Campino: Der Kapitalist, der ein Punk sein wollte Wie das „Wort zum Sonntag“ zur selbsterfüllenden Prophezeiung wurde

Von Kai Rebmann

Andreas Frege, besser bekannt als Campino, hat Recht behalten. „Solange Johnny Thunders lebt, solange bleib ich ein Punk“, heißt es im Urtext des „Wort zum Sonntag“, den der Frontmann der Toten Hosen bereits im Jahr 1986 geschrieben hat. Johnny Thunders war Gitarrist unter anderem bei den New York Dolls und den Heartbreakers und galt als eines der musikalischen Vorbilder nicht nur der Toten Hosen, sondern zahlreicher weiterer Punkbands, die in den späten 70ern und frühen 80ern das Licht der Welt erblickten. Am 23. April 1991 starb Thunders in einem New Yorker Hotel im Alter von nur 38 Jahren an den Folgen jahrelanger Drogensucht. Schon zu diesem Zeitpunkt hatten die Toten Hosen nur noch wenig mit jener Band zu tun, die am 10. April 1982 im Bremer Schlachthof ihr erstes Konzert gegeben hatte und aus dem Zentralkomitee Stadtmitte (ZK) hervorgegangen war. Die Toten Hosen gehörten in den 1980ern in Deutschland neben den Ärzten zu den Wegbereitern des Punks, sie waren sozusagen zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

David
Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

An einer anderen Stelle im „Wort zum Sonntag“ hat Campino sich dagegen gewaltig getäuscht. „Kein Zeitungsknabe wird uns jemals erzählen, was grad alt oder brandneu ist. Damit wird er höchstens so viel erzielen, wie ein Hund, der gegen Bäume pisst“. Diese Strophe bezeichnete Campino bei Rock am Ring 2004 als die wichtigste dieses Liedes, da es darin um die „ganzen Arschlöcher von der Musik-Journaille (geht), die jede Woche `nen neuen Trend setzen wollen“. Nun, wer die inzwischen 40-jährige Geschichte der Düsseldorfer Band verfolgt hat, dem dürfte dabei mehr als nur eine Kursänderung aufgefallen sein. Wikipedia bezeichnet die Toten Hosen sehr zutreffend als „eine der kommerziell erfolgreichsten deutschen Bands mit Wurzeln im Punkrock“. Ganz generell scheint Campino heute ein deutlich besseres Verhältnis zur Presse zu pflegen, als er dies zu anderen Zeiten für möglich gehalten hätte und die „Wurzeln im Punkrock“ sind nur noch bei ganz genauem Hinhören auszumachen.

Und schließlich bleibt noch der Kehrvers vom „Wort zum Sonntag“, in dem es heißt: „Ich bin noch keine Sechzig und ich bin auch nicht nah dran. Und erst dann werde ich erzählen, was früher einmal war.“ Campino feiert diesen runden Geburtstag am 22. Juni 2022, also in rund fünf Wochen. Auch wenn die Toten Hosen den Text in besagtem Lied inzwischen angepasst haben und nun erst mit siebzig darüber sprechen wollen, wie es damals so gewesen ist, nutzt Campino in den letzten Wochen und Monaten jede sich bietende Gelegenheit, um seine Meinung zu allen möglichen Themen kundzutun.

Gestern der rebellische Punk, heute fest im Mainstream verankert

Zusammen mit einigen weiteren Bands, unter anderem den Ärzten, schlossen sich die Toten Hosen im vergangenen Jahr zu einer Aktion zur Unterstützung der Impfkampagne der Bundesregierung zusammen. Die Düsseldorfer Band, die auch unter Pseudonymen wie „Die Roten Rosen“ oder „Rheinpiraten“ bekannt ist, postete ein Bild von Campino beim Bad in der Fanmenge mit der Aufschrift: „Impfen schützt!“ In der Bildunterschrift ist unter anderem zu lesen: „Schützt euch selbst und helft gleichzeitig mit, andere zu schützen. Do it!“ Schöner hätte es auch der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) nicht formulieren können.

