiche Botschaft dieser kleinen Szene:

Solche Katastrophen sind immer auch ein stückweit unberechenbar – Armin Laschet musste das schmerzhaft lernen, als er sich von Kameras beim Feixen hinterm Bundespräsidenten erwischen ließ. Und Angela Merkel wollte jetzt das Drama von Schuld für eine klimaideologische Weltpolitik missbrauchen und wurde dafür von einem weinenden Bürgermeister wieder zurück auf die Erde geholt –  ja, die Deutschen können es ja doch noch. Sie können noch Laut geben, wenn ihnen die Obrigkeit zu bunt wird. Helmut Lussi ist hier der Mann der Stunde.

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

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Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Alexander Wallasch ist gebürtiger Braunschweiger. Er schrieb schon früh und regelmäßig Kolumnen für Szene-Magazine. Wallasch war 14 Jahre als Texter für eine Agentur für Volkswagen tätig – zuletzt u. a. als Cheftexter für ein Volkswagen-Magazin. Über „Deutscher Sohn“, den Afghanistan-Heimkehrerroman von Alexander Wallasch (mit Ingo Niermann) schrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „Das Ergebnis ist eine streng gefügte Prosa, die das kosmopolitische Erbe der Klassik neu durchdenkt. Ein glasklarer Antihysterisierungsroman, unterwegs im deutschen Verdrängten.“

Bild: screenshot ntv
Text: Gast
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