ARD-Framing zum Trotz: 2020 keine Übersterblichkeit Analyse des Mathematik-Professors Rießinger

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Thomas Rießinger

Kaum ist ein Monat im neuen Jahr vergangen, liegen auch schon die Daten des Statistischen Bundesamtes zur Gesamtsterblichkeit im Jahr 2020 vor – besser spät als nie. Auch wenn die Tagesschau ganz im Gegensatz zum Spiegel eine Übersterblichkeit aus den Daten herauslesen will, lässt sich die erfreuliche Tatsache festhalten, dass 2020 in Deutschland keine Übersterblichkeit aufgetreten ist. In einem früheren Artikel hatte ich mithilfe einer schlichten linearen Regression berechnet, dass bei Berücksichtigung der Bevölkerungsentwicklung etwa 980.300 Sterbefälle im Rahmen des Normalen liegen würden. Nun sind es 982.489 geworden, also knapp 2.200 mehr als der von mir berechnete Wert. Die tatsächliche Sterblichkeit liegt damit um 0,22% höher als der Wert, den man aus der Entwicklung sowohl der Sterblichkeitsdaten der letzten Jahre als auch der Bevölkerungszahl erhält. Wer große Freude an übersteigerter Pedanterie hat, kann nun behaupten, es liege eine Übersterblichkeit von 0,22% vor. Das darf er gerne tun. Er muss dann aber beispielsweise auch behaupten, dass ein Arbeitnehmer, der mit einem monatlichen Bruttoeinkommen von 4000 € im Bereich der durchschnittlichen Einkommen liegt, bei einer Erhöhung um 9 € – das sind knapp über 0,22% – auf einmal überdurchschnittlich bezahlt wird, was kaum jemand unterschreiben würde, außer vielleicht ein sozialdemokratischer Finanzminister.


Und er muss es sich gefallen lassen, dass man sich von seiner Pedanterie inspirieren lässt und die Rechnungen im Sinne des Statistischen Bundesamtes noch genauer werden lässt: Dort hat man darauf hingewiesen, dass 2020 ein Schaltjahr war und nach aller Erfahrung mehr Leute sterben werden, wenn man einen Tag länger dafür Zeit hat. Der Effekt ist nicht sehr groß und man darf nicht einfach auf den mit der linearen Regression berechneten Wert die durchschnittliche Anzahl der Todesfälle pro Tag addieren, da die in der Regression unter anderem berücksichtigten Jahre 2008, 2012 und 2016 ebenfalls Schaltjahre waren, aber wie jedes andere Jahr behandelt wurden. Das kann man ändern. Rechnet man also nicht nur die Entwicklung der Bevölkerung ein, sondern auch die schaltjahresbedingt unterschiedliche Zahl der Tage pro Jahr, so ergibt sich, dass nicht nur 980.300, sondern 982.430 Sterbefälle im Rahmen des Normalen für 2020 liegen; ich werde das hier nicht vorrechnen, die Methoden wurden in meinem früheren Artikel beschrieben. Der Unterschied zum tatsächlichen Wert liegt bei knapp 60 Fällen, das entspricht 0,006%. Wer hier noch von Übersterblichkeit sprechen will, muss wohl Karl Kassandra Lauterbach oder Markus Nostradamus Söder heißen.

Ob mit Berücksichtigung der Schaltjahre oder ohne, im Jahr 2020 lag in Deutschland keine Übersterblichkeit vor. Noch deutlicher sieht man das, wenn man die demographische Entwicklung in Augenschein nimmt und genauer darauf achtet, wie viele Sterbefälle in den einzelnen Altersgruppen auftreten, gemessen an der Bevölkerungszahl innerhalb dieser Gruppen. Zunächst die zugehörige Tabelle, auf die ich gleich noch eingehen werde.


Die Tabelle ist schnell an einem Beispiel erklärt. Den Daten des Statistischen Bundesamtes kann man entnehmen, dass sich beispielsweise zu Beginn des Jahres 2017 434.9557 Menschen in der Altersgruppe „75 bis unter 80“ befanden, und dass in dieser Gruppe im Lauf des Jahres 139.232 Sterbefälle zu verzeichnen waren. Der prozentuale Anteil der Verstorbenen beläuft sich dann auf 139.232*100/4349557=3,201, gerundet auf drei Nachkommastellen. Genau diese Zahl findet man in der entsprechenden Zeile für das Jahr 2017, und auf diese Weise berechnen sich auch alle anderen Einträge.

Man kann nun der Frage nachgehen, wie sich denn die Prozentsätze Verstorbener im Jahr 2020 auf die absoluten Zahlen der Sterbefälle ausgewirkt hätten, wenn man die Verteilung der Gesamtbevölkerung des Jahres 2020 auf die Bevölkerungsgruppen zugrunde legt. In dem erwähnten früheren Artikel hatte ich das schon an vier Beispielen ausgerechnet, dort findet man auch die Beschreibung des Rechenwegs. Es ist aber instruktiv, sich diese Projektionen einmal für alle aufgeführten Jahre von 2006 bis 2019 anzusehen. Das führt zu der folgenden Tabelle.

