Annalena Baerbock schickt Robert Habeck vor Der Landwirt soll bei Lanz für die Völkerrechtlerin die Kartoffeln aus dem Feuer holen

Ein Gastbeitrag von Alexander Wallasch

Wie kann man das nennen, wenn man nett schreiben möchte? Meisterliche Intensität? Wir müssen hier mal für unseren Herrn Lanz eine gleichnamige brechen: Ganz gleich, wie man das findet, aber man kann dem Moderator der ZDF-Talkshow, die seinen Namen trägt, nicht nachsagen, er wäre an diesen vielen Gästen, die sich bei ihm die Klinke in die Hand geben, irgendwie ermattet: Markus Lanz geht immer voll rein, kein Gast, keine Geschichte, in die er sich nicht mit vollem Körpereinsatz hineinwühlt, als wäre es die spannendste oder unterhaltsamste Sache aller Zeiten.

Potenziell ist das ja gut für den Gast und gut für die Zuschauer. Noch mehr zu so einer späten Sendezeit. Da verhält es sich wohl ähnlich wie beim Schminken: Ist das Licht schon heruntergedimmt, sollte mehr Rouge aufgetragen werden und darf der Lippenstift noch knackiger rot sein als sowieso schon – jedenfalls sind das die Regeln im Rotlicht.

Die rote Lampe also an: Robert Habeck bei Markus Lanz. Nun sollte die Einladungspolitik in Talkshows mit Politgästen idealerweise so sein, dass die politischen Gäste sich gegenseitig zerfleischen. Aber wo sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen seit Jahr und Tag verabredet hat, die AfD – immerhin der Oppositionsführer im Deutschen Bundestag – nicht mehr abzubilden im Vorwahlkampf, da muss der Moderator selbst angreifen.

Nein, der grüne Nicht-Kanzlerkandidat Robert Habeck ist nicht Opposition. Seine Partei dient sich dem Merkel-Nachfolger Armin Laschet (CDU) an. Und die Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock steht gerade als Schummellieschen hart in der Kritik. Über die kleinste Fraktion im Deutschen Bundestag wird aber nicht nur deshalb so ausführlich gesprochen. Das vergessen ja viele – die Grünen sind als zukünftiger Koalitionspartner der Union zu großen Teilen eine Erfolgsgeschichte des Zwangsgebührenfernsehens – dieser Tatbestand sollte bei der Rezension solcher Sendungen immer die Peitsche sein – also los.

Bevor wir aber ins Detail gehen, zunächst ein paar Beobachtungen zu Habeck im Schalensessel bei Lanz im publikumslosen Studio: Der ehemalige Bauernminister aus Schleswig-Holstein, der ehemalige Schriftsteller, der Fast-Kanzlerkandidat der Grünen – Robert Habeck trägt das Ansteckmikrofon wie einen Thorshammer am Braunhemd. Das sieht lustig aus und erinnert an düstere Heidehoftreffen.

Attraktiv ist er. Und zeitweilig macht es bei Lanz und Habeck den Eindruck, als würden da zwei Alphatiere im Gespräch auf einer Meta-Ebene miteinander flirten, aber auch Rüden wedeln noch mit dem Schwanz, kurz bevor sie zubeißen. Habecks steinernes Lächeln trifft, aber ob Putin, Biden oder Erdogan sich gegenüber einem Kanzler Habeck davon hätten einwickeln lassen, wo ein falsches Wimpernzucken in solchen Duellen den deutschen Steuerzahler Milliarden kosten könnte?

Nordisch-kühle Aura eines Björn Engholm

Nett anzuschauen ist er ja bei Habeck, dieser altbackene Willy-Brandt-Charme, der immer so eine Cognac-Note hat und noch dazu garniert ist mit der nordisch-kühlen Aura eines Björn Engholm. Aber das reicht doch nicht. Und ja, diese lästige Geschlechtergerechtigkeit so lange schon wegzulächeln muss echt anstrengend sein.

