Die verlorene Ehre des Roland Tichy "Sein Hetzblatt lese ich nicht"

Eigentlich sollten schon meine beiden Brüder Boris heißen, als Hommage an den großen russischen Schriftsteller Pasternak, den meine Mutter verehrte. Gegen die Bedenken meines Vaters gegen einen russischen Vornamen im tiefsten Westen konnte sich meine Mutter erst beim dritten Sohn durchsetzen – bei mir. Durch reinen Zufall lernte ich 1990 als 19-Jähriger im georgischen Tiflis Pasternaks Ziehtochter Nita Tabidse kennen. Sie schloß mich ins Herz. Machte mich in Moskau bekannt mit Pasternaks Familie. So wuchs eine enge Freundschaft. Meine Mutter heulte vor Rührung, als sie 2003 bei einem Besuch in Peredelkino auf Pasternaks alter Veranda mit der Familie des Schriftstellers Bekanntschaft machen konnte.

Mit Tabidse und den Pasternaks habe ich sehr viel und oft über die Hetze gegen den großen Schriftsteller gesprochen. Darüber, wie er ausgegrenzt wurde, wie sich Kollegen und Bekannte von ihm abwandten, wie er Ziel von Hass und Hetze wurde. Über die Mechanismen dahinter. Einer der Standardsprüche in der Sowjetunion über den 1960 verstorbenen Literatur-Nobenpreisträger Pasternak war – in verschiedenen Varianten:  „Ich verurteile diesen Schund, den Pasternak schreibt, und würde ihn nie lesen“.

Umso erschreckender ist es für mich, diese Aussage und die Denkweise heute in Deutschland wieder zu erleben. „Sein Hetzblatt lese ich nicht“, schreibt etwa der Unternehmer Thomas Wüst auf Twitter über den Journalisten Ronald Tichy:

Als ich diese Tweet aufgriff, wurde ich umgehend von Wüst blockiert:

Die Lawine an Hass und Diffamierung, die gerade über Roland Tichy ausgeschüttet wird, wirkt auf mich in vielem wie ein Déjà-vu. Aber selbst für solche Gedanken wird man heute bereits angefeindet – wie hier von Kurt Krohn, Korrespondent von Stuttgarter Zeitung, Rheinischer Post, Rheinpfalz und Badischer Zeitung:

Allein schon die Anmaßung, Gedankenpolizei zu sein und zu entscheiden, wen man in einem Zusammenhang erwähnen darf und wen nicht, spricht für sich. Ebenso wie die übliche Pathologisierung – in diesem Fall durch die Unterstellung von Größenwahn. Aber wo keine Argumente mehr da sind, bleibt nur der Angriff und die Unterstellung.

Leider verstehen in Deutschland sehr viele den Unterschied zwischen Vergleich und Gleichsetzung nicht. Vor allem in Medien und Politik. So absurd es wäre, die Bundesrepublik und die Sowjetunion gleich zu setzen, oder Roland Tichy und Boris Pasternak: Es wäre sträflich, gewisse Mechanismen nicht zu vergleichen. Und zu verleugnen, dass es da gewisse Ähnlichkeiten gibt. Leider.

Die Partei bzw. der Zeitgeist entscheidet, wo der Meinungskorridor verläuft. Wer ihn überschreitet, wird als „Hetzer“ oder „Rechtspopulist“ bzw. „Konterrevolutionär“ und „Nestbeschmutzer“ diffamiert und ausgegrenzt. Es geht so weit, dass man versucht, ihm gesellschaftlich und wirtschaftlich massiv zu schaden. In der Sowjetunion wurden „Hetzer“ aus dem Schritstellerverband ausgeschlossen. In der Merkel´schen Bundesrepublik müssen sie als Herausgeber von Blogs oder Stiftungen zurücktreten. Tichy verzichtet jetzt notgedrungen auf den Vorsitz der Ludwig-Erhard-Stiftung.

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Es entsteht enormer Konformitätszwang, bei der öffentlichen Hetzjagd mitzumachen. Dass hier vermeintlich Liberale wie Alexander Graf Lambsdorff und Bürgerliche wie Jens Spahn, Friedrich Merz, Jens Weidmann oder Dorothee Baer an vorderster Stelle mit hetzen, wäre tragikomisch, wenn es nicht zum heulen wäre. Laut ntv brach gar „Druck aus der Union“ Tichy bei der Stiftung das GenickVor lauter Opportunismus vergessen viele Bürgerliche offenbar, dass sie den linken Mob damit stärken. Und dass sie selbst die nächsten Opfer eben dieses linken Mobs sein werden.

„Restrespekt erschleichen“ – die Ausdrucksweise von Graf Lambsdorff könnte aus einem totalitären System stammen. Und sie entlarvt denjenigen, der sie verwendet.