Was bedeutet das? Hätten 2020 die Prozentsätze Verstorbener pro Altersgruppe wie in dem sehr milden Jahr 2019 vorgelegen, so müsste man mit 963.906 Toten im Jahr 2020 rechnen. Die Sätze des deutlich härteren Jahres 2018, in dem eine ernsthafte Grippewelle ihr Unwesen trieb, führen bei der Altersstruktur von 2020 zu 993.580 Toten. Und sieht man sich die restlichen Jahre an, so stellt man fest, dass es seit 2006 nur drei Jahre gab, nämlich 2014, 2016 und 2019, in denen die Berücksichtigung der Prozentsätze Verstorbener pro Altersgruppe zu einer geringeren Zahl von Sterbefällen als 2020 führt, wenn man nämlich die demographische Verteilung von 2020 zur Kenntnis nimmt. Das Jahr der Pandemie mit ihren unzählig vielen Infektionen und der ständig drohenden Überlastung des Gesundheitssystems belegt in der Reihe der Jahre 2006 bis 2020 den vierten Platz, elf Jahre zeigten härtere Sterbequoten. Markus Nostradamus Söder hatte es ja so schön formuliert: „Corona ist wie die Pestilenz. Sie kriecht in jede Ritze“, so konnte man es in Welt Online lesen. Und eben dort: „Endlose Fake News und Lügen führen dazu, dass Leute sich in Scheinwelten und Parallelwelten begeben.“ Man wird ihm kaum widersprechen können, sofern man annimmt, dass er hier Selbstkritik üben wollte.

Werfen wir nun einen Blick auf die Daten, die in der Tabelle der Prozentsätze Verstorbener pro Altersgruppe versammelt sind. Geht man sie Zeile für Zeile durch, so stellt man fest, dass man kaum etwas feststellt. Die Werte für 2020 liegen alle im Rahmen der Werte, die in den vorhergehenden Jahren aufgetreten sind, was man noch besser sieht, wenn man einmal die Bereiche notiert, in denen diese historischen Werte liegen.


So lag in den Jahren 2006 bis 2019 in der Gruppe der 55- bis 60-Jährigen der geringste Anteil Verstorbener bei 0,539%, der höchste bei 0,640%. Und 2020 kam man in dieser Gruppe auf 0,541%, womit man sich am unteren Rand des Bereichs für diese Gruppe bewegt. So sieht es in allen Altersgruppen aus. Der Eindruck ändert sich kaum, wenn man sich auf die Daten der letzten vier Jahre vor 2020 konzentriert. Die Gesamttabelle der Prozentsätze zeigt, dass nur in den Altersgruppen „70 bis unter 75“ und „ab 85“ der Satz für 2020 ein so deutliches Maximum der Werte für 2016 bis 2020 zeigt, dass es nicht erst in der dritten Stelle nach dem Komma auftritt. In zehn Altersgruppen wird das Maximum der Prozentsätze nicht 2020 erreicht, sondern früher, in zwei weiteren Gruppen gibt es 2020 Steigerungen der Prozentsätze, die sich aber erst in der dritten Nachkommastelle auswirken und daher alles andere als dramatisch sind.

Die relative Sterblichkeit für die jeweiligen Altersgruppen ist daher im Jahr 2020 völlig unauffällig, wenn man sie mit den Daten für die Jahre 2006 bis 2019 vergleicht, und sie weist im kurzfristigen Vergleich mit den Jahren 2016 bis 2019 für zwei Altersgruppen – „70 bis unter 75“ und „ab 85“ – eine Steigerung auf, in den beiden Altersgruppen dazwischen allerdings nicht. Ein seltsames Verhalten in Anbetracht eines Virus, das doch wie die Pestilenz in alle Ritzen kriecht, dabei aber die Sterberaten der Altersgruppen zwischen 75 und 85 insgesamt bei niedrigen Werten verharren lässt.

Dennoch wird man nicht bestreiten wollen, dass es 2020 in der Altersgruppe ab 85 zu einer höheren Zahl von Sterbefällen gekommen ist. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen hatten wir es 2019 in Bezug auf die Sterblichkeit mit einem milden Jahr zu tun, sodass gerade in der höchsten Altersgruppe im darauf folgenden Jahr mit einer erhöhten Sterblichkeit gerechnet werden musste; solche Nachholeffekte hat es zum Beispiel in den Jahren 2011/2012 und 2014/2015 gegeben, und zwar in wesentlich deutlicherem Maß als in den Jahren 2019/2020. Auch wenn es sich dabei teilweise um Covid19-Tote handelt, so liegt in diesen Fällen eine Verschiebung der Todesursachen vor: Es ist eine vermutlich neue natürlicheTodesursache hinzu gekommen, die an die Stelle anderer natürlicher Ursachen wie der Influenza getreten ist. Man sollte nicht vergessen, dass im Winter 2020/2021 die Influenza allem Anschein nach ausgestorben ist.