Aber auch bei ganz aktuellen Themen zeigt Campino, ein bekennender Stammwähler der Grünen, klare Haltung. In einem unlängst von der dpa geführten Interview schloss er sich dem radikalen Kurswechsel der von ihm präferierten Partei an. „Ich persönlich habe den Kriegsdienst 1983 verweigert. Das würde ich heute, unter diesen Umständen, wenn ich jetzt meine Einberufung bekäme, wahrscheinlich nicht mehr tun“, teilte Campino den Lesern mit. Seine Abkehr vom Pazifismus erklärte der Hosen-Frontmann so: „Gerade lernen wir doch eindrücklich, warum eine Identität als Europäer so wichtig ist und warum wir eine Wertegemeinschaft sein müssen. Das hat dann leider auch etwas mit Aufrüstung zu tun. Wir können es uns nicht leisten, völlig wehrlos gegenüber Despoten zu sein, wie Putin einer ist, der alte Machtfantasien auslebt.“ In einem im November 2019 vom Stern veröffentlichten Interview lobte Campino den damaligen Mainstream-Liebling Greta Thunberg, die „flächendeckend etwas zum Lodern“ gebracht habe, in den höchsten Tönen.

Punk, Kapitalist, Politiker – wie viele Herzen können in einer Brust schlagen?

Die Toten Hosen und Campino wissen, dass sowohl ihre musikalische Entwicklung als auch ihre oft dem Mainstream angepasste Haltung nur schwer mit ihren Wurzeln vereinbar sind. In Liedern wie „Helden und Diebe“ oder ganz aktuell „Alle sagen das“ setzen sie sich intensiv mit diesem Thema auseinander. Wundern dürfen sie sich über derartige Kritik allerdings nicht, zu offenkundig sind die zahlreichen Widersprüche, die die Band und ihr öffentliches Auftreten bis heute begleiten.

Gerade die jüngsten Äußerungen von Campino wollen nicht so recht damit zusammenpassen, dass im Vorprogramm von Konzerten der Toten Hosen regelmäßig auch Punkbands wie Feine Sahne Fischfilet auftreten. Die linksextremen Musiker, zu deren größten Fans unter anderem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) gehören, tauchten in der Vergangenheit immer wieder in den Verfassungsschutzberichten von Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen auf. Mit solchen Aktionen wollen die Toten Hosen ihre vermeintlich nie abgerissenen Verbindungen zu ihren Wurzeln untermauern. Abnehmen werden es ihnen freilich nur noch die wenigsten, zumal sie ihren Geschäftssinn unter anderem mit der Gründung eines bandeigenen Labels im Jahr 1995 schon zu einem relativ frühen Zeitpunkt unter Beweis gestellt haben. Heute sind Campino, Andreas von Holst, Michael Breitkopf, Andreas Meurer und Vom Ritchie längst Multi-Millionäre. Dies sei ihnen herzlich gegönnt, aber mit ehrlichem Punk hat das Ganze dann natürlich nicht mehr viel zu tun.

Völlig überraschend kommt die Wandlung des jugendlichen Punks Andreas Frege, der in den Jahren um 1980 einen Großteil seiner Zeit in der legendären Kult-Kneipe Ratinger Hof in Düsseldorf verbracht hat, zu Campino, dem millionenschweren Unternehmer, indes nicht. Campinos Vater und Großvater waren Richter, letzterer sogar Präsident des Bundesverwaltungsgerichts. Im Stammbaum des Musikers wimmelt es von Bankern, Juristen, Unternehmern und Großgrundbesitzern, in Leipzig sind die Christianstraße und die Fregestraße nach Mitgliedern der Frege-Dynastie benannt.

Campino spricht über mögliches Ende der Toten Hosen

Und auch im aktuellen dpa-Interview stellt Campino unter Beweis, dass er zumindest Teile dieses tief in seinem Stammbaum verwurzelten Geschäftssinns geerbt hat. Da die im Juni beginnende „Alles aus Liebe“-Tour noch nicht restlos ausverkauft ist, kokettiert Campino mit der Möglichkeit, dass es nicht mehr allzu viele Konzerte der Toten Hosen geben könnte. „Es wird mit den Toten Hosen ja nicht ewig weitergehen – insofern ist das ein schöner Gedanke, dass wir das letzte Line-up sind. Ich bin derzeit sehr glücklich, die Stimmung zwischen uns ist gut, wir treffen uns regelmäßig zum Proben und werden auf jeden Fall bis zum Herbst gut beieinander sein. Was das Leben dann für uns bereit hält, weiß man nicht. Also wollen wir lieber von Tag zu Tag denken, von Spiel zu Spiel, wenn man so möchte, und dann schauen, was am Ende dabei rauskommt.“

Falls es im Herbst dann tatsächlich vorbei sein sollte, hätte sich eine weitere Passage aus dem „Wort zum Sonntag“ bewahrheitet: „Das Ende setzen wir uns selbst und niemand anders auf der Welt. Begreift besser jetzt als nie, es kommt erst, wenn es uns gefällt!“

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Kai Rebmann ist Publizist und Verleger. Er leitet einen Verlag und betreibt einen eigenen Blog.

Bild: 360b / Shutterstock
Text: kr

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