Wie die Tagesschau mit Übersterblichkeit trickst Feine Mogelpackung bei der ARD

„Keine deutliche Übersterblichkeit in Deutschland“ – so titelt heute knapp, klar und korrekt der „Spiegel“. Zuschauer der Tagesschau in der ARD kommen indes wohl genau zum gegenteiligen Schluss. Die Botschaft in der 20-Uhr-Sendung ist eindeutig: „Zahl der Sterbefälle 2020 gestiegen“, prangt in großen Lettern schon bei der Anmoderation im Bild. Das hat in etwa den Neuigkeitswert wie „Sommer wärmer als Winter“ – weil wegen des steigenden Alters der Bevölkerung ein leichtes Ansteigen der Sterbefälle die statistische Norm ist. Im gesprochenen Text ist gar von einem Anstieg um „fast ein Drittel“ die Rede – zwar nur im Dezember. Aber hört da jeder so genau hin, wenn mit großen Lettern das ganze Jahr geschrieben steht? Weiter heißt es, die „Entwicklung der Todeszahlen“ sei parallel verlaufen „zu den Wellen der Corona-Pandemie“. In dem eingespielten Video wird dann ausgeführt: „Weniger Todesfälle zu Beginn des Jahres als üblich“ (anzusehen hier, Zeitmarke ab 6.55).

Gleich zu Beginn des Beitrags wird der Eindruck erweckt, Bestatter seien überlastet. Das erste, was die Zuschauer zu sehen bekommen, sind Bilder von Särgen und einem Bestatter. Der habe viel zu tun, heißt es. Davon, dass Bestatter 2020 teilweise Kurzarbeit anmelden mussten, wird nichts gesagt. Auf einem der Särge klebt ein gelber Zettel mit der Aufschrift: „Corona-Infektion“. Der Sarg wird dann vor laufender Kamera aus einem Pumpsprayer heraus desinfiziert.

Von einem Zuwachs der Todeszahlen 2020 von fünf Prozent wird berichtet. „Statistiker sagen, diese Erhöhung ist auf Corona zurückzuführen“, erklärt der Sprecher. Sodann beteuert eine Vertreterin des Statistischen Bundesamtes das Gleiche nochmal: Für den Anstieg gebe es keine andere Erklärung als die Krankheit. Doppelt erzählt hält besser im Kopf. Dabei ist die Aussage falsch. Um das nachzuweisen, braucht man sich nur die Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes anzusehen, mit welcher sie die Zahlen veröffentlichte. Dort heißt es: Der Anstieg um fünf Prozent „ist zum Teil auf kalendarische sowie demografische Aspekte zurückzuführen: 2020 war ein Schaltjahr, sodass sich durch den zusätzlichen Tag ein Anstieg um etwa 3.000 Fälle gegenüber dem Vorjahr ergibt. Wenn man außerdem den bisherigen Trend zu einer steigenden Lebenserwartung und die absehbaren Verschiebungen in der Altersstruktur der Bevölkerung berücksichtigt, wäre ohne Sonderentwicklungen ein Anstieg um etwa 1 bis 2 % für das Jahr 2020 zu erwarten gewesen.“

Liest in der Redaktion der Tagesschau niemand die Pressemitteilungen, die Meldungen zu Grunde liegen? Oder passen solche Details einfach nicht ins Konzept? Betrachtet man die Zahlen noch genauer und über die Pressemitteilung hinaus, so sticht ins Auge, dass der Anstieg gegenüber 2019 gerundet wurde und nur 4,57 Prozent betrug und nicht glatte fünf. Und dass es gegenüber dem Jahr 2018, als deutlich mehr Menschen starben als 2019, nur ein Anstieg von 2,89 Prozent ist. So wirken die Zahlen ganz anders. Anders als etwa das „Drittel mehr Todesfälle“, von dem in der Anmoderation die Rede war – zwar auf den Dezember begrenzt, aber daneben im Bild stand ja „2020 gestiegen“. Kleine Tricks, bei denen formal alles korrekt ist.

