Grüne eröffnen Debatte über Sexismus auf Volksfesten Halbnackte Frauen rufen den Gemeinderat auf den Plan

Von Kai Rebmann

Im grünrotlila Lager tobt derzeit ein fast schon absurder Richtungsstreit. Während das Bündnis „Gleiche Brust für alle“ und das „Göttinger Frauenforum“ in einem Freibad der Stadt ein Recht auf Oben-ohne-Baden auch für Frauen erstritten haben, geben sich die Grünen in Stuttgart deutlich zugeknöpfter. In der baden-württembergischen Landeshauptstadt läuft auf dem Cannstatter Wasen derzeit das traditionsreiche Stuttgarter Frühlingsfest, das erstmals seit zwei Jahren wieder stattfinden kann. Die auf den Buden und Fahrgeschäften der Schausteller abgebildeten Karikaturen, die oft leichtbekleidete Frauen zeigen, sind den Grünen aber ein Dorn im Auge. Die Gemeinderatsfraktion fordert daher in einem Antrag die „sofortige Entfernung aller diskriminierenden Abbildungen an den Ständen des Stuttgarter Frühlingsfestes“. Neben den aus ihrer Sicht allzu nackten Frauen stören sich die Grünen zum Beispiel aber auch an Darstellungen von Indianern. In mindestens neun Fällen gab es für die selbsternannten Moralapostel Anlass zur Kritik.

Dass die Schausteller nach zweijähriger Corona-Zwangspause und den damit verbundenen Existenzängsten derzeit ganz andere Probleme haben, als sich Gedanken über die teilweise schon mehrere Jahrzehnte alte Fassadengestaltung ihrer Buden zu machen, ist den Grünen herzlich egal. Thomas Kritz betreibt auf dem Cannstatter Wasen einen Auto-Scooter und kann sich über die Debatte nur wundern, und sagte der BILD: „Unsere Bemalung ist über 20 Jahre alt. Nie hat sich jemand beschwert. Haben die Grünen im Rathaus keine anderen Probleme?“ Seine Kollegin Susanne Eichel weist auf den finanziellen Aspekt hin und gibt zu bedenken, dass sie allein die Lackierung ihrer Bude 15.000 Euro gekostet habe. Linda Brandl vom Landesverband der Schausteller kann ebenfalls nur den Kopf schütteln: „Die Forderung der Grünen befremdet mich. Das wäre ein Eingriff in die persönliche Gestaltungsfreiheit der Schausteller“, weist sie den Antrag der Gemeindefraktion zurück.

Schausteller stehen auch weiterhin vor ganz realen Problemen

Stuttgarts OB Frank Nopper (CDU) hat sich mit einer für diese Zeiten fast schon erstaunlichen Klarheit auf der Seite der Schausteller positioniert: „Der Gemeinderat sollte keine Zensurbehörde, kein Hoher Rat der Tugend- und Sittenwächter, der Inquisitoren und Diskriminierungsfahnder werden.“ Außerdem weist das Stadtoberhaupt darauf hin, dass es für die Schausteller neben den Forderungen der Grünen auch weiterhin ganz reale Probleme gibt. Die Schausteller befänden sich „nach zwei Jahren der Pandemie in einem wirtschaftlichen Überlebenskampf und müssen ihre Kräfte auf existenzielle Themen konzentrieren“. Die Grünen reagierten empört auf Noppers Äußerungen und empfahlen dem Stuttgarter Rathaus-Chef eine Fortbildung zum Thema Sexismus. Eine grobe Vorstellung davon, in welcher Situation sich viele Schausteller derzeit befinden, gibt die Aussage von Mark Roschmann. Der Chef des Schaustellerverbandes Baden-Württemberg sagte dem SWR: „Wir hatten vielleicht fünf Prozent des ursprünglichen Jahresumsatzes der Vorjahre und jetzt kommt natürlich der nächste Hammer. Jetzt soll man eventuell für viel Geld die Schaustellergeschäfte umdekorieren.“ Die Kosten hierfür können dem Bericht zufolge schnell „mehrere Zehntausend Euro“ betragen.