Habeck bei Lanz – hinter dem maskenhaften Lächeln eine Erinnerung an das unbeschwerte Lächeln der Jugend, ein von der Quote getroffener Mensch, der eine erstaunlich passive Aggressivität zeigt. Von Mann zu Mann müsste man in dieser Gesellschaft hellhörig bleiben. Eindruck: Der schmiert dich an, wenn’s nur zu seinem Vorteil ist. Vorsicht: Der wanzt sich an deine Frau heran, wenn du im Weinkeller Nachschub holst.

Robert Habeck – aus dem gefrorenen Lächeln schießt immer wieder dieser Moment mit dem Sodbrennen-Blick hervor, der so etwas wie Ernsthaftigkeit anzeigen soll. Erstaunlich bei Habeck übrigens diese häufigen Silbenhänger in seiner Aussprache. Fast so, als trainiere er noch an den unpassendsten Satzstellen das neue Gendersternchen.

„Nichts wollte ich mehr, als dieser Republik als Kanzler zu dienen“, zitiert der Moderator den Politiker aus einem Interview mit der Zeit. Was für eine Anmaßung eigentlich für einen Vertreter der kleinsten Fraktion im Deutschen Bundestag. Etwa zwanzig Bücher soll Habeck schon geschrieben haben, darunter alleine vier politische Bestseller, weiß Lanz.

Und Habeck wird später noch erzählen, dass er Baerbocks Buch schon „in der lektorierten Fassung“ von ihr persönlich per E-Mail bekommen und gelesen habe, als es draußen noch kalt war. Da entdeckt der hellwache Markus Lanz einen Widerspruch in der Chronologie und Habeck korrigiert sich schnell in etwa so: Könnte auch sein, dass es schon Mai war, aber trotzdem noch kalt.

‘Glaubwürdiger als die anderen Kerle‘

Zwischenbemerkung: Der Autor hier fragt seine Frau vor dem Fernseher, was sie von Robert Habeck hält: „Der ist sympathisch, jung, viel glaubwürdiger als die alten Kerle der anderen Parteien.“

„Moin“ sagt Habeck. Und Lanz weiß immerhin, dass man darauf niemals mit „Moin, Moin“ antworten sollte. „Zunächst mal ganz kurz“, sagt Lanz, „Sie haben irgendwas am Auge Herr Habeck. Ist was passiert?“ Nein, er hat keinen auf die Nase bekommen, nur eine Allergie „gegen irgendein blühendes Zeugs, was da war“ an der Küste Schleswig-Holsteins. Strandflieder soll’s gewesen sein, erfährt der Zuschauer dann aber doch noch. So blau wie Kornblumen blüht er, erzählt die schnelle Google-Recherche.

28 grüne Absagen hätte es zur letzten Sendung gegeben, sagt Lanz. „Ich wusste gar nicht, dass wir so viele Leute haben“, kokettiert Habeck. Wann gab es wohl das letzte Mal 28 öffentlich-rechtliche Anfragen bei der AfD – sicher im ganzen Jahr zusammengenommen nicht.

„Olli ist ein super Typ, super Kerl, der hat sich halt vorgenommen, einen Kladderadatsch zu erklären, der so nicht zu erklären ist, und das ist dann ja auch schiefgegangen“, erklärt Habeck die vollkommene Bruchlandung seines Parteifreundes Oliver Krischer, der zuletzt von Lanz auf eine Weise vorgeführt wurde, die das Selbstbewusstsein von Habeck noch größer erscheinen lässt, wo der sich trotzdem nochmal hingetraut hat zu Lanz.