Der Mathematik-Professor Thomas Rießinger hat bereits Mitte Januar auf reitschuster.de ausführlich beschrieben, welche anderen Erklärungen es gibt. Unter anderem genau die oben erwähnte Altersstruktur. Da die Zahlen vom Dezember damals nicht vorlagen, ging er ursprünglich von einem „Korridor“ der Sterbezahlen 2020 von 957.000 bis 967.000 Sterbefällen für den „Normalfall“ aus. Mit 982.489 liegt die tatsächliche Zahl nun aufgrund der hohen Sterbezahlen im Dezember darüber. Um 1,60 Prozent. Jeder einzelne Todesfall ist bitter, da gibt es nichts zu beschönigen. Eine Abweichung von 1,6 Prozent nach oben gegenüber der normalerweise zu erwartenden Sterblichkeit ist eine beunruhigende Entwicklung. Aber ist sie Grund für Panik und Hysterie, wie sie geschürt werden? Und wissen wir, wie viele Kollateralschäden der Corona-Maßnahmen darunter sind? Durch verschobene Operationen, Depressionen, Selbstmorde und anderes?

Solche Erwägungen fehlen in der Tagesschau völlig. Kein Wort auch darüber, dass auch in anderen Jahren, etwa mit starken Grippewellen, Sterbezahlen teilweise deutlich schwanken und abweichen. Und dass generell die Sterblichkeit in Deutschland ohnehin rein statistisch von Jahr zu Jahr zunimmt – weil die Bevölkerung eben immer älter wird.

Weiter heißt es in dem ARD-Bericht: „Vor allem im Osten des Landes, wo die Infiziertenzahlen in den vergangenen Wochen hoch waren, sind die Krematorien derzeit voll von Särgen.“ Das stimmt, aber örtliche Fachleute warnen davor, dies nur im Zusammenhang mit Corona zu sehen. Wovon in der Tagesschau kein Wort zu hören ist (siehe hier).

Auch andere wichtige Details aus der Presseerklärung des Bundesamtes für Statistik verschweigt die Tagesschau in ihrem Bericht: „Die gestiegenen Sterbefallzahlen im Jahr 2020 sind größtenteils auf eine Zunahme von Sterbefällen in der Altersgruppe der ab 80-Jährigen zurückzuführen. Insgesamt starben mindestens 576.646 Personen in dieser Altersgruppe (plus 41.152 Fälle oder plus acht Prozent im Vergleich zu 2019).

Die Zahl der Toten habe sich zwar im Vergleich zu den Vorjahren zwar erhöht, „sollte aber nicht leichtfertig als Übersterblichkeit interpretiert werden“, erklärt der Münchner Statistiker Göran Kauermann in einem aktuellen Interview mit der „Welt“. Zum einen verweist er auf die Alterstruktur der Toten. „Sie müssen wissen, dass der Jahrgang 1940, also der heute 80-Jährigen, besonders geburtenstark war“, zitiert ihn die „Welt“.

2020 seien deshalb rund 50.000 Tote mehr zu erwarten gewesen als im Mittelwert der Jahre 2016 bis 2019. In die gleiche Richtung geht auch eine Analyse im „Spiegel“. „Von Jahr zu Jahr leben in Deutschland immer mehr Menschen jenseits der 65 Jahre. Denn die Jahrgänge, die ins Rentenalter eintreten, bestehen aus immer mehr Menschen“, heißt es darin. Vor diesem Hintergrund, so die Schlussfolgerung, sei es logisch, dass auch die Zahl der Sterbefälle steige.

Merkwürdig, dass die Zuschauer der Tagesschau nur die Details der Statistik erfahren, die ins offizielle Narrativ passen.



Bild: Screenshot/Tagesschau/ARD
Text: red


Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, besagt ein chinesisches Sprichwort. In Deutschland 2021 braucht man dafür eher einen guten Anwalt.

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