Corona-Isolation: Wie den alten Menschen die Würde geraubt wird "Wie im Gefängnis"

Als ich diesen Artikel schrieb, musste ich an meine Oma denken. Sie stand mir so nahe wie wenige Menschen, und ich habe ihr sehr, sehr viel zu verdanken. Selbst im hohen Alter war für sie der Kontakt mit uns Enkeln das Wichtigste im Leben. In ihren letzten Tagen im Krankenhaus – sie war 86 und hatte Krebs im Endstadium – blieb rund um die Uhr einer von uns Enkeln an ihrem Krankenbett. Ich werde nie vergessen, wie sie, schon vom Tod gezeichnet und kaum bei Bewusstsein, in ihren letzten Stunden immer wieder mit allerletzter Kraft meinen Arm, der ihren umschloss, leicht zu sich zog, ihren Kopf zu mir drehte, und sich dann mit ängstlichem Blick vergewisserte, dass ich bei ihr war. Dass ein vertrauter Mensch da war. Als sie das spürte, ließ sie sich wieder zurückfallen, erleichtert. Nie habe ich die Nähe zu ihr so intensiv gespürt wie in diesen letzten Stunden. Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, muss ich weinen. Und sie ist mir wieder ganz nahe.

Verzeihen Sie mir diesen Exkurs. Aber nachdem ich diesen Artikel geschrieben habe, konnte ich das nicht verschweigen. Und ich konnte nicht die Geschichte der letzten Stunden mit meiner Oma einfach am Ende stehen lassen und den Artikel davor ganz normal beginnen. Einen Artikel darüber, wie unmenschlich unsere Gesellschaft, genauer gesagt unsere Politik, heute mit den alten Menschen umgeht. Im Zuge einer Politik, die für sich in Anspruch nimmt, Menschlichkeit durchzusetzen. Und teilweise eine Unmenschlichkeit erzeugt, die einen sprachlos macht. So sehr, dass ich mich schwertue, meine Trauer, ja meine Wut über diese Politik zurückzuhalten. So sehr ein Journalist unter normalen Umständen verpflichtet ist, seine Emotionen für sich zu behalten, und bei allem Bemühen, sachlich zu bleiben: Ich würde mir ernsthafte Gedanken um mein Seelenleben machen und große Sorgen, abgestumpft zu sein, wenn Schilderungen wie die folgenden aus den Altenheimen mich kaltlassen würden. Und ich hoffe sehr, Sie, liebe Leserinnen und Leser, sehen mir diese Emotionen nach, da ich Sie ja ehrlich auf diese aufmerksam mache. Hier nun mein Artikel – den zu schreiben ich ganz nüchtern begann, bevor ich an meine Oma dachte und daran, wie sie heute gestorben wäre.

Sehnsucht nach Normalität

Mit der Impfung, so die vorherrschende Erzählung in den Medien, winkt den Menschen auch eine Rückkehr zu einem halbwegs normalen Leben. Mich persönlich hat in diesem Zusammenhang vor allem eine Geschichte besonders bewegt: In Würzburg ist ein 82-jähriger Mann im März kurz nach der Corona-Impfung noch auf dem Gelände des Impfzentrums verstorben. „Er äußerte im Beratungsgespräch den dringenden Wunsch nach einer Impfung, um wieder mehr Normalität im Alltag leben zu können. Insbesondere der Kontakt zu seinen Enkeln fehlte ihm sehr“, berichtete der Leiter des Impfzentrums danach dem Bayerischen Rundfunk. Impfen als fast schon verzweifelte Hoffnung auf etwas Normalität.

Umso bewegender die Nachricht über einen Streit in einem Seniorenzentrum bei Freiburg im Südwesten der Bundesrepublik. Dort wurden zwar alle Bewohner geimpft; dennoch dürfen sie weiter nicht zusammen Mittag essen. Die Auseinandersetzung um die gemeinsamen Mahlzeiten ist inzwischen beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe anhängig. Die Frage nach Lockerungen für Geimpfte ist auch in anderen Heimen ein heikles Thema. „Eigentlich ging es nur darum, den Senioren ihren Treffpunkt zurückzugeben, damit sie wieder zusammen Mittag essen können“, sagte Wolfram Uhl, der Leiter des Seniorenzentrums Mühlehof nahe Freiburg, im Gespräch mit Focus Online (FOL): „Die Voraussetzungen schienen ideal: Alle Altenheim-Bewohner waren gegen Corona geimpft, genauso wie die meisten Mitarbeiter. Doch die Behörden machten Uhl einen Strich durch die Rechnung.“

Das Gesundheitsamt Lörrach, das Verwaltungsgericht Freiburg und das Verwaltungsgericht Mannheim untersagten das gemeinsame Mittagessen, ihre Begründung laut dem Bericht: „Es sei nicht hinreichend geklärt, welche Ansteckungsgefahr von Geimpften ausgehe, begründeten die Gerichte ihre Entscheidung. Für Uhl war schnell klar, dass er es nicht bei dieser Ansage belassen würde.“