Und dann folgen eine Reihe von Reparatursätzen, die das Ziel des Besuches recht gut erklären: Habeck ist wohl einfach auserwählt worden oder hat sich selbst auserwählt, den Schaden zu begrenzen, und Lanz gibt ihm dafür ein öffentlich-rechtliches Forum. Unangemessen reagiert hätten die Grünen, so Habeck, wo sich seine Partei kommunikativ völlig verrannt hätte: „Wenn man es zu spät merkt oder es merkt und nicht korrigiert und eingesteht, dann geht so was halt schief.“

Pseudo-devote Depesche

Das ist so eine pseudo-devote Depesche an die Wähler, die vor allem elegant überspielt, dass da die Spitzenkandidatin gleich eine ganze Serie von Mist gebaut hat und sich schlicht als inkompetent für den Job erwiesen hat.

Was Habeck hier macht, ist, was alle etablierten Parteien machen: Er schiebt ein Versagen der Kommunikation vor das Versagen von Partei und Kandidatin. Er wäre aber auch in der Woche nicht da gewesen, er war im Urlaub, „wild in der wilden Natur“ und ohne dass das Auge zugeschwollen wäre, hängt er an, sonst wäre da der Widerspruch zum Strandflieder zu groß geworden, hat der Profi schnell noch gemerkt.

Er hätte da versucht, „seine Nudeln mit dem Campingkocher“ warm zu machen. Ach, bestell dir halt eine Pizza, möchte man schon dazwischenrufen, wo sich Habeck mit so einer volksnahen Miracoli-Bescheidenheit schmücken will.

„Viel unserer Arbeit bestand auch darin – ich sag’s mal in meiner Sprache – den Menschen keinen Scheiß zu erzählen“, merkt Habeck an, wieder kokettierend mit einer Bodenständigkeit und den ganzen „Scheiß“ offensichtlich vergessend, den, von Hofreiter über Roth bis Göring-Eckardt und Baerbock, seine Parteifreunde so in den letzten Jahren dem Bürger um die roten Ohren gehauen haben – noch dazu moralisierend und besserwisserisch mit der Keule in der Hand. Ja, Habeck ist gut, aber er ist eben auch ein besonders guter Laienschauspieler eines volksnahen Theaters irgendwo von da oben an der Küste, wo die Luft so klar und die Menschen noch so ehrlich und bodenständig sein sollen.

„Man kann auch mal daneben liegen, Aber man soll nicht so tun (…) wenn man nicht die Wahrheit hat, sich aufplustern und denken, alle anderen sind Idioten, wir sind die einzigen die wissen, wie es geht.“

Hallo? Was soll das sein, ein radikaler Kurswechsel grüner Politik? Denn genau diese behauptete Allwissenheit ist doch Wesenskern der Ideologie dieser Partei, es ist die DNA der grün-bürgerlichen Bewegung.

Aus kommunikativer Sicht ist dieses Ringen nach Worten ein guter Trick – aber so glaubwürdig es auf viele wirken mag, so ist die Wahrscheinlichkeit doch hoch, dass Habeck da einen früheren Missstand in seiner persönlichen Kommunikation zu seinem Vorteil umbaut hin zu dieser passiven Aggressivität.

Grüne Beichte

„Welche Fehler haben Sie noch gemacht?“, fragt Lanz. „Muss ich hier jetzt alle Fehler aufzählen?“, erwidert Habeck dann doch patzig. Man merkt’s, da trifft der Katholik auf den Protestanten. Aber so eine grüne Beichte wäre schon mal was, könnte aber schnell hin zu einem Offenbarungseid kippen, wenn sich Habeck mal erleichtern würde, also lässt er es, er ist ja nicht blöd.

Der Kernfehler sei gewesen, anderen „eine moralische Diskreditierung zu unterstellen“, steuert Habeck noch bei zur Debatte rund um das Baerbock-Buch. Und dann wird er zum zweiten Mal maulig bei Lanz: „Das habe ich jetzt aber schon zum zwölften Mal gesagt.“ Stimmt das? Ein Fall für den Faktencheck für die Erbsenzähler. Die Täter-Opfer-Umkehr jedenfalls tief verinnerlicht.