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Helge Lindh schreibt im Stil eines Thälmann-Pioniers – von „Haltung“ und vom „hässlichen Deutschland“:

Überwunden geglaubtes Denunziantentum erreicht wieder erstaunliche Ausmaße:

So massiv ist die Hetzjagd, so verselbständigt hat sich die Meute und ihr Jagdinstinkt, dass in den Hintergrund gerät, was der Auslöser war. Ein Witz von Stephan Paetow in dem Magazin „Tichys Einblick“ über Berlins SPD-Staatssekretärin Sawsan Chebli: „EINZIGER PLUSPUNKT IST IHR G-PUNKT“. Über Geschmack und Humor lässt sich streiten. Ich persönlich hätte bei einem Gastbeitrag darauf bestanden, diesen Spruch zu streichen. Wenn ich ihn nicht in der Eile des Gefechts überlesen hätte – auch das ist leider immer möglich.

Daraus zu konstruieren, dass die gut besoldete Swasan Chebli „Opfer von Frauenhass“ sei, halte ich für gewagt. Ich zweifle, dass die Attacke etwas mit ihrem Geschlecht zu tun hat. Richtig wäre: Sie ist Opfer von sehr bissigem, geschmacklosen Spott geworden. Unter der Gürtellinie. Und den müssen heute viele ertragen. Was nicht schön ist. Wir haben gerade erlebt, wie Hengameh Yaghoobifarah in der taz forderte, Polizisten auf der Müllhalde zu entsorgen. Die gleichen linken Dauer-Empörten hatten daran mehrheitlich nichts auszusetzen. Umso mehr empörten sie sich, als sich andere darüber empörten. Hier ein Beispiel – die Reaktion des „Deutschen Journalisten-Verbandes“, der von einem ehrenwerten Berufsverband zu einem linken Polit-Organ wurde (weswegen ich austrat):

Ideologische Verblendung schaltet hier ganz offenbar den Verstand aus. Und die Urteilsfähigkeit. Sonst müsste die Doppelmoral erkannt werden. Etwa auch, wenn der Deutsche Presserat einen Persilschein für den taz-Beitrag ausstellt, der Polizisten auf dem Müll wünscht. Oder wenn der NDR darauf besteht, dass im Rahmen einer Satire die AfD-Politikerin Alice Weidel als „Nazi-Schlampe“ bezeichnet werden kann. Hans-Georg Maaßen schreibt: „Das jetzt entrüstete Establishment schwieg z.B. bei „Oma ist eine Umweltsau“ (WDR), Polizisten seien Müll (taz). Keine Rüge, kein Rücktritt und kein Rausschmiss von Chefredakteur und Intendant; das nennt man doppelte Standards.“

Die seit Jahren erhobenen Vorwürfe gegen Tichy sind ähnlich weit hervorgeholt und absurd wie die gegen Pasternak. Beide werden als „Rechtsabweichler“ diffamiert. Man hält Tichy vor, dass er unbequeme, tabuisierte Themen ausspricht. Was eigentlich die Aufgabe von Journalisten ist. Man beschuldigt ihn der „Hetze“, ohne das zu belegen. Und instrumentalisiert dieses bereits von den Nazis und den DDR-Sozialisten missbrauchte Wort genau im gleichen Sinne wie diese – um Kritiker zu diffamieren. Und um damit wahre Hetze im eigentlichen Wortsinn loszutreten. Man schürt Hass im vermeintlichen Kampf gegen den angeblichen Hass.

Man kann über Roland Tichy wie über jedermann unterschiedlicher Meinung sein. Man kann ihn mögen oder nicht. Man kann seinen Argumenten folgen oder nicht. All das ist demokratisch und legitim. Aber wer ihn diffamiert, ja fast entmenschlicht, stellt sich damit in die Tradition der finsteren Zeiten unserer Geschichte und hat nichts aus dieser gelernt. Pasternak war nie im Gefängnis, er wurde nie physisch angetastet. Die Kriegsführung gegen ihn war psychisch. Auch wenn die Hetzer von heute wohl zu einfältig sind, um zu verstehen, welchen Mechanismen sie folgen, und wohl dem naiven Glauben erliegen, ein Krieg gegen die Meinungsfreiheit und totalitäres Denken beginne erst mit Haftstrafen und Erschießungen: Sie sollten sich schämen.

Die Stimmung ist derart aufgeheizt, dass selbst ich gewarnt wurde, von durchaus wohl wollenden Kollegen: „Halte dich im Fall Tichy raus, schreib da nichts, da kannst du dich nur verbrennen“. Ich war zu lange in Russland und habe zu lange ein autoritäres Regime erlebt, um mich rauszuhalten, wenn jemand diffamiert, ja fast entmenschlicht wird. Wenn ihm seine Ehre gestohlen wird. Wer da wegsieht und schweigt, entmenschlicht sich selbst.

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Bilder: Vitalii Vodolazskyi/Shutterstock / Reitschuster / Igor Gavrilov
Text: br

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