Zum anderen muss man aber in Betracht ziehen, dass es gerade in der höchsten Altersgruppe auch Sterbefälle gegeben hat, die nicht auf dem beschriebenen Nachholeffekt beruhen, insbesondere in den Alten- und Pflegeheimen. Sie sind jedoch nicht gestorben, weil irgendjemand ohne sogenannten Mund-Nasenschutz in einer Fußgängerzone herumlief. Sie sind auch nicht gestorben, weil es Demonstrationen gegen Regierungsmaßnahmen gegeben hat, denn die finden nur selten in Altenheimen statt. Sie sind gestorben, weil es die begabten Entscheider aus Bundes- und Länderregierungen bis heute nicht geschafft haben, einen wirksamen Schutz von Alten- und Pflegeheimen zuwege zu bringen, der nicht in der völligen Isolation der Betroffenen mündet – eine Isolation, die oft genug zum Tod führen kann. Man schützt nicht die Gefährdeten, indem man alle anderen zum Lockdown verurteilt und den Schutz der Risikogruppen vergisst. Dabei hat es bereits bessere Beispiele gegeben, wie man an den Maßnahmen des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer zum Schutz der Alten- und Pflegeheime sehen kann. Kurz gesagt: Gerade bei der Gruppe der Menschen im Alter von 85 und mehr Jahren sollte man neben den natürlichen Todesursachen noch von einer weiteren Ursache sprechen – dem Tod durch Regierungsversagen.

Unterstrichen wird das durch die oft beschworenen Daten für den Dezember 2020. In der folgenden Tabelle sind die Prozentsätze der Sterbefälle im Dezember für die Jahre 2016 bis 2020 aufgelistet, jeweils gemessen an der Bevölkerungszahl in der entsprechenden Altersgruppe.

Gerade in den höheren Altersgruppen fällt die Entwicklung auf, die Sätze liegen 2020 höher als in den Jahren zuvor. Dennoch hat man sich in den weisen Entscheidungsgremien auch zu Beginn und im Verlauf der kalten Jahreszeit, in der Erkrankungen der Atemwege verstärkt zu erwarten sind, lieber mit dem Einsperren der gesamten Bevölkerung befasst, als sich dem Schutz echter Risikogruppen zuzuwenden. Das Versagen der Regierenden ist offenkundig.

Dennoch darf man sich auch von den Dezemberzahlen für 2020 nicht in Angst und Schrecken versetzen lassen. Das gesamte Jahr 2020 weist keine Übersterblichkeit auf, den höheren Raten des Dezember entsprechen also niedrige Raten in den vorherigen Monaten. Und auch diese höheren Raten sind beileibe nichts Einmaliges. Man werfe nur einen Blick auf die folgende Tabelle, in der die Prozentsätze der Sterbefälle für März 2018 und Dezember 2020 gegenüber gestellt werden.

Der Sachverhalt ist zu offensichtlich, um ihn zu übersehen: In jeder einzelnen Altersgruppe lag der Prozentsatz der Sterbefälle im März 2018 über dem für Dezember 2020. Damals gab es eine schwere Grippewelle in Deutschland, die auch und gerade in der älteren Bevölkerung für viele Todesfälle sorgte. Auch damals hätte man schon etwas zum Schutz dieser älteren Bevölkerung tun können, hat es aber unterlassen. Wie heute hatte man wohl Wichtigeres zu tun. Seltsamerweise wurde aber im März 2018 nichts geschlossen, wurde kein ganzes Volk gegängelt und eingesperrt, wurden die Kinder nicht vom Schulbesuch abgehalten und wurde auch niemand zum Tragen von Arbeitsschutzmasken verpflichtet. Auch heute könnte man wissen, dass all das nichts fruchtet und die Schäden, die es verursacht, ins Gigantische gehen. Nicht nur die ökonomischen Schäden, auch die medizinischen; die Studien dazu liegen vor.

Man will es nicht wissen. Stattdessen verordnet man den Menschen eine Politik nach dem Modell der Geißler aus dem Spätmittelalter, die lautstark verkündeten, die eigene Stadt oder gar die ganze Welt werde untergehen, wenn man sich nicht mit Freude und Begeisterung selbst auspeitsche. Immerhin hat man sich damals zur Rettung der Welt noch selbst gegeißelt. Wer heute den Menschen zur Rettung der Welt die Geißel des Lockdown befiehlt, spürt selbst nicht die verheerenden Folgen dieser Weltrettungsmethode. Man kann nur hoffen, dass die Betroffenen sich irgendwann gegen ihre Geißler wehren.

Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Thomas Rießinger ist promovierter Mathematiker und war Professor für Mathematik und Informatik an der Fachhochschule Frankfurt am Main. Neben einigen Fachbüchern über Mathematik hat er auch Aufsätze zur Philosophie und Geschichte sowie ein Buch zur Unterhaltungsmathematik publiziert.

 

 

Bild: Elnur/Shutterstock
Text: Gast 

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Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, besagt ein chinesisches Sprichwort. In Deutschland 2021 braucht man dafür eher einen guten Anwalt.

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