Wie er das finde, dass konkret Sätze geklaut wurden. „Ja, nicht cool“, und dabei feixt Habeck merkwürdig hinter seinem schmalen Dauergrinsen, wo man gleich die versteckte Spitze gegen die siegreiche Konkurrentin um die Kanzlerkandidatur erahnen will. Nein, die beiden sind wohl noch lange nicht fertig miteinander.

Habeck macht das ja alles sehr professionell, ohne dass man die Professionalität unangenehm erkennt. Aber doch nicht professionell genug, dass es nicht als besagte passive Aggressivität erkennbar wäre. Nein, der Mann kämpft nicht mit offenem Visier, während er alles dafür tut, dass es bloß den Anschein erweckt.

Jede Kommunikationsabteilung großer Unternehmen wäre begeistert über solch einen Mitarbeiter. Robert Habeck könnte sogar Glyphosat für Bayer verteidigen, also theoretisch. Denn schlimmer, als Baerbock zu verteidigen, kann es für Robert Habeck ja kaum noch kommen – und selbst da rutscht er so locker durch.

An alle Habeck-Fans

Und um das hier nochmal an alle Habeck-Fans gesagt zu haben, falls es hier in der Rezension zu sehr ins Negative weggerutscht ist: Robert Habeck ist sehr vielen Menschen sehr sympathisch, und es gibt auch dafür gute Gründe.

Und dann erklärt der einst auch erfolgreiche Schriftsteller, was zum Handwerk der Schriftstellerei dazugehört und man weiß es sofort: Hier kommt jetzt die versteckte Retourkutsche dafür, dass Baerbock den Habeck einmal zum Bauern abgestempelt und sich zur Menschenrechtlerin hochgemorpht hatte – oder war es Völkerrechtlerin?

Ganz gleich, beides war und wäre zu hoch gegriffen. Jedenfalls hält Habeck dabei wieder den Kopf leicht schräg, als würde er über alles und nichts nachdenken, dazu den Kopf leicht gesenkt, dass seine norddeutschen Augen verschatten und so etwas mehr Tiefe bekommen – gerissen ist er schon, muss man hier mal anerkennend bemerken.

Und wir dürfen heute so viel Küchenpsychologie an Habeck betreiben, weil auch das zum festen Geschäftsmodell des Robert Habeck gehört: Auch er erklärt unentwegt die Beweggründe für dieses und jenes, nur einmal, da bittet er Markus Lanz dann doch, Annalena Baerbock doch bitte selbst zu fragen.

Die Süddeutsche Zeitung wird sich heute, am Folgetag nach der Sendung, dazu hinreißen lassen zu kommentieren: „Lanz machte keinen Stich gegen Habeck.“ Und dann denkt man wieder: Die taz mag ja von Baerbock abgerückt sein, aber wenn die Alt-Medien auf diese Weise und in Nibelungentreue weiter zu den Grünen stehen, die sie zuvor über viele Monate hochgeschrieben haben, dann darf man Baerbock und Co noch nicht abschreiben trotz aller Abschreiberei: Ganz sicher war Baerbocks Buch ein Gau für die Grünen, aber der Supergau für die Bundesrepublik könnte noch bevorstehen – nein, die Kuh ist noch lange nicht vom Eis.

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Alexander Wallasch ist gebürtiger Braunschweiger. Er schrieb schon früh und regelmäßig Kolumnen für Szene-Magazine. Wallasch war 14 Jahre als Texter für eine Agentur für Volkswagen tätig – zuletzt u. a. als Cheftexter für ein Volkswagen-Magazin. Über „Deutscher Sohn“, den Afghanistan-Heimkehrerroman von Alexander Wallasch (mit Ingo Niermann) schrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „Das Ergebnis ist eine streng gefügte Prosa, die das kosmopolitische Erbe der Klassik neu durchdenkt. Ein glasklarer Antihysterisierungsroman, unterwegs im deutschen Verdrängten.“

Bild: Screenshot ZDF Markus Lanz, 14.06.2021
Text: Gast
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