Letztes Stück Geselligkeit

Der Altenheim-Leiter sagte FOL: „Es besteht vielleicht ein minimales Infektionsrisiko, aber das überwiegt nicht das soziale Leid der alten Menschen. Sie vereinsamen, werden depressiv und verwahrlosen.“ Er will jetzt vor dem Bundesverfassungsgericht ein letztes Stück Geselligkeit für die Menschen in seinem Heim durchsetzen. Täglich erlebt er dem Bericht zufolge hautnah, was die ständige Isolation mit den Senioren macht. „‘Wir haben eine Bewohnerin, die ist noch körperlich fit und läuft häufig übers Gelände‘, erzählt er mit belegter Stimme. ‘Sie fragt ständig: Was soll ich jetzt machen? Ihre Tagesstruktur, zu der auch der Besuch in der Kantine gehört hat, ist einfach weggebrochen.'“ Der Heimleiter, so schreibt FOL, mache sich Sorgen, dass die Seniorin bald stationär behandelt werden müsse, weil sie geistig so stark abgebaut habe.

Andere Senioren haben dem Bericht zufolge aufgehört, sich zu waschen und verwahrlosen. Manche liefen „draußen rum, mit verwuschelten Haaren und schmutzigen Klamotten“, so Wolfram Uhl im Gespräch mit FOL: „Man hat wirklich den Eindruck, sie hätten sich aufgegeben, schließlich sieht sie ja keiner mehr“, sie hätten also keinen Grund mehr, sich noch in Ordnung zu bringen äußerlich. Mit der Wiedereröffnung der Kantine wolle er „die Menschen von dieser Last, den Depressionen, der Vereinsamung befreien“.

Der Medizinethiker Karl-Heinz Wehkamp kommentierte die Situation gegenüber FOL wie folgt: „Meiner Meinung nach gilt hier das antike medizinethische Leitgebot der Schadensvermeidung. Ein Verbot des gemeinsamen Mittagessens für geimpfte Senioren richtet erheblichen Schaden an, an Seele und Leib. Ich würde es als Teil einer nicht akzeptablen, verordneten existenziellen Vereinsamung sehen.“ Seiner Ansicht nach verletzt es das Gebot des Humanen, den Menschen ein gemeinsames Essen zu verweigern: „Den Senioren wird ihre Autonomie, ihre Würde genommen. Sie stehen am Ende ihres Lebens und dürfen nicht selbst entscheiden, welches Risiko sie eingehen“, sagte er FOL. Letztlich seien nur zwei Dinge sicher: Dass jeder einmal sterben müsse und dass es Gewissheiten von 100 Prozent nicht gebe.

Bis heute gibt es keine verlässlichen Daten, dass Menschen, die geimpft wurden, nicht mehr ansteckend sind. Auch wenn es dafür Hinweise gibt. Impfungen sollen aber vor einem schweren Verlauf schützen.

‘Hört endlich auf, mich zu retten!‘

Die Geschichte aus Freiburg ist herzerweichend und zeigt, wie schnell im Namen der Humanität völlig inhumane Regelungen durchgesetzt werden. Mich persönlich hat in diesem Zusammenhang sehr der bewegende Appell meines Lesers, des Ex-Staatsekretärs Ulrich Thurmann, bewegt. Unter dem Titel „Hört endlich auf, mich zu retten! Ich habe das nicht gewollt!“ forderte der 84-Jährige die Politiker auf, die Bevormundung der alten Menschen zu beenden und beklagte sich bitter, wie ihm und seinen Altersgenossen das Leben vergällt werde durch das, was sie schützen soll.

Thurmanns Quintessenz: „Ich erkläre hiermit ausdrücklich, dass ich als ‚Schutzgut sehr alter Mensch‘ nicht durch diese Politiker geschützt werden möchte, die besser wissen als ich, was für mich gut ist. Ich bin völlig zufrieden, meinen Weg zu Ende zu gehen und im Krankheitsfall auf die Menschen und Einrichtungen zu vertrauen, die ich kenne und die sich auskennen. Wenn es dann trotzdem zu Ende geht, kann ich sterben in der Gewissheit, dass meinetwegen keine Vielzahl von Menschen leiden muss.“ (den ganzen Appell finden Sie hier).

Laut Focus Online ist das, was in dem Altenheim in Freiburg passiert, „gängige Praxis in vielen der 12.000 Pflegeheime in Deutschland“. Obwohl 95 Prozent der 900.000 Bewohner eine Erstimpfung erhalten haben und 73 Prozent eine Zweitimpfung, herrschen auch weiterhin strenge Kontaktbeschränkungen. Dass dieses Thema in den Medien so stiefmütterlich behandelt wird, belegt ein völliges Versagen einer vermeintlich auf Humanität ausgerichteten Corona-Politik, die sich für viele Menschen als schier unerträgliche Unmenschlichkeit entpuppt.

Wie werden wir selbst sterben?