Auch wenn die meisten Volksfeste in Deutschland in diesem Jahr wieder stattfinden und die Schausteller damit wieder auf regelmäßige Einnahmen hoffen dürfen, sind die Existenzängste in vielen Fällen noch nicht ausgestanden. Kevin Kratzsch, der Vorsitzende des Schaustellerverbands Niedersachsen, sieht auch nach dem Ende der maßnahmenbedingten Zwangspause weitere Herausforderungen auf seinen Berufsstand zukommen und weist auf mögliche Engpässe bei bestimmten Rohstoffen hin. So werde zum Beispiel Mehl und Öl für fast alles gebraucht und beides sei aktuell schwer in ausreichender Menge zu bekommen, und wenn, dann zu deutlich höheren Preisen. Ähnliches gelte bei den Preisen für Sprit und Energie. Es ist noch kein halbes Jahr her, als zahlreiche Betreiber von Imbissbuden und Fahrgeschäften vor dem wirtschaftlichen Abgrund standen. Nach der kurzfristigen Absage aller Weihnachtsmärkte in Bayern zeichnete Lorenz Kalb, der Vorsitzende des Süddeutschen Schaustellerverbandes, im Spätjahr 2021 ein düsteres Bild. Er kenne Kollegen, die sich Geld für Sprit leihen mussten, um von den Weihnachtsmärkten, auf denen sie ihre Stände bereits aufgebaut hatten, wieder abreisen zu können. Dem BR sagte er damals: „Ich weiß nur, dass ich weinende Leute um mich herum habe, die nicht mehr weiterwissen.“

Kommt als nächstes das Dirndl-Verbot auf dem Oktoberfest?

Nachdem in Stuttgart mit der Diskussion um Sexismus und Diskriminierung ein Präzedenzfall geschaffen wurde, steht wohl zu befürchten, dass sich die grünlinks ideologisierten Spaßbremsen nun die Volksfeste in ganz Deutschland zur Beute machen werden. In dieser Woche wurde bekannt, dass auch das Münchner Oktoberfest in diesem Jahr wieder stattfinden wird. Dürfen Besucherinnen und Bedienungen des weltweit größten Volksfestes dann noch im Dirndl auf der Wiesn erscheinen oder müssen sie die fesche Tracht gegen Rollkragenpullis eintauschen? Zumindest mit Stand heute ist eine solche Kleiderordnung für das Oktoberfest (noch?) nicht im Gespräch und auch die Veranstalter der meisten anderen Volksfeste in Deutschland wundern sich über die Debatte in Stuttgart. Auf „reitschuster.de“-Anfrage teilte Christoph Sonnenberg von der SWAE (Bremer Freimarkt) mit: „Es gab bisher in Bremen keine Beschwerden und auch der SWAE als Veranstalterin sind kritische Gestaltungen nicht aufgefallen.“ Er halte nichts davon, dieses Thema über eine Verbotsregelung zu behandeln, zumal eine Abgrenzung schwierig sei. Ähnlich äußerte sich auch Wolfgang Osinski von der „Größten Kirmes am Rhein“, der nicht von derartigen Beschwerden ausgeht, „da es solche auch in den Vorjahren nicht gegeben hat“. Osinski betonte jedoch, dass die Planungen für das Volksfest in Düsseldorf in diesem Jahr aufgrund der allgemeinen Bedenken (Corona und Ukraine-Krieg) recht kurzfristig erfolgen.

Corona scheint in den Köpfen mancher Bedenkenträger auch im Zusammenhang mit dem Oktoberfest in München noch fest verankert zu sein. Auch beim BR will man sich mit der Rückkehr in den Normalzustand, zu dem unter anderem auch feuchtfröhliche Volksfeste gehören, nicht abfinden. „Was muss noch passieren, damit wir unser Verhalten ändern?“, fragt die öffentlich-rechtliche Sendeanstalt und warnt allen Ernstes davor, dass sich „eine tödliche Variante“ vom Oktoberfest in München zunächst über Bayern und Deutschland und schließlich „quer über den Erdball“ ausbreiten könnte. Die dafür Verantwortlichen wollten mit der Entscheidung pro Oktoberfest den „Umsatz der Bierindustrie“ wieder ankurbeln, unterstellt der BR. Ja, liebe Kollegen vom Bayrischen Rundfunk, es gibt in diesem Land tatsächlich auch Menschen, deren berufliche und wirtschaftliche Existenz nicht durch ein regelmäßiges und vom Steuerzahler zwangsfinanziertes Monatsgehalt abgesichert ist. Es ist unfassbar, mit welchem blinden Gehorsam sich unsere regierungstreuen Staatsmedien der Panik-Propaganda von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) unterwerfen. Game Over, das Spiel ist aus – gebt den Schaustellern und Gastronomen ihre Existenzgrundlage zurück und hört endlich auf, sie mit albernen Debatten über Sexismus und Diskriminierung zu überziehen oder sie für künftig vielleicht drohende Wellen verantwortlich zu machen und an den Pranger zu stellen.

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Kai Rebmann ist Publizist und Verleger. Er leitet einen Verlag und betreibt einen eigenen Blog.

Bild: Shutterstock
Text: kr

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