Ich kann nur dankbar sein, dass ich nicht sehr alt bin und nicht in einem Altenheim lebe; mein aufrichtiges Mitgefühl gilt den Menschen, die nun in ihrem letzten Lebensabschnitt dermaßen entwürdigenden, unmenschlichen Bedingungen ausgesetzt sind, nachdem sie ein Leben lang gearbeitet und dieses Land aufgebaut haben. Ich bin unendlich froh, dass meine Oma das nicht mehr erleben musste und in Würde und in den Armen ihrer Liebsten sterben durfte. Wie vielen alten Menschen wird genau das jetzt verwehrt? Wie viele müssen in Einsamkeit sterben? Wie werde ich selbst sterben?

Die Menschlichkeit einer Gesellschaft erkennt man daran, wie menschlich sie mit ihren Schwächsten umgeht. Mit den Alten, mit den Kindern, mit den Kranken. Mich schaudert es.

PS: Nochmals die Bitte, mir meine Emotionalität nachzusehen!

PS: In zwei Beiträgen in ihrer Reihe „Kollateralschaden“ auf meiner Seite haben Johanna und Frank Wahlig genau dieses dramatische, traurige und einsame Sterben beschrieben:

Hannes, 11 Jahre, schwer krank:

Hannes fühlt sich nicht nur allein, er ist allein. Er wurde allein gelassen. Unter Berücksichtigung aller Bestimmungen und Verordnungen. Zum Schutz vor sich selbst und anderen. „Bestimmungen einer Regierung, die Menschen in abgrundtiefe Verzweiflung treiben“, sagt Annette, die Trauerrednerin. Auch ein sterbendes Kind sei kein Grund, davon abzuweichen.

„Wir durften nicht zu ihm! Wir durften nicht zu ihm“, schluchzen die verzweifelten Eltern am Küchentisch bei Annette. Hannes starb allein in seinem Zimmer. Die diensthabende Schwester kümmerte sich währenddessen um ein anderes krankes Kind. Pflegenotstand in Deutschland, lange vor Corona und während Corona erst recht.

Der alte Mann:

Hand in Hand seien sie durch die Zeit gegangen und haben es geschafft, sich ihre Liebe zueinander zu bewahren, erzählt der alte Mann. 57 Jahre lang. Sie versprechen sich, den anderen auf keinen Fall allein zu lassen, sollte einer gehen müssen.

Die Frau wird krank. Ein Krankenhausaufenthalt ist erforderlich.

Der alte Mann wird gezwungen, sein Versprechen zu brechen. Er lässt seine Frau auf dem Sterbebett allein. Die Frau ruft immer wieder nach ihm, erzählt eine Schwester im Krankenhaus. Doch er darf nicht zu ihr. Die Coronabestimmungen untersagen ihm, das Krankenhaus zu betreten. Am Telefon sagt der Arzt, dass es nicht gut um seine Frau stehe. Er müsse sich auf das Schlimmste gefasst machen.

„Das Schlimmste“ für den alten Mann war nicht, dass sie sterben muss; das Schlimmste für ihn war, dass er sie nicht begleiten durfte. Das hatte er ihr doch versprochen!

„Der Mann weinte und konnte nicht mehr aufhören“, erinnert sich Annette.

Am Tag der Beisetzung ist er ganz ruhig und schweigsam. Der alte Mann erscheint gefasst und entschlossen.

Zwei Tage später ruft der Bestatter bei Annette an. Der alte Mann hatte sich erhängt. Der alte Mann hieß Wolfgang. Er wurde 82 Jahre alt.

Eine Leserin hatte mir vor einiger Zeit dieses Gedicht einer 92-jährigen Heimbewohnerin zugeschickt, das auf ZackZack erschienen ist:

„Corona Quarantäne“:

Liebe Leut man glaubt es kaum, aber jetzt hot‘s auch uns dawischt
und wir san alle eingsperrt in unsern Raum.

Draußen is grau, im Zimmer ist’s grau und mir kummts vor,
das I boid das Programm im Fernsehen a neama long daschau.
I lauf im Zimmer von rechts nach links, vom Bod und wieder zruck,
aber es ändert sich nix, es wiad imma schlimma wenn I do huck.

Alloa dahoam, kann Freind, koa Familie, kann Hund und ka Kotz,
es gibt koa „Mensch ärgere dich ned“ und auch koa Turnen mehr,
kann Kontakt zu jemand außen und scho goar net zu wen von draußen.
Des is fürchterlich und I denk, Liaba Gott, wos is denn des für a Geschenk.

Vüle schlechte Zeiten hob ich in meinem Leben scho dalebt,
aber mia kumt net vua, dass I scho irgend a schlechtere Zeit hob glebt. 

Alloan eingsperrt wia a Viech, koan Kontakt zu niemand wia im Häfn (Gefängnis, Anm. BR),
Gott sog ma, wos hob I denn angstellt
dass me diese Corona Quarantäne so hort duat treffen.

Mia san schoa testat negativ, also sa ma gsund,
aber dos reicht anscheinend auch net aus
um besser zu leben wia a Hund.

Vielleicht wird’s a boid besser or neit,
I gloabs boid nimmer und bleib afoch in mein Bett.

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!


Bild: Alonafoto/Shutterstock
Text